Ortungen Abirrungen
Vornan Son Theodor Montane
12. Fortsetzung.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Rienäcker, als er wieder allein war, war von dieser Begegnung und vor allem von dem, was er zuletzt gehört, wie benommen. Wenn er sich, in der zwijchenliegenden Zeit, des kleinen Gärtnerhauses und seiner Insassen erinnert hatte, so hatte sich ihm selbstverständlich alles so vor die Seele Stellt, wie's einst gewesen war, und nun war alles anders und er hatte in einer ganz neuen Welt zurechtzufinden: in dem Häuschen wohnten Fremde, wenn es überhaupt noch bewohnt war, auf dem Herde brannte kein Feuer mehr, wenigstens nicht tagaus, tagein, und Frau Nimptsch, die das Feuer gehütet hatte, war tot und lag draußen aus dem Jakobikirchhof. Alles das ging in ihm um und mit einemmal stand auch der Tag wieder vor ihm, an dem er der alten Frau, halb humoristisch, halb feierlich, versprochen hatte, ihr einen Jmmortellenkranz aufs Grab zu legen. In der Unruhe, darin er sich befand, war es ihm schon eine Freude, daß ihm das Versprechen wieder einfiel, und so beschloß er denn, die damalige Zusage sofort wahr zu machen. „Rollkrug und Mittag und pralle Sonne, — die reine Reise nach Mittelasrika. Aber die gute Alte soll ihren Kranz haben."
Und gleich danach nahm er Degen und Mütze und machte sich auf den Weg.
An der Ecke war ein Droschkenstand, freilich nur ein kleiner, und fo kam es, daß trotz der Jnschristtafel: „Halteplatz für drei Droschken", immer nur der Platz und höchst selten eine Droschke da war. So war es auch heute wieder, was mit Rücksicht auf die Mittagsstunde (wo die Droschken überall, als ob die Erde sie verschlänge, zu verschwinden pflegen) an diesem ohnehin nur auf ein Pflichtteil gesetzten Halteplatz kaum überraschen konnte. Botho ging also weiter, bis ihm, in der Nähe der Von-der-Heydt-Brücke, ein ziemlich klappriges Gefährt entgegenkam, hellgrün mit rotem Plüschsitz und einem Schimmel davor. Der Schimmel schlich nur so hin, und Rienäcker konnte sich angesichts der „Tour", die dem armen Tiere bevorstand, eines wehmütigen Lächelns nicht erwehren. Aber soweit er auch das Auge schicken mochte, nichts Besseres war in Sicht, und so trat er denn an den Kutscher heran und sagte: „Nach dem Rollkrug. Jakobikirchhof."
„Zu Befehl, Herr Baron."
.....Aber unterwegs müssen wir halten. Ich will nämlich noch einen Kranz kaufen."
„Zu Befehl, Herr Baron."
Botho war einigermaßen verwundert über die mit soviel Promptheit wiederkehrende Titulatur und sagte deshalb: „Kennen Sie mich?"
„Zu Befehl, Herr Baron. Baron Rienäcker, Landgrasenstraße. Dicht bei'n Halteplatz. Hab Ihnen schon öfter gefahren."
Bei diesem Gespräche war Botho eingestiegen, gewillt, sich's in der Plüschecke nach Möglichkeit bequem zu machen, er gab es aber bald wieder auf, denn die Ecke war heiß wie ein Ofen.
Rienäcker hatte den hübschen und herzerquickenden Zug aller märkischen Edelleute, mit Personen aus dem Volke gern zu plaudern, lieber als mit „Gebildeten", und begann denn auch ohne weiteres, während sie im Halbschatten der jungen Kanalbäume dahinfuhten: „Js das eine Hitze! Ihr Schimmel wird sich auch nicht gefreut haben, wenn er ,Rollkrug' gehört hat."
„Na, Rollkrug geht noch; Rollkrug geht noch von wegen der Heide. Wenn er da durchkommt un die Fichten riecht, freut er sich immer. Er is nämlich von's Land ... Oder vielleicht is es auch die Musike. Wenigstens spitzt er immer die Ohren."
„So, so", sagte Botho. „Bloß nach tanzen sieht er mir nicht aus... Aber wo werden wir denn bett Kranz kaufen? Ich möchte nicht gern ohne Kranz auf den Kirchhof kommen."
„O damit is noch Zeit, Herr Baron. Wenn erst die Kirchhofsgegend kommt, von's Hallsche Tor an un die ganze Pionierstraße runter."
„Ja, ja, Sie haben recht; ich entsinne mich..."
„Un nachher, bis dicht an den Kirchhof ran, hat's ihrer auch noch." Botho lächelte. „Sie sind wohl ein Schlesier?"
