An die HfS"nde.
Von Theodor Storm.
Wieder einmal ausgeflogen, Wfeder einmal heimgekehrt;
Fand ich doch die alten Freunde Und die Herzen unversehrt.
Wird uns wieder wohl vereinen Frischer Ost und frischer West! Auch die losesten der Vögel Tragen allgemach zu Nest.
Immer schwerer wird das Päckchen, Kaum noch trägt es sich allein;
Und in immer engre Fesseln Schlinget uns die Heimat ein.
Und an seines Hauses Schwelle Wird ein jeder festgebannt;
Aber Liebesfäden spinnen Heimlich sich von Land zu Land.
Volksdeutsche Oichtergestalteu.
Von Erich Lange nbucher.
Wenn ein Volk an seiner Kultur arbeitet, arbeitet es an seinem Charakter und damit für seinen Bestand als Volk.
Adolf Meschendörfer.
Als im Herbst 1932 der Roman „Die Stadt im Oft en" erschien, der als Verfasser den Kronstädter Adolf Meschendörfer nannte, wußten in der Oeffentlichkeit nur wenige um das dichterische Schaffen dieses Mannes. Wohl hatte die erste, in Rumänien herausgekommene Ausgabe des Buches Anerkennung und Echo gefunden; unter den Stimmen, die für das Buch sprachen, fanden sich solche führender deutscher Dichter und Kulturpolitiker. Mit einem Schlage machte das Erscheinen des Werkes Meschendörfer in Deutschland bekannt; noch heute gehört das Werk zu den am meisten gekauften aus dem volksdeutschen Schrifttum der Gegenwart.
Im Jahre 1877 wurde Meschendörfer als Sohn eines deutschen Kaufmanns in Kronstadt geboren. Das Studium führte ihn an die Hochschulen verschiedener Länder, er lernte Deutschland, das Land feiner Voreltern, kennen. Später wurde er Professor in Kronstadt und übernahm 1927 die Leitung des berühmten Honterusgymnasiums. Er ist heute, sechzigfährig, immer noch in diesem verantwortungsvollen Amte tätig.
Kaufmann sollte er werden und wurde der führende Kulturpolitiker seines siebenbärgischen Volkes. Jahrelange harte Arbeit machte ihn zum geistigen Vorkämpfer einer neuen Kultur seines Volkes, die ohne feinen Einsatz nicht zu denken wäre. Nach dem Antritt seines beruflichen Amtes wuchs ihm die Aufgabe zu, Mahner seines Volkes zu [ein. Einen Teil feiner Arbeit vollbrachte er durch die Herausgabe der „Karpathen", Die Halbmonatsschrift war das Forum, von dem aus er sich an feine Landsleute wenden konnte. „Eine Rundschau über alle Gebiete des Schönen" nannte er sie und umriß damit den Kreis ihrer Aufgaben. Mit ihr eroberte er für Siebenbürgen einen Platz im deutschen Schrifttum, weil er an die Stelle einer patriotischen Pseudokunst Arbeiten echter Dichtung und Volkskunst stellte, die aus dem Wesensgrund des Volkes gewachsen mar. In den „Karpathen" wandte er sich gegen falsche entschuldigende Kritik. Gerade im Kampf um das Volkstum war das Beschönigen und Entschuldigen nie der richtige Weg. Der Weltkrieg beendete Meschen- dörsers Arbeit. Daß er neben seiner kulturkritischen Arbeit auch Dichter war, bewies er mit dem Erstlingsroman, mit dem er die „Karpathen" eröffnete, und den er „Leonor e" nannte. Er gab darin den Lebensbericht „eines nach Siebenbürgen Verschlagenen".
Danach schwieg der Dichter länger als ein Jahrzehnt. Sicher reiften in diesen Jahren seine Dichtungen, so die drei Dramen, deren erstes »Vogel P h ö n i x", heißt. Darin lebt die Sehnsucht, sich aus der Enge der Heimat aufzufchwingen. Ihm folgte „Michael Weiß, Stadt- r i ch t e r von K r o n ft a d t": im Mittelpunkt steht das siebenbürgische Volk, das lieber unter geh en, als feige vergehen, will. Das dritte Drama ist die Geschichte des „Abtes von Krez".
