Kehr ein bei mir.
4on Friedrich Rückert.
Du bist die Ruh, Der Friede mild. Die Sehnsucht du Und was sic stillt.
Ich weihe dir
Voll Lust und Schmerz Zur Wohnung hier Mein Äug' und Herz.
Kehr ein bei mir, Und schließe du Still hinter dir Die Pforten zu.
Treib anbern Schmerz Aus dieser Brusti Voll sei dies Herz - Von deiner Lust.
Dies Augenzelt
Von deinem Glanz Allein erhellt, O füll' es ganz.
Oer Hof.
Aus meinen Kindertagen.
Von Julius Kreis.
Der Kastanienbaum rauschte vor dem Fenster, und wenn man sich reckte, kam die Kinderhand vom Fenster des Schusters Marlinger bis ins Laub. War der Herbst da, dann holte man sich die großen, grünen, igeligen Kastanien herein, und am Feierabend machte der Marlinger daraus Mandln und Viecher, daß es eine wahre Pracht war. Zünd- hölzeln — ein bißchen Schusterdraht — bunte Wolle — und die schönen glänzenden, braunen Kugeln dazu: fertig waren Roh und Reiter.
Der Kastanienbaum war die Seele des kleinen Großstadthofs. lieber die niedere Hofmauer hinweg grüßten die Oleander- und Efeustöcke der Nachbarhöfe, und es ging zwischen Vorderhaus und Rückgebäude die ganze Straße entlang wie ein einziger Garten. Den Boden deckte ein kurzer, grober Grasteppich, durchschnitten von einer gepflasterten Traverse. Wenn int Frühjahr der erste gelbe Huflattich sich schüchtern In der Sonnenecke aus den Halmen hob, war's ein großes Fest. Da bauten die Kinder aus Spreißeln und Spänen einen Zaun herum, und der Tandler Brömeisl kam eigens aus dem kleinen Lagerraum, schob die Brille auf die Stirn und besah sich den Frühling.
An der Teppichstange an der Mauer brachte uns kleineren Buben der große Bruder vom Sporer Fritzl den Bauchaufschwung bei, und hinten in den Kisten vom Tandler Brömeisl hatten die Mädeln ihren Puppenkram eingerichtet, kochten, nähten, und hatten großes Zeter und Mord, wenn die Brüder kamen und Gericht um Gericht wegfraßen. Und was für herrliche Gerichte gab es da! „Strudel" aus Oblaten und zerlaufenen Minzenkugeln, „Bärendreck" auf Warschauerbrot, das schon bessere Tage gesehen hatte.
War dann Geheul und Kampfgeschrei gar zu arg, dann ging oben beim Marlinger, der zugleich Hausmeister mar, das Fenster auf, und ein brauner Arm schwang drohend den Knieriemen.
Der Tandler Brömeisl breitete an sonnigen Tagen wie einen Nibelungenhort feine Schätze zum Aussonnen im Hof aus: alte Kürassierhelme und Federbetten, vor denen uns di« Mutter inständig warnte, Messingmörser, antike Gipsfiguren und neuzeitliches Nacht-Gebrauchs- Porzellan. Dazwischen spazierte, einmal dahin, einmal dorthin pickend und nicht zuletzt auf die Federbetten, der .Lacki", die schwarze Dohle, die der Tandler Brömeisl an Kindes Statt hielt.
In der anderen Hofecke hatten die Schreiner ihren Platz. Bei Regen hockten wir wie Hühner unter dem Dach der Vretterhütte, und in der Mittagszeit schlüpfte dann der Alisi, der Lehrbub, zu und erzählte uns feine Räuber-, Gespenster- und Mördergeschichten, daß es uns nur so kalt über den Rücken lief. Er war nach seinen Berichten bekannt, wenn nicht befreundet mit dem damals sehr gesuchten Räuber Kneißl und ließ uns.angenehm erschauern, wenn er von seinen nächtlichen Begegnungen mit diesem altbayerischen Bravo im finsteren Forstenriederpark berichtete.
