8te st« sonst erfüllen. Sie fitzen beieinander und reden und reden, ste streiten sich um Gott und um die Welt. In Peter Müller ist Gott verankert, in Bernd arbeitet sein Ringen um den Faust. „Du gehft<gefähr- liche Wege", sagt der Pfarrer, der sich weit mehr als der Offizier mit dem beschäftigt hat, an das Bernd erst jetzt herangerät, ,chu muht nicht fragen: wo ist Gott? Du muht glauben, daß er da ist." Jedoch er überzeugt Bernd nicht, er führt ihn nur zu Quellen, von denen er ihn eigentlich fernhalten möchte. Er .roiberlegt Dinge, über die Bernd bisher nie nachgedacht hat und die er nun gierig erfaßt. Bernds KinLerwahrhe'>n werden von Zweifeln und Erkenntnissen angenagt.
Zu Ostern steht Alexandrine Czeh mit anderen jungen Mädchen vor dem Altar der Dreifaltigkeitskirche. Bernd fitzt im Gestühl und ist voll bereit, diese Einsegnung aus ganzem Herzen mitzuerleben. Er hört den Freund sprechen, er spürt, wie seine Worte ringsum die Menschen packen, aber er wird nicht erschüttert, er nicht. Im Gegenteil: in ihm melden sich Widerstände, auf die er selbst nicht vorbereitet ist; aus seinem Inneren heraus wird das, was ihm bisher angelehrt wurde, überfallen, und er kann sich des Angriffs nicht erwehren. Peter Müllers Worte zielen auf das Abendmahl hin, das Abschluß und Krönung der Feier sein wird; er spricht von Sünde und Erlösung. Da steigt in Bernd die Abwehr auf: Wie kann der Freund vor diesen Kindern von Sünde sprechen? Ist denn in ihnen schon Sünde, die ihnen vergeben werden muß? Er kennt aus der Schar dort vor dem Altar nur Alexandrine Czeh, und sie wird für ihn zur Gesamtheit: froh, kindlich, sauber. Warum quält Peter Müller sie an diesem Tage, der ihr das Leben öffnen soll, mit Vorwürfen, die ihr ja gar nicht gelten können? Warum schiebt er Riegel, geistige Riegel vor das Leben, statt Tore zum Leben freudig aufzustoßen? Warum breitet er Schatten, statt Schleier fortzureißen, damit wirkliches Licht in die Herzen ströme, lebendiges Licht?
Das Schiff der Kirche scheint Bernd dunkel, und er möchte es so gern hell, leuchtend hell für diese Kinder haben.
Als die Feier beendet, drängen die Verwandten und Freunde zu den Konfirmanden, um ihnen Glück zu wünschen. Auch er geht nach vorn, R vor Lexe und sieht in ein tränenüberströmtes Gesicht. Und wieder as Fragen da: Warum dieser bittere Ernst, warum keine Froheit, kein Lachen? Das Leben, in das dies Kind heute hineingeführt wird, soll doch etwas Schönes, Lichtes werden. Muß man es an fernem ersten Tag mit Worten von Sünde und Tod erfüllen?
Auch als sie später in Irenes Räumen zusammen sind, bleibt die Stimmung ernst, verhalten. Wieder spricht Peter Müller, spricht vom Vater, der schied, spricht von den Pflichten, die kommen. Warum belastet er diese junge Seele? fragt sich Bernd. Er versteht den Freund nicht.
Für wenige Augenblicke faßt er Lexe allein. Sie steht an einem Fenster und sieht in die Gärten, die auf der anderen Seite der Straße liegen. Die Sonne scheint; es beginnt draußen zu grünen und zu blühen; der Frühling will kommen, nein: er ist mit seinem ersten Leuchten schon da.
Bernd nimmt ihre Hand, er blickt in ihre Augen. „Schön ist es da draußen, Lexe, nicht wahr? Möchtest du jetzt in Waldhausen sein und durch den Park laufen?"
Sie nickt.
v,8adje doch einmal, Lexe. Freue dich des Tages. Das Leben ist nicht so ernst, wie sie es dir alle heute gepredigt haben, das Leben ist schön und hell und licht."
„Wirklich?"
„3a, Lexe. Es ist schön. Daran glaube. Man darf nicht nein sagen jum Leben, man muß ja sagen und immer wieder ja!"
Da gleitet etwas von der Frühlingssonne draußen über ihr Gesicht. »Ich will es versuchen", sagt sie.
„Richt versuchen, Lexe, tun mußt du es. Versuche sind immer halbe Dinge, nur die Tat etwas Ganzes."
In den nächsten Tagen ist Bernd voller Unruhe. Er kommt nicht von den Gedanken an die Einsegnung los. Zweifel und Fragen quälen ihn. Schließlich geht er zu Peter Müller; er fällt ihn an: „Wie konntest du zu diesen Kindern von Sünde sprechen? Was haben sie denn verbrochen?"
„Die Sünde steckt in jedes Menschen Herz."
Bernd begehrt aus: „Rein. Ihr seht sie nur in den Herzen und vergeßt darüber die Lauterkeit. Ihr sagt: der Mensch ist sündig von Jugend auf. Ich aber sage: der Mensch ist gut."
/'Die Kirche sagt .. ", beginnt Peter, aber Bernd laßt ihn nicht weitersprechen. „Ich will nicht hören", ruft er, „was die Kirche sagt, sondern was du sagst als lebendiger Mensch. Was ist denn Sünde? Wenn einer mordet, wenn einer stielst, wenn einer lügt — ja. Aber was hatten deine Konsirmanden mit all dem zu tun? Was hatte Lexe Czeh mit dem zu tun? Nichts. In ihr steckt das Gute und nicht das Schlechte, nicht die Sünde Warum quälst du sie damit?"
"3d) habe sie nicht gequält. Ich zeigte ihnen nur, wie das Leben ist."
„Du meinst, wie du es siehst."
„Ich habe sie vor Gefahren gewarnt. Ich muß sie zurückhalten, damit sie nicht fallen."
„Und wenn sie fallen?"
„So wird Gott ihnen vergeben, wenn sie chre Sünde bereuen."
„Unb wenn sie das, was du Sünde nennst, nicht bereuen können, roas bann? Ich weiß: Verdammnis, später, nach dem Tode. Aber hier aus Erden was da? Sollen sie bis an ihr Ende mit der Qual in der Seele umherlaufen, daß ihnen später jenseits dieser Welt Verderben
’n 'hren Herzen etwas anders empfanden als ihr, als öle Kirche? Ich hatte ein Verhältnis mit einem Mädchen Peter War das Sünde? Ja, sagst du. Aber warum? Wir hatten uns lieb wir fanben uns, wie es das Leben will. Da war kein Betrug, keine Unehrlichkeit, ba war alles sauber unb rein. Wir waren glücklich, wenn wir zusammen waren. Was soll sie da, was soll ich da bereuen?"
Peter hebt seine Stimme. „Bernd, Bernd, du rüttelst an den Grund» festen unserer Kirche. Wenn ihr so unser Haus einreifet wo bleibt bann Gott?"
Bernd ist füll, er denkt nach. „Wo bleibt bann Gott?" wiederholt er. Langsam geht er auf den Freund zu, bis er ganz dicht vor ihm steht. Beide Hände legt er ihm auf die Schulter. „Bedarf es dazu der Kirche, Peter? Bedarf es dazu der Mauern? Ist Gott nicht überall?"
Wenige Wochen später weiß Bernd, daß er sein Ziel erreicht hat: er ist zum Herbst zur Kriegsakademie einberufen. Er steht auf dem Kasernenhof, als ihm der Regimentsadjutant die Mitteilung des Prüfungsergeb- niffes macht. Eine stolze Freude quillt in ihm auf. Aber bann plötzlich auch Wehmut, er sieht sich um: ba sind die grauen Mauern der Kasernen, da ist der Stall, ba ist fein Pferd, fein Beberdecker, ba ist der Exerzierplatz, da sind Abteilungen, die Marschbewegungen üben, die über Schietzdienst unterrichtet werden, da sind die Unteroffiziere, die Mannschaften, ba ist bas ganze kleine große Reich militärischen Daseins, dessen Untertan er all die Jahre war und von dem er sich nun trennen soll. Er begreift nicht mehr, daß er dies Reich in den letzten Wochen fast verachtete. Sehnsucht nach Dienst und Drill und Soldatsein ist wieder wach. Er wendet sich um und denkt: Roch ein halbes Jahr hab' ich dies alles. Ich will es nutzen.
Dann aber eilt er zum Czehschen Hause. Er muß es ihnen doch zuerst sagen.
Ihnen? Er stutzt einen Augenblick über sein Denken. Ja gewiß: ihnen. Irene und Lexe.
Er stürmt in Irenes Zimmer. „Bestanden!" ruft er.
Sie wünscht ihm lächelnd Glück. „Das freut mich, Bernd." Und er fühlt: sie sagt es wie eine Mutter.
Das ist ein seltsames Erkennen für ihn.
IIL
Bernd von Wallnitz geht auf den Riesenbau des Berliner Schlosses zu. Er ist in Gala: Helm mit Busch, Waffenrock mit Silberstickerei, rote Streifen an den Hosen. Er trägt noch die Uniform des Garde-Füsilier» Regiments, aber er weiß: im Herbst wird er sie mit der des Generalstabes vertauschen. Seine drei Kriegsakademiejahre liegen hinter ihm, er ist zur Dienstleistung in die „Rote Bude" am Königsplatz kommandiert. Er arbeitet in der Manöverabteilung, es wird viel von chm verlangt, (ein Chef ist streng. Aber er arbeitet gern und fühlt sich sicher.
Im Schloß sind im dritten Stockwerk alle Fenster erleuchtet. Die Auffahrt der Wagen zum letzten Hofball des Winters, zum Fastnachtsball, hat schon begonnen. Die Fahrzeuge flauen sich vor dem Portal, das auf den Lustgarten zuführt und von den Bildwerken der beiden Rasse» bänbiger flankiert wird. Wallnitz mutz an den Volkswitz denken, der sie „der gehemmte Fortschritt" und ,cher geförderte Rückschritt" getauft hat. Der Witz stimmt in seiner Beziehung zum Preuhenschlotz nicht mehr recht. Er ist 1848 geprägt worden, und jetzt schreibt man Februar 1914. Es hat sich viel geändert in den Jahren seit der Bürgerrevolution, und vielen alten Preußen ist man im Schloß viel zu sortschrittlich und viel zu kaiserlich. Es gibt genug ergraute Generale und Konservative, die immer noch lieber vom ,König von Preußen" als vom „Deutschen Kaiser" sprechen und des „Alten Herrn" und des „Altteichskanzlers" mit stiller Wehmut gedenken; sie meinen, man ließe die Zügel schleifen, und sehen mit besorgten Mienen in die Zukunft; sie gehen nicht mehr zu Hofe, es ist ihnen dort zu laut und zu üppig geworden; sie fürchten, im Schloß Gesichter zu finden, die nicht zu ihrer Äuffassunz von „j)ofgefeU- fchaft" passen. Sie erinnern sich gern der Zeit, wo man noch gemessenen Schrittes die breiten Stufen zur Bildergalerie hinauffchritt und sich des warmen Schimmers von vielen taufend Kerzen erfreute, wo drei oder vierhundert Menschen zum Hofball geladen waren, die sich alle gegenseitig wirklich kannten; sie mögen nicht im Fahrstuhl zu den Festräumen emporfahren, um unter zweitausend ober mehr Fremden im grellen elektrischen Licht doppelt stark zu spüren, wie sehr sie zum alten Eisen gehören.
Als Wallnitz in den Fahrstuhl treten will, kommt der General von Lassvw hinzu unb streckt chm die Hand entgegen. „Sieht man Sie auch mal wieder, Wallnitz? Es ist lange her, seit wir uns kennenlernten. Ich habe es aber nicht vergehen: Hvhenfriedeberg. Und mein Vortrag hat genützt, habe ich gehört. Angehender Generalstäbler?" — „Zu Befehl, Exzellenz." — „Und trotz der vielen Arbeit auf dem Hvfball?" — ,Zch bin gebeten worden, zu kommen, Exzellenz." — ,Zch mache Ihnen ja feinen Vorwurf, Wallnitz. Ich finde es sogar richtig, daß Sie sich hier Zeigen. Ein junger Offizier muß beides verbinden können, Dienst und gesellschaftliche Pflichten." Während'der Fahrstuhl aufwärtsgleitet, fragt der General nach Bernds Eltern, nach Dapper. ,Hch habe doch neulich Ihren Namen in der Kreuzzeitung gelesen, eine Familienanzeige. Was war es doch?" — „Meine jüngste Schwester hat geheiratet, Exzellenz, meinen Freund, den Hofprediger Müller." — „Richtig, das war's. Ein ausgezeichneter Kanzelredner überdies. Sie sind befreundet mit ihm. Das ist ja nett für Ihre Schwester." Der Fahrstuhl hält, der Lakai öffnet die Tür, sie treten gemeinsam auf den Vorplatz. Wieder gibt der General Wallnitz die Hand. „Also, viel Vergnügen heute abend." — „Gehorsamsten Dank, Euer Exzellenz."
Wallnitz wartet, bis der General im Gewühl der Menschen verschwunden ist. Er lächelt zufrieden. Die kleine Schwester ist glücklich und Peter auch. Er hat ihn einmal auf ein paar Urlaubstage mit nach Dapper genommen, und da hat sich alles wie von selbst gemacht, fast am ersten Tage. Wie hatte Lotte doch damals gesagt? ,^sch kriege meinen Mann .auch so." Ohne Hofball, hieß das. Fast drei Jahre hat sie tapfer auf ihren Peter gewartet, bis er die Stellung als Hofprediger in Potsdam bekam und wieder ein paar Dapperfdje Möbel aus dem alten Haus hin- auswandern mutzten, um in die kleine sonnige Dienstwohnung dicht an der Friedenskirche einzuziehen. Die Hochzeit war natürlich in Dapper, und Lexe Czeh war als Brautjungfer dabei.
(Fortfttzüng folgt.)