„Ja", sagte der Kutscher. „Die meisten sind. Aber ich bin schon lange hier und eigentlich ein halber Richtiger-Berliner."
„lind 's geht Ihnen gut?"
„Na, von gut is nu woll keine Rede nich. Es kost't allens zuviel un soll immer von's Beste sein. Und der Haber is teuer. Aber das ginge noch, wenn man bloß sonst nichts passierte. Passieren tut aber immer was, heute bricht ne Achse, un morgen füllt en Pferd. Ich habe noch einen Fuchs zu Hanse, der bei den Fürstenwalder Ulanen gestanden hat; propres Pferd, man bloß keine Lust nich un wird es woll nich lange mehr machen. Un mit eins is et weg... Un denn die Fahrpolizei; nie zufrieden, hier nich und da nich. Immer muß man frisch anstreichen. Un der rote Plüsch is auch nich von umsonst."
Während sie noch so plauderten, waren sie, den Kanal entlang, bis an das Hallesche Tor gekommen; vom Kreuzberg her aber kam gerat) ein Jnfanteriebataillon mit voller Musik, und Botho, der keine Begegnungen wünschte, trieb deshalb etwas zur Eile. So ging es denn rasch an der Belle- Allianee-Brücke vorbei, jenseits derselben aber ließ er halten, weil er gleich an einem der ersten Häuser gelesen hatte: „Kunst- und Handelsgärtnerei". Drei, vier Stnsen führten in einen Laden hinaus, in dessen großem Schaufenster allerlei Kränze lagen.
Rienäcker stieg aus und die Stufen hinauf. Die Tür oben aber gab beim Eintreten einen scharfen Klingelton. „Darf ich Sie bitten, mir einen hübschen Kranz zeigen zu wollen?"
„Begräbnis?"
„Ja."
Das schwarzgekleidete Fräulein, das, vielleicht mit Rücksicht auf den Umstand, daß hier meist Grabkränze verkauft wurden, in seiner Gesamthaltung (selbst die Schere fehlt nicht) etwas ridikül Parzenhastes hatte, kam alsbald mit einem Jmmergrünkranze zurück, in den weiße Rosen ein» geflochten waren. Zugleich entschuldigte sie sich, daß es nur weiße Rosen seien. Weiße Kamelien stünden höher. Botho seinerseits war zufrieden, enthielt sich aller Ausstellungen und fragte nur, ob er zu dem frischen Kranz, auch einen Jmmortellenkranz haben könne?
Das Fräulein schien über das Altmodische, das sich in dieser Frage kundgab,einigermaßen verwundert,bejahte jedoch und erschien gleich danach mit einem Karton, in dem fünf, sechs Jmmortellenkränze lagen, gelbe, rote, weiße.
„Zu welcher Farbe raten Sie mir?"
Das Fräulein lächelte: „Jmmortellenkränze sind ganz außer Mode. Höchstens in Winterzeit... Und bann immer stur... ",
„Es wirb bas beste sein, ich entscheibe mich ohne weiteres für biefen hier." Und damit schob Botho den ihm zunächst liegenden gelben Kranz über den Arm, ließ den von Immergrün mit den weißen Rosen folgen und stieg rasch wieder in seine Droschke. Beide Kränze waren ziemlich groß und fielen auf bem Plüschrücksitz, auf bem sie lagen, hinreichend auf, um in Botho die Frage zu wecken, ob er sie nicht lieber dem Kutscher hinüber reichen solle? Rasch aber entschlug er sich dreser Anwandlung wieder und sagte: „Wenn man der alten Frau Nimptsch einen Kranz bringen will, muß man sich auch zu dem Kranz bekennen. Und wer sich dessen schämt, muß es überhaupt nicht versprechen."
