Ausgabe 
17.11.1939
 
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fragt Paul, aus Grietjes Ver-

gesallen hätte, würdest du ihm

käme?"

gangeuheit eifersüchtig.

Ja", erwiderte sie.

Und wenn ein anderer Mann dir auch erlaubt haben, dich, zu küssen?"

Natürlich!"

Und wenn jemand jetzt oder morgen

Schweigen Sie", sagte sie befehlend und ärgerlich.

St'^Da5 müßten Sie eigentlich wissen, Sie, der Sie alles wissen."

'Warum neigen Sie den Kopf?"

Warum sehen Sie mich wieder an? Schließen Sie diese bösen Augen! Sehen Sie meinen Arm an! Meine Mutter sagt, er ser schon. Ist das wahr?"

"Warum^u schön? Warum sind Sie traurig? Ich habe gern, wenn Sie"traurig sind. Ich habe gern, daß Sie mich ansehen."

Er gehorchte mit Freuden. , , , .

Wissen Sie", sagte Grietje,daß Sie recht schone Augen haben und daß ich Sie sehr gern habe?" , ...

Und ich erst", brach Paul plötzlich heraus, zog Grietze an sich und

Grietje versuchte nicht, sich seinen Armen zu entziehen. Der fehlende Widerstand flöhte ihm fast Furcht ein.

Weiht du auch", sagte er ganz leise,daß ein großes Mädchen wie du sich nicht von einem jungen Herrn küssen lassen durste?

Warum nicht, wenn es mir gefällt?"

Gefällt dir das zum ersten Male?"

12.

Siska war hinuntergegangen, um den Schankroum wieder für die Arbeiter zu öffnen, die Samstags meist lange sitzenblieben.

Paul schwieg und betrachtete Grietje; er schien ruhig, fast traurig und war versunken in die Uebersülle der ihm neuen, frischen, traum­haften Empfindungen wahrer Liebe. Wie Engelschore drang es an .eine brennenden Ohren, die der purpurrote Zustrom des Blutes »um Gehinr erklingen ließ. Die geringsten Bewegungen Grietzcs erschienen ihm kost- lich- er glaubte in die Geheimnisse ihrer jungen Gedanken einzudnngen wie' in ein hellerleuchtetes Zimmer; in ihr spürte er tue Seele wahrer Weiblichkeit, die vor allem ganz Zärtlichkeit, ganz Hingebung ist. Mit Worten, mit Küssen, mit noch zu dichtenden Liedern hatte er ihr sagen mögen:Margarete, ich liebe dich! Ich will dich so stark, so gluckver heißend, so glühend lieben, daß dir der Winterwind m,ld, daß dir gefro­rener Schnee wie ein Rasenteppich erscheine und der schneebleiche Himmel für dich so schön sei wie der Himmel im Frühling, wenn die Baume m Blüten stehen, wenn d,e von Weißdorn schimmernden Hecken weithin das Land mit Dust erfüllen. Ich will" ... er hätte gewoll, daß sie alles fei, was eine Frau zu sein vermag, alles, was sie in den Angern des Mannes ist der sie liebt. In seinem Kopse wogte eine Wirrnis von Liedern, Träumen und verliebten Umarmungen mit zwanzig anderen Jungfrauen, die ober alle Margarete waren. Diese kühnen Gedanken wurden schüch­tern, ergebungsvoll und scheu, wenn er daran dachte, sich ihr zu nähern, ihr 'seine Träume zu erzählen...

Er fühlte seine Seele in zarten, ganz leise ausgesprochenen Worten dahinschmelzen und ahnte, daß er vielleicht, wenn sie ihn dazu ermutigte, über eine Fülle von Beredsamkeit verfügen wurde. Aber sie ermutigte ihn ja Konnte er mehr erwarten? Sie gab sich ja fast hin. Nein, antworteten sein Stolz, sein Ehrgeiz und feine Liebe entrüstet. Nein, sie ist keine Dirne sie ist eine Jungfrau, die der Küsse und der unschuldigen Hingabe ihrer Person unbewußt ist. Sie glaubt, daß, sich so auszuliesern, die ganze Liebe sei und daß dies für fein nach Zuneigung gieriges Herz 0enfr®n knarrendes Geräusch riß ihn aus seinen Träumen: Roosje lachte ihm schamlos ins Gesicht. Er sah sie höchst erstaunt an und horte ihr zu, wobei er vermied, sie anzusehen, damit sie leichter sprechen könne

