Ausgabe 
23.1.1939
 
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abreisen konnte und also mit seinem Abenteuer an ein blamables Ende gekommen wäre. So konnte er, als ihm b,erri,^enJ$* na^ Finderlohn in der Burgwirtschaft mit einem Liter Wein abzustatten was dankbar angenommen würde nicht gut abwehren und sah nach wenigen Minuten mit einer Gesellschaft beim Wein, m di« er auf die sonderbarste Art gekommen war.

Das Ewige.

Bon Herbert Böhme*.

Wir kennen keinen Sieg und kein Ziel, unser Sieg, unser Ziel ist der Kampf, und das Schwert in der Faust und ein Segel am Siel und des Pflugstters schwelender Dampf.

Unser Sieg ist die Tat, die uns aufwärts hebt, unser Ziel überwindet die Zeit, denn in der Fahne, die vor uns schwebt, lebt die Unsterblichkeit.

Der Eisbär.

Eine Erzählung aus Spitzbergen von Herbert F. Schidlowsky.

Kaum eine Flosse brauchte sie zu rühren nur vom Auftrieb ihre» glatten, speckumpolsterten Körpers emporgetragen, schoß die klein« Ringelrobbe aus der dämmernden Tiefe pfeilschnell ihrem Atenrloch zu, durch das wie wegweisend das düstere Licht des wolkenverhängten Him­mels zu ihr hinabsickerte.

Sie war satt, übersatt, denn diesmal war sie nicht vergebens ge­taucht. Ein gnädiger Zufall hatte sie mitten in einen Heringsschwarm geraten lassen, der in kaum Zehnmetertiefe unter dem schwimmenden Eisfeld küstenwärts zog, eine lautlos jagende, silberglitzernde Wolke in grünglasiger Dämmerung ... Blitzartig hatte sie nach allen Seiten um sich geschnappt und inmitten des Ueberflusses reiche Ernte gehalten, bis ihr Magen zum Platzen gefüllt war.

Der Frost hatte mittlerweile über das kleine Rund des Atemloches eine dünne spiegelnde Eisschicht gebreitet, die klirrend unter dem un­gestümen Stotz ihrer Nasenspitze auseinanderbarst. Nun war sie oben. Eilig watschelte sie über das Eis "der großen windüberwehten Scholle, die seit Tagen ihre schwimmende Heimat bildete, dem gewohnten Ruhe­platz zu.Es ist herrlich zu leben!" schien jeder Blutstropfen und jede Faser ihres von Wärme und Sattheit durchströmten jungen Körpers voll Dankbarkeit zu empfinden, als sie jetzt behaglich ausgestreckt die Lungen weitete und in tiefen, durstigen Zügen die Atemluft einsog, die sie so lange Minuten entbehrt hatte.

Sattsein ist gut, doch Allzusattsein ist gefährlich und mitunter ver­hängnisvoll! Ein übervoller Magen macht müde, schwerfällig und ver­geßlich er läßt mitunter sogar jene Vorsicht und Wachsamkeit ver­gessen, die die Natur allen ihren Geschöpfen so gebieterisch zur Pflicht macht ... Ehe sich's die kleine Robbe versah, hatten sich ihre Lider fest über den sanften, dunklen Augen geschlossen: und als sie dann ein Weilchen darauf die Augen blinzelnd und schreckentsetzt wieder aufrih, da war es um einen winzigen Sekundenbruchteil zu spät. Bevor noch das Begreifen ihr kleines Hirn durchzuckte, fuhr eine weißbepelzte Pranke mit der schmetternden Wucht eines Schmiedehammers auf ihren Schädel nieder und brachte das Leben in ihr so rasch zum Erlöschen wie eine Sturmböe ein Kerzenlicht. Ein krampfhaftes, rasch verebbendes Zittern der Flossen dann lag sie still: ein Klümpchen blutwarmen, tranigen Fleisches nur, gerade groß genug, um einen ausgehungerten Eisbärenmagen zu füllen ...

Zufrieden brummend legte sich der Bär nieder, lchob die Beute zwischen die Vordertatzen und begann sorgsam und mit genußsüchttger Langsamkeit das rinnende Blut aufzulecken. Doch plötzlich hielt er inne und hob mit spähender Bewegung den Kopf, während seine Ohren unruhig zu zucken begannen und sein pelziges Raubtiergesicht einen Ausdruck düster grübelnder Betroffenheit annahm. Sichernd richtete er sich auf.