1931 tauchte Meschendörsers Name im Zusammenhang mit dem Ergebnis eines Preises des deutschen Sprachvereins auf. Dieser stiftete für ein im Jahre 1931 erschienenes Werk des schöngeistigen Schrifttums einen Taufend-Mark-Preis. Voraussetzung für die Zuerkennung des Preises war die Erfüllung der Forderung, daß es einen künstlerisch wert- »ollen Inhalt in schöner, reiner und edler Sprache darstellte. Den Preis erb’eit bas Buch „Die Stadt im D ft e n". Der Dichter erfuhr damit die schönste Anerkennung seines Wirkens für eine neue siebenbürgische Volkskultur. Im Urteil eines deutschen Dichters heißt es über dieses Werk: ^,,Es ist seit vielen Jahren kein besser geschriebenes Buch in deut- fajer Sprache erschienen. So, wie es durch Meschendörfer geschieht, mußten Bücher aus der Nation heraus geschrieben und in die Nation werden." Der Dichter erzählt darin die Geschichte einer Schulklasse, die sich ihm weitet einer Chronik des Geschehens in der Stabt Kronstadt und im siebenbärgischen Land. Er schuf damit das Epos des stebenbürgifch-fächsifchen Volksstammes. Sein Problem ist die Erhaltung der sächsischen Volkskraft. Die Darstellung ist von über- rafchender Lebendigkeit.
Nach vierjähriger Pause erschien 1935 „Der Büffelbrunnen''. Wenn snch „Die Stabt im Osten" auszeichnete durch die Vielfältigkeit der
handelnden Gestalten und den roeiten Hintergrund der Stabt und des Landes, so fesselt in diesem Roman die Darstellung weniger Menschen und deren Leben. Es dient der Erhaltung des Volkstums und stellt diese Ausgabe in seine Mitte. Der Dichter läßt darin eine seiner Gestalten sprechen: „Nie mehr werde ich nach Frankreich und Rußland schielen, sondern zuerst immer ausschauen nach den Deutschen in aller Welt".
Eine Sammlung kleinerer Arbeiten stellt das Bändchen „Sieben* bürgen, Land des Segens" bar. Darin findet sich für den, der Meschendörfer näher kennen lernen möchte, ein Bericht „Schaffen und Wirken", daneben stehen Proben feiner kritischen und künstlerischen Tätigkeit, Gedichte und Erzählungen.
Heute arbeitet Meschendörfer an feinem dritten Romanwerk. Die Ruhe dazu fall ihm ein längerer Urlaub vom Berufsleben geben. Den Inhalt dieser Arbeit deutet der Dichter an: „Vielleicht komme ich dazu, in einem dritten Roman meine Vaterstadt in der Nachkriegszeit zu schildern. Bisher habe ich das Dichten nur nebenbei betreiben dürfen, an den zweiundfünfzig Sonntagen und den kargen Feiertagen des Jahres, und jede große Arbeit wurde bisher immer unterbrochen durch berufliche Ablenkung und Aufregung".
Uns Deutschen ist Meschendörfer lange kein Unbekannter mehr. Gerade in diesen Monaten hat er in vielen Städten des Reiches gesprochen und aus [einen Werken gelesen. Ueberall lernten ihn seine Hörer kennen als ausrechten Kämpfer, als einen unserer besten Dichter, der in seinem Werk Zeugnis gibt von Deutschen jenseits der Grenzen.
Als dem Hammerschmied P l e y e r im Jahre 1901 in Eisenhammer das zehnte Kind geboren wurde, dachte niemand daran, daß dieser Junge einstmals eine der stärksten Stützen der sudetendeutschen Volksgruppe werden sollte. Aus dem Erzgebirgischen stammt der Baker, die Mutter kommt aus dem Egerländischen. In Duppau besuchte Pieper die höhere Schule und studierte später an der deutschen Universität in Prag. Als Werkstudent und Arbeiter in den verschiedensten Berufen verdiente er sich den Lebensunterhalt. Als er im Jahre 1924 in Reichenberg die Schriftleitung der Zeitschrift „Rübezahl" übernahm, war damit [ein Schaffensweg vorgezeichnet. Heute lebt der Dichter in Neupaulsdorf bei Reichenberg.
