Ausgabe 
13.1.1939
 
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mich denn

Leib- Frau

fährt allein durch die Nacht?"

Wenn der Herr Leutnant mich allein fahren lassen, wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben." Sie öffnete die TürerOder ist der Herr Leutnant heute kein solcher Holzklotz mehr?"

Rabenau hob bedauernd die Schultern:Kaiserlicher Dienst, De- moiselle ..."

Mit eurem ewigen Dienst seid ihr Offiziere ennuyant. Ich fahre heute ohnehin nicht mehr weit. Nur bis Raudenberg."

Rabenau überlegte. Eigentlich hatte sie recht. Warum sollte er für diese halbe Stunde nicht in den Wagen steigen, statt durch die Löcher und den Morast der holprigen Straße zu stolpern. Weit und breit war ja doch kein Feind. Er rief seinen Burschen und glitt aus dem Sattel. Als er schon auf dem Wagentritt starrd, befahl er:Korporal mit zwei Reitern auf hundert Schritt voraus, die anderen hinter die Ksche!" Er stieg ein, setzte sich und verneigte sich köchelnd:Mit Per- m'ssia" der Demoiselle: Raudenberg ist nämlich auch mein Nachtquar­tier." Di« Gäule zogen an. Die Kutsche rumpelte die steile Straß« hinaus.

Auf sein Gesicht siel das Mondlicht. Die Demoiselle hatte stch in ihr« Ecke geschmiegt. Sie beobachtete ihn verstohlen. Er hatte ihr schon gestern gefallen Noch ehe sie wußte, wer er war.

Die Postkutsche rollte und stampft« wie ein Schiff auf dem Ozean. Rabenau sah die Demoiselle schweigend an. Nach einer Weile fragte sic:Ist der Herr Leutnant immer so gesprächig?"

,Zch dachte nur darüber nach, wer die Demoiselle wohl sein mag."

Ist das bei Reiseconnaissancen so wichtig?" Sie deutete in die Nacht hinaus:Eine Fahrt durch mondbeschienenen Wald. Ein gemein­sames Souper vielleicht und man sieht sich nie wieder. Was sagt da ein Name? Weiß der Herr Leutnant übrigens, ob man in Räuden- berg übernachten kann? Der Wirt vomRömischen Kaiser" zeigt« sich heute nicht mehr. Aber der Hausknecht sagte, derSchiimnel" in Rau­denberg fei gut."

Er hat nur ein einziges traitables Zimmer."

Und wo wird, dann der Herr Leutnant schlafen?"

Im Stall vermutlich."

3m Stall? Sie Aermsterl"

,,A la guerre comme ä la guerre, Demoiselle." Dann schwieq er wieder.

Sie dachte nach. Waren doch sonst nicht so hölzern, die Herren Offi- ziers! Und vermutlich schon gar nicht, wenn sie in stockfinsterer Nacht mit einer Dam- allein in der Postkutsche fuhren. Sie sah ihn von der Seite an. Ob der Rabenau am Ende schon eine andere liebte? Dann hatte die Kaiserin ihr Billett umsonst geschrieben. Sie fragte unvermittelt:Ist der Herr Leutnant verliebt?" Denn das mußte sie w'ssen. (Fortsetzung folgt.)

aufsteigt zu dem wald- und schluchtenreichen Bergland zwischen Mahren und Schlesien, blieb die Sea.ette noch au^ der Stcage. Hücker D^.n^adrl aber bog sic ab. Die Hohlwege begonnen. Sie waren gefährlich. An die preußischen Schwadronen glaubte Rabenau zwar nicht recht. Aber immer­hin- der General hatte recht, die Preußen würden sich freuen, wenn sie ihn fingen Er ließ die Pistolen laden und die Säbel ergreifen.

Schnee lag noch aus allen Wegen. Die Pfad« begannen zu steigen. Durch seuchte Talgründe ritten sie, durch Buchen- und Tannenforst, aus dessen Schlägen im Sommer das Blau der Heidelbeeren schimmert und das Rot der Erdbeeren und Preiselbeeren leuchtet aus üppigem Wald- kraut Langsam sanken die Wälder zurück. Weiter und weiter wurde der Blick über das leuchtende Land und das schwarzgrüne Meer der uner­meßlichen Forste, aus denen über langgestreckte, rahle Hänge der Atem Gottes rauscht zu den sturmgesegten Hochflächen, wo nur noch Wacholder und Heidekraut wuchern um die von Wurzeln umkrallten Steinblöcke, um verkrüppelte Lärchen oder die bleichen Gerippe blitzgeschälter Bäume. Tief stand schon die Sonne. Heber dem Dunkel der Täler und Wälder, über dem Gold der Ebene und dem Lichtblau der Ferne schwammen die silbernen Häupter des Altvaters, der Hohen Haide und des Gold- fteiner Schneebergs.

