Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Zahrgang 1959 Montag, den 20. März Nummer
Nveungen -2öimmgeii
Vornan Son Theodor Montane
7. Fortsetzung.
„Nun, ich denke bald, oder doch wenigstens sobald wie möglich. Nicht »ahr. Wir sind hungrig, und wenn der Rehrücken eine halbe Stunde Feuer ut, hat er genug. Also sagen wir: um zwölf. Und wenn ich bitten darf, eine itowle: ein Rheinwein, drei Mosel, drei Champagner. Aber gute Marke. Glauben Sie nicht, daß sich's vertut. Ich kenne das und schmecke heraus, 6 Moöt oder Mumm. Aber Sie werden schon machen; ich darf sagen, Sie ößen mir ein Vertrauen ein. Apropos, können wir nicht aus Ihrem Garten jleich in den Wald? Ich hasse jeden unnützen Schritt. Und vielleicht finden i'it noch Champignons. Das wäre himmlisch. Die können dann noch an den Lehrücken: Champignons verderben nie was."
Der Wirt bejahte nicht bloß die hinsichtlich des bequemeren Weges gesellte Frage, sondern begleitete die Damen auch persönlich bis an die Gartenpforte, von der aus man bis zur Waldlisiere nur ein Paar Schritte litte. Bsoß eine chausfierte Straße lief dazwischen. Als diese passiert war, l: ar man drüben im Waldesschatten, und Jsabeau, die stark unter der immer xrößer werdenden Hitze litt, pries sich glücklich, den verhältnismäßig weiten lmweg über ein baumloses Stück Grasland vermieden zu haben. Sie r achte den eleganten, aber mit einem großen Fettfleck ausstasfierten Sonnen- fhirm zu, hing ihn an ihren Gürte! und nahm Lenens Arm, während die feiben andern Damen folgten. Jsabeau war augenscheinlich in bester Stimmung und sagte, sich, umweudend, zu Margot und Johanna: „Wir müssen »et doch ein Ziel haben. So bloß Wald und wieder Wald is eigentlich yretklich. Was meinen Sie Johanna?"
Johanna war die größere von den beiden d'Arcs, sehr hübsch, etwas blaß hb mit raffinierter Einfachheit gekleidet. Serge hielt darauf. Ihre Hand- yuhe faßen wundervoll, und man hätte sie für eine Dame halten können, x‘nn sie nicht, während Jsabeau mit dem Wirte sprach, den einen Handschuh- t opf, der aufgesprungen war, mit den Zähnen luieber zugeknöpft hätte.
„Was meinen Sie, Johanna?" wiederholte die Königin ihre Frage.
„Nun, dann schlag ich vor, daß wir nach dem Dorfe zurückgehen, von k m wir gekomnrxn find. Es hieß ja wohl Zeuthen und sah so romantisch tiö so melancholisch aus, und Ivar ein so hübscher Weg hierher. Und zurück «uß er eigentlich ebenso hübsch sein oder vielleicht noch hübscher. Und an 11 rechten, das heißt also von hier aus an der linken Seite, war ein Kirchhof riit lauter Kreuzen drauf. Und ein sehr großes von Marmor."
„Ja, liebe Johanna, das ist alles ganz gut, aber ioas sollen wir damit? Sir haben ja den Weg gesehen. Oder wollen Sie den Kirchhof...?"
„Freilich will ich. Ich habe da so meine Gefühle, besonders an solchem 2-ige wie heute. Und es ist immer gut, sich zu erinnern, daß man sterben n»ß. Und wenn dann der Flieder so blüht..."
„Aber Johanna, der Flieder blüht ja gar nicht mehr, höchstens noch der Qnlbregen, und der hat eigentlich auch schon Schoten. Du meine Güte, it.'mi Sie so partout für Kirchhöfe sind, so können Sie sich ja den in der Lranienstraße jeden Tag ansehen. Aber ich weiß schon, mit Ihnen ist nicht । reden. Zeuthen und Kirchhof, alles Unsinn. Da bleiben wir doch lieber fcr und sehen gar nichts. Kommen Sie, Kleine, geben Sie mir Ihren Arm wieder!"
Die Kleine, die durchaus nicht klein war, war Seite. Sie gehorchte. Die Königin aber fuhr jetzt, indem sie wieder voraufging, in vertraulichem !ane fort: „Ach diese Johanna, man kann eigentlich nicht mit ihr umgehen; ’i hat keinen guten Ruf und is eine Gans. Ach, Kind, sie glauben gar nicht, »s jetzt alles so mitläuft; nu ja, sie hat ne hübsche Fignr und hält auf ihre hindfchuh. Aber sie sollte lieber auf was andres halten. Und sehen Sie, die, bi.* so sind, die reden immer von sterben und Kirchhof. Und nun sollen Sie üi nachher sehen! Solang es so geht, geht es. Aber wenn dann die Bowle nmt und wieder leer is und wiederkommt, dann quietscht und johlt sie. Ü ine Idee von Anstand. Aber wo soll es auch Herkommen? Sie war immer dl»ß bei kleinen Leuten, draußen auf der Chaussee nach Tegel, wo kein Mensch recht hiukommt und bloß mal Artillerie vorbeisührt. Und Artillerie ... 'i* ja ... Sie glauben gar nich, wie verschieden das alles ist. Und nun hat it der Serge da rausgenommen und will was aus ihr machen. Ja, du toine Güte, so geht das nicht, oder wenigstens nicht so flink; gut Ding villl Weile haben. Aber da sind ja noch Ervbeeren. Ei, das ist nett! Kom- «’n Sie, Kleine, wir wollen welche pflücken (wenn nur das verdammte Blicken nicht wär), und wenn wir eine recht große finden, dann wollen or sie mitnehnien. Die steck ich ihm dann in den Mund, und dann freut ■< sich. Denn Sie müssen wissen, er ist ein Mann wie'» Kind und eigent- itz» der Beste."
Lene, die wohl merkte, daß es sich um Balafre handelte, tat ein paar Fragen und frug unter anderm auch wieder, warum die Herren eigentlich die sonderbaren Namen hätten. Sie habe schon srüher danach gefragt, aber nie was gehört, was der Rede wert gewesen wäre.
„Jott", sagte die Königin, „es soll so was sein und soll keiner was merken und is doch alles bloß Ziererei. Denn erstens kümmert sich keiner drum, und wenn sich einer drum kümmert, is es auch noch so. Und warum auch? Wem soll es denn schaden? Sie haben sich alle nichts vorzuwerfen, und einer ist wie der andre."
Lene sah vor sich hin und schwieg.
„Und eigentlich, Kind, und Sie werden das, auch noch sehn, eigentlich is es alles bloß langweilig. Eine Weile geht es, und ich will nichts dagegen sagen und will's auch nicht abschwören. Aber die Länge hat die Last. So von Mffzehn an und noch nich mal eingesegnet. Wahrhaftig, je bälder man wieder raus ist, desto besser. Ich kaufe mir denn (denn das Geld krieg ich) ne Dest'lation und weiß auch schon, wo, und denn heirat ich mir einen Witt- mann und weiß auch schon, wen. Und er will auch. Denn das muß ich Ihnen sagen, ich bin für Ordnung und Anständigkeit, und die Kinder orntlich erziehn, und ob es seine sind oder meine, is janz egal... Und wie is es denn eigentlich mit Ihnen?"
Lene sagte kein Wort.
„Jott, Kind, Sie verfärben sich ja; Sie sind woll am Ende mit hier dabei (und sie wies aufs Herz) und tun alles aus Liebe? Ja, Kind, denn is es schlimm, denn gibt es nen Kladderadatsch."
Johanna folgte mit Margot. Sie blieben absichtlich etwas zurück und brachen sich Birkenreiser ab, wie wenn sie vorhätten, einen-Kranz daraus zu flechten. „Wie gefällt sie dir denn?" sagte Margot. „Ich meine die von Gaston."
„Gefallen? Gar nich. Das fehlt auch noch, daß solche mitspielen und in Mode kommen! Sieh doch nur, wie ihr die Handschuh sitzen. Und mit dem Hut is auch nicht viel. Er dürfte sie gar nicht so gehn lassen. Und sie muß auch dumm (ein, sie spricht ja kein Wort."
„Nein", sagte Margot, „dumm ist sie nicht; sie hat's bloß noch nich weg. Und daß sie sich gleich an die gute Dicke ranmacht, das is doch auch klug genug."
„Ach, die gute Dicke. Geh mir mit der! Die denkt, sie is es. Aber es is gar nichts mit ihr. Ich will ihr sonst nichts nachsagen, aber falsch ist sie, falsch wie Galgenholz."
„Nein, Johanna, falsch is sie nu grade nich. Und sie hat dir auch öfter aus der Patsche geholfen. Du weißt schon, was ich meine."
„Gott, warum? Weil sie selber mit drinsaß, und weil sie sich ewig ziert und wichtig tut. Wer so dick ist, ist nie gut."
„Jott, Johanna, was du nur redst. Umgekehrt is es, die Dicken find immer gut."
„Na, meinetwegen. Aber das kannst du nicht bestreiten, daß sie ne lächerliche Figur macht. Sieh doch nur, wie sie dahinwatschelt; wie ne Fettente. Und immer bis oben ran zu, bloß weil sie sich sonst vor anständigen Leuten gar nicht sehen lassen kann. Und, Margot, das laß ich mit nicht nehmen, ein bißchen schlanke Figur ist doch die Hauptsache. Wir sind doch noch keine Türken. Und warum wollte sie nicht mit aus den Kirchhof? Weil sie sich jrault? I bewahre, sie denkt nich dran, bloß weil sie sich wieder eingeknallt hat und es vor Hitze nicht aushalten kann. Und is eigentlich nich mal so furchtbar heiß heute."
So gingen die Gespräche, bis sich die beiden Paare schließlich wieder vereinigten und auf einen mit Moos bewachsenen Grabenrand setzten.
Jsabeau sah öfter nach der Uhr; der Zeiger wollte nicht recht vom Fleck.
Als es aber halb zwölf war, sagte sie: „Nun, meine Damen, ist es Zeit; ich denke, wir haben jetzt gerade genug Natur gehabt und können mit Fug und Recht zu was andrem übergehen. Seit heute früh um sieben eigentlich keinen Bissen. Denn die Grünauer Schinkenstulle kann ich doch nicht rechnen ... Aber Gott sei Dank, alles Entsagen, sagt Balafre, hat seinen Lohn in sich, und Hunger ist der beste Koch. Kommen Sie, meine Damen, der Rehrücken fängt an wichtiger zu werden als alles andre. Nicht wahr, Johanna?"
Tiefe gefiel sich in einem Achselzucken und suchte die Zumutung, als ob Dinge wie Rehrücken und Bowle je Gewicht für sie haben könnten, entschieden abzulehnen.
Jsabeau aber lachte. „Nun, wir werden ja sehn, Johanna. Freilich, der Zeuthner Kirchhof wäre besser gewesen. Aber man muß nehmen, was man hat."
Und damit brachen allesamt auf, um aus dem Wald in den Garten und aus diesem, drin sich ein paar Zitronenvögel eben haschten, bis in die Front des Hauses, wo gegessen werden sollte, zurückzukehren.


