mutigen Kuppen wie der Gaisberg und fein Vorland? Woher im einzelnen die reizvollen Klippen des Mönchsberges, der Festung und des Kapuzinerberges, welche alpine Schönheit inmitten der Gassen der Stadt tragen und ihr sogar innerhalb des Burgfriedens noch verwegene und kühne Auge verleihen?
All das konnte nur entstehen durch immer wiederholte Eiszeiten, die hier gehaust haben. Der riesige Salzachgletscher hat das Tal von Salzburg im Großen modelliert, er hat es um einige hundert Meter übertieft und erst dadurch Hügel entstehen lassen und den Randbergen ihre imposante Höhe verliehen. Er war hier schon seinem Ende nahe, er war bereits in Arme geteilt, so daß zwischen ihm Inselchen stehen blieben, die heute als die malerischen Klippen von Mönchsberg und Kapuzinerberg das Stadtbild verschönen. Einst in einer Zwischeneiszeit war das ganze Becken von Salzburg ein ungeheuerer See, der durch einen Kranz von Schutthügeln abgedämmt war. In ihm lagerten sich jene großen Schotter ab, die der Salzachfluß, damals ein Strom, aus dem Gebirge brachte und die sich dann zu einem Gestein verdichteten: aus ihm, das man Nagelfluh nennt, hat sich der Salzachgletscher, als er wiederkam, das heutige Tal herausgehobelt; die Berginseln hat er stehen lassen. So wäre ohne die wechselvolle Geschichte der Vergletscherung niemals die Fülle der Schönheit entstanden, mit der die herrliche Salzachstadt sich heute schmückt.
In ähnlicher Weise wurde auch im Münchener Ausflugsgebiet der Aus gang des Jnntals aus den Bergen mit dem gleichen Zauber umkleidet. Ueberall, wo dis großen Eiszeitgletscher in die Ebene hinaus- traten, hat sich eben die gleiche Erscheinung wiederholt. Man findet sie auch in der Schweiz zweimal, einmal bei der Lage von Sitten im Rhönetal und dann bei Bellinzona im Tessin.
Im bayerisch-tirolischen Beispiel ist die Gestaltung aber besonders mannigfaltig und dadurch schön. Da liegt die einstige Grenzfeste Kufstein, und wer von der Sparchen, oder noch schöner von der Neapelbank am Eingang des weltberühmten Kaisertales auf sie zurückblickt, etwa wenn der letzte Abendsonnenschein die Burg von Kufstein mit den farbigsten Lichtern umglüht und an den Bergen tiefviolett die Schatten niedersteigen, der muß wohl gestehen, daß dieser Anblick ganz gut den Vergleich mit Salzburg aushalten könne, ja, daß das Bild in feiner Geschlossenheit und den reichen Kontrasten von Farben und Formen jenes der Salzachstadt sogar übertreffe. Würden hier noch die Wellen jenes großen Seebeckens ziehen, das nach der Eiszeit die ganze Gegend bis Rosenheim unter Wasser setzte (es ist heute noch in großen Verlandungsmooren kenntlich), dann würde der Anblick den Neapels wohl noch übertreffen.
Auch diese entzückende Lage wurde nur durch den Jnngletscher herausmodelliert. Denn auch hier ist das Inntal gewaltig übertieft, es ist ein echtes eiszeitliches Trogtal mit ebenem Talboden und senkrechten Wänden, und auch hier blieben wie bei Salzburg, Nagelfluhklippen erhalten. Der Festungshügel ist eine solche.
Und so bringt die Eiszeit in ihren Spuren nicht nur in der Berg-. welt selbst, sondern sogar noch ins Vorland Züge von Schönheit und Anmut. Die Wellen^üge der Schutthügel, die blauen und grünen Fluten der Borlandseen, der hohe idyllische Reiz von Landschaften, die einen Schleich und Morgenstern als Maler berühmt machten, sie wurden ihnen als Modell geschaffen von einem der größten aller Künstler — von der Eiszeit. Wer so, wie wir es hier in einigen Beispielen taten, ihr auf seinen Alpenbesuchen sinnend und verstehend nachgeht, der wird ihr Walten preisen und dankbar fein, daß sie da war.
Mit dem Silberstist gezeichnet.
Eine Geschichte aus Riga von Elly von Stern. 1848.
Alma-Katharina lief leichtfüßig über die Wiese. Rings um sie herum stand flirrendes, tanzendes Sonnenlicht. Zwischen den Schachtelhalmen und im harten Gras der Flußwiese zirpten und geigten die Grillen. Eine Lerche schwirrte auf und schraubte sich, immer höher und höher steigend, in die blaue Sommerluft. Das Häuschen lag weiß und schimmernd vor Alma-Katharina. Die roten Bohnen kletterten mit Lust an ihren Schnüren empor und deckten die kleinen Fenster mit einem Netz gaukelnder Blüten. Alma-Katharinas weiter Rock blähte sich im Seewind, als sie in voller Fahrt, hüpfend und singend, bei ihrem Hause ankam. Die Tür stand weit offen. Am Herd unter dem Mantelkamin wirtschaftete die alte Edde und briet Strömlinge auf offenem Feuer. Die Butter brutzelte, und der Duft der gebratenen Fische drang bis auf den Vorplatz.
„Ein Bries ist angekommen", sagte Edde gleichmütig. Alma-Katharina wurde rot vor Freude. Sie war achtzehn Jahre alt und seit einigen Monaten verheiratet. Sie trat ins Nebenzimmer. Da lag der Brief auf der bunten Tischdecke. Der schmale, weiße Umschlag trug, von ihres Mannes Hand geschrieben, die Anschrift: „Frau Titularrätin Alma-Katharina Alten, Dubbeln bei Riga" und darunter den Vermerk „Durch besondere Gefälligkeit". Alma-Katharina griff nach dem Brief. In diesem Augenblick ward ihr, als ob ein schwerer, schwarzer Vorhang vor ihr niedersank und sie von ihrer Umgebung trennte. Entsetzt streckte sie die Hände aus. Sie griff ins Leere. Einen Augenblick nur dauerte das Grauen, bann wurde es wieder leicht um Alma-Katharina. „Ich habe wohl zu sehr in die Sonne gesehen", überlegte sie. Sie drehte den Brief um. Er war mit einer blauen Oblate zugeklebt, auf der sich zwei weiße Täubchen schnäbelten. Alma- Katharina drückte den Brief an ihre Lippen. „Ich liebe dich unbeschreiblich", flüsterte sie, „ich würde dich nie einer anderen lassen." Sie holte ihre Brodierschere herbei und öffnete den Brief sorgfältig.
Friedrich Alten schrieb in seiner zierlichen Kanzleihandschrift: „Meine inniggeliebte Alma-Katharina! Da Frau Staatsrätin Neumann so liebenswürdig war, diesen Brief an den Strand mitzunehmen, so kann ich Dir ein Zeichen meines Gedenkens geben. Leider werde ich auch in dieser Woche nicht die Möglichkeit haben, zu Dir nach Dubbeln zu kommen. Die schreck
liche Krankheit wütet nach wie vor in unserer Stadt und macht uns auch tt unserer Kanzelei viel Arbeit. Vorgestern wurde der Dischvorsteher NiU ferow während der Arbeit von der Krankheit befallen. Wir mußten ih« ins Choleralazareth schaffen, und heute soll er in den letzten Zügen liegen Mache Dir keine Sorgen um mich, meine liebe, kleine Frau, ich tue alle,,
was möglich ist, um die Krankheit abzuwehren. Ich räuchere, hänge Essig,
lappen auf, lebe mäßig und rauche fleißig. Es ist mir eine Veruhigung,
Dich in der guten Luft am Strand zu wissen, die keine Miasma in sich
hat. Uebrigens hat der Apotheker Kersting unfere Rigaer Luft untersucht und sie ganz unverändert gefunden. Seltsam, fehr seltsam.
Wenn ich nach zwei Wochen an den Strand komme, dann wollen wir im Aktienhaus tanzen gehen. Wie ich erfahre, hat der Tanz dort neulich bis ein Uhr nachts gedauert. Wenn sich auch nichts gegen das Tanzen im Sommer sagen läßt, so scheint es mir doch nicht angebracht, das Ver- gnügen bis über Mitternacht auszudehnen.
Ich bin in meiner Wirtschaft wohlversorgt. Madde kocht gut, und unten Nachbarinnen, Madame und Demoiselle Müller, geben ihr gute 9tat' schlüge und sind sehr um mein Wohlergehen bemüht. Demoiselle Müller ist übrigens eine charmante Person. Ich grüße Dich herzlich und küsse Dich Dein Dich liebender Friedrich."
Alma-Katharina ließ den Brief sinken. Sie war blaß geworden. Ech heute und aus diesem Brief wurde ihr klar, daß Friedrich, ihr geliebter Mann, in Riga in beständiger Lebensgefahr war. Und sie, Alma-Katha. rina, seine Frau, war nicht an seiner Seite. Ein Schluchzlaut kam aus ihrer Kehle: „Demoiselle Müller kann immer um ihn sein, und ich sitze hier und bin nur in Gedanken bei ihm. Edde", rief Alma- Katharina (aul, „(auf gleich zum Awotinwirt, er soll anspannen, ich fahre sofort nach Riga. Mein Umschlagetuch, meine Schutte, leg alles bereit."
Edde wollte Einwendungen machen, aber Alma-Katharina hörte nicht auf die alte Magd.
