Ausgabe 
23.10.1939
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <939

Montag, den 23. Oktober

Nummer 82

Herz, wo liegst du im Quartier?

Ein heiterer Roman von Kurt Heyntcke

Copyright by Deutsche VerlagS-Anstalt Stuttgart

17. Fortsetzung.

Er bentt nur an die Luftreise, an seinen Triumph über Vivian und dann dann gerät auch Ann in seine Gedanken. Sie Ist schon die Nachhut seiner Träume, das Herz ist rasch über den Schmerz hinweggehüpft.

Um die gleiche Stunde bewegt sich Vivian Morelands Herz und sendet seine Empfindungen in eine Richtung, die es sonst mit Barri­kaden verbaut.

Vivian läßt durch den Pförtner Crapulleaux in dem Hotel in der Rue Lasayette anfragen, wo Lord Jllington sei. '

Eine Stunde später steht Gilbert vor ihr:Entschuldigen Sie, Miß Moreland, daß ich grob gewesen bin und gesagt habe, ich könnte nicht 'liegen!"

Ihre Hände flattern verzeihend:Vergessen!"

»Lanke! Sie haben Nachricht von Ann?" Er ahnt, daß sie keine hat. Nein!"

,Zch dachte, weil Sie nach mir geschickt haben! Ich bin nicht so kühn anzunehmen, daß Sie um mich Sorge gehabt haben?"

Doch. Aber bilden Sie sich darauf nichts ein! Schließlich sind Sie mein Landsmann, nicht wahr?"

Gewiß. Alle Engländer müssen zusammenhalten!" grinst er.

Was für eine Ironie ist in seiner Stimme! denkt Vivian miß- lrauisch. Sie kann es nicht leiden, wenn ihr irgend jemand überlegen ist. Von Gilbert wäre es ein Frevel und wider alles Herkommen.

Sie sind heute so angriffslustig", bemerkt sie prüfend.

Aber Miß Moreland", erwidert er freundlich,gegen Sie komme ich niemals auf."

Hm", macht Vivian unsicher. Dann sagt sie nach einigem Schwei­ßen:Wissen Sie, ich will mich nicht mehr bloßstellen! Meine Ant- vorten mißfallen Ihnen ja doch und dann erzählen Sie daheim, Vivian Moreland ist schlimmer als je. Und wenn ich wieder einmal in das nebelige England komme, ladet mich keine Seele mehr ein!"

Glauben Sie das ja nicht!" erwidert Gilbert begeistert.Ein gutes Wort ist wie Arznei: Und Sie haben soviel Arzneien in Ihrer Apotheke, daß man sie mit Vergnügen schluckt, weil man hofft, daß Sie sich bald terausgabt haben! Die Armen! Da irren sie, was? In Ihrem Alter ist » ganz gleich, was die Leute denken! Aber Sie werden sagen, Sie hätten eine außerordentliche Weisheit erworben, die Sie liebenswürdig unter die Menschen verteilen. Man wird sich bald auch die Anekdoten ton Ihnen erzählen, die Sie gar nicht erlebt haben!"

Daß Sie mich an mein Alter erinnern und mich eine Apotheke nennen, ist niederträchtig. Eine gute Weisheit wirkt übrigens immer", belehrt sie ihn,es kommt nur auf das Temperament an, mit dem n>an sie vorträat! Aber Sie sind so gesprächig, mein Junge?"

Vivian wundert sich über die Wandlung, die Gilbert durchgemacht hat. Tie sagt es.

Aber Gilbert bestreitet jede Veränderung. So etwas gäbe es nicht, oder er müße heucheln, und das habe er nicht nötig, es fei zu anstrengend, !«gt er.

Gilbert", flüstert Vivian weich,ich habe nur aus Schüchternheit einen I® großen Mund! Wenn ich ihn nicht aufreiße, reißen ihn die andern auf Und fressen mich, verstehen Sie?"

Gilbert versteht, daß Vivian in der seltenen Stimmung ist, zu beichten

Ich bin auch keine starke Frau. Ich habe Angst um Ann. Furcht­bare Angst. Ich habe telegraphiert, ja; aber es konnnt keine Depesche ^ehr nach Paris! Gilbert, ich sehe ein, wir können nicht fort. Wenn bce keine Sorge haben, mit einer alten Frau ins Gerede zu kommen: üehen Sie zu mir! Wir wollen uns zu zweit ängstigen! Es ist be- kchigender!"

Nein, Miß Moreland", sagt Gilbert,ich will nicht bei Ihnen lvhnen!"

Warum nicht?" fragt sie.Ich bin eine alte Apotheke und harmlos!"

Weil ich Paris verlasse, Tante Vivian."

Ha, jetzt hat er seinen Pfeil abgeschossen. Auf den Augenblick hat

er gewartet. Und wie erfreut sich Gilbert an Vivians erstauntem Besicht!

Sie verlassen Paris? Das ist doch nicht möglich!"

