Englands letzte Revolution.
Von Annemarie von Puttkamer.
Schon von der Thronbesteigung Jakobs II. im Jahre 1685 an hatten die mit der Stuart-Herrschast unzusriedenen englischen Großen die Blicke auf Jakobs Schwiegersohn Wilhelm III. von Oranien, den Generalstatthalter der Niederlande, gerichtet. Da Jakob aus der ersten Ehe nur zwei Töchter und aus zweiter Ehe bei der Thronbesteigung keine Kinder hatte, so war Wilhelm der nächste Anwärter auf den Thron. Das wurde anders, als Jakob am 10. Juni 1688 ein Sohn geboren wurde. Oer König hatte in diesen drei Jahren alles getan, um sich mit seinem Volke gu verfeinden. Dieser persönlich tapfere und aufrichtige Fürst verstand den englischen Volkscharakter noch weniger als irgendein Stuart vor ihm. Er versuchte, nach den Grundsätzen des Absolutismus zu regieren, der im ganzen übrigen Europa in feiner höchsten Blüte stand, und er begünstigte offen die katholische Kirche. Für die entgegengesetzten Prin-
" Nun, Ich konnte ihm nicht sagen, daß ich den Topf unterwegs hinter «eine» Busch gestellt hatte und weggelausen war, um nach dem Engel °US^agetong suchte ich vergeblich. Auch bei der Abendmusik sah ich eine (remde Dame aus dem Stuhl in der ersten Reihe, vor ihr verbeugte sich
>er Kapellmeister jetzt, es machte ihm nichts aus. Eines Mittags aber, als ich mit dem Ehkorb am Arm nach Hause schlenderte, saß der Engel Johanna auf einer Bank am Weg. Er ries mich an, ob ich etwas für ihn besorgen möchte, einen Brief. Den sollte ich dem Herrn zustellen, der bei uns wohnte. Aber nur ihm selbst, und wenn ich ihn etwa mcht träfe, dann sollte ich den Brief gleich wieder zurückbringen.
Ob ich das tun wolle?, fragte der Engel. Ach ja, ich hätte dem Teufel Persönlich eine Botschaft ins Haus getragen, falls der Engel vielleicht noo) mehr jo anrüchiger Bekanntschaften hatte. Als ich beim Kapellmeister eintrat, stand er vor dem Spiegel und bestäubte sich aus einer Flasche. Hier sei ein Bries für den Herrn, sagte ich.
„So?" sagte er, „gib ihn her!" . '
Da hielt er das rosenfarbene Kleinod in der Hand drehte es um und vm und roch daran wie ein Affe, und dann warf er es auf sein Bett.
„Es ist gut", sagte der Kapellmeister und nickte mir zu, als bekäme er jeden Tag Briefe von Engeln, aber er gab mir doch ein Nickelstück aus seiner Westentasche.
Ich stahl mich aus dem Hause und lief in den Park zuruck, um den Hergang zu berichten.
Nein, der Kapellmeister las den Brief nicht gleich, er legte ihn auf das Bett, es fei schon gut, sagte er. Aber es lagen noch mehr Briefe dort, fugte ich zum Trost hinzu, weil der Engel mit einemmal so blaß und vergrämt aussah, vielleicht liest er sie dann alle mitsammen.
Das war freilich bloß erfunden, es half auch nicht viel. Der Engel sagte kein Wort mehr, er stand plötzlich auf und ging fort. Mich selber kam es bitter traurig an, als ich ihn so den Weg entlang gehen sah, ganz langsam und ein wenig schwankend, einmal trat der Engel sogar in den Graben und kam beinahe zu Fall. Gewiß war er kränk, oder er hatte sonst einen argen Kummer zu leiden, wer konnte das wissen? Ich ging bedrückt zu meiner Arbeit auf den Zimmerplatz zurück. Unterwegs aber schleuderte ich das Nickelstück in den Weiher, daß es weithin über das Wasser hüpfte.
In der folgenden Woche geschah allerlei Seltsames. Der Kapellmeister packte den Koffer und reiste ab, obwohl der Sommer ja noch lange währte. Tags darauf kam der Wachtmeister und durchsuchte Kisten und Kasten in unserer Schlafkammer, und die Mutter jagte mich aus der Tür, als ich mich auch ins Gespräch mischen wollte. Und am gleichen Abend erzählte der Vater bei Tisch, die junge Lehrerin sei in den Fischteich gesprungen, man habe sie aber noch herausziehen und retten können.