Der gute Doktor, der schätzenswerte Charakter! rief sie.Wieviel mag es geben, die zehntausend Franken zurückgewiesen hatten? Er ver­dient die Rettungsmedaille für seinen Mut und seine Aufopferung. Einen Mann, der zu ertrinken droht, aus dem Wasfer zu ziehen, ist eine Kleinigkeit, verglichen mit der unerhörten Tat eines Mannes, der zeh» tausend Franken verhindert, in seine Tasche zu gleiten!"

Und so ging es ohne Aufhören.

Grietje wurde ungeduldig, als sie sah, daß ihre Mutter sich mit fo flachen Witzen erniedrigte.

Paul gelang es, Roosjes Freude ein wenig zu mäßigen:

Ich habe Durst", sagte er. , v. . . ,

Trinken Sie, mein Retter", sagte Grietze und nahm die angebrochene

Flasche.

Eine andere", bat er. ,

Roosje ging in den Keller, um eine andere zu holen, die sie |elb|t entkorkte in dem Glauben, daß Paul dann vielleicht weniger trmken würde.

Er trank hintereinander mehrere Glas.

Roosjes Gesicht rötete sich schon wieder.

Sie haben Durst, und ich habe Hunger", sagte Grietze.

Hunger?" entgegnete Roosje, das drohende Verlangen nach einer reichlichen Mahlzeit witternd.Willst du denn zwei Mahlzeiten nach­einander nehmen?"

Das ist doch wohl das wenigste, wenn man zwei Tage tot war, meinte Grietje.

Was kann man ihr denn geben? fragte Roos,e,

, Ein Dutzend Austern, ein Hammelkotelett, eine Huhnerkeul«, Ganse lebe'r und ein Hummersalat sind für die vollständige Heilung des Frau­leins unerläßlich. Und dazu alten Wein."

,O je" rief Roosje,Austern, Kotelett, Huhnerkeulen, Ganseleber, Hummer! Ebensogut könnten Sie sagen, Sie wollen mich lebendig ver­zehren! Von all dem habe ich nichts im Hause und habe auch memanoen, der es holen könnte." v o .

Siska!" rief Paul,frage doch irgendeinen von den Leuten, oie unten sind, ob er einen halben Franken verdienen will."

Siska gehorchte, und in weniger als einer Minute horten örierj > Roosje und Paul, der in seinen Bart lachte, Bah-, Falsett- und All stimmen einmütig antworten:Ich! Ich! Ich!"

Du brauchst nur auszusuchen, Siska", rief Paul von oben,u schicke, den du gewählt hast, heraus." Arbeiter

Sie wählte den Aermsten, einen Lehrling, der neben einem Arv saß und an der Tischecke eine dünne Schnitte Brot ohne Butter.

Der Lehrling kam herauf und fragte ohne Schüchternheit, was tun müsse, um das Trinkgeld zu verdienen. (Fortsetzung ! 9

Ihr Kind? Ich bin kein Kind, ich bin fast achtzehn Jahre. Sie sollen I tn'C$ei diesen Worten betrachtete Grietje Paul aus ihren großen braunen Augen. Paul begegnete ihrem Blick und sand, daß diese Augen wie Samt erschienen, hinter dem ein starkes Feuer loderte.

Warum sehen Sie mich an?" fragte Gr.etje Paul. . .

Ich rveih Nicht", antwortete er mit cm wenig bewegter und trauriger

11.

Roosje kam zurück, in der einen Hand einen Beutel, in der andern eine Geldtasche. Sie setzte sich an den kleinen, mit Wachstuch bedeckten Tisch, legte Beutel und Geldtasche darauf und sah Paul hart an.

Sie sind nicht fortgegangen, weil Sie warten, daß ich Sie bezahle, nicht wahr?" sagte sie. .... - ., . ,

Paul betrachtete sie erstaunt; Grietje lies zu ihr und rief:iDiutter, was ist denn mit dir? Und was willst du mit diesem ganzen Selbe machen?"

Schweig!" besohl Roosje.

Mutter ärgert sich, ich weiß nicht weshalb.

