Sehnsucht. !
Don Ina Seidel.
Sinkt der Abend, schwingt mein Herz, Klingt wie eine müde Glocke, Wandert sein Getane weit. Ob es einen Träumer locke, Dringt durch hundert stumme Tore, Liegt, ein Summen, dir im Ohre Und verweht in dunkler Nacht.
Deinem Garten bin ich fern. Und die Rosen blühen drinnen — Sinkt der Abend, weht im Duft Nicht mein Sehnen durch dein Sinnen? Glücklos mühn sich meine Hände, Denn mein Herz hat ohne Ende, Ohne Ende dein gedacht.
Sinkt der Abend, treibt kein Wind Sacht dein Schiss in meinen Hafen? Leere Wellen deckt die Nacht, Müde geht mein Hoffen schlafen. Wollte doch ein Traum dir sagen, Was mein Herz um dich getragen, Ach, wie lang ich nicht gelacht.
Oer Brief.
Novell« von Alexander von Keller.
Wir sprachen über Frauen. Es ist leicht, über Frauen zu reden, wenn man an Bord eines schmierigen Petroleumdampsers in der heißen Sonne liegt — mitten im Urwald von Mandalay — und wochenlang keine weiße Frau zu Gesicht bekommen hat. Der Doktor, ein alter Globetrotter, der seit Jahrzehnten die Meere und Riesenflüsse der Well befuhr, sagt«: „Frauen sind wunderbare Geschöpfe, die wunderbarsten, die die Natur hervorgebracht hat. Ich habe aber die Beobachtung gemacht, daß sich eine Frau erst unter dem Einfluß eines Mannes entwickelt; je besser der Mann, desto wertvoller die Frau. Aber — wo findet man heutzutage noch Männer, die wirkliche Gentlemen sind?
Wir widersprachen erregt, und der Doktor hob abwehrend beide Hände. Er war ein großer, starker Mann mit wirren Haaren und wunderbar blauen Augen, in' denen sich unendliche Räume zu spiegeln jchienen.
„Gentlemen", sagte er und schlug mit der slachen Hand auf ein Knie, „gibt es viele. Was verstehen Sie aber unter einem Gentleman? Einen Mann, der sich in Gesellschaft einer Frau gut benimmt, nicht flucht, ohne ihre Erlaubnis nicht raucht, und keine schlimmen Anträge stellt?" Er lachte.
„Nein, ein Gentleman muß mehr tun! Wäre einer unter Ihnen bereit, sein Leben und seine Freiheit für eine Frau aufs Spiel zu setzen? Für eine Frau, die er niemals gesehen hat und niemals sehen wird? Und doch kannte ich einen solchen Mann, vor vielen Tagen — einen Mann, der sich schützend vor eine Frau stellt!"
*
Kleine Eingeborenen boote stießen vom Ufer ab, und der Kapitän ließ die Sirene zornig aufheulen. Hinter großen Bäumen erschienen dunkle Bohrtürme. Dazwischen standen kleine, spitz zulaufende Pagoden. Der Himmel war grau in grau.
Der Doktor sagt«: „Als die Geschichte begann, war Mettow ein , junger, gesunder und romantischer Mann und schlug sich mit hundert Askaris gegen eine ungeheure Uebermacht. Mitten im Busch von Deutsch- Ostafrika, Mettow war damals abgekämpft, kein Wunder nach vier wilden Kriegsjahren und monatelangem Umherirren in der Wildnis: vier Jahre lang hatte er weiße Frauen nur vorübergehend gesehen, aber er hatte seine Ansichten, denn er hielt viel von weißen Frauen und träumte in müden Stunden von ihnen.
Eines Tages überfielen nun feine Askaris einen englischen Postzug, nahmen die Post und Lebensrnittel und brachten alles dem kleinen Mettow, der gerade einen Malariaanfall hatte. Er machte sich aber nichts daraus; sagte nur „heizuru" (macht nichts) und lachte. Dann nahm er die Post vor. Es war eine unangenehme Arbeit; denn es ist nicht jedem Mann gegeben, fremde Prioatbriefe zu lesen.