Dieser Vorfall erschreckte mich furchtbar. Ganz plötzlich und zum erstenmal in meinem Leben hatte ich ein ahnendes Gesicht von der dunklen Gewalt des Schicksals, das geheimnisvoll zwischen den Menschen wirkt und sie unversehens überfüllt und gnadenlos vernichtet. Von Stund' an brach eine Krankheit, die schon eine Weile in mir gesteckt haben mochte, heftig hervor. Ich mußte in das Spital gebracht werden. Die Mutter wehrte sich verzweifelt dagegen, aber schließlich gab sie doch nach und zog mit mir, des festen Glaubens, daß wir nun beide stürben und verdürben. Wann immer ich aus meinem Fieberfchlas erwachte, fand ich die Mutter neben dem Bett, sie saß wohl Tag und Nacht auf dem harten Stuhl, und ihre hohle Hand hatte sie über meine Stirne gelegt, wie man ein schwaches Flämmchen hütete, damit es nicht erlischt. Ich wurde sehr von schreckhaften Träumen geplagt. Oft lag ich halb wach und sah alles genau, das unbewegte Gesicht der Mutter, die nüchternen Wände meiner Krankenstube. Aber draußen rauschte wildes Wasser, und der Engel Johanna stand am Fenster und winkte herein und rief mir zu, er spränge jetzt in den Teich, um das Goldstück zu holen, das ich hineingeworsen hatte. Ich schrie dann laut und verlangte stürmisch, der Engel sollte hereinkommen, damit ich ihm sagen könne, es sei nur ein Groschen gewesen, und den sände niemand wieder.
In diesen Wochen ging es mir hart ans Leben. Eines Morgens aber, nach der jchlimmsten Nacht, trat der Engel leibhaftig in das Zimmer. Vielleicht erschien er ungeheißen, vielleicht bestand auch längst ein stilles Einverständnis zwischen den beiden Frauen. Weißgekleidet und himmelschön schwebte der Engel an mein Bett und beugte sich herab, ich sah seine Augen wie große blaue Lichter über mir. Und dann küßte er mich, mir war es unbeschreiblich weh und lustvoll zugleich.
Es währte nicht lang. Die Mutter, aufrecht und streng, wie sie sich immer hielt, meine Mutter nahm den weinenden Engel an sich und führte ihn wieder hinaus. .
„Nein", erklärte sie sväter auf mein ängstliches Fragen, „sie kommt nicht wieder. Gott straft den Leichtsinn", sagte die Mutter ernst.
zlpien war kn England Generationen lang gekämpft worden, und es waren in diesen Kämpfen in der Seele des Volkes lebendige Kräfte erwachsen, die der König nicht erkannte und nicht begriff. Seine Gegner vermehrten sich beständig, aber sie schwiegen, solange Jakob keinen mann- lichen Erben hatte und sie also seine Herrschaft für eine vorübergehende Episode ansehen konnten. Nach der Geburt des Prinzen von Wales aber traten sie offen mit Wilhelm in Verbindung.
Für den Dränier war England die höchste Karte in dem Spiel großer europäischer Politik, dessen Sinn der Kampf gegen Ludwig XIV. und die Brechung der französischen Vorherrschaft in Europa war. Er bereitete ich vor, dem englischen Ruf zu folgen. Für den ersten Vollmond nach den Herbstäquinoktien war der Aufbruch beschlossen. Aber wahrend der ganzen ersten Hälfte des Oktober verhinderten Stürme aus Westen die Ausfahrt. Endlich legte sich der Sturm, und am 15. Oktober nahm Wil- Helm Abschied von den Generalstaaten, denen er seine Gemahlin empfahl für den Fall, daß ihm etwas zustoßen sollte. Am 17. wurde ein feierliches Fasten gehalten, und am 19. segelte die Flotte von Helle» voetsluis ab. In der Nacht aber kam ein schwerer Sturm auf, zer. streute die Flotte und zwang sie, wieder in ihre Heimathäfen zurückzukehren. Dieser nicht gerade glückverheißende Ansang schreckte den Dränier nicht ab. Er wartete geduldig auf günstigen Ostwind, der denn auch am 1. November einsetzte und diesmal die endgültige Ausfahrt erlaubte.
Die niederländische Flotte bestand aus 60 Kriegsschiffen und 700 Transportschiffen, die ein Heer von 4500 Reitern und 11 000 Mann Fußvolk nach England hinüberbrachten, aber Waffen für eine weit größere Zahl. Außerdem befanden sich 800 französische Refugies und eine Schar Verbannter aus dem höchsten englischen Adel an Bord. Der Prinz segelte zuerst nordwärts, mit der Absicht, in Porkshire zu landen. Dann aber änderte er plötzlich seinen Kurs, und am 3. November passierte er Dover. Wind und Flut verhinderten den englischen Admiral, ihn anzugreifen. Mit gemischten Gefühlen bestaunten die Leute an d?r englischen Küste das prächtige Schauspiel dieser Flotte, die sich 20 Seemeilen weit hinzog und das Schicksal Englands aus ihrem Rücken trug. Am 5. November ankerte die Flotte sicher vor Tor Bay in Devon.