Langsam glitt sein Blick an den brandungumtobten, schwarzen Klip­pen entlang wie suchend durchwanderte er die einsame Küste, irrte über die Felswände, über die Geröllfelder und Schneehalden und das steilragende, von weißen Schneefahnen umflatterte Vorgebirge, bis er schließlich das äußerste Ende der Küstenlinie erreicht hatte. Hier machte er wie magnetisch angezogen halt.

Ein« Weile stand der Bär völlig bewegungslos, wie erstarrt in seiner zufälligen Haltung: nur die kleinen runden Ohren zuckten fast unmerk­lich leise. Wohl eine volle Minute stand er so und äugt« aufmerksam auf das windgepeitschte, wogenrollende Meer hinaus.

Dann sah er das Boot, das sich mit schäumendem Bug stampfend und schlingernd hinter der Felsecke des Kaps hervorschob.

Es war ein gewöhnliches norwegisches Spitzbooi, langkielig und luggergetakelt, wie es schon die Wikinger gebaut und gefahren haben, und es faßen zwei Männer darin in dicker Wollkleidung und hohen Seestiefeln: zwei hellhaarige junge Männer, die Per und Niels hießen und mit Nachnamen beiden Hansen. Sie stammten aus Lynger, das ein Fischerdorf ist und bei Tromsö liegt, und gehörten zur Besatzung des

* Herbert Böhme wird dieser Tage in Gießen aus eigenen Werken lesen.

Tromsöer ZweimastschonersThors Hammer", der jetzt knapp« tunf Seemeilen nördlicher an der gestrafften Ankerkette knarrend in der Dünung auf- und niederschwang.

Schon schien es, als wollt« das Fahrzeug achttos vorbeisegeln. Doch plötzlich fiel es mit scharfer Wendung ab und hielt vor dem Winde schäumend und gischtumhüllt auf das Eisfeld zu. Denn nun hatten leine Insassen den großen weihen Bären erspäht sie waren beii>e jung und mutig und heißblütig, sie hatten ein Gewehr bei sich und flederten vor Jagdeiser und Begeisterung über das bevorstehende Abenteuer. Sie waren hinausgefahren, um eine Robbe zu schießen, aber ein Eis­bär ist eine weit stolzer« Beute ihr Ehrgeiz war geweckt, sie lachten sich erregt und erwartungsfroh an, ihr Atem dampfte und ihr« hellen Nordlandaugen 'prühten in eisblauem Feuer.

Die Nase hoch in den Wind erhoben, blickte ihnen der Bär von der großen schwimmenden ©djotte gespannt und argwöhnisch entgegen. Die Witterung, die ihm der Wind zuttng, war fremd und im höchsten Grade abstoßend sie war Drohung und Warnung zugleich. Aber er war ausgehungert und wollte die Deute nicht so ohne weiteres im Stich lassen. Noch war der Trieb nach Nahrung und Sättigung stärker als der Instinkt, der ihm zur Flucht riet. Noch zögerte er.

Aber das Boot kam näher, mit schäumendem Bug und prallen Segeln stampfte es durch die Wellen heran ...

Unschlüssig begann der Bär auf den breiten Polstern seiner Sohlen hin und her zu treten. Dann nahm er die Robbe behutsam zwischen die Fänge, starrte noch einmal sichernd zurück und setzte sich schließlich lang­sam und widerwillig in Bewegung. In plumpem Patz trottete er quer Über di« Scholle in Richtung zur Küste davon. Sein zottiger Rucken schaukelten schwerfällig auf und nieder, seine langen, eisenharten Krallen- nägel klapperten auf dem Eis rhythmisch wie Kastagnetten. Am Rande des Eisfeldes blieb er abwartend stehen wieder äugte er zurück, und diesmal flackerte unverkennbar Angst in feinem Blick.

Aber das Boot kam näher und näher, immer warnender, eindring­licher und bedrohlicher wurde die Witterung, di« von ihm ausging ...

Nun ließ der Bär di« Beute fallen und glitt mit fast lautlosem und geschmeidigen Satz ins Wasser. Er schwamm eilig und angestrengt, als wüßte er jetzt, daß es um fein Leben ging. Seine breiten Pranken arbeiteten rasch wie Maschinenkolben, er schnaufte hörbar und zog eine lange, silberperlende Furche durch das Wasser, die schnurgerade auf di« Klippen zulicf. Denn hinter der Klippenreihe war er vor den Verfolgern in Sicherheit.

Doch so rasch er auch fchwamm das unter dem machtvollen Druck des Nordosts segelnde Boot war schneller! Schon hatte es die treibende Scholle umrundet, stetig holte es auf der Abstand wurde von Sekunde zu Sekunde kleiner, näher und näher kam das Boot, es schien unaufhalt­sam wie ein Verhängnis, vor dem es kein Entrinnen gibt ...

Dann kam der Augenblick, da einer der Männer die Büchs« über den Bordrand schob und anlegte und hastig zielte und schoß.

Es war ein guter und gnädiger Schuß die großkalibrige Blei­kugel traf den Eisbären zwischen die Schulterblätter, sie durchschlug die Herzspitze und ließ seine Lichter fast augenblicklich jenen seltsam leeren und glasigen Ausdruck annehmen, der das unmittelbare Erlöschen des Lebens kennzeichnet. Seine Pranken erstarrten mitten in der Bewegung, er sackte plötzlich ab, eine Welle spülte strudelnd über ihn hinweg. Wie ein riesiges weißes Fellbündel trieb er mit hängenden Gliedern in der dunklen 5lut. Doch nun war das Boot längsseits und dreht« mit wild flatternden Segeln bei. Zwei aufgeregte junge Männer, die Per und Niels hießen und mit Nachnamen beide Hänfen, stürzten polternd von Luv nach Lee und beugten sich über den Bordrand, sie schrien kopflos nach Tauwerk und Bootshaken und diesem und jenem und strahlten von Freude und Stolz ...

Da plötzlich geschah etwas Atemraubendes.

Wie in leidenschaftlichem Protest gegen das grausame und unerbitt­liche Schicksal bäumte sich der mächtige Tierkörper jählings auf triefent) schnellten zwei riesige weiße Pranken aus dem grünglasigen Wasser schlugen mit ziellos fahriger Bewegung durch die Luft und schmetterten zurücksinkend auf die Bordkante nieder. Krampfhaft klam­merten sich die singerlangen schwarzen Krallensicheln am splitternden Holz des Bootrandes fest, sie zuckten im Todeskampf, und an ihnen hing ein Gewicht von vollen acht Zentnern ...

Ein Ruck ging durch das Boot, schwankend schlug es um.

Und einen Augenblick später war alles zu Ende.

Ein weißblonder Haarschopf tauchte sekundenlang aus den Wellen «ine Hand reckte sich wild zum Licht und krümmte wie flehend di« Finger und sank dann erstarrend wieder zurück in di« dunkle, eisige Tief« ... Langsam drehte das Boot den schwarzgeteerten Kiel nach oben. Luftblasen stiegen auf, es gurgelte hohl ... Und schon jagte wind­gepeitscht und mit rastloser, unermüdlicher Eile, als gelte es nun mög­lichst rasch jede Spur des Geschehenen auszutilgen, Woge nach Wog« heran, schäumte über bas Boot hinweg, und drückte es immer tiefer und tiefer, bis es nur noch ein Schatten war, der winzig und verloren auf der ungeheuren, weißgeäderten Weite des Meeres dahintrieb ein kaum erkennbarer dunkler Schatten nur, sonst nichts ...

Eintönig rauschend sang die Brandung ihr uraltes Lied, von Nord­osten her blies kalt und ungestüm der Wind, und um die Felsnase des Kaps flatterten lange weiße Schneefahnen.

Cs begann zu dunkeln.

Eine große Raubmöwe flog vorüber, kreiste einige Augenblicke auf­merksam spähend über dem Meer und ließ sich dann enttäuscht vom Winde küstenwärts tragen. Pfeilschnell schoß sie durch die fahlgraue Dammerug davon, und ihr einsamer Schrei klang wie ein grelles, triumphierendes Lachen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrlot. - Druck und Verlag: Brühlsche UniversitStSdruckerei R. Lange, Gießen.