Nach einer Weile fiel ihm ein Brief auf. Der Brief einer Frau. Wenn ein Mann wie Mettow den Brief einer Frau lesen muß, der ganz zart nach irgend einem Parfüm duftet, und wenn in diesem Brief Worte Vorkommen, die von Glück und Liebe sprechen — nun, so stellt sich so «in Mann diese Frau vor und umgibt sie mit allen Gedanken, mit denen ein einsamer junger Mann eine junge weiße Frau umgeben kann.
Der Brief begann: „Mein innigftgeliebter Al!" und schloß mit ,Hunderttausend Küssen", und als ihn Mettow pflichtgemäß durchgelesen hatte, versank alles ringsum. Denn dieser Brief hatte einen wilden und verzehrenden Inhalt, und heiße Bersprechungen wuchsen aus ihm wie Lianen aus dem Urwaldboden. Ganz unten stand mit winzigen Buchstaben: Alice Chelmsford und die Adresse. Irgend ein kleiner Ort im Herzen Englands"
Der Kapitän hatte sich neugierig zu uns gesellt.
„Den Brief hat man natürlich weitergeleitet?" fragte er.
Der Doktor nickte. „Natürlich wollte Mettow den Brief f»bald als möglich weitersenden. Er war an einen Capitain Al Clintock im 2. Bataillon der 4. reitenden Afrikaner — irgendwo an der Grenze von Portugiesisch-Afrika gerichtet. Die kleine deutsche Armee befand sich aber auf einem Gewaltmarsch — der „große, weiße Herr Lettow" wollt« beim Tanganjika ins belgische Gebiet wechseln —, so war keine Gelegenheit, den Brief weiterzusenden, und Mettow schloß ihn und legte ihn zur dienstlichen Post.
Genau einen Monat später war der Krieg aus, und das kleine deutsche Askariheer legte die Waffen nieder. Dienstlich« Post, Waffen und Munition mußten übergeben werden, und Mettow gab feinem Betschausch den Befehl, alle Post in einen Ziegenlederbeutel zu geben und diesen zu verschnüren. Am nächsten Tag sollten ihn di« Engländer übernehmen.
Am nächsten Morgen kamen afrikanische Schützen, und die englischen Offiziere luden die deutschen Kameraden zum Lunch ein. Der Krieg war ja zu Ende, und man hatte lang genug gekämpft, um sich jetzt vertragen zu können. Während des Essens saß Mettow neben einem langen Major der Afrikaner, der sich um seine bisherigen Feinde in liebenswürdiger Weise bemühte.
Erst sprach man über die Kämpfe, dann über die Heimat und endlich über allerlei Dinge. Beide Teile hatten ihre Wünsche und Sehnsüchte, und beide waren jahrelang von Menschen getrennt gewesen, die ihnen nahstanden. Wie sie so beisammen sahen, erzählte der lange Engländer dem kleinen Mettow von seiner Frau, die irgendwo im fernen England saß und sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte.
" „Ich habe Alice vor zwei Jahren während meines Heimaturlaubs geheiratet", sagte der Engländer, und seine Augen begannen zu leuchten, „sie ist für mich alles. Wenn ich sie verlöre, würde ich nicht mehr leben können!" Er erzählte noch allerhand und nannte auch den Ort, in dem seine Frau lebte. Mettow horchte auf. Ihm fiel plötzlich der Brief ein, der sich unter feiner dienstlichen Post befand — der Brief, der so süß und liebevoll war
Ohne zu denken, in einer Art Trance, sagte er wehmütig lächelnd: „Dann sind Sie der glückliche Al Clintock!"
Der lange Engländer beugte sich vor; alles Blut war aus seinen Wangen gewichen. „Wie — kommen Sie auf diesen Namen?" fragte er heiser. Und Mettow sah, wie die starken Hände des Hünen zitterten. „Ich bin Bill Chelmsford! Um Gottes Willen, Kamerad, wie kommen Sie auf diesen Namen?"
Mettow überfah alles in einem Augenblick und setzte sich auf. Er hatte das dumme Gefühl, als griffe eine Eishand nach feinem Herzen. Mit ungeheurer Willenskraft hob er fein Glas; feine Hand war vollkommen ruhig. Und liebenswürdig lächelnd sagte er: „Verzeihung, ich hatte Ihren Namen bei der Vorstellung überhört. Ich bin vor vielen Monaten in Tabora einem Offizier Ihrer Armee begegnet, der sich Al Clintock nannte. Er schien mir sehr zufrieden und — glücklich. Und im ersten Augenblick dachte ich wirklich, Sie wären es!"
„Seltsam", murmelte der Engländer und senkte den Kopf. Er sah in diesem Augenblick alt und verfallen aus. „Wenn Sie wüßten, welche fürchterliche Bedeutung der Name Al Clintock für mich hat ..."
„Verzeihung", sagte Mettow leise und begann über die Schlacht bei Tabora zu reden.
Eine Stunde später kam er ins deutsche Lager und rief feinen Betschausch. „Wo ist der Ballen mit der dienstlichen Post, Ali?"
„Drüben, Herr." Der Schwarze wies mit dem Kops auf bas englische Lager. „Man hat ihn vor zehn Minuten geholt."
„Es ist gut, Ali", nickte Mettow, steckte seine Pistole ein und ging zu den englischen Afrikanern, die um große Feuer saßen. Binnen kurzem hatte er seinen Ballen gefunden. Das Feuer war kaum zwanzig Schritte entfernt.
1 ,Hallo Boys, zurück!" sagte Mettow plötzlich und riß seine Pistole heraus. Die englischen Afrikaner blieben wie starre Götzenbilder kauern. Und der kleine Mettow nahm den Ballen — mit der Post und dem Brief —, warf ihn ins Feuer und wartete, bis er verbrannte. Dann schleuderte er seine Pistole weg und ging ruhig den englischen Offizieren entgegen, die herankamen."
Der Kapitän strich seinen Schnurrbart und betrachtete nachdenklich die vorbeiziehenden Bohrtürme. Die Maschine arbeitete dumpf und gleichmäßig. Der Malaie, der, mit einer langen Stange bewaffnet, an dem Bug stand, rief jede Viertelstunde die Wassertiefe aus.
„Und was geschah wetter?" fragte der Kapitän endlich neugierig.
Der Doktor lachte. „Mehr als ein Mensch ertragen kann. Mettow hatte — nach dem Waffenstillstand — englische Truppen mit bet Waffe in der Hand bedroht und einen Postbeutel, der bereits britisches Mitttar- gut war, vernichtet. Dafür kam er vor ein Kriegsgericht und entging knapp dem Tode. Man bemühte sich vergebens, den Grund seines Verhaltens zu erfahren. Vier Jahre lang saß er dann auf einer weltvergessenen Insel, zwei weitere Jahre in Schottland, und endlich kam er nach Hause. Etwas mager und müde, aber ungebrochen!"
„Wie haben Sie die Geschichte erfahren, Doktor?" fragten wir.
„Auf die einfachste Art der Welt. Die Behörde gab mir den Austrag, bei Mettow eine Geistesstörung zu konstruieren, und ich durste ihn besuchen. Als ich dann mit meinen psychiatrischen Mätzchen begann, wurde er wütend und wollte mich hinauswerfen. Schließlich aber erzählte er mir alles."
, Warum hat er denn vorher nichts erzählt", meinte der Kapitän.
„Warum er nichts erzählt hat?" antwortete der Doktor mit leiser Ironie in der Stimme. „Weil er durch eine*.1 blinden Zufall das Geheimnis einer Frau erfahren hatte, durch Preisgabe dieses Geheimnisses eine Frau aber in den Tod oder in Not und Elend getrieben hätte weil er ein Gentleman war!"