Nach einer halben Stunde stand das Bauernwägelchen vor der Tür, und Alma-Katharina stieg ein. Langsam ging die Fahrt vor sich, viel zu langsam für Alma-Katharinas Ungeduld. Die Räder mahlten ächzen! im tiefen Sande. Nur hier und da waren Heidekrautbüschel mit de« Wurzeln auf den Weg gebreitet, um das Einfinken der Räder zu ver. hindern. Das Gewicht des Wagens drückte bas harte Gezweig ber lieb, liehen Pflanze tief in ben Sanb. Eine Wolke von braunem Staub, im bem Bremsen unb große braune Fliegen tanzten, hüllte bas Gefährt uni Alma-Katharina ein. Unentwegt zuckten bie Pferbe mit ben Mähnen uni schlugen mit ben Schweifen, um bie Plagegeister zu verscheuchen. Bei ber Fähre über ben Fluß gab es langen Aufenthalt.
Es war schon gegen Äbenb, als bas Wägelchen über bas Kopfstein- Pflaster in bie Stadt rumpelte und vor ber vertrauten Haustür hielt Alma-Katharinas Herz schlug hoch. Wer würbe ihr bie Tür öffnen? Würbe bas Friebrich selber sein ober nur bie Magb? O, gewiß war es Friebrich, ber sie in feine Arme nahm. Alma-Katharina sprang leichtfüßig aus bem Wagen unb ließ ben Klopfer nieberfallen ...
*
1938.
Es ereignete sich, baß Ilse Alten mit ihrer Freunbin Moniea ihrem Urlaub in einem Häuschen zwischen Meer unb Fluß verbrachte. Sei Sommer hatte seine hohe Zeit Einen Tag um den anberen fegeltem geballte, schimmernbe, schneeige Wolken am Himmel, ober ein Netz vom hauchfeinen Zirruswölkchen spannte sich über bie leuchtenbe Bläue. Das Korn stanb reis unb ernteschwer auf ben Felbern.
Ilse unb Moniea lagen im Grase. Sonnenstrahlen tanzten burch bas blaugrüne Geäst ber Kiefern und huschten über bie Gestalten ber beiden Mädchen. Das Häuschen im Hintergründe, bohnenblütenumsponnen» leuchtete in seiner Weiße.
„Moniea", sagte Ilse, „findest du nicht, baß wir hier eingesponnen finto in zeitlosen Traum? Sieh bas Häuschen! Es stammt gewiß aus bet» Anfang bes vorigen Iahrhunberts. Die Streckbalken ber Decke, bie sich« tief-in bas Zimmer senken, bie kleinen Fenster, ber Mantelkamin, bas ist alles wie aus einer anberen Welt."
„Es ist ursprünglich wohl eine Fischerhütte gewesen?"
„Gewiß, aber seit mehr als einem Jahrhunbert haben hier Sommer-- frlschler gewohnt."
„Was mag bas Häuschen wohl alles gesehen haben?"
„Ich habe hier Alma-Katharina gesehen", sagte Ilse leise und g«1' heimnisvoll.
„Alma-Katharina? War bas der Name ber ersten Frau deines Vorfahren, ben bu so lange gesucht hast?"
„Ja, so hieß sie. Sieh dieses Bildchen. Ich fand es mit anderen Papieren im Sekretär meines Großvaters. In einem Geheimfach lag es."
„Mit dem Silberstift ist es gezeichnet, blaß und undeutlich, aber fehl' lieblich."
„Es ist Alma-Katharina. Denn unter der Zeichnung steht ,Meine Frau. Friebrich Alten, 18. V. 1848h In der Familie wußten wir nicht: einmal mehr ihren Vornamen. Ihr trauriges Geschick aber kannten wir Sie hatte im Jahre 1848 am Strande gelebt, kam aus irgendeinem Grunde in bie Stabt unb lief bem Tob geradewegs in die Arme. Sie erkrankte an der Cholera und starb in wenigen Stunden, 18 Jahre alt. Mein Vorfahre heiratete nach Ablauf des Trauerjahres Cordula Müller, eine blühende und lebenstüchtige Frau. Sie schenkte ihm sieben Kinder, die alle tüchtige Menschen geworden sind und unseren Namen auch in andere Länder getragen haben."
„Und Alma-Katharina? Verweht wie ein Sommerwölkchen am Lebenshorizont eines Menschen? Verweht unb vergessen?" ,
„Vergessen wohl nicht. Als ich bie Papiere aus ihrem Versteck nahm, raschelte etwas kaum hörbar. Am Bilbchen war mit einer Nabel em Strohblume befestigt, eine .Immortelle', wie eine empfindsame Zeit btci Blume nannte. Vielleicht war Alma-Katharina für Urgroßvater eine In marterte, bie er in feinem Herzen bis an fein ßebensenbe trug."
Derintwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühlfche UniverfitätSdruckerei R.Lange, Gieße».


