Ausgabe 
6.1.1939
 
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graue

waren.

Der Wirt brachte auf schön geschwungener, zinnerner Platte einen kleinen, dampsenden Suppentopf, aus dem der silberne Schöpflöffel ragte, zwei Teller und ein Glas voll Wein. Er goß die Suppe ein, wünschte gesegnete Mahlzeit und kam dann mit dem Glas zu Rabenau herüber. Der nickte dankend. Doch der Wirt blieb noch stehen, beugte sich zu ihm herab, machte mit dem Kops eine Bewegung nach den Frauen und sagte leise:Wenn ich bloß müßt, wer die sind!"

Rabenau klopfte eben die Pfeife wieder aus, weil die Damen aßen. Er lachte:Wie soll ich das wissen? Frag Er sie halt!"

S)ab ich doch schon getan, Herr Leutnant. Aber sie haben mit nur geantwortet: ,das pressiert doch nicht, Wirft. Es geht mich jo nichts an, wie sie heißen. Aber Olmütz ist Festung. Wir haben strenge Vorschriften. Man bekommt leicht die Polizei auf den Hals, Herr Baron.

Der Kaiserwirt buckelte und ging.

DasHerr Baron" hatten die beiden wohl gehört. Nach Wirtsart hatte er es auch lauter gesagt. Denn man sollte doch sehen, was für noble Gäste er habe. Die Alte sah interessiert herüber.

Rabenau trank. Es ärgerte ihn, daß er in seinem Schmerze be­merkte, daß die Junge ein allerliebstes Persönchen war, mit einer schneeweißen Perücke über der rosig schimmernden Stirn und einem blutroten, feingeschwungenen, ein bißchen spöttischen Mund.

(Fortsetzung folgt.)

klirren würden! . r . . . ...

Kein Wunder, daß er mißmutig und schweigsam durch den rieseln­den Regen ritt und die Dragoner hinter ihm einstweilen nicht mit den Ohren zu wackeln wagten. Obwohl doch sonst der Leutnant von Rabenau dafür bekannt war, daß er auf Estafette und bei Patrouillen, wenn die Disziplin nicht so scharf zu sein brauchte wie beim Regiment, mit seinen Leuten am Lagerfeuer sang oder während des Rittes über ihre Sol- datenfpähe lachte. Schweigend zogen sie hinter ihm drein und fraßen Lebzelten. Einen ganzen Beutel daoon hatte der Bursche des Leutnants quer über seinen Hafersack geschnallt, weil er sand, daß es schad sei, auch noch auf die Lebzelten zu verzichten, wenn es schon mit dem Mädel nichts war. .

Am frühen Abend des dritten Tages ritt der Leutnant von Rabenau in Olmütz ein. Er übergab beim Festungskommando die Befehle wegen des Kuriers nach Böhmen, Der Festungskommandant, der alte Feld- zeugmeister Freiherr von Marschall, ein tapferer, eisgrauer Soldat, be­dauerte, daß er den Leutnant nicht zum Abendessen laden könne. Aber

Aloisius Brand verschnürte das Paket und fragte, wohin er es der ^Ser'Ä^nlmortete: bin Ihm oougiert, wenn Er es mir dann

Wahlen Es ist rettich nicht wahrscheinlich, daß sich die Gelegenheit praivt Braunswweia ist weit. Aber wie gejagt**, er eryob sich uno küßte ber Lisi galant die Hand,die Demoiselle [änöe keinen ergebeneren yreunb und besseren Fürsprecher."

Sechs Dragoner und den Burschen mit dem Packpferd hinter sich, so ritt der Leutnant von Rabenau durch das mährische Land. Ein^mg rauicgie bet Regen aus grauem Gewölk. Non ben Dreispitzen, Mänteln unb o fein troif das Wasser. Aus ben enblojen, von der Schneeschmelze ausge- weichten Straßen tauchte gespenstisch Pappel um Pappel auf. Ähre Wipfel sah man nicht. So tief hing der Regen. Morlrb-

Jn der Ordonnanztasche, die der Korporal trug, ruhte der Marsch befehl für die Regimenter des Hadik. Für die Ordre an ble ^j^PP6? Böhmen hatte Rabenau beim Festungskoinmandanten in Olmutz einen ^Äber^noch"ein drittes Schreiben lag in der ledernen Tasche: ein Brief der Kaiserin an den Grasen Hartenberg in Jaunitz. Den sollte Rabenau, wenn er dort zum Quartiermachen einritt, mit einem Gruße übergeben. Auch an die kleine Komtesse selbst hatte Maria Theresia em Billett bep leqen wollen. Aber der Kriegsrat hatte lange gedauert. Man hatte Nach­richt, daß der König schon nach Schlesien gefahren sei. Das war em böses Kelchen. Es qab Sorgen um Sorgen. , . r. x ,

