Ausgabe 
25.3.1938
 
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vietzeimZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Zahrgang <958 Zreitag, den 25. März Nummer 2<

Herz Im HW

Aomau von ^ans-Äaspar von Zabeltitz

Copyright by deutsche Berlags-AnstaN, Htuttgart

10. Fortsetzung.

Sie tritt, als Bernd gegangen ist, «ns Fenster und winkt ihm nach. Ob er es schafft?" fragt sie dann die Mutter.

»Aber natürlich."

Das wäre fein."

Irene stutzt. Sie sieht: Das Mädel blüht und knospet, lieber den kinderbacken liegt ein roter Schimmer innerer Erregung.

Es ist später als an anderen Tagen, sonst liegt Lexe um diese Zeit shon im Bett. Heute aber gibt es noch eine Plauderstunde, denn Lexe Hill wissen, was für ein Examen Bernd eigentlich macht. Irene gibt ihr Bescheid.

Im Zimmer brennt nur eine Lampe. Es ist wohlig warm.

Lexe schmiegt sich ganz dicht an Irene an.

Muttili", sagt sie nur selten gebraucht st« diesen Kosenamen »Muttili, darf ich dich einmal etwas fragen?"

Gewiß, Lexe."

Etwas ganz Ernstes?"

Gewiß, Lexe."

Lexe zögert, hebt ihren Kopf und blickt scheu zu Irene .auf. Dann frmmen sehr zaghaft, sehr stockend die Worte:Willst du nicht wieder Giraten, Muttili?"

Nur einen Augenblick ist Irene erschrocken, nur einen Augenblick d uert es, bis sie sich wieder voll in der Hand hat.Nein, Lexe, wir beiden zusammen wie wir sind. Wir drei: du Günter und ich. 3jt es denn nicht schön so, Lexe?"

Noch näher drängt sich Lexe an sie.Ja sehr schön."

Es ist still im Raum.

Irene fühlt den weichen Körper ihres Kindes, sie fühlt noch mehr: ins Klopfen des jungen Herzens, Schlag um Schlag um Schlag. Sie denkt mit, weit zurück, bis in die Tage, da sie dieses Kind zum erstenmal in sch spürte. Das wächst nun heran, wird ein Mensch, eine Frau. Wie schnell d«s geht, wie schnell trotz.allem, was das Schicksal dazwischen aus den 8eg wirft: Liebe, Tod und wieder Liebe. Auch sie wird einst das Herz ii Schild ihres inneren Wappens tragen. Daß dies Schild sauber und blank dlribt, dafür muß sie sorgen.

Sie löst sich von ihrem Kinde.Geh zu Bett, Lexe. Komm, stehe auf, ii bringe dich noch."

Arm in Arm gehen sie den Flur entlang, bis zu Lexes Zimmer, das hit ganz in Weiß gehalten ist: nur hier und da ein Tupfen Rosa: am Srtt, an der Hängelampe, an einem Kissen auf der kleinen Caifelongue.

Irene hilft der Tochter beim Auskleiden, hakt das Miederchen auf, 6|t ein paar Schleifen. Lange hat sie das nicht getan. Sie wäscht lhr f«$ar das Gesicht, den Hals und reibt mit dem Leinentuch nach; sie genießt liefe mütterlichen Handreichungen und Griffe, und Lexe, die doch schon zem groß und erwachsen tut, läßt sich alles gefallen. Es gibt Lachen, es jitt Scherze.

Bis Lexe in ihrem Bett liegt, den dunklen Kopf auf den weißen Kiffen, «nti Irene wie in Kindertagen mit ihren Händen die gefalteten Hände her Tochter umschließt. Da ist Lexe plötzlich wieder ernst.Weißt du, Üluttifi. das vorhin ich fragte nur, weil sie im Dorf immer sagten, es |fi n' gut..."

,) weiß, Lexe."

Lexes Wort ist aber doch nicht so leicht abgetan in Irene.

Sie sitzt noch lange in ihrem Zimmer allein. So weit denkt das Kind «ist schon.

Wieder heiraten? Nein.

Das große Glück war ja einmal da. Es reicht wohl aus für ein Seten. Es kann gar kein neues mehr geben.

Ob das Kind an den Wallnitz dachte?

Warum zog sie ihn eigentlich in ihr Haus, damals, nach Alexanders $»? Sie hat nie darüber nachgedacht, jetzt scheint es ihr aber klar: Weil er so jung war, ein Stück der Jugend, verträumt, verliebt, roman= Inch, die sie nie gehabt hatte, die ihr dann aber doch noch geschenkt Durbe im Wiener Frühling. Und die nun wohl vorüber ist für immer. Widern war es schwer gewesen, für die Kinder zu leben, nur für die wöer; jetzt ist es leicht. Das Glück war ja bei ihr gewesen, einmal, Nrz stark, gebend, nehmend, erfüllend. Nach ihm ist wohl keine Pflicht W hart und eifern; nach ihm ist jede Pflicht leicht und schön.

Soviel Kraft gibt ein Glück.

Irene geht an ihren Schreibtisch: sie schaltet das Licht unter dem grünen Schirm ein, zieht einen Bogen heran und beginnt einen Brief an William Bruce nach Kapstadt, einen ganz ruhigen, sachlichen Brief, der von Lexe berichtet und von Günter.