So ließ er denn die Kränze liegen, wo sie lagen, und vergaß ihrer beinah ganz, ms sie gleich danach in einen Straßenteil einbogen, der ihn durch seine bunte, hier und da groteske Szenerie von seinen bisherigen Betrachtungen abzog. Rechts auf wohl fünfhundert Schritt Entfernung hin, zog sich ein Plankenzaun, über den hinweg allerlei Buden, Pavillons und Lampenportale ragten, alle mit einer Welt von Inschriften bedeckt. Die meisten derselben waren neueren und neusten Datums, einige dagegen, und gerade die größten und buntesten, griffen weit zurück und hatten sich, wenn auch in einem regenverwaschenen Zustande, vorn letzten Jahr her gerettet. Mitten unter diesen Vergnügungslokalen und mit ihnen abwechselnd, hatten verschiedene Handwerksmeister ihre Werkstätten auf- gerichtet, vorwiegend Bildhauer und Steinmetze, die hier, mit Rückficht auf die zahlreichen Kirchhöfe, meist nur Kreuze, Säulen und Obelisken ausstellten. All das konnte nicht verfehlen, auf jeden hier des Weges Kommenden einen Eindruck zu machen, und diesem Eindruck unterlag auch Rienäcker, der von seiner Droschke her, unter wachsender Neugier, die nicht endenwollenden und untereinander im tiefsten Gegensätze stehenden Anpreisungen las und die dazugehörigen Bilder musterte. „Fräulein Rosella das Wundermädchen, lebend zu sehen; Grabkreuze zu billigsten Preisen; amerikanische Schnellphotographie, russisches Ballwersen, sechs Wurf zehn Pfennig; schwedischer Punsch mit Waffeln; Figaros schönste Gelegenheit oder erster Frisiersalon der Welt; Grabkreuze zu billigsten Preisen; Schweizer Schießhalle:
„Schieße gut und schieße schnell,
Schieß und triff wie Wilhelm Teil."
Und darunter Teil selbst mit Armbrust, Sohn und Apfel.
Endlich war man am Ende der langen Bretterwand, und an eben diesem Endpunkte machte der Weg eine scharfe Biegung auf die Hasenheide zu, von deren Schießständen her man in der mittäglichen Stille das Knattern ber Gewehre hörte. Sonst blieb alles, auch in dieser Fortsetzung bet Straße, so ziemlich basselbe: Blonbin, nur in Trikot und Medaillen gekleidet, stand balancierend auf dem Seil, überall von Feuerwerk umblitzt, während um und neben ihm allerlei kleinere Plakate sowohl Ballonauffahrten wie Tanzvergnügungen ankündigten. Eins lautete: „Sizilianische Nacht. Um zwei Uhr Wiener Bonbonwalzer."
Botho, der diese Stelle wohl seit Jahr und Tag nicht passiert hatte, las alles mit ungeheucheltem Interesse, bis er nach Passierung ber „Heibe", beten Schatten ihn ein paar Minuten lang erquickt hatte, jenseits betreiben in ben Hauptweg einer sehr belebten unb in ihrer Verlängerung auf Rixdotf zulaufenden Vorstadt einbog. Wagen, in doppelter und dreifacher Reihe, bewegten sich vor ihm her, bis mit einem Male alles still stand und der Verkehr stockte. „Warum halten wir?" Aber ehe der Kutscher antworten konnte, hörte Botho schon das Fluchen und Schimpfen aus ber Front her unb sah, baß alles ineinanbergefahren war. Sich vorbeugenb und dabei neugierig nach allen Seiten hin ausspähend, würde ihm, bei der ihm eigenen Vorliebe für das Volkstümliche, der ganze Zwischenfall sehr wahrscheinlich mehr Vergnügen als Mißstimmung bereitet haben, wenn ihn nicht ein vor ihm haltender Wagen sowohl durch Ladung wie Inschrift zu trübseliger Betrachtung angeregt hätte. „Glasbruch-Ein- und -Verkauf von Max Zippel in Rixdorf" stand in großen Buchstaben auf einem wandartigen Hinterbrett, und ein ganzer Berg von Scherben türmte sich in dem Wagew- kasten auf. „Glück und Glas" ... Und mit Widerstreben sah er hin unb dabei war ihm in allen Fingerspitzen, als schnitten ihn die Scherben.
Endlich aber kam die Wagenreihe nicht nur wieder in Fluß, sondern bet Schimmel tat auch fein Bestes, Versäumtes einzuholen, und eine kleine Weile, so hielt man vor einem lehnan gebauten, mit hohem Dach unb vorspringendem Giebel ausstassierten Eckhause, dessen Erdgeschoßseustet so medrig übtr der Straße lagen, daß sie mit dieser fast dasselbe Niveau hatten. Ein eiserner Arm streckte sich aus bem Giebel vor unb trug einen ailfrechtstehenben vergolbeten Schlüssel.
„Was ist das?" fragte Botho.
„Der Rollkrug."
„Gut. Dann sind wir bald da. Bloß hier noch bergan. Tut mit leid um den Schimmel, aber es Hilst nichts."
Der Kutscher gab dem Pferd einen Knips, und gleich danach führe-, sie die mäßig ansteigende Pergstraße hinauf, an deren einet Seite bet alte, wegen Ueberfüllung schon roieber halb geschlossene Jakobikirchhof lag, während an bet bem Kirchhofszann gegenüber gelegenen Seite hohe Mietkasernen aufstiegen. (Fortsetzung falzt.)
DernntwvrtNch vr. HanSTHyrtot. — Druck und Ierlag: Drühljche LlniverfitätSdruckereiR. Lange, Gießen.


