Ausgabe 
30.4.1937
 
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war

Friedel, das tSchaf.

Von Heinrich Hauser.

Vogelhochzeii.

Volksweise.

Es wollt ein Vogel HochMt machen

In dem grünen Walde.

Didiralala, didiralala, didirala, ralala.

Der Gimpel war der Bräutigam, Die Amsel war die Braute.

Der Auerhahn, der Auerhahn, Derselbig war der Kapellan.

Die Meise, die Meise, Die sang das Kyrieleise.

Die Gänse und die Anten, Das war'n die Musikanten.

Der Seidenschwanz, der Seidenschwanz, Der singt das Lied vom Jungsernkranz.

Der Kiebitz, der Kiebitz, Der macht dabei die schönsten Witz.

Zaunkönig schreit, Zaunkönig schreit: Mit vierzig wird man erst gescheit.

Das Dompfäsflein, das Dompfässlein Sein Bäuchlein füllt mit rotem Wein.

Das Finkelein, das Finkelein, Das führt das Paar zur Kammer hinein.

Der Uhu, der Uhu, Der macht die Fensterladen zu.

Das Bachstelzlein, das Bachstelzlein Macht auf der Braut die Knöpselein.

Die Fledermaus, die Fledermaus, Die zieht der Braut die Strümpfe aus.

Brautmutter war die Eule, Nimmt Abschied mit Geheule.

Herr Hennig krähet: Gute NachtI Nun wird die Kammer zugemacht. Didiralala, didiralala, didirala, ralala.

Dudnber eines Waisenhauses, nicht weit von Paris, schenkten Friedel dem Zirkusdirektor Sarrasani als Dank dafür, daß er sie alle in «einen großen herrlichen Zirkus eingeladen hatte. Wahrscheinlich war Friedel als eine gute Mahlzeit für den Direktor gedacht; denn Friedel ___damals ein Lämmchen, zart, lustig anzusehen, mit einem schwarzen Kopf, schneeweißem Fell und einem wiederum schwarzen Schwänzchen, m dessen Vibrationen er seine ganze Seele hineinzulegen verstand.

Vielleicht wäre Friedel auch ein Braten geworden, wenn nicht am lag vorher im Zirkusstall ein Lama-Fohlen eingegangen wäre. Die Mutter litt; Lamas haben eine seine Seele und einen selbständigen Charakter ihr Gesäuge schwoll, so daß es in Gefahr geriet, sich zu e ntzünden. Da die Lamamutter keinen Menschen an sich heranließ, und man ihr nicht mit Gewalt begegnen wollte, lieh der Direktor Friedel im die Boxe führen. Er setzte nicht viel Hosfnung in den unwahrscheinlichen Versuch, aber das Unerwartete geschah: das Lama nahm Friedel an Kindes Statt.

Wenige Wochen später wurde der große Zirkus mit seinen hundert Lastautos und Wagen, mit seinen zwei riesigen Zelten, mit seinen 900 Tieren und 700 Menschen in Marseille auf zwei Frachtdampfer verladen i ur Ueberfahrt nach Südamerika. Hier, auf demFlaggschiff der Zirkus- Hotte, demGeneral Santa Anna", auf dem ich damals als Matrose iuhr, lernte ich Friedel kennen. _ . , . .

Während fast alle anderen Tiere an Deck und unter Deck eingesperrt m ihren Käsigen und Boxen hausten, erfreute sich Friedel einer großen Freiheit. Sein Lieblingsplatz war, als wir in die Tropen (amen, der Schatten unter dem großen Wohnwagen des Direktors, der festgezurrt und verkeilt fast die ganze Breite des Decks einnahim Es war ein: e- «nbers prachtvoller Wagen; ber NameSarrasani lief in großen elastischen Goldbuchstaben über bie Seitenroanbe, unb die Radnaben waren mit breiten Bändern von glänzend poliertem Messing eingefaßt.

Hier beobachtete ich zum erstenmal, daß Friedel etwas Besonberes war. Htel war er, dieser Hammeljüngling. Darüber konnte kein Zweifel se n, >«enn er liebte es, sich in den Radnaben zu spiegeln und in dem Buch- «obenI" auf der Wagenwand. Er konnte stundenlang vor seinem Spiege^ Stehen, den Kopf bald auf die eine, bald auf die andere 6cüe gelegt ,m Ausdruck wunderlicher Frage unb Koketterie. Er boxte auch gegen b e Näber mit ben schwellenden Knorpeln feiner Horner wie um sein Spiegelbild herauszufordern, unb vor bem großenI , das " besonders liebte, richtete er sich auf die Hinterbeine auf unb leckte Zärtlich.

3n Montevideo wurde ber Zirkus ausgeladen. Cs gab Schwlerigkei en mit ben Gefundheitsbehörben, furchtbare Schwierigkeiten; um febes einzelne Tier mußte ein Kampf geführt werdem Da tfriebel nicht 3 igentlirfjen Akteuren gehörte unb feine Mission als PAg°kind des Lama eenbet war, schenkte ihn Sarrasani zum Abschied unserm Kapitän.

Als berGeneral Santa Anna" seinen Bug ronntff? $u ber wellen Reise um bas Kap ber guten Hoffnung herum nach Java und Sumatra, ba schien Friebels Schicksal nicht mehr abzuwenden; Kapitän Ballehr war ein guter Mann, aber er war nicht sentimental unb gern Hammel­fleisch. Es war ein Symbol, baß Friedel nun mit unseren brei kleinen Schweinen zusammen in einen Stall gesperrt würbe, unb er schien es zu verstehen. Er war ganz niedergeschlagen, und der Bootsmann meinte, er sehe aus, als ob er, wie so manches Mädchen, sagen wollte:Erst hast bu mich unglücklich gemacht, unb nun willst bu mich nicht heiraten."

Nun hatten wir an Bord einen alten Schmierer; er hieß Robert, ber gutmütigste Mensch unter ber Sonne. Er trug eine Brille, einen Selbstbau, von ben Gläsern abgesehen; er hatte "bas Gestell, äußerst massiv unb daher reichlich bick, sich selbst geschmiedet. Mit dieser Brille ausgerüstet und mit seinem zweiten Stolz, einem runden, steifen Hut, konnte man ihn die ganze Reise hindurch jeden Sonntagnachmittag die gleiche uralte Zeitung lesen sehen.

Ein paar von den jungen Dachsen an Bord und damals gehörte auch ich dazu war es ausgefallen, daß Friedel und Robert einander im Gesichtsausdruck eigentlich sehr ähnlich waren. Um das einmal ein­wandfrei festzustellen und die Aehnlichkeit noch zu erhöhen, holten wir eines Vormittags, während ber Alte auf Wache war, Friebel aus dem Stall, fetzten ihm ben Hut auf unb bie Brille auf bie breite Nase unb

befestigten beibes gut mit Jsolicrbanb. Wir hatten vollkommen richtig

spekuliert: die Aehnlichkeit war schlagend. Friedel lief frei umher, steckte

den Kopf in jedes Logis und wurde überall mit bem größten Hallo

empfangen; befonbers die Heizer, Roberts Kameraden, lachten unb klatschten sich auf bie Schenkel, bah ihnen bie Tränen über die Backen liefen. Unb Robert, ber Alte, lachte gutmütig mit, als er von Wache kam, unb meinte, sein Porträt fei wirklich gut getroffen.

Der Erfolg machte uns kühn: Friedel sollte auch von denhohen Herren" mittschiffs bewundert werden. Wir brachten ihn aufs Bootsdeck, verholten uns hinter die Boote und allerlei Aufbauten und warteten ab, was nun geschehen würde.

Wir hörten einen erstaunten Ausruf und gleiih darauf den schrillen Pfiff der Bootsmannspfeife. Der Läufer kam herbeigeeilt, und wir er­matteten schon ein Donnerwetter; aber im nächsten Augenblick dröhnte ein befreiendes Lachen über bie Brücke, ber Steuermann, der Ruders- mann, der Läufer, alle stimmten ein; denn Friedel, der weder Menfchen- furcht noch Rangunterschiede kannte Friedel hatte seinen verlorenen Spiegel wiedergesunden. Diesmal war es das blanke Messinggehäuse des Kompasses. Friedel meckerte vor Glück; sein Schwänzchen zuckte; er sprang am Kompaß hoch, spiegelte sich von allen Seiten, beleckte bas Metall unb fing bann an, mit seinen jetzt schon stattlichen Hörnern den Kompaß zu boxen Mit der Brille und mit bem steifen Hut war er so ungeheuer menschlich unb so unsagbar kornisch, baß kein Mensch mit einem Funken von Humor bem Lachen hätte wiberstehen können.

Kapitän Ballehr hatte Humor; Friebel würbe zunächst von der Speise- rolle abgesetzt und kehrte auch nicht in den Schweinestall zurück: Friedel blieb bei den Matrosen. , . . _

Er lebte bei uns im Logis; er, was wir aßen, ob es nun Salzfleisch war oder Erbsensuppe; er tränt, was wir tranken, ob Tee ober Kaffee mar ihm gleich. Er ließ sich Kunststücke beibringen wie ein Hund: er balancierte ein Stück Brot auf der Nase und schnappte es auf Korn- mando; er apportierte; er machte schön; unb zu Weihnachten trank er fogar als Krone ber Dressur Grog. Er war ein ßebenstunftler unb Himer als irgenbein anderes Schaf meiner Bekanntschaft.

Soweit war alles gut und schön, aber Friedels trauriges Ende war nur binausaetooben. Der Kapitän hatte in keiner Welse zu erkennen gegeben, daß er etwa Hammelfleisch nun nicht mehr leiden konnte, und, was noch schlimmer war: Friedels reguläres gut er, bas ja nur für kurze Zeit berechnet war, ging zu Ende. Friedel hatte langst geschlachtet werben müssen, wenn er sich nicht inzwischen in so unnatürlicher Weise an unsere menschliche Kost gewöhnt hätte.

Eines Abends, als auf der Back die Pfeifen glommen, geschah es, daß ein aufslammendes Streichholz zufällig die Hand unseres Schlachters befehlen. Diese Hand zuckte sofort zurück; aber wir hatten doch gesehen, daß sie in verdächtiger und fachmännischer Weise die Keulen des frieblid) in unserer Mitte ruhenben Friebel befühlt hatte. Vielleicht war bie Be­wegung ein rein berufsmäßiger, sozusagen automatischer Reslex; uns aber befiel schwarze Ahnung, unb am anbern Morgen ging eine Deputa- tion von brei Mann, wie man sich ausbructt,vor ben Kapitan .

Wir wollten nur sagen, Herr Kapitän, baß hier an Bort» einer

Was? Aus meinem Schiff? Unb bavon sollte ich nichts wissen?

"Cs hanbelt sich um Friebel, Herr Kapitän"

<ga aber Leute, wollt ihr denn auf euer Frischfleisch verzichten?

'2l(b Frischfleisch Herr Kapitän, an Friebel, ba ist ja so gut wie gar n$ts brnn, der muß ja zäh wie Leder sein. Herr Kapitän, das a aar kein Schaf mehr, ber Friedel war mal ein Hammel, aber der ist feiner mehr. Wir fürchten, das macht die Kost, Herr Kapitän; mir glauben, bas Salzfleisch bekommt Friebel schlecht, er ist ja bloß noch Haut unb Ätl° Solo hm hm. Ja wenn bas so ist, Leute, und wenn ihr deshalb kein" Frischfleisch'haben wollt, dann will ich auch ... dann brauchte Friedel, auch nicht gemordet zu werden ..."

Aber leider hatte die Deputation nur zu wahr gesprochen: feit ber Heine Heuvorrat zu Enbe war, seit Friebel so ganz bie menschlichen Gewohnheiten bis zu ihren Lastern angenommen hatte, siel er vorn ftleifdