Fröhlicher töattg.

Von Herbert Böhme. Der Fink bläst seine Flöte, der launische Patron, die Bachstelz die Trompete, der Gimpel hält den Ton.

Es geht ein Fabulieren im grünen Wald herum, da wird bei all den Tieren mein eitel Herz ganz stumm.

Die Schnepfen und die Meisen sind Freunde, du aus du, zwei Rehe an den Schneisen sehen nur staunend zu.

Laß noch die Sonne steigen, dann füllt sich auch mein Herz, es jauchzt von allen Zweigen die Quinte und die Terz.

0 Klarinett und Bratschen. Die Amsel lacht mich aus und kommt, mit mir zu tratschen, noch bis zur Tür vorm Haus.

Was ist eigentlich Humor?

Von Wolfgang Goetz.

Eigentlich eine komische Frage: Haben wir Humor? Gestatten Sie mir die Gegenfrage: Was ist denn das, Humor? Humor, sagen uns die meisten, Humor ist, wenn man lacht. Das dürfte sozusagen grundfalsch sein. Denn es ist die alte Geschichte: Eine Leberworscht ist zwar eine Worscht, aber nicht jede Worscht ist eine Leberworscht. Es gibt da eine Sorte Menschen, die man getrost als eine abscheuliche bezeichnen kann, Leute, Witzlinge, die sich auf Kosten der anderen, womöglich gar Um glücklicher, lustig machen. Ein greuliches Pack, Beispiel:Ich habe Sie gestern auf der Friedrichstraße gesehen."Nanu, ich war doch gar nicht aus der FriÄrichsdraße."Haha! Sie Schlaumeier, ich hab' Sie ja gar nicht gesehen." Jeder Gast wendet sich mit Grausen. Aber viele finden derlei humorig und brechen in brüllendes Gelächter aus, die anderen aber erzählen zu Haufe noch vom Gelächter geschüttelt:Karl (ober Fritz) war heute mal wieder in Fahrt! Der hat die Gesellschaft mal wieder richtig durch den Kakao gezogen." Geschieht's ihnen aber Slber, endet der Scherz meistens vor dem Amtsrichter. Das angeführte eifpiel ist noch milde. Wenn auch ekelhaft.

Ist es etwa Humor, wenn wir lesen: Erstes Gigerl (zum zweiten): Sagens, Brüderl, was ist eine Postanweisung? Zweites Gigerl (zum ersten): Stöll dir vor, du hast drei Hüaterl. Erstes Gigerl (zum zweiten): Ich habe bloß zwei. Zweites Gigerl (zum ersten): Also stöll dir vor, du hättest drei. Erstes Gigerl (zum zweiten): Das kann ich nöt, ich hab bloß zwei Hüaterl. Zweites Gigerl (zum ersten): dann kann ich dir auch Nöt sagen, was eine Postanweisung ist. Schön, das ist Spaß, aber nicht Humor.

Schon eher an den Humor grenzt das berühmte Simplizissimuswort des im fahlen Morgennebel sich räkelnden Leutnants:Da is ja ooch der Morjenstern, das Schwein." Das ist immer noch Witz.

Wenn der Rabelais die Geschichte erzählt von jenem Gewaltigen, der da auszog, Reiche eroberte und zerstörte, Drachen erschlug, Prin­zessinnen befreite, Riesen erwürgte, Schlangen drosselte, und nun jemand fragt: Warum hat er das bloß alles getan? und ihm die Antwort wird: Vermutlich, um wieder heimzukehren so ist das in der Tat Humor. Für mich wenigstens.

Beim Humor muß uns eine sanfte Gänsehaut überrieseln. Humor rührt an den Schlaf der Welt. Deshalb war Hebbel ohne jeden. Humor, da er warnte, solchen Schlummer zu stören.

Es gibt kein dümmeres Wort als die Bezeichnung: Humorist. Die gibt es gar nicht, höchstens sind sie Witzbolde, mitunter gute. Der wahre Humorist ist fern der Welt, siehe den Imker Wilhelm Busch; der saß in einem Winkel, und wenn er sich in der Welt selten genug zeigte, hielt er den Mund, als könne er nicht dreie zählen. Lichtenberg hockte in Göttingen, Kant, der mehr Humor besaß, als man gemeinhin annimmt, hat das Weichbild Königsbergs nie verlassen. Man stelle sich etwa Wilhelm Busch auf einer Kleinkunstbühne vor, wie er aus der .Kritik des Herzens" vorträgt das blanke Entsetzen packt uns.

Da haben wir schon Namen genannt, die jener Frage, ob wir denn eigentlich Humor haben, laut Hohnsprechen. Aber es ist ja ganz nett, der Frage doch etwas dringlicher nachzugehen.

Man sagt, nicht zu Unrecht, daß England das Land des Humors sei. Ganz gewiß. Eine blitzende Garde marschiert da an uns vorbei: Swift und Stern«, Dickens und T h a ck e r a y , Wilde und Shaw, von Shakespeare ganz zu schweigen. Die Franzosen sind trotz Rabelais eher witzig. Siehe M o l i e r e, siehe Voltaire. Anatole France läuft schon eher wieder auf humorigen Wegen. Wie steht es mit den Russen? Man möchte hier von einem transzendenten Witz reden.

Gogols Lachen klingt mehr nach einem Geräusper. Wenn die Russen scherzen, besser: zu scherzen versuchen, wird zwar das Gebiet des Humors durchschritten, aber auch darüber hinausgegangen, das Lächeln wird zur Grimasse, wie vor dem Antlitz der Gorgo. Einsam, allerdings in fast unüberbietbarer Höhe ragt in Spanien Cervantes, neben der di« Verfasser der ganz ansehnlichen Schelmenbücher zu Zwergen schrumpfen. In Italien reißt die Kette der heiteren Gesellen von Catull, Ovid und Horaz über Boccaccio, Straparolo und A r i ost bis auf den heutigen Tag nicht ab. Ebenso wie in Griechenland, wo vom homerischen Gelächter sich über Platon und Lukian die göttliche Heiterkeit ge­rettet hat, vor allem in die Volksgesänge.

Und nun mir! Die Geschichte des deutschen Humors ist noch nicht geschrieben, und es dürfte hier kaum der Platz sein, diese Untersuchung nachzuholen. Aber dem künftigen Historiker seien hier einige Hinweise gegeben. Wir können uns nicht In den sehr munter blühenden Niede­rungen aufhalten, wo es von bunten Farben wimmelt. Also sehen wir ab von der merkwürdigen Nonne von Gandersheim, von Neidhart und Walther.

Aber da ist Wolfram, der große Lacher, lieber das tiefsinnige Geschehen des Parzival spinnt er ein Netz wahrhaft heiligen Humors, nicht so sehr in seinen spaßigen, bisweilen bissigen Ausfällen aus die Dummheit seiner Zeit oder mit den Peitschenhieben auf seine Kollegen oder in seiner Schelmerei mit seinerQuelle" des unbekannten Kyot, als in der ungeheuren Szene, da endlich der rote Ritter zum Gralskönig wird und nun die Königin seines Herzens, Kondwiramur, erwartet. In einem riesigen Krescendo, um das ihn Beethoven beneiden könnte, spitzt sich alles auf diese Begegnung zu. Wir fiebern: was geschieht jetzt? Da Übertrumpft sich Wolfram,der gottverworrene Mund aus deutschem Samen", wie ihn Jmmermann so herrlich nennt, und schreibt nur: Man sagte mir, sie küßten sich. Das ist wahrhaft königlicher Humor.

Oder Grimmelshausen. Simplizissimus stammelt dem Einsiede! etwas vor, das von weitem an das Vaterunser erinnert;Ama" schließt er. Ist je eine gräßlich« Verwilderung von einem bis aufs Blut ge­schundenen Dichter belächelt worden? Hier ist das Trotzdem, das dem Humor innewohnt, ja, sein eigentlichstes Element ist, unübertrefflich eingesetzt.

Da wäre mein alter lieber Schulkamerad Paul Fleming, der keineswegs nur Kirchenlieder fang, sondern sehr lebendige Gedichte machte, die um 1900 beinahe frivol wirkten. Ist je das Küssen heiterer beschrieben worden? Auch der alte Ovid konnte es nicht besser.

Halb gebissen, halb gelacht

Wie man's Küssen richtig macht. Ich nur unb die Liebste wissen, Wie man's Küssen richtig macht.

Und nun Goethe, der Olympier. Herr Schwerdtlein! Wo in aller Welt ist eine Gestalt die nicht sichtbar wird, so rund und herrlich her­ausgestellt worden? In Herrn Schwerdtlein gipfelt der deutsche Humor, Wir lassen dahingestellt, ob Mephistopheles schwindelt, wenn er von dem schönen Fräulein an Neapels Strand erzählt, oder von dem letzten Lager des Trefflichen, das etwas besser als von Mist war. Es wäre ja denkbar, daß der Herr im roten Wämslein, die Hahnenfeder auf dem Hut, dem viel bewußt, tatsächlich um die Schicksale Schwerdtleins weiß. Cs ist gleichgültig. Freund Schwerdtlein, dieses dreckige, übelriechende Geschöpf einer Mißlaune Gottes, steht vor uns, wir können ihn Zug um Zug porträtieren, ein Trumpf höchsten Grades, wie ihn kaum je ein wirklicher . Humorist ausgespielt hat. Und nun übertrumpft Goethe diese Meister­leistung, indem er die trauernde Witwe sagen läßt:Es kannte kaum «in herz'ger Närrchen geben." Herzig und Närrchen! Aus diesem Vers jauchzt ein so abgründiger Humor, daß die Engelein im Himmel ihre Zinken und Trommeln voll Begeisterung bearbeiten.

Busch: Da treibt einer dem andern den Hut ein. Kommentar!

Ein Freund, der viel Humor besaß Macht sich von hinten diesen Spaß.

Da enthüllt der Humor in jedem Worte (Freund, viel Humor, von hinten, Spaß) [ein widerliches Gegenspiel, die schlichte Gemeinheit. Jedes Wort eine blitzende Abrechnung. Hier hat Busch die Höhe seines Schaf­fens erreicht.

Viele Namen noch wären zu nennen. Wir möchten nur noch auf den Fall Raabe eingehen. Er wird immer als Humorist im besten Sinne von seinen Verehrern gepriesen. Ich kann es nicht glauben, Raabe nimmt, ähnlich, aber voll höherer und tieferer Egrifsenheit als Jean Paul, den Humor als Stab und Stütze, um sich angstvolles, gequältes Leben in einer ihm fast unerträglichen Zeit zu gestalten. Er nimmt den Humor und verfügt souverän über ihn, aber er quillt nicht aus ihm. Deshalb ist Raabe so groß, weil er den Humor rechtfertigt.

Es wurde nur über den Humor in der Literatur gesprochen Ver­zeihung, sie liegt mir am nächsten. In der Musik: der Triangelschlag Wagners inSiegfried", welch ein bezaubernder Einfall! Das Scherzo von Schuberts Großer, das Gewimmel des Wurstelpraters kontrastiert mit dem holden Rauschen der uralten Bäume, die Wald- Müller so gerne malte. Hinreißend, wenn Mozart die Empörung der Gäste bei der Vorführung Zerlinens in der O-ärn-Tonleiter aus- brechen läßt, ein sardonischer Gedanke. Oder die Malerei: das zieht dahin von HolbeinsTotentanz" bis zu S l e v o g t s hingeworfenen Skizzen auf Postkarten oder Speisekarten oder zu G u l b r a n s s o n.

Wir Deutschen sollen keinen Humor haben? Ei der Teufel, da muß ich doch sehr bitten. Aus so reicher Quelle, von der mir nur Tröpflein entspritzten, wird uns auch fürder Labung und Frische werden.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühlsche UniverjitätSdruckerei R. Lange. Gießen.