der Artikel genüge, um den Angeklagten zu verurteilen. Da erhob sich plötzlich auf der Galerie des Gerichtssaales die schöne junge Elgee und rief dem Anwalt mit vor Leidenschaft bebender Stimme zu: „Ich bin dis Schuldige, wenn cs hier überhaupt ein« Schuld gibt." Dieses kühne Gebaren hatte eine ungeheure'Wirkung und zeigte sich auch sofort in der Beeinflussung der Geschworenen, indem bei diesen keine einheitliche Haltung erzielt werden konnte. Das Verfahren wurde gegen Duffy eingestellt, der ins Ausland ging, wo er dann später von der irischen Sache abrückte.
Lady Wildes Gedichte, die sie in den Spalten der „Nation" veröffentlicht hatte (sie schrieb auch für andere Blätter) sind gute Durch- fchnittsdichtungen, die sich weder durch formale Eigenart, noch durch sonderliche Tiefe der Gedanken auszeichnen, aber in ihren Arbeiten brannte das Feuer eines revolutionären Geistes. Sie zeichnen sich aus durch volkstümliche Anschauung, trotzdem gehören auch sie zu jener Gattung anarchischer Literatur, die von den Machthabern nicht sonderlich gefürchtet werden, weil alles von einem Schwall allgemeiner Redensarten überschüttet wird, weil Ueberschwang neben Unaufrichtigkeit und Phrase neben Wahrheit stehen. In ihrem berühmtesten Artikel, dem der Konfiskation verfallenen „Alea est jacta" werden Kampfmittel empfohlen, die von überraschender Modernität sind, so: wenn sie der irischen Bauernbevölkerung anrät, die englischen Besatzungstruppen auszuhungern, ihnen keine Lebensmittel zu liefern und sie durch passive Kriegführung zu vertreiben. Sie fordert die Besetzung der Hauptstadt, die Zerstörung und Einäscherung des Schlosses, sie ruft den Iren zu, sich wie eine Sturmflut aus Ost und West, aus Nord und Süd über die englischen Söldner zu stürzen und sie zu zermalmen. Sie spricht von hunderttausend Gewehrläufen, von Barrikaden, von entsetzlichen Leiden der Iren, sie rast sich wild, denkend der Knechtschaft, Verbannung und Ausrottung ihres Volkes durch englische Herrschsucht und englische Willkür, und malt mit paradiesischen Farben die Freiheit und die Gerechtigkeit in einer mächtigen irischen Republik.
Das irische Volk hing mit inbrünstiger Liebe an Franziska Elgee, Und sie hätte sicherlich fortan bei ihm eine große politische Rolle gespielt, aber bald schwenkte sie in das Gegenlager über, und die ehemalige Revolutionärin hatte für die Gesellschaft der Reichen, der Adeligen und Ausgezeichneten dieselbe ausgesprochene Vorliebe und Neigung wie später ihr Sohn Oskar Mlde. Sie selbst bezeichnete ihren Nattonalis- mus nachher als eine literarische Laune, als ein Gebiet, auf dem sie sich literarisch betätigen konnte; es wäre ja auch nicht möglich gewesen, ihr revolutionäres ®ebaren ernst zu nehmen, da sie ja aus strengkon-ser- vattver Familie stammte, ihre Verwandten, auf die sie stets außerordentlich stolz war, waren wohlbestallte Würdenträger der englischen Krone, wie ja auch später ihr Gatte in ein Abhängigksitsverhättnis zum englischen Hof getreten ist. Sie selbst bezog in den letzten sechs Jahren ihres Lebens Unterstützung aus der englischen Zioilliste.
Es wird erzählt, daß das Volk in Dublin sie mit Freudsngeschrei zu begrüßen pflegte, wenn sie auf dem Wege war, um im Schlosse einen Besuch abzustatten. Und sie erhoben das Jubelgeschrei deswegen, weil Lady Wilde als Franziska Elgee vorher „hunderttausend Bewaffnete" zum Marsch gegen ebendasselbe Schloß aufgerufen hatte, wo st« nun zum Nachmittagstee eingeladen war.
Oer Ring für Anna.
Von K. R. N e U b e r t.
Auf einer kleinen Anhöhe vor dem Dorfe stand seit vielen Jahren eine Mühle. Sie war jetzt schon morsch und sozusagen auf dem Altenteil. Man mutete ihr nicht mehr zu, unentwegt zu mahlen und zu mahlen, tote sie es in ihrer Jugend getan hatte, nur hin und wieder kam der Bauer, zu dessen Besitztum sie gehörte, mit ein paar Säcken Korn heraufgefahren. Dann kam es wohl vor, daß sie bei gutem Wind einen ganzen Tag lang ihre Arme regen mußte, es waren schon «schadhafte Arme, und ■es knackte in ihren Gelenken. Sonst aber stand sie sttll und stumm da.