Als sie den Bries an die Komtesse geschrieben hatte, erfuhr sie, daß der Leutnant von Rabenau sogleich nach der Konferenz abgentten et. Hadik war das lieber gewesen Die Meldungen von der Grenzegestelen ihm nicht. Es war besser, daß der Rabenau noch am Abend ritt. Da hatte die Kaiserin das Billett für die junge H-.ri-nberg dem anuetuaut, der ben Ranzionierungsoertrag wegen des Herzogs von Braunschweig- Bevern bei den preußischen Vorposten ab geb en sollte und dann als Furrer weiter nach Petersburg ritt. Sie schrieb der Komtesse, was sie fötm bem Vater geschrieben, daß ber Leu nant von Rabenau wohl einige ^eit auf Grotz-Jaunitz bleiben werde und sie eine Verbindung der Hau er Harten­berg und Rabenau von Herzen begrüßen wurde. Der Brief schlog.Er wird ihr schon gefallen. Sei Sie nur von allem Anfang an recht lieb

Der Kurier für Petersburg tarn zwar nicht über Jaunitz. Aber er sollte der Hartenberg das Billett in Olmütz übergeben, wo he ja doch ben Postwagen wechseln mußte. Der Kurier ritt auf Relaispserden. Die Posten fuhren langsam. Da mußie er den Wagen der Komtesse in Olmutz überholen. Dort hatte er den Brief mit einem Reifearuß der Kaiserin zu überreichen. Ehestandskandidatinnen schloß Maria Theresia zärtlich ms H^Mit hochgeschlagenem Mantelkragen, traurig und übelgelaunt trabte Rabenau vor seiner Stafette. Eine Welt war ihm zerbrochen In fernem Herzen stritten Liebe und Zorn. Es war die erste Enttäuschung fernes Lebens, und sie war schwer. Noch am Montag hatte das Madel, wohl um anzudeuten, daß sie am nächsten Tage zum Marienbilde kommen werde, an ihrem Fenster genickt und ihm eine rote Rose zugeworfen die dritte. Und doch hatte ihm eine Stunde (pater sein Bursche erzählt, daß die Demoiselle Elisabeth Brand sich gestern verlobt habe und zu Ostern den Sohn des Nußdorser Weinprotzen heiraten werde. Den kannte er Er hatte dem Weinhändler einmal zwei Wagenpferde für seine Ettern abgetauft. Der Junge hatte damals die Pferde vorge ähren Rabenau lachte bitter, als er daran dachte, daß dieser feiste, grobschlächtige Bursch, der kaum das Maul aufbrachte, sich dieses blühenden Frauenlebens er­freuen sollte. War wohl das Geld daran schuld. Der Kirndorfer war reich. Doch wozu dann die Rosen und das Augenspiel im Schlitten? Rabenau begriff das nicht. Aber vermutlich durfte er seinem Herrgott danken, daß er dem Mädel so rasch hinter die Schliche gekommen war. ....

Aber chade war es doch um sie. Und lieb hatte er sie gehabt wie noch keine im Leben. Schwierigkeiten hätte es natürlich gegeben. Ein Rabenau durfte nicht die Tochter vorn Kerzelrnacher von Sankt Stephan heiraten Aber das wäre ihm gleich gewesen. Durchgesetzt hatte er es ,a doch. Erft hätte. Papa von Eselei gesprochen und Mama einen jo aus­giebigen Ohnmachtsanfall bekommen, daß dem van ©mieten die Hoff- mannschen Tropfen ausgegangen wären. Die Kaiserin hätte eine Szene gemacht und ihm vielleicht für eine Zeit ihre Gnade entzogen. Aber ' schließlich hätten sie wohl alle drei Ja und Amen gesagt: Papa, Mama und die Kaiserin. Denn was wäre ihnen anderes übrig geblieben? Doch das war jetzt vorbei. Nichts blieb als ein quälender Schmerz, der ihm manchmal saft die Tränen in die Augen trieb. War nur ein Gluck, daß er reiten durste und bald die Pallasche wieder an die Sabel des Feindes

knmilcben Kaiser" Die andern Tische in dem kleinen, getäfelten Raum wa7en1«r Das Zimmer war behagttch und warm. In dem grasgrünen. Mächtigen Kachelten, der gegenüber dem Fenster aus der Wand vor l,r,Äd>IUÄl »I. mchnlch»

