Ausgabe 
7.11.1938
 
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Auf eine Unbekannte.

Von Friedrich Hebbel.

Die Dämmerung war längst hereingebrochen. Ich hott' dich nie gesehn, du tratst heran. Da hat dein Mund manch mildes Wort gesprochen In heil'gem Ernst, der dir mein Herz gewann. Still, wie du nahtest, hast du dich erhoben Und sanft uns allen gute Nacht gesagt, Dein Bild war tief von Finsternis umwoben. Nach deinem Namen hab' ich nicht gefragt.

Nun wird mein Auge nimmer dich erkennen. Wenn du auch einst vorübergehst an mir, Und hör' ich dich von fremder Lippe nennen. So sagt dein Name selbst mir nichts von dir. Und dennoch wirst du ewig in mir leben. Gleichwie ein Ton lebt in der stillen Luft, Und kann ich Form dir und Gestalt nicht geben, So reiht auch keine Form dich in die Gruft.

Das Leben hat geheimnisvolle Stunden, Drin tut. selbstherrschend, d-ie Natur sich kund; Da bluten wir und fühlen kein« Wunden, Da freu'n wir uns und freu'n uns. ohne Grund, Vielleicht wird dann zu flüchtigstem Vereine Verwandtes dem Verwandten nahgerückt, Vielleicht, ich schaudrc, jauchze oder wein«, Jst's dein Empfinden, welches mich durchzückt!

Oer Engel.

Von Karl Heinrich Waggerl.

Ich war zehn Jahre alt, als mir der Engel Johanna erschien. Einen Sommer lang umschwebte er mich, ein fremdartiges Wesen in meiner ärmlichen Kinderwelt, unirdisch zart und immer in eine Wolke von Dust gehüllt. Nie wieder im Leben ist mir ein Geschöpf begegnet, das so bal­samisch duftete. Später freilich stürzte auch dieser Engel aus dem Himmel meiner Kinderträume, aber als er mir entschwand, hatte er doch wieder allen Glanz seiner geheimnisvollen Erscheinung um sich. Ein einziges Mal küßte er mich auf die fieberfeuchte Wange, und dann entschwand er mir, so war «s. Und ich weiß noch heute vor allen anderen Sterblichen, wie ein Engel küßt und lächelt und duftet.

Der Engel Johanna erschien mir mitten in der Schlacht. Ich lag tn der staubdurchwölkten Schulstube rücklings über der Bank, mein Todfeind kniete auf meiner Brust, und ich hatte eigentlich nicht mehr viel von die­sem Leben zu erwarten. Die Luft wurde mir knapp, ein letztes Mal drehte ich die Augen über mich, und da sah ich plötzlich den Engel weiß gewandet und gleichsam schwebend hinter mir, und seine Augen blickten voll mil­der Trauer auf mich herab. Der Dem versagte mir vollends, denu ich dachte, ich sei vielleicht unversehens gestorben und da stünde schon mein . Schutzengel, der, soviel ich wußte, verpflichtet war, mich nach meinem Hinscheiden ins Jenseits zu begleiten.

Aber auch mein Widersacher hatte die gleiche Erscheinung, wir ent­wirrten eilig den Knäuel unserer Gliedmaßen, und erst, als wir endlich keuchend in den Bänken hockten, wandte sich der Engel schweigend von uns ab. Wir sahen mit Staunen, wie er auf das Podium stieg und sich hinter dem kanzelartigen Gestell auf den Stuhl setzte, auf eben den Stuhl, von dem ein paar Tage zuvor der Schnapsteufel unseren alten Lehrer weggeholt hatte.

Das war ein seltsam zornmütiger Mann gewesen. Jeden Morgen, ehe er [ein wunderliches Tagewerk begann, ordnete er auf dem Tisch vor sich eine Reihe von Gegenständen, seinen ledernen Tabaksbeutel, das Feuer­zeug, die kurze Pfeife und etliche andere Dinge, die nach der Jahreszeit wechselten, Fichtenzapfen im Sommer, Pslaumenkerne im Winter; das waren die Wurfgeschosse. Im Lauf des Tages schleuderte er sie mit der Geschicklichkeit eines Kunstschützen nach unseren Köpfen, wenn er uns aufrufen oder ermahnen wollte. Oft genug reichte fein Vorrat nicht aus, er mußte hinterher schicken, was irgend in der Nähe greifbar war, Kreide und Schwamm, bis er zuletzt hilflos, aller Lehrmittel entblößt, den Kopf in die Arme legte und einschlief. Denn niemals verließ er feinen Thron, er war zu wenig sicher auf den Beinen.