Eben zogen sie zwischen zwei letzten, gegen die Hohen brandenden Waldzungen über einen von Windbrüchen und Steinblöcken besäten hang, als der Spitzenreiter parierte und das ZeichenFeind" mit dem über dem Kopf kreisenden Pallasch gab. Langsam heranreitend spähte Rabenau nach dem jenseitigen Waldrand, wo die Wipfel des Jungholzes sich rührten und hin und wieder ein blauer Dreispitz, ein Blinken oder ein wippender Pferdekopf zu fehen waren. Mit dem Marschbefehl für die Regimenter an der preußischen Grenze durste es Rabenau nicht aufs Raufen ankommen lassen. Er wandt« sein Pferd, um zurück in die Wälder zu tauchen Da sah er den Spitzenreiter, den Pallasch quer über dem Sattel, zum Jungholz traben. Hellblaue, silberbetreßte Reiter mit weißen Wäschen lösten sich aus dem Dunkel der Fichtenschonung. Einer hielt neben dem Spitzenreiter, schien ihn etwas zu fragen und winkte dann mit hocherhobenem Arme herüber. Bayerische Dragoner ritten heran. Sie gehörten wohl zu den drei kurfürstlichen Bataillons, die di« Festungsbesatzung von Olmütz verstärkten.

Ihr Leutnant, ein kleiner fröhlicher Herr mit lustigen Augen, rief schon von weitem, während sein Gaul noch über die Blöcke stolperte: Wo kommen denn Sie hergeschneit, Herr von Rabenau?" Er schüttelte ihm di« Hand.In München, beim Ball der kurfürstlichen Durchlaucht im vergangenen Jahr, haben wir einander verfehlt. Und hier auf des Teufels Kegelbahn müssen wir uns treffen. Was ist die Welt doch klein. Ich dachte. Sie wären noch in .Wien."

Rabenau berichtet, daß preußische Schwadronen gemeldet seien.

Der kleine Leutnant nahm den weißblauen Dreispitz ab, wischte sich die Stirn:Was diese alten Perücken schon wieder unken!- Müßt doch auch was davon wissen. Nicht einen Pserdeschwanz hab ich gesehen und reite doch schon seit vier Tagen in dieser Wildnis herum ... Na, und wie war der Urlaub in Wien?" Er blinzelte verschmitzt.

Rabenau bewegte resigniert di« Hand.

Der Bayer lachte:Hats also nicht mögen? Schad!"

Rabenau schwieg.

Der Leutnant schmunzelte:Sehens, ich hab Ihnen gleich g'sagt, daß den Fasching in München verbringen sollen. Da kommt so was nicht vor Aber es hat ja ä tout prix Euer Wien sein müssen .,. Wer war's denn? War's hübsch?"

Er bekam fein? Antwort. ,

Herzensangelegenheit also. Vermutlich eine Mariage, die nicht klappen wollte Der Bayer fragte nicht weiter.

Rabenau hatte es eilig. Blauschwarze Schatten huschten über die Hänge. Er erkundigte sich, ob der andere das Wirtshaus in Rauden­berg kenne, ob es praktikabel fei oder man besser biwakiere?"

Bei der Kälten? Das braucht's nicht. Was der Schimmeltyirt jn Raudenberg sonst für Löcher hat, weiß ich nicht. Aber jedenfalls hat er so was wie ein Staatszimmer. Mit zwei Betten sogar. Hab selbst gestern, als ich von der preußischen Grenze kam, darin gcschlosen. Parole dhonneur, tout seul. Hat zwar ein Töchterlein, der Schimmel­wirt. Ist aber ein gräuslicher Uhu."

Rabenau lacht« laut.

Nur damit Sie nicht enttäuscht sind, Rabenau. Falls Sie für Ihre verwundete Seele am Ende aus ein Abenteuer hofften. Aber jetzt muß ich weiter." Er warf einen Blick zum Himmel hinauf.Hab keine Lust, in den mährischen Wäldern zu schlafen. Wenn Ihr Hadik wieder zur Armee kommt, werden wir ja dieses Pläsier ohnehin zur Genüge haben. Au revoir, Herr Bruder! Und wenn bis dahin Ihre Knochen nicht in böhmischer ober schlesischer Erde ruhen, dann gehens im nächsten Fasching nach München! Parole dhonneur, es lohnt sich."

Also hatte er recht gehabt: vom Feind keine Spur! Der Leutnant von Rabenau bog wieder zur Straße ab, die sich eine halb« Meile von hier jenseits der Paßhöhe hinziehen mußte.