Bei langem Regen aber war's am schönsten. Da stand der Hof zwei Handbreit unter Wasser, denn der Abfluhschacht war immer verstopft, und bann werkten der Schuster Marlinger und der Tandler Brömeisl mit langen Stangen im Kanal herum und hatten die Hosen über ihre haarigen Waden gestülpt. Wir plantschten voll Lust um sie und um den Kastanienbaum herum und sahen wiederum voll wonnigen Grauens auf die also profanierten Waden dieser unserer Götter, und daß sie Haare daran hatten, war das Allerschönste!
Im zweiten Stock wohnte der alte Inspektor Hingerl. Sein Balkon mar ganz von Bohnen und Geißblatt überwachsen. Der alte Horr war r°nft ein knurriger, schrulliger Sonderling, der den Leuten im Hause aus dem Wege ging Die Kinder mochte er lieber. Von Zei. zu Zeit gab's ein großes „Fischen". Da stand der Hingerl in seinem rof-n Schlafrock mit der Türkenkappe und der Pfeife wi« ein SpigroegrnanN >uf (einem Balkon und ließ an einer langen Schnur allerhand Kinder
herrlichkeiten in den Hof baumeln. Kleine Mundharmonikas, Farbstifte. Bleisoldaten, Püppchen und Kreisel — bas alles schaukelte handhoch über Reichweite, und wir sprangen danach, bis einer einmal einen glücklichen Griff tat. An solchen Scherzen hatte der Alic oben feine Freude, aber mehr noch wir drunten im Hof, und unsere Kopfe glühten vor Aufregung, Erwartung und Freude über einen glücklichen Fang.
Alle zwei, drei Tage kam der Drehorgelmann. Für ihn das Geld zu sammeln, war uns höchste Auszeichnung. Hin und wieder erschien ein alter Jtaliano mit einem dressierten Affen, ober der Scherenschleifer lieg in der Hofecke jein Rad sausen. Alle diese Leute mit ihrem geräuschvoll an der Öffentlichkeit und im Umherziehen verübten Beruf waren uns verehrunaswürdig und das Ideal unserer zukünftigen Berufswahl. Daß das Leben hier mit rauher Hand Hoffnungen geknickt hat, ist nicht unser« Schuld.
So war der Hof ein wahres, grünes Kinderparadies mitten in der steinernen Stadt, und fast immer, wenn eine fröhliche Erinnerung aus diefen Tagen auftaucht, ist sie umschattet und umrauscht von dem alten Kastanienbaum im Hof.
Heute ist von ihm nichts mehr da. Die allen, kleinen Hinterhäuser sind abgerissen, und Fabriken, Garagen, Lagerhäuser stehen an ihrer Stelle. Unser alter Hof hat keinen grünen Teppich mehr. Auf Zementboden wächst kein ©ras. Oel- und Benzinlachen schillern giftig in der Sonne, und wo in der alten Schreinerwerkstätte wackeres Handwerk pochte, hämmerte und schnitt, da laufen heute Transmissionen, und an den Mauern stehen Motorräder und Autos, durch das reiche hohe Tor sährt's und knattert's ein und aus.
Kein Platz mehr für Kinder. Und an der Stelle, wo uns der Alisi mit dem Räuberhauptmann Kneißl das Herz schaudern machte,, feine Kämpfe mit Drachen, Wölfen, Wildschweinen und Riesenknaben zähnefletschend und mit grausig verstellter Stimme erzählte, da horcht heute ein kleiner Knirps auf ein heranknatterndes Schnaufer! und sagt zu seinem Kameraden: Wett'ma, daß dös a ,Viktoria' is und koa .BMW.'l
Bon Bergbau und Berggeistern.
Von Dr. Ludwig Roth.
„Die bergmännische Weise gesällt mir sehr wol. Wenn jeder lebt, wie er billich soll, Aufrichtig, gottfurchtig und fleißig dabei:
Das sind die bergmännifchen Tugenden drei."