Komm", sagte Roosje zu ihr,komm!"

Und sie stand aus und verließ, nicht ohne Beutel und Geldtasche mit­zunehmen, mit ihrer Tochter das Zimmer. * . ,,

Auf der Treppe blieb sie stehen, schloß die Tur und fragte, mit zit­ternden Händen Beutel und Geldtasche schüttelnd:Weißt du, was da drinnen ist? Achttausendfünshundert Franken in Banknoten und hier im Beutel fünfzehnhundert Franken."

Zehntausend Franken!" rief Grietje.

Zehntau end Franken, zehntausend Franken, die ich diesem Doktor versprochen habe, wenn er dich vom Tode rettet , grollte Roosje und küßte ihre Tochter hestig. ...

Du tust wohl daran, deine alte Mutter zu lieben, denn sie gibt für dich" zehn Jahre ihres Ledens; ja, zehn Jahre, Grietje, denn morgen werde ich im Bette liegen und nie mehr aufstehen, ganz gewiß! Zehn­tausend Franken!"

Zehntausend Franken", wiederholte Grietze,hat er von Dir ver- IOn0Jtein, ich war so dumm, es ihm anzudieten, als ich dich tot glaubte. Oh! Für dieses Geld habe ich (o arbeiten müssen und soll es nun in die Tasche eines solchen Lassen schmeißen? Aber du lagst kalt und mit geschlossenen Augen auf deinem Bette, da habe ich den Kopf verloren. Ich hätte alles gegeben, ja alles, wenn er alles verlangt hätte. Ach, wenn es doch irgendein Mittel gäbe, ihn zu veranlassen, daß er das nicht for­dert' Ein Besuch bei einem Arzt kostet höchstens fünf Franken für reiche Leute. Weißt du, du bist so jung und so schön, geh zu ihm, sprich mit ihm, auf dich wird er vielleicht hören. Tu das, Grietje, für mich, für deine arme Mutter, und wenn er nicht auf dich hört, so werde ich zahlen, da ich es versprochen habe, und nachher werde ich schon einen Strick finden, um mich auszuhängen!" . r

Grietje blickte ihre Mutter an, von Furcht befallen; sie wußte, daß Roosje einer solchen Verzweiflungstat fähig sein würde.

Sie ließ Roosje mit ihrer Geldtasche und ihrem Beutel auf der Trepp? und ging ins Zimmer zurück, wobei sie die Tür etwas geöffnet ließ. Roosje horchte schwer atmend. Grietje trat auf Paul zu mit der Frage:Herr Doktor, ist es wahr, daß Sie von meiner Mutter zehn- tausen Franken für meine Heilung verlangt haben?"

Ich? Nein, sie hat sie mir angeboten."

Bestehen Sie daraus, daß sie sie bezahlt?"

Für wen halten Sie mich?" fragte Paul, die Achseln zuckend.

Was sagen Sie?" meldete sich von draußen durch die angelehnte Tür eine vor Aufregung fast erstickte Stimme.

Es war Roosje, die mit hervortretenden Augen, das Gesicht durch Unruhe und Hofsnung zugleich verzerrt, wie Espenlaub zitternd, angstvoll aus die Antwort Pauls wartete.

Kommen Sie herein, liebe Frau", sagte er lächelnd.

Heißt das ja oder nein", zweiselte Roosje.

Nein", antwortete er.

Nein!" rief Roosje,er hat nein gesagt! Sie wollen also nicht die ... die ... zehntausend Franken?"

..Nein'*

Nein?"

Nein", wiederholte er.

Ist dies auch wirklich wahr?

Mos je lächelt^ Jeeben Sie mir die Hand. Sie find ein guter Jung«, hihi ... ein wirklich guter Junge."

Macht sie sich über mich luftig?

(Roosje mahnt^^Güetze^'gieh dem Herrn Doktor ein Glas Wein «in, wenn noch etwas in der Flasche ist."

Ach, Sie find sehr gut, Herr Doktor, fehr gut; hahaha, sehr gut Tu den Korken wieder draus, Grietje!"

Und Roosje, die ihr Lachen in der Schurze verbarg eilte fort, um die zehntausend Franken wieder in den Geldkasten zu schließen, der am Fußboden ihres Schlafzimmers festgeschraubt war.