Der Engel aber hielt es anders, der schoß nicht mit Pflaumenkernen, sondern mit sanften Blicken.Ich heiße Johanna", sagte er nach einer Weil« bänglidjer Stille, es war über uns weggesagt wie eine Verkündung, wie aus der Wolke gesprochen. Hernach begann der Engel uns der Reihe nach aufzurufen. Dabei blätterte er in einem kleinen Buch und schrieb unsere Namen hinein mit bedeutsamem Schweigen, als hielte er ein ge­heimnisvolles Gericht ab und schiede auf das bloße Ansehen hin die Sünder von den Frommen. Ich sah bekümmert, daß mein Name ganz hinten zu stehen kam, und also war ich wohl von Anfang an verworfen und verdammt. Es währte auch gar nicht lange, bis ich mit dem Engel Johanna in Händel geriet. Damals hatte ich ein hübsches Spiel erfunden, das man beliebig oft wiederholen konnte. Ich steckte den Federstiel so unter das Pult, daß er ein heftig schnarrendes Geräusch erzeugte, wenn man ihn auf gewisse Weise anstieß. Unser alter Lehrer fuhr dann auf und fragte verstört:Was ist bas?"

Ich erhob mich, zeigte zum Fenster hinaus und antwortete ernst:Das ist ein Specht!"

Richtig", sagte der Lehrer jedesmal erstaunt und zugleich befriedigt. Aber der Engel Johanna wußte offenbar in der Welt des Geflügelten besser Bescheid, denn als ich aufftanb, um auch ihm meinen wunderbaren Vogel zu zeigen, schwebte er zürnend herab und gab mir eine so irdische Ohrfeige, daß ich sogleich wieder zu sitzen kam. Was aber dann geschah, werde ich zeitlebens nicht vergessen. Der Engel ging mit weggestreckter

Hschd zum Waschbecken, goß Wasser ein und wusch sich, und dieser unge* wöhnliche Vorgang erschüttert« mich so, daß ich hemmungslos zu meinen anfing. Der Engel meinte natürlich, ich hätte irgendeinen Leibschaden davongetragen, aber das war es nicht, eine Maulschelle machte mir gati nichts aus. Ich verstehe selber nur dunkel, was mir eigentlich so zu Her­zen ging, am meisten vielleicht doch die bittere Erfahrung, daß ein feinet; Mensch sich waschen muß, wenn er meinesgleichen anrührt.

Bon dieser Zeit ab spürte ich einen sonderbaren Drang, mich denk Engel Johanna bemerkbar zu machen. Ich meldete mich auf jede Frage, aber gewöhnlich wußte ich gar nichts zu antworten, wenn ich aufgerufen wurde, und bann lieh ich mich in seliger Verwirrung einen Dummkopf schelten. Eine Weile später heckte ich boch wieder etwas Neues aus, uni bas Zauderwefen an mich zu locken.

Ich fing an, bem Engel Johanna auch in ber freien Zeit nachzu- stellen. Stundenlang schlich ich auf den Promenaden hinter ihm her, oben ich lauerte irgendwo und grüßte vernehmlich, ohne jedoch jemals mehr als ein flüchtiges Erstaunen zck ernten, wenn ich den Weg flink unterlief und eine Strecke weiter von neuem auftauchte.

An fchönen Abenden spielte die Musik für die Badegäste auf denk Platz. Da saß dann auch der Engel Johanna vorn in ber ersten Reihe, hübsch angetan, feiner als bie feinsten Leute, mit Spitzenhandschuhen, bic nur bis zur halben Hand reichten und die Finger freiließen. Wenn ein Stück zu Ende war, klatschte ber Engel, nicht grob unb laut wie bie andern, sondern unhörbar, mit einer zierlichen, gleichsam bittenden Ge­bärde. Der Kapellmeister verneigte sich bann eigens vor ihr, er warf {eine schwarze Locke zurück unb legte den Taktstock weg, als sei er nun erst ganz zufrieden.

Ich mochte den Kapellmeister nicht leiden, denn er war unser Zinw merherr. Seinetwegen stopfte bie Mutter ben Sommer über bie ganze! Familie in bie Küche, bamit er in unserer Schlafstube wohnen konnte Aber sie sagte selber, baß er ein leichter Vogel sei, «in Windmacher, wenn nicht etwas noch Schlimmeres. Ich haßte ihn, weil er den Mann mit ber Baßgeige so schlecht behandelte. Neben dem hatte ich nämlich meine« Platz, nicht, weil mir bas, was er spielt«, besonders gut gefiel, sondern! weil dieser Mann so erbarmungsvoll viel zu tun hatte. Das Herz tat mir weh, wenn ich ihn so verzweifelt arbeiten sah, auf unb ab an [einem Geigenungetüm, der Helle Schweiß glänzte ihm auf der Stirn. Und et war doch so willig, nur feiten gönnte er sich «in paar Augenblicke Ruhe, Aber nein, ber Kapellmeister ließ ihn nicht zu Atem kommen, gleich stach er wieder mit seinem Taktstock nach ihm, unb der Arme mußte sich von neuem ins Zeug legen. Und dabei stand er ganz hinten, kein Mensch beachtet« ihn. Ach, ich wünschte so sehr, der (Engel mochte einmal Her­kommen und sehen, wem eigentlich ber Beifall gebührte! Denn was bet Mann mit ber Locke zum besten gab, war wirklich nur Windmacherei.