Als der Bauer wieder einmal mit einer Kornfuhre zur Mühle kam, überraschte er einige Knaben, die in der Mühle herumgeklettert waren und jetzt in lautem Gespräch auf der Treppe hockten. „Hab ich's euch nicht verboten?" fuhr er sie an. Sie wollten sich scheu davonmachen, aber in ihrem Benehmen war etwas Sonderbares, Heimliches, das den Dauern stutzig machte. „Was habt ihr denn?" fragte er und langte sich den ihm am nächsten stehenden Knaben. Der schloß trotzig die Lippen, doch ein anderer, nachdem die Knaben Blicke miteinander gewechselt, verriet es: „Jochen hat etwas gefunden!"
Es war gerade Jochen, den der Bauer a(ft Arm fefthielt. „Was hast du gefunden?" Wieder kam die Antwort von den anderen: „Einen Ring!" Der Bauer zwang den Knaben, ihm den Ring zu zeigen. Es war ein dünner, goldener Ring, der mit einem Stein verziert war. Er war ein toenig unansehnlich geworden, und die Knaben schienen schon versucht zu haben, thn blank zu putzen.
„Wo hast du ihn gefunden?" fragte der Bauer. „In der Mühle, ganz unten lag er, zwischen zwei Brettern eingeklemmt", antwortete der Knabe und starrte den Bauer unruhig an, der immer noch den Ring nachdenklich bettachtete. „Es ist mein Ring", sagte da der Bauer, „ich hab ihn mal verloren, vor langer Zeit." Er zog seine Geldbörse und steckte den Ring hinein, doch dem Knaben gab er ein Markstück. Die Buden gingen eifrig schwatzend davon. Sie stritten wohl um das Geld. Emer aber, es war wohl Jochen, sagte taut: „Es ist doch ein Mädchen- ring. Wie kann er da Manthey Karl gehören?" Der Dauer hörte es noch lächelte und ging an feine Arbeit. Aber während die alte Mühle ihre müden Flügel drehte und das Korn unter den Mahlsteinen seufzte, konnte es geschehen, daß der Bauer seine Börse zog und den Ring herausnahm und betrachtete. Eigentlich gehört er Anna, dachte er. Er war nicht senti-
Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange. — Druck und Verla
mental, der Mantheybauer mH seinen dreiundvierzig Jahren, auch war es nie seine Art gewesen, sich von Erinnerungen plagen zu lassen, aber wie er nun den kleinen Ring in seiner Hand fühlte, jenen Ring, den er vor zwanzig Jahren hier in dieser Mühle Anna hatte auf den Finger stecken wollen, da spürte er eine leise Ergriffenheit, die von der Vergänglichkeit der Jugend kam.
Es war seltsam, daß er Anna traf, als er am späten Nachmittag ins Dorf zurückfuhr. Obwohl sie im Nachbardorf wohnte, hatte e^ sie lange nicht gesehen. Sie waren ja auch ganz auseinandergekommen in diesen zwanzig Jahren, mein Gott, was war alles geschehen, er war verheiratet, Anna war verheiratet, er hatte einen Sohn, Anna Halle gar vier Kinder. Ob ihr noch eine Erinnerung dämmerte, wenn sie die alte Mühle sah?
„Es ist gut, daß ich dich treffe", sagte er und hielt seinen Wagen an. Sie sah verwundert zu ihm auf. Sie hatten niemals seit ihrer Jugend mehr als das Nötigste gesprochen, wenn sie sich gelegentlich trafen. Guten Tag — guten Weg! Seit drei Jahren hatten sie überhaupt kein Wott mehr miteinander gewechselt, weil selbst in diesen kleinen Bezirken ihres Lebens ihre Wege sie nicht zusammengesührt hatten.
Warum hatte der Bauer jetzt den Wagen angehalten? Sie sah, daß er Mehl auf dem Wagen hatte. Er war in der Mühle, dachte sie. Eine dunkle Erinnerung wollte in ihr aufwallen, wie sie dem Bauern ins Gesicht sah, aber es verging sogleich, denn dieses Gesicht vor ihr war Gegenwart mit seinen Falten urtb ergrauten Haaren. Nur fein Lächeln war merkwürdig jung und machte sie stutzig. „Wie lange ist es her, daß wir uns trafen", begann er, „habet wohnst du so nah, ich glaube, es sind Jahre."
Er sah sie dabei aufmerksam an, und es ging ihm durch den Kops, daß sie jetzt wohl 39 oder 40 Jahre sein müßte, aber sie hatte sich gut gehalten, Wolters, ihr Mann, konnte zufrieden mit ihr sein.
„Wie geht es zu Haus?" fragte er. Niemals sonst hatte er danach gefragt. Sie antwortete, und er hatte immer noch sein Lächeln. ,Aa, ja, vier Kirrder hast du, Anna, da gibt es viel Arbeit, aber du warst ja immer tüchtig."
„Was hat er nur?" dachte sie, und da er sie wieder so anblickte, sagt« sie: „Ich muß nun gehen."
„Wart mal!" rief er und zog seine Geldbörse. „Ich komme aus der Mühle. Kennst du sie noch, unsere alte Mühle? Wie oft haben wir uns dort getroffen! Ach, damals, weißt du noch?" er lachte leise, „wir wären sehr jung ..."
Sie sah ihn erstaunt an. „Du hast wohl getrunken?"
„Ich hab nur etwas gefunden — dort in der alten Mühle", sagte er, „Laß die alten Geschichten", meinte sie und wandte sich zum Gehern „Aber dein Ring, Anna, er gehört dir doch", rief er. Sie drehte sich um und sah den Ring in seiner Hand. „Was für ein Ring?" fragte sie abweisend, aber sie kam näher. Er reichte ihn ihr, und sie betrachtete ihn nachdenklich. Ein Lächeln flog über ihr Gesicht. „So lange hat er sich versteckt gehabt", erklärte er, ein Knabe hat ihn heute beim Spielen gefunden."
„Zwanzig Jahre", sagte sie kopfschüttelnd. Sie blickte ihn an. Und ec sagte: „Weißt du noch, ich wollte ihn dir auf den Finger streifen, an jenem letzten Abend, bevor ich auf den Hof nach Sachsen ging." Sie nickte. „Ja, und es war gleich ein böses Zeichen, als er dir aus der Hand fiel und nicht mehr zu finden war."
„Glaubst du, daß es etwas zu bedeuten hatte? Ich war so aufgeregt, Anna, der rasche Abschied, ich hatte dich gern und sollte nun von dir fort ..."
Die Frau hatte inzwischen versucht, den Ring über den Ringfinger zu ziehen, aber es ging nicht, der Ring war zu klein. Sie bettachtete ihn. wieder nachdenklich: „Ein hübscher Ring. Damals konnte ich ihn mir gar nicht so genau ansehen, denn es war schummrig in der Mühle...'
„Ach, Anna, was warst du für ein hübsches Mädel! Und ich, war ich nicht ein fescher Kerl?" Sie lächelte nachsichtig. „Eigentlich wolltest du mir damals einen neuen Ring aus Sachsen schicken, aber das haft du dann vergessen."
Er nickte trübe. „Und dort hast du ja auch Luise tennengelernt", fuhr sie leise fort.
„Ja, es ist alles anders gekommen", sagte er.
„Wie geht es ihr? Die Leute erzählen, sie sei krank?"
„Es geht ihr nicht gut, und Kinder wird sie nicht mehr bekommen, hat der Arzt gesagt."
„Aber euer Paul ist doch ein prächtiger Junge geworden!" meinte sie und spielte immer noch mit dem Ring.
„Unser Einziger!" seufzte er. In diesem Auaenblick trafen sich ihre Blicke wieder. Woran mochten sie beide denken? Wie es gekommen wäre, wenn er Anna geheiratet hätte? Straff, immer noch appetitlich anzu- fchauen, stand sie vor ihm, mit den kräftigen Armen, die anpacken konnten auf dem Feld. Sein Blick machte sie verlegen. „Ich muh weiter, Karl", sagte sie hastig und verabschiedete sich. Mit ihren immer noch schnellen, festen Schritten ging sie davon. Er blickte ihr nach. Karl hatte sie gesagt. Wie damals in der Mühle. Er schien nach dem Klang ihrer Stimme lauschen, aber dann schüttelte er die Erinnerung ab und knallte mit der Peitsche, als müßte er sich selber antreiben: „Vorwärts, alter Gaul!"
Die Frau aber holte unterwegs den Ring hervor und begann, weiter an ihm zu putzen, bis er funkelte. Eine Weile hatten auch die Erinnerungen der Jugend wieder Glanz bekommen. Sie lächelte, während sie heinn eilte. Elfe wird sich freuen, dachte sie. Sie wollte Elfe den Ring geben, ihrer Aeltesten, die siebzehn Jahre alt war.
Und so trägt ihn nun die junge, hübsche Elfe, den Ring, den vor zwanzig Jahren der Bauer Manthey ihrer Mutter hatte auf den Finger stecken wollen, drüben in der Mühle, an jenem letzten Abend, bevor er auf den Hof nach Sachsen ging, von dem er mit einem anderen Mädchen wiederkam. _
: Brühlsche Unioerfttätsbructerei, R. Lange, Gießen.