Eine Weile trabten sie noch auf einem Waldweg. Dann fiel plötz- lick) die Dämmerung ein. Di« Gäule am Zügel, stolperten sie über Wurzeln und faulig- Baumstämme. Schließlich'rutschten sie über das Geröll eines noch wasserleeren Bachbettes zu Tal. Cs war schon stock­dunkel. als sie an einer kleinen Holzbrücke die schlesische Straße er­reichten. Wu-der trabten sie los. Nach Raudenberg konnte «s kaum eine Stund« (ein Auch wenn man in dem Hohlweg, tn den die erbärmliche Straße sich bald wieder senkte, nur im Schritt reiten konnte.

Manchmal stolpert« ein Gaul und ein Reiter fluchte. Nur der schwache Widerschein des noch hinter den Bergen verborgenen Mondes schimmerte in den Wipfeln und warf ein gespenstisches Licht auf die fahlen Baumleichen zwischen den schwarzen Stämmen der Buchen und Tannen In den noch dürren Aeften der Bäume knarrte leise der Wind.

Da hörten sie plötzlich Pserdegewieher vor sich auf der Straße. Der Gaul des Korporals gab Antwort. Rabenau ließ die Säbel ergreifen und sandte einen Reiter vor. Noch sah man nichts. Da fiel durch ein

kleines, von den Höhen sich niederziehendes Waldtal das voll« Licht des Mondes auf die tiefst« Stelle der Straße, di« hier auf Prügeln und Bohlen einen Morast überquerte. Ein« Postkutsche steckte, aus die link« Seite geneigt, im Straßensumpf, in dem di« Gaule bis an die Knie versanken. Das Licht einer Laterne schwankt«. Ein Mann machte sich an dem eingesunkenen Rade zu schaffen.

Rabenau ritt an den Barretter heran und fragte, was los fei. Der deutete mit feiner kurzen Peitsche auf das linke Hinterrad und drosch erb«,, er ««-«» »l.

zu seinen Leuten:Absitzen! In di« Speichen eingreisen!

Das rechte Fenster der Kutsche glitt nieder. Ein Frauenkops beugte sich ins Mondlicht. Eine erfreute Stimme rief:Dieu rnerc«, der Herr Leutnant!" Eben stemmten sich die Dragoner in die Rader wie Kano­niere bei einem Geschütz. Rabenau erkannte das kleine Persönchen von gestern. Er schwenkte mit der Rechten im großen, weihen Stulphand- '*$U|i kleine lachte^°Hätt' gar nicht gedacht, daß der Herr Leutnant so galant sein kann .."

Warum, Demoiselle?"

,Weil der Herr Leutnant gestern wie ein Holzklotz war. Allem nut zwei Damen und der Herr Leutnant bleibt wie ein Bärenhäuter beim Weine sitzen ..." Sie schrie leise auf. Die Postkutsche ruckte. Der Vor­reiter ließ die Peitsche knallen. Es war vergebens. Das Rad glitt in den Schlamm zurück. Die Demoiselle schwätzte weiter:Aber sein gestriges Betragen sei dem Herrn Leutnant verziehen, weil er hier vom sicheren Tod« errettet . " .

Rabenau bemüht« sich, in den Wagen hlneinzusehen:Ist Madame la Grand'mere nicht hier?"

.Erstens ist sie nicht meine Grand'mere und zweitens hat sie schmerzen und mußte in Olmütz Zurückbleiben. Hat sich bei der . Marschallin einquartiert." Sie überlegte, als gäbe es da noch einen anderen Grund. Aber dann sagte sie nur:3a, so ist das. Und ich sahre jetzt mit dem Gepäck voraus. Mein Tod hätte es sein können. Aber Gott, was tut man nicht alles, wenn man muß."

Er hatte also recht gehabt: Herrin und Dienerin. Doch nach einer Zofe sah die Kleine nicht aus. Also war sie wohl die Gesellschafterin der Alten. Vielleicht eine verarmte Verwandte. Denn eine Dame war sie doch. Rabenau fragte:Und wohin reift die Demoiselle?"

Mit Permission des Herrn Leutnants nach Groß-Jaunitz."

Groh-Iaunitz? War der Drache mit der Lorgnette, der gestern der Kleinen das Schauen verboten, am Ende die alte Hartenberg? Er kannte sie nicht. Er lachte:Nach Jaunitz reite ich selber."

Si« schien nicht besonders erstaunt, sondern sagte nur:Tant mieux, so habe ich wenigstens Gesellfchast."

Wieder ruckte der Postwagen. Diesmal gelang es. Die Kutsche hob sich, schwankte und fuhr. Dann blieb sie auf festem Boden stehen.

Rabenau lieh aufsitzen, ritt wieder an den Kutschenschlag heran: Madame la Comtesse ist also ein wenig malade. Und die Demoiselle