Nach den Prüfungstagen es find ihrer fünf überkommt Bernd ein großes Bedürfnis nach Stille. Er weiß, er muß jetzt Monate warten, bis ihm mitgeteilt wird, ob er feine Einberufung zur Kriegsakademie erhält oder nicht. Er glaubt, gut gearbeitet zu haben, aber ob er besser gearbeitet hat als die andern fünfzehnhundert Bewerber, kann er nicht wissen. Und merkwürdig: die Frage beunruhigt ihn nicht, ja, sie be­schäftigt ihn kaum. Die Gegenwelle ist da: er kann nichts mehr hören von Taktik, Kriegsgeschichte und verwandten Dingen, ja selbst der Dienst wird ihm zuwider. Er findet die Kaserne muffig, den Drill sinnlos, seine Adjutantenpflichten kindlich leicht, fast seiner nicht würdig: jeder Unter­offizier könnte sie erledigen. Er zieht die Uniform aus, sobald er kann, meidet die Kameraden und versteht ihre Freude am gemeinsamen Leben im Kasino nicht mehr mit Umtrunk und, wie er sagt, ewigen Kommiß- gesprächen. Er denkt an das Angebot, das ihm sein Kommandeur machte: Urlaub. Aber er weiß kein Ziel. Dapper lockt ihn nicht. Vater würde doch nur nach seinem Dienst und Mutter nur nach dem gesellschaftlichen Leben fragen. Die weite Welt aber, von der Irene Czeh sprach, ist ihm verschlossen; Reisen kosten Geld, und Geld hat er nicht.

Dies Loslösen vom Gewohnten wird ihm aber nicht leicht und macht ihn nicht froh, er ist verstimmt, er ist zerfallen mit sich und seinen ureigenen Bezirken.

Da fragt ihn eines Tages Irene Czeh, ob er mit ihr ins Deutsche Theater kommen wolle, wo der zweite Teil desFaust" gegeben wird. Er sagt zu, ohne zu bedenken, an was er sich wagt. Er hat den ersten Teil des Faust ein- ober zweimal gesehen, aber er hat nur die Gretchen- tragöbie in ihm erfaßt, und auch sie nur erdennah, ungeistig. Jetzt rauscht der zweite Teil an ihm vorüber: er sieht eine Fülle von. Bildern, die ihn erschüttern, die er aber nicht begreift, er hört Worte, Verse, die für ihn hinter Schleiern bleiben; alle Gestalten auf der Bühne stehen vor ihm wie Fragesteller, denen er keine Antwort geben kann.

Todmüde kommt er in feine Wohnung zurück, sein Hirn, ist über­schwemmt von unbekanntem Humus, der alles erstickt, was ihm bisher Dichtung war: bas romantische Versgeläute feiner Pagenballaden. Er steht vor seinem Bücherschrank, greift nach der Goetheausgabe, die er jahrelang nicht in die Hand genommen, sitzt vor seinem Schreibtisch und beginnt zu lesen. Wie es seine Wesensart ist, spart er sich nichts, weder die Zuneigung noch das Vorspiel auf dem Theater, noch bas im Himmel. Er weiß gefühlsmäßig: nur über ben ersten Teil kann ich zum zweiten vorbringen. Er quält sich eine ganze Nacht hindurch, aber er ist, als der Morgen graut, nicht über ben Osterspaziergang hinausgekommen.

Jedoch der Anfang ist gemacht: die Welt Goethes öffnet sich ihm.

Er wirb ein Maulwurf, er quält sich in bas neue Erbreich hinein, schüttet, was ihn am Vorbringen hindert, mit dem Schübel ans Licht und frißt erst einmal bie Brocken gierig auf, die er leicht verbauen kann.

Seine Mißstimmung versinkt, sein Dasein scheint ihm roieber zweckvoll. Er holt sich Bücher heran, Auslegungen, Wegweiser in fremdes Land. Er bezieht alles erst einmal auf sein eigenes Leben und folgert, daß fein Verhältnis mit Hilde nichts mit der Gretchentragödie zu tun hatte, und baß seiner Absage an Lore auch keine Tragik innewohnte. Der leuchtenbe Ausklang vorn Ewigweiblichen, ber ihm von jenem Theaterabend her unvergeßlich im Ohr, aber noch nicht in ber Seele hastet, gilt, in fein Leben gerufen, Irene Czeh. Sie ist ihm noch immer das Licht.

Er fühlt gar nicht, baß es in ihm revolutioniert, daß auch an feinem (Bottglauben gerüttelt wirb, ber in ihn vom Kinbergebet an als unum­stößliches Gesetz gelegt ist, so fest wie fein- Glaube an sein Preußentum unb seine Königstreue. Das alles ist in seinem Inneren eine in sich ge­schlossene Festung, die noch keiner angegriffen hat, deren Mauern des­halb auch noch keine Risse ober gar Breschen zeigen.

Er schweigt zu allen von diesem Kamps, den er mit dem Faust führt, auch zu Irene Czeh, mit ber er früher so gern von ber Romantik sprach, bie ihn erfüllte, ohne zu merken, daß sie für seine Begeisterung nur ein Lächeln hatte, bas zwar verstehend war, aber bie Grenze anzeigte, bie ber Altersunterschieb zwischen ihnen errichtete und die er nie spürte.

In dieser zwiespältigen Zeit lernt er in Irenes Haus ben Pfarrer Peter Müller kennen.

Die beiben Männer fühlen sich fo stark zueinandergezogen, daß so­fort eine Freundschaft zwischen ihnen aufsproßt, bie ihre Wurzeln in den Boden ihrer ihnen gemeinsamen Liebe zu Irene Czeh streckt und dort überreiche Nahrung findet. Alle ihre Gespräche beginnen und enden in dieser Liebe, die das gleiche Ziel, jedoch auch die gleiche Belastung des Unerfüllbaren, Unerklimmbaren hat.

Zwischen diesem Anfang und diesem Ende aber liegen alle Probleme,