S'Ü«Ts.Ä SNm Ä ftimmernden Decke des Himmels, hastig bereitetes Essen ""i einer Kessel naute auf Feldrainen oder im Sattel und ewiges Retten. Machten ein ander' das Leben schwer, die Reiter des Königs und der Kaiserin. Aber Rabenau liebte dieses Leben, dieses Reiten und Jagen, TrompetensHall und bas helle Wirbeln der Pauken, den Kampfruf der Retter, den chus- schlag der Rosse, das Klirren des Stahls.

Doch diesmal g.ng er nicht fröhlich in ben Krieg. Nicht aus Angst um fein Leben Was gilt dem Soldaten Verwundung und Tod? Aber h7rt kam es ihn an daß wieder die Leere um ihn sein sollt-, wenn dann im Svätherdst der Feldzug oder vielleicht gar der Krieg zu Ende wäre. Von einem Hausstand hatte er geträumt, von Glück und zartttchen Stünden Und nun war das vorbei. Wie hatte er doch dieses Madel neliebt! Sinnlos schien ihm das Leben. __.. .

Unb hatte ihm doch sogar in diesen Tagen gefallen, wenn hinter ihm die Sättel knarrten, die Hufe pochten die Sabel an d" Buge! chlugen oder für einen Augenblick die Lichtfacher der Sonne: aus blei aoldgerändertem Gewölk in den windgekrauselten Tümpeln ber Wiesen und Aecker blitzten, über die im Sommer bas Sjalmenmeer des Kornes wogte mit ben roten Lichtern bes Mohns, bas Sloten der Amsel und ber Schlag ber Nachtigall stieg unb die mächtigen 5Rinberf)erben zogen in der sruchtschweren Hanna. Und bann hatte er es doch wieber als Unrecht empfunben, baß er sich freute. Noch wußte er nicht, baß auch im zerrissensten Herzen zu der Bitterkeit des Leids sich manchmal schon die Süße der Zukunft gesellt, unb es bie Glocken ber Feste bes Lebens waren, deren Geläute er deutlicher von Meile zu Meile gehört.

Er'klopfte mit dem Siegelring ans Glas. Er wollte noch Wein. Vielleicht half ihm der Wein aus den Nöten seines Herzens. Hatte diese Liebe noch Sinn? War es nicht besser, auf die Glocken bes Lebens m hören? Eben wollte er ein zweitesmal und diesmal lauter ans (Sias djlagen, weil der WirtZum Römischen Kaiser" wohl auf seinen Ohren gezogener Mütze, buckelnd unb in den Knien' einknickend, blieb ber Wirt davor stehen unb lieh zwei Frauen im Reisekleid ein: eine alte und eine junge. Dann geleitete er sie an den Tisch neben bem Oien, gegenüber dem des Ofsiziers. Er hals ihnen aus Pelz ^nb Umhang, wobei er sie ausmerksam musterte. Er fragte nach ihren Wünschen, verneigte sich und ging. Im Vorübergehen nahm er bas Glas des Leut­nants, blieb an der Türe, hinter dem Ofen, wo ihn die beiden Frauen nicht sehen konnten, noch einmal stehen, zuckte mit ben Schultern und hob bedauernd Arme unb Schultern. Als wollte er sagen, daß er um Vergebung bitte, aber nicht ahnte, wer bie Weibsleute seien. Als hatte ihn ber Offizier banach gefragt.

Rabenau stopfte sich eine neue Pfeise und warf hin und wieder einen kurzen Blick auf bie beiden. Wer sie wohl sein mochten? Die ?mae mar sehr hübsch und apart, nicht groß, aber schlank und ent- ; t.r, ,.!> g-rnachsen. Sie saß ihm gerade gegenüber. Zu ihrer Linken saß die Alte, mit dem Rücken am roärmenben Ofen. Beim Eintritt hatte die beiden wohl das Licht des kleinen Kronleuchters geblendet, denn sie schienen den Offizier erst jetzt zu bemerken. Die Alte hob die Lorgnette und flüsterte der Jungen zu:Nous ne sommes pas seules! Dann sahen sie einen Augenblick lang zu ihm herüber. Er grüßte höf­lich, aber gemessen. Man mußte ja nicht, was bas für Frauenzimmer