Doch", flüstert er geheimnisvoll. Vivians ungläubige Mienen be­reiten ihm em maßloses Vergnügen.

Haben Sie Helfer?"

Ja", flüstert er,großartige Helfer!"

Dann blitzt Mißtrauen:Junge, Sie lügen! Wie wollen Sie das machen?

. 6*n verpflichtet, zu schweigen!" erwidert Gilbert. Er flüstert

wtter noch. Das Flüstern wirkt auf Vivians Reugier wie Brutalität Er lockt Vivian, aber er meint es nicht ernst:Kommen Sie mit, VivianI Sie lieben doch Gefahren!!?"

wehrt ab:Gefahren? Mein Junge, ich habe höchstens einmal gesagt, daß ich mich nach einer Gefahr gesehnt hätte, wenn ich ein Mann wäre! Aber da ich eine Frau bin, weshalb sollte ich mich in eine Lage begeben, der ich nicht gewachsen bin? Aber Sie können meiner Neugier auf tneJBeme helfen, wenn Sie mir sagen, wie Sie herauskommen", bettelt ne,ich konnte Ihren Weg so schön auf meiner Landkarte ver- folgen!

sagend" fein ^dauern über sie aus:Leider darf ich es nicht Wer hat Sie denn aber auf den Plan gebracht?"

Ein Traum, denken Sie, ein Traum!"

, "Sie sind verrückt!" erwidert sie überzeugt, daß Gilbert sie ver­spottet. Aber sie fordert:Erzählen Sie ihn und lügen Sie mir nichts vor!

Das wäre schon Verrat an dem Geheimnis", lacht Gilbert und er­hebt sich.

Ich schicke Ihnen mein Gepäck! Das kann ich nicht mitnehmen! Leben Sie wohl!

Sie hält ihn fest:Sagen Sie, daß Sie ein Gauner sind, Ihren Scherz mit mir treiben und schwindeln!"

Er lacht. Er umarmt sie. So hat sie ihn umarmt, als er kam. So umarmt er sie, als er geht. Ihre Hände sinken. Die Tür wird langsam ms Schloß gedrückt.

Gilbert läßt Vivian im Schoße der Neugier zurück. Er weiß, sie wird lange nach dem Brunnen des Wissens dürsten und ebensolange ihren Durst nicht löschen.

Vivian aber meint, als er gegangen ist, zu Jeanette:Er ist Marn Durhams Sohn, ich sage es ja immer: hinterhältig und gerissenl"

Es ist Nacht, als Gilbert zum Gare d'Orleans pllgert. Er geht zu Fuß, um das Geheimnis zu wahren und den Kutscher Blanebois nicht in Gefahr zu bringen, sich durch Neugier zu versehren.

Niemand weiß, wie lange Paris abgeschlossen bleibt von der Welt und von Frankreich.

Vielleicht müssen viele Ballone aufsteigen, um über die tagstrahlende ober nachtschwarze Brücke der Luft ein Echo der Rufe zu bilden, die Paris ins Land sendet.

Der Orleansbahnhof hat sich verwandelt. Die Schienen feiern, di« Waggons sind eingezogen, die Maschinen erkaltet.

Er gleicht der geheimnisvollen Werkstatt irgendeines urmärchen­haften Wclldkönigs: Die Halle erhöht den Eindruck des Unirdisch-Unter- irdischen noch.

Der Waldkönig ist Herr der Drachen und Ungeheuer: er erschafft sie

Bereiten da nicht Gnomen ein riesiges Spinnennetz?

Es sind Godards Matrosen und Schüler, di« das Tauwerk des Bal­lons flechten.

Und dort wird die Haut eines Ungeheuers von den Dienern eines Waldschratts mit jenem geheimnisvollen Oel bestrichen, das den Drachen unverwundbar macht und ihn selbst dem höllischen Feuer gewachsen Zeigt!

Es ist aber nur die Ballonhaut aus schlichtem Perealine, und Oel ist es in der Tat, das Arbeiter darüberstreichen. Es macht freilich nicht unverwundbar, aber es wird verhindert, daß die Füllung aus der ge­waltigen Kugel entweicht.

Was ist das für ein« Gruppe, ameisenhaft im schattenreichen Halblicht um einen riesigen Fremdkörper geschart?

Arbeiter bringen die Gondel in besten Zustand, sie prüfen Ballast, Enterhaken und Taue.

Es ist alles strenge nüchtern« Arbeit und kein Märchen. Es wird in Zwei Schichten geschafft, Tag und Nacht, jede Schicht zwölf Stunden. Dennoch kommt sich Gilbert verzaubert vor, als er von Eugen Godard durch di« Räume geführt wird.

Noch hat er festen Boden unter den Füßen, aber in wenigen Stun­den hebt er sich einem Wandervogel gleich in di« Lüfte.

Doch wird die Freiheit feines Willens dort wie hier nicht mehr sein.