So heißt es in dem alten „Berg-Reien". Diese Gesinnung der Bergleute fand ihren Ausdruck in ihrem Brauchtum. Wie bei den Jägern und Fischern hat sich bei den Bergleuten ein eigenes Brauchtum, eine besondere Bergmannssprache und auch ein gewisser Bergmannsglaube bzw. -aberglaube erhalten. Das Brauchtum kam schon in der Begrüßung zum Ausdruck. Christoph Herttwig berichtet in feinem Anno 1710 zu Dresden erschienenen „Neuen und vollkommenen Bergbuch": „Weil die Bergleute bei ihrer Zusammenkunft gemeiniglich einander die Hände zu geben, und di« Daumen auf eine sonderliche Art an einander zu setzen, auch daran die Hände in einander zu winden und sodann die ineinander geschlossenen Hände und Arm etwas zu schütteln oder zu schwenken pflegen, umb dadurch gute alte Treue und Freundschaft zu bezeugen, ist das Sprichwort entstanden, daß, wenn zwcy Personen es miteinander gut meynen und sich die Hände geben wollen, man es .auf gut Bergmännisch' heißet."
Neben die eigenartige Form der Begrüßung mit der Hand trat der mündliche Gruß, den Theodor Körner, Sänger und Held der Freiheitskriege, als „der Berge uralt Zauberwort Glück auf" bezeichnet hat. Christian Melcher gibt schon 1684 die Erklärung: „Glück auf, das ist bes Bergmanns Gruß. Dieses weiß jedermann, daß dieses .Glück aus' die gemeine und gewöhnliche Grußcsformel der Bergleule ist, wenn sie sowohl auf den Zechen als anderswo außer denselben einander begegnen. .Glück auf heißt es, uhb müßte das kein redlicher Bergmann sein, der nicht seinen Schlegelgesellen ober auch ein gantzes Gelagk mit einem bergmännischen .Glück auf grüßte." lieber di« Ableitung des Grußes „Glück auf" sagt Herttwig in feinem „Neuen und vollkommenen Bergbuch" (Dresden 1710) unter Verweisung auf das Bergbuch von Eifen- hardt, welches 1681 zu Helmstaedt erschienen war: „Glück auf! ist der Bergleute gewöhnlicher Gruß. Und würde es sehr übel empfunden, wenn einer sagen wollte .Glück zu!'. Indem die Klüffi und Gänge sich nicht zu- sondern aufthun müssen. .Glück zu' ist nicht bergkmännisch. .Glück auf!' Aus! heißt es, nicht Glück zu!. Bergleute leiden dies Formel nicht, sie danken auch gar nicht gerne einmal auf das .Glück zu!', aber auf das .Glück auf!' danken sie fleißig."
Johann Mathesius hat 1571 zu Nürnberg ein Buch erscheinen lassen: „.Sarepta', barinn von allerley Bergwerk und Metallen, was ihr Eygen- schaft und Natur und wie sie zu nutz und zu gut gemacht, guten Bericht gegeben." Darin kommt der Gruß „Glück auf!" nicht vor, trotzdem Mathesius in dieser Schrift ein treues und vollständiges Bild der Bergmanns» sprach« seiner Zeit gegeben hat.
Auch In dem im Jahre 1673 zu Frankfurt am Main erschienenen Buch bes Christian Berward kommt der Gruß „Glück auf!" nicht vor, trotzdem ber Verfasser sein Buch betitelt hat „Erklärung der fümembften Redens-Arten, welch« bei den Bergleuten, Puchern, Schmelzern, Probierern und Müntzmeistern in Benennung ihrer Profession, Sachen, Ge- zcugs, Gebärde, Werkschafft und Instrumenten gebräuchlich sind". Hätte Bcrward den Gruß „Glück auf!" gekannt, fo hätte er ihn unbedingt auf» geführt. Als Bergmannsgruh nennt er aber nur folgend« zwei Gruß- formeln: „Gott grüße Euch alle miteinander, Bergmeister, Geschworenen,