Die Aufgabe, die sich der Dichter Wilhelm Pieper stellte, mag zu* . [ammengefaht fein in dem Wort: „Grenzlanddeutsch fein heißt: Ganz vorne deutsch sein und trotz allem deutsch sein. Der grenzlanddeutsche Dichter kann hierin viel mehr wirken als der Politiker". Vielleicht machte ihn erst die so gesehene Aufgabe zu dem Dichter, der uns heute als einer der ersten unter den Sudetendeutschen gilt. Bevor 1934 der Roman „Der Puchner, ein Grenzlandschicksal" erschien, war Pieper nur durch kleinere Arbeiten hervorgetreten, so durch die satirischen Gedichte „Aus der S p a ß v o g e l s ch a u", die Geschichten „Aus Bauernland" (jetzt neu herausgekommen unter dem Titel „Im Gasthaus zur deutschen Einigkeit") und das Puppenspiel „Der Bärenhäuter". Seine Gedichte vereinigte er in den Bänden „Die Jugendweihen" und „Deutschland ist größer". In diesem schmalen Bändchen findet sich die schöne Strophe der Ausländsdeutschen:
„Die Mutter schickt ihre Kinder hinaus,, Und kommen sie auch nimmer nach Haus, So können doch Berge und Meere nicht wehren, Daß Mutter und Kinder einander gehören."
Seinen ersten Roman widmete Pieper der Entwicklungsgeschichte eines jungen Menschen, dem „Till Sche rauer". Wenn diese Arbeit auch noch nicht die Höhe der späteren Prosawerke des Dichters erreicht, so beweisen doch Aufbau, Form und Sprache, daß Pieper zu dichterifchen Gestaltungen berufen war. So verwunderte es kaum, als er für fein erstes großes Werk, den „Puchner", mit dem Schünemann-Preis ausgezeichnet wurde (1934). Darin steht das bittere Wort: „Deutsch fein heißt nichts voneinander wissen". Pieper würde wohl heute dieses Wort nicht mehr fo schreiben; damals aber, als die ersten Kapitel — vor mehr als zehn Jahren — des Romanes entstanden, muhte es geschrieben werden, damals war es ein letzter, schmerzlicher Mahnruf an alle Deutschen. Der Schicksalsweg des Georg Puchner beginnt in der Vorkriegszeit, führt durch die Schrecken des Weltkrieges, an dessen Ende er verbittert erkennt, daß dreieinhalb Millionen Deutsche einem fremden Volk zugehören müssen. Die Volksnot reißt ihn noch einmal und verpflichtet ihn zum Kampf. Pleyers aufrüttelndes Buch wird ein Dokument bleiben, das nie vergessen werden darf. Um die Pflicht, die der Lebende der Gemeinschaft — jetzt und in Zukunft — seines Volkes gegenüber hat, geht das neueste Werk „Die Brüder To mmahan s". Zunächst mag dem Leser die äußere Handlung wesentlich erscheinen; diese Handlung ist von ungewöhnlicher Spannung und Farbigkeit. Auch die Entwicklung der Menschen des Buches, chr Wesen und ihr Tun würden ausreichen, um ein Werk ohne politischen Hintergrund zu schaffen. Wichtiger aber ist die politische Bedeutung des Romans. Vier Männer stehen in feiner Mitte, vier Brüder, die die Not des Volkes ruft und die folgen. Jeder in feiner Art, der eine im Krieg, der andere später. Es geht in dieser lebenerfüllten Schilderung um die Erhaltung des Volkstums. Und wenn das Mädchen Anna — eine der schönsten und beglückendsten Mädchengestalten, die wir im Gegenwartsschrifttum besitzen — auf den vierten der Brüder verzichtet, damit er die junge Witwe des ermordeten Bruders heiratet, dann tut sie es um ihres Volkes willen, denn für den letzten Tommahans gilt es, das Erbe onzutreten, das der Vater hinterließ, und das größere, das das Volk in die Hände der Vier legte, denn: „Das größere Recht ist nicht bei den Lebenden, sondern bei den Nachkommen; bei den Lebenden ist nur die größere Pflicht".
Mit der Darstellung des Werkes erhellt sich auch die Gestalt des Dichters. Sein Schaffen gilt seiner Heimat und „Besseres als Liebe und Treue hat keiner der Heimat zu geben".
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühlsche Univerf itätSdruckerei L. Lange, Gießen.


