Krähen und (knien.
Von Georg Britting.
Weil der Schnee seit Stunden fällt lieber diese weiße Welt, lieber Dächer schräggestellt, Will die Krähe, Schwarzgemäld, Der das Wirbeln nicht gefällt, Auf dem Zaun norm Garten Das End vom Schnee erwarten.
Ach, der weihe Flockentanz Hört wohl nimmer auf!
Auf dem schwarzen Krähenschwanz Türmt sich der Schnee zu Haus.
Krähe sitzt mit krummem Mund, Bös, ein stummer Hasser.
Doch die Enten schnattern bunt, Fliegen durch den Flockenfall Langgehalst und brustkorbprall — Auch der Schnee ist Wasser!
Willy und der iKing.
Don Georg von der Bring.
fhi&r werde ich den Willy vorfuhren. Willy war ein hübscher, e' cine® Morgens auf der Fensterbank meiner Kam- kknn $ * ba^n' b?& er sich mit lautem Eifer an meinem Mikro-
ih£ £Lf7^-en Tlte: ?ls aus dem Bett« sprang, entlief er mir über das schräge Dach unserer Remise in den Garten hinunter.
fein3ffrfK^'fn5enfter “nb»Äte zärtlich nach. Ich erklärte mir fein Erscheinen so. wenn ein Aeffchen in unserer Gegend auftaucht so ist S" ^rmuten, daß es Herrn Blachfeld gehört. Blachfeld war der Mann, -in fflLb’»Cm-(^°r9cn ben Laden im Nachbarhause bezog, um darin ein Geschäft mit Sämereien zu eröffnen.
„ ®5 'ch wich über die Fensterbank oorlehnte, erblickte ich im Hof des Nachbarhauses allerlei Möbelstücke. Willy sah ich nicht er idiien nirfit in den Hof zurückgekehrt zu sein. Wo war er geblieben? J
. 3,?xen<t??<,te 'hn auf dem hinteren Zaun des Hofes. Er saß requnas- ks und schien etwas zu beobachten. Hinter dem Zaun befand sich der Garten eines anderen Hauses. Dort war eben eine Frau damit beschäftigt, ihr Sofa zu klopfen. Willy behielt sie im Auge. Plötzlich sprang er mit «memherrlichen weichen Satz in den Garten hinunter und genau au das zwe,jahnge Söhnchen der Frau los, das am Sandhaufen spielte Die Frau bemerkte es nicht. '
Der Affe kam zu dem Buben, ergriff ihn bei den Patschhändchen und b°Sann mit ihm zu tanzen. Der Kleine brüllte los. Willy nahm es gewiß als Zustimmung, er sprang lustig von einem Bein aufs andre hielt dabei den heulenden Klemen fest und zog ihn mit in die Runde; aber er ging ganz sorgsam mit ihm um. a H
i^a-5-?ebrü,£ ^es Söhnchens rief die Mutter auf den Plan. Sie drehte ich bei ihrem Sofa um, erkannte die Lage und kam wie ein Pferd heran- ^fturmt; auif, fte fhe& em Wehgeschrei aus; den Ausklopfer hielt sie schlagbereit m der Rechten. Willy spürte die Gefahr, er quirlte durch die Beerensträucher davon, erreichte mit einem wunderhübschen Sprung das etzt unbewachte Sofa und begann sofort mit hohen federnden Jubel- _ P™"!3e"i le'cht wie em Ball stieg er in die Höhe, schwenkte die Arme, drehte sich um sich selbst, fiel auf den Sofasitz nieder und schwebte von neuem empor.
Welch ein Frohsinn! Wiederum kam die Frau gerannt. Willy entfloh n den Hof der Samenhandlung. Nach Willys erster Nummer erlaube ich wir, den Herrn Blachfeld, Samenhändler, vorzustellen.
Er kam am folgenden Tage, als ich im Garten war, und sprach mich an. Sein großer kahler Kops erschien über dem Zaun, sowie feine breiten Hande Am kleinen Fmger seiner linken Hand stak ein hübscher Ring mit einer blauen Platte, auf der sich ein weißes Pferdeköpfchen befand Der King war das erste, was mir an ihm auffiel, obwohl fein Gesicht sehr ansprechend war, die Stirne faltig, die Augen liebenswürdig und ein wenig traurig; dies Gesicht erinnerte mich an das Porträt eines Philo- Icpben, das bei uns im Treppenhaus hing.
®r„*rirrsbe9urü6teJ} ,uns ,al5 ncue Nachbarn. Danach fragte mich Herr blachfeld, ob wohl in unserem Garten Ameisennester wären. Ich bejahte, vo er sich wohl ein paar Ameiseneier holen dürste?
Ich bat ihn herein, und er kam. Wir schauten nach. Cs gab im Rasen mehrere große. Hefter, aber es zeigte sich, daß die Ameisen bereits aus» jmlupft waren. Zum Gluck sanden wir an der Mauer noch ein fünftes Mt bas e n paar brauchbare Eier enthielt. Herr Blachfeld sammelte sie Md tat sie sorgsam m ein Schächtelchen. -
^Feihn, wozu er Ameiseneier brauchte. Für feine Eidechsen. meDtel Eidechsen er hatte? Zwei. Sie fräßen ihm aus der Hand. Jn- Miichen waren aber auch die Jungen aus den Eiern gekommen. Ob ihm auch die Jungen schon aus der Hand fräßen, fragte ich. Die Jungen Mch nicht sie wären noch nicht erzogen. Wenn ich Lust hätte, zuzuschanen, Mte sie treffen lernten, so möchte ich doch mitkommen. Ich war mit Freuden tereit. Wir mngen in feinen Hof hinüber, und ich bewunderte erst einmal Hu jungen Eidechsen.
..Ick, könnte tausend Ameiseneier ins Terrarium fegen,' erklärte mir berr Blachfeld, „sie würden sie nicht anrühren. Sie sind Ja so klug! Sie Nubern sich nur eine solche Beute, die sich in Bewegung befindet Was
werben wir also tun?" Er blinzelte mich ermunternd an, Ich sollle es erraten. Ich kam nicht barauf. * 1
J'??? */• ganz einfach , sagte er, und er brachte eine lebende Ameise unb setzte sie ms Terrarium neben eines der Eierchen. Die Ameise machte sich sofort daran, bas Ei fortzuzerren. Es bewegte sich, zitterte, rollte. Schon erschien eine der jungen Eidechsen und verschlang bas Ei.
Vom Tage der Eidechsenfütterung an war ich ein häufiger Gast bet Laden war nicht besonders groß. Da gab es über bie Wand« hin all die grünen Holzkästen, in denen sich die verschiedenen Sämereien befanden. Jeder Kasten trug ein sauber geschriebenes Etikett. Da gab es weiter ein Aquarium mit Wasserpflanzen und kleinen Fischen» m5rmZenanUn^"i^t1..3li,Der9e,fen; Nistkästen, Korbnester und allerhand Nestbaustoffe. Vogel hielt er nicht, sie täten ihm in der Gefangenschaft zu &lb\ m,r. ^err Sodann lernte ich näher kennen den
Hund Bulldogg, em grimmig aussehendes, übertrieben vernünftiges Wesen unb, o°r aUem ben Affen Willy unb seine schöne Heiterkeit. Welch ein entzückender Anblick, wenn der Herr mit diesen beiden Tieren auf der Straße spazierenging! Willy nahm bann brav auf Bulldoqqs breitem Rucken Platz unb schaute sich die Welt an. Blieb Bulldogg an einer Straßenecke stehen, um zu riechen und so weiter, so benutzte Willy die Gelegenheit und kratzte sich ein wenig unter dem Rand feiner schmucken Mutze. Das war, wenn man so will, Willys zweite Nummer.
Ich ging Herrn Blachfeld bei feiner Arbeit zur Hand, unb er faßte Vertrauen zu mir. Eines Tages erzählte er mir die Geschichte des Ringes mit dem Pferdeköpfchen, den er am kleinen Finger feiner linken Hand I ^ug. Dieser Ring war eiy Geschenk der einstmals beliebten Zirkusreiterin Rosabella. Herr Blachfeld hatte in jungen Jahren im Zirkus gedient unb Rofabellas Pferde gepflegt. Unb weil er feine Sache so gut machte, fajentte ihm bie schöne starke Reiterin ben Ring zum Anbenken. Sie war manches Jahr älter als er, aber sie war ihm gewogen, er empfing ihrs Liebe. Dann aber verunglückte sie und starb. Das war nun über dreißig Jahre her. Heute besah Herr Blachfeld als einzige Erinnerung an sie nur diesen Ring; und er hütete ihn wie seinen Augapfel. Selten, sehr selten hatte er seither eine Frau angerührt; so sehr hing er für alle Zeit seines Lebens an Rosabella. .
„ S°mmer und der Winter gingen hin. Ich war glücklich in bet Gesellschaft Blachfelbs, Willys und Bulldoggs, der Eidechsen unb bet Fische. Unb bann ereignete sich eines Tages — es war Anfang März — etwas Unvorstellbares: Rofabellas Ring war oerlorengegangen! Es wat wie ein tödlicher Schlag für Herrn Blachfeld. Ich half ihm suchen, manchen Tag und viele Stunden lang; jedoch der Ring fand sich nicht. Der Samenhändler magerte ab, und es gab nichts mehr, bas ihm Freude bereitete. Hätte cs Willy, biefen Tausendsassa, nicht gegeben, so würde der Herr sich vielleicht hingelegt haben und nicht mehr aufgestanden fein; Die Zukunft der ganzen kleinen Gesellschaft schien in Frage gestellt.
Es würde gut fein, wenn es mir gelänge, ihn von feinem Kummet abzulenken. Als das Wetter warm wurde, lud ich ihn zum Fischen ein. Herr Blachfeld war nach langem Hin und Her einverstanden, er erklärte jedoch, er würde nur mit einem Handnetz fischen, unb zwar kleine Weißfische für fein Aquarium.
Wir machten mehrere Sonntagsausslüge unb fingen Fische. Bullbogg begleitete uns. Willy wurde derweil daheim in einen weiträumigen Wäschekorb gesperrt, der wie ein richtiger Bienenkorb aussah. Wo beim Bienenkorb bas Flugloch ist, befanb sich ein viereckiges Gitter.
Leider mußte ich feststellen, daß bas, was ich mir von unseren Aus- fliigen erhofft hatte, nicht eintrat. Mein Freund ließ weiterhin den Kopf hängen und blieb abwesend und traurig; sein Leben war ihm verdorben, heillos zerstört. Wir suchten wiederum nach dem Ring und stellten noch einmal das ganze Haus auf den Kopf; auch diesmal ohne Erfolg.
Ich gab die Ausflüge nicht auf unb ermunterte Herrn Blachfeld jeben Sonntag von neuem. Und er ging Hann immer mit, als wäre es ihm vollständig gleichgültig, was er unternahm. Als wir an einem Sonntag im September wiederum an einem kleinen Waldbach fischten, erreichte seine Melancholie ben Höhepunkt. Ddr Tag fing schon sehr übel an Auf dem Hinwege gerieten wir in einen Gewitterregen, der uns vollständig burchnäßte. Später, als wir am Bach saßen unb sischen wollten, störten uns Spaziergänger. Ich kochte uns bann das Mittagessen; dabei hatte ich das Mißgeschick, es anbrennen zu lassen. Sogar Bulldogg sand es ungenießbar. Herr Blachfeld lag einsilbig im Gras. Der Ausdruck feiner Augen war von weltenferner Gleichgültigkeit. Zuletzt begann er ausführlich von feinem Tode zu reden. Ja, wenn er gewußt hätte, was sich an diesem Tage noch ereignen sollte, so möchte er das unterlassen haben! Schließlich kehrten wir heim. Unb was sollte sich noch ereignen? ... Schon als wir vor bem Schaufenster ber Samenhandlung anlangten, bekamen wir eine kleine Probe: der Rolladen war nämlich nicht vollständig heruntergelassen, und so konnte man ein Stück des Aquariums sehen; und was sich dort beim Aquarium unseren Blicken darbot, sagte genug...
Wir eilten über ben Hof ins Haus, Herr Blachfeld voran. Er wankte, auf der Hoftreppe wäre er beinahe gestürzt. Dann standen wir in der Tür, die zum Laden führte und sahen alles. Der Laden war ein einziges Schlachtfeld. Was war geschehen? Willy, der Tausendsassa, war aus einem Wäschkorb-Gefängnis entkommen unb hatte, ba er bie Fenster )er Wohnung verschlossen fand, den Sonntag auf eine ihm angemeffene Art verbracht, beziehungsweise er war noch dabei, ihn so angenehm wie nur möglich zu verleben. Er stand bis zu den Ellbogen in lauter Sämereien der verschiedensten Sorten und Größen. Er hatte all die grünen Holzkästen über den Fußboden ausgeleert und sie dann in bie Ecke geschleudert, wo sie sich wie ein Gebirge aus hohlen Würfeln auf» türmten. Ganz besonders traurig war es um das Aquarium bestellt. Das Wasser war ausqeschüttet, die Pflanzen hingen über ben Rand nieder, unb die kleinen Weißfische lagen, in Staub gehüllt, am Ufer des großen vogenden Meeres aus Sämereien unb rührten sich nicht mehr. Willy tanb bis zu ben Ellbogen in ben Samenhaufen, und er zog einen feiner Füße heraus und Ji’iff sich mit den Zehenhänden so viel Samen, als er