Aber offenbar ziehen auch Engel die gelockten Häupter den kahlen vor, mein Freund blieb mißachtet, und wir mußten beide mit ansehen, wie der Kapellmeister, sobald die Musik zu Ende war, herbeigeschwänzelt kam und den Engel entführte. Dem Baßgeiger ging es nicht weiter nahe, ep legte feine Geige in den Sarg und tröstete sich mit einem Glas Bier, Ich aber ließ bas Paar nicht aus ben Augen, mochten feine Wege noch so verschlungen unb abseitig fein. Wilber Groll faß mir in der Brust, ein unklarer, schmerzender Zorn. Nicht, daß ich etwa selber neben bem Engel hätte Hergehen mögen, mir wäre doch kein Wort aus der Kehle gekom­men. Nein, aber daß ber Kapellmeister schwatzen unb vertraulich tun durfte, bas war widerlich unb aufregend zugleich. Einmal lachte der Engel so sehr, daß er sich verschluckte. Der Kapellmeister klopfte ihm auf den Rücken, und weil bas nicht gleich half, umschlang er ben Engel unb nahm ihn völlig in die Arme. Da litt ich es nicht mehr, ich schickte einen messerscharfen Pfiff zwischen ben Bäumen heraus. Damals konnte ich großartig pfeifen, mit Hilfe einer Zahnlücke, bie ich leider nicht mehr besitze. Die beiden fuhren auseinander unb sahen sich um und gingen sittsam weiter. Genug für biefes Mal. Ich mußte eilig nach Hause laufen, damit die Prügel, die mich dort erwarteten, nicht gar zu sehr anwuchsem

Aber Pfiffe aus dem Wald konnten den Kapellmeister nicht viel an» fechten. Er war ein betriebsamer Mann, nun nagelte er einen Zettel an die Haustür, auf dem zu lefen stand, er fei Konzertmeister, unb wer Lust hätte, könne bei ihm bas ©eigenfpielen erlernen. Nur eine neue Gaukelei, unb boch gab es Leute, bie sich betören liehen, auch ber Engel ging ihm auf den Leim. Er trug zwar keinen Geigenkasten unterm Arm wie die anoern jungen Damen, aber der (Engel war ja auch kein Anfänger mehr- Vielleicht wollte er nur noch einige besonders schwere Kunststücke lernen, und bas gelang ihm nicht, es war rein zum Verzweifeln. Auch ber Ka­pellmeister verior bie Geduld, man konnte ihn durch die. Wände schelten hären, und einmal sah ich, wie der Engel weinend aus der Tür schlüpfte. Als ich die Mutter danach fragte, fuhr sie mich heftig an. Ich wollte Gott bitten, sagte sie, daß er mich dereinst ein ehrbares Handwerk lernen ließe. Ja, ich wollte auch tausendmal lieber ein Baßgeiger werden unb mir bas Brot ehrlich verdienen. Am andern Morgen schrieb ich cs auf die große Schultafel, daß ber Kapellmeister ein Windmacher sei, es war, wenn schon nicht recht geschrieben, so doch wahr gesprochen.

Gefaßt wartete ich auf die Ohrfeige, die ich dafür bekommen mußte, ich war sogar frisch gewaschen, damit der Engel diesmal keine Mühe hätte. Aber es geschah mir nichts, der Engel errötete nur und sah einmal forschend nach mir hin, unb bann löschte er meine Inschrift roieber von ber Tafel. Erst später strich er mir einmal im Vorbeigehen mit ber Hand übers Haar, ich fühlte es überrascht unb beglückt.

Der Sommer schritt voran, unb die Ferien begannen, ich mußte dem Vater auf dem Zimmerplatz helfen. Das war immer meine schönste Zeit gewesen. Ich durfte auf den langen Holzern reiten, die damals noch alle von Hand behauen wurden, oder ich hielt die Favbschnur, wenn der Vater die Kanten anriß, unb ich hatte auch einen Leberschurz umgebun- ben wie ein richtiger Zimmergesell. In diesem Jahr ober war mein Meister nicht mit mir zufrieden.

Was ist das mit dir?" fragte ber Vater wohl in seiner geruhigen Art, wenn ich ihm die Suppe kalt auf ben Werkplatz brachte,treibst du dich herum?"