Die Hoffnung Wilhelms und seiner Anhänger, daß ganz England sogleich geschlossen zu ihm übergehen würde, erfüllte sich keineswegs. Es waren im Gegenteil zunächst nur einzelne Große, die zögernd kamen und ihm eine geringe Mannschaft zubrachten, so daß der Prinz bereits daran dachte, das ganze Unternehmen abzubrechen und nach Holland zurückzukehren. Eine entschlossene Kriegführung hätte Jakob vielleicht noch retten können. Aber durch sein Zögern verlor er kostbare Zeit und verwirrte die Gemüter jener, die ihm noch treu geblieben. Auf das Beispiel einiger einflußreicher Persönlichkeiten hin nahm nun die Abfallbewegung rasch zu, und fast über Nacht sah Jakob sich von nahezu allen verlassen, sogar von seinen eigenen Verwandten.
Unter diesen Umständen entschloß er sich, in Frankreich Zuflucht und womöglich Hilfe zu suchen. Unterwegs aber wurde er erkannt und fest- gehalten. Halb freiwillig, halb gezwungen kehrte er nach London zurück, wo er vom Volk — ein erschütterndes Beispiel für die Wankelmütigkeit der großen Masse — mit begeisterten Freudenkundgebungen empfangen wurde. Aber mit den Leuten, die ihm aus der Straße zujubelten, konnte er keinen Krieg führen. Als die Abgesandten des Prinzen von Oranien bei ihm erschienen und verlangten, daß er die Hauptstadt verließe, gab er ohne Widerstand nach. Am hellen Mittag eines Dezembertages bestieg er die königliche Barke und fuhr themseabwärts, gefolgt von niederländischen Wachen in ihren Booten. Verstört stand das Volk am Ufer und sah dieser rühmlosen Abreise ihres Königs zu. Jakob begab sich nach Rochester, entwich aber von dort roegige Tage später nach Frankreich, allerdings ahne seinen Ansprüchen auf den Thron zu entsagen, den er im Gegenteil mit französischer Hilfe zurückzuerobern hoffte.
Für Wilhelm von Oranien lag nun der Weg frei. Es gab kaum jemand, der ihm das Recht auf den Thron noch zu bestreiten wagte. Meinungsverschiedenheit herrschte nur darüber, ob er als Regent ober als König herrschten sollte, ob die Krone nicht dem Namen nach auf seine Gemahlin zu übertragen fei, als der Tochter des letzten Königs. Der Prinz selbst gab hier die Entscheidung, indem er erklärte, nur als König oder gar nicht regieren zu wollen, und zwar in feinem eigenen Namen, nicht in dem seiner Frau. So bestieg am 13. Februar 1689 Wilhelm III. zusammen mit seiner Gemahlin Maria den englischen Thron, unter feierlicher Beobachtung all der alten Bräuche, die feit Jahrhunderten bei der Thronbesteigung englischer Könige überliefert waren. Am Tage zuvor war von beiden Häusern des Parlaments in historischer Sitzung die berühmte „Bill of Rights" angenommen worden, die ein für allemal mit dem Absolutismus in England ein Ende machte, die Rechte von Krone und Parlament gegeneinander abgrenzte und jenes konstitutionelle Königtum ichuf, das in den 250 Jahren seitdem die Grundlage des englischen Reiches geblieben ist.
Die Engländer nennen die Revolution 1688 die „glorreiche". Für den Außenstehenden ist dieser Ehrenname nicht ohne weiteres verständlich, da es keineswegs besonders glorreich dabei zuging. Nichts von Sieg und Triumph wie bei jenem anderen Wilhelm, der 600 Jahre früher als „Eroberer" in Enaland gelandet war. Hauptsächlich durch berechnende Klugheit hatte Wilhelm von Oranien die Herrschaft gewonnen, die Herzen feiner Untertanen gewann fein kühles- und karges Wesen nie. Die Rechtfertigung der Bezeichnung der „glorreichen" Revolution liegt für den Engländer in der einfachen Tatsache, daß es seine lebte Revolution war. Das Werk, das im 13. Jahuhundert auf der Wiese von Runymede begonnen wurde, als die englischen Barone König Johann die Magna Charta abnötigten, wurde mit der „Bill of Rights" vollendet. Es ist Englands größter Stolz, daß diese Verbindung von Freiheit und Ordnung so vollkommen ist, daß sie alle politischen und sozialen Erschütterungen dieser zweieinhalb Jahrhunderte überlebte, ohne jemals mehr angetastet zu werden.
Derantwörtlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brüh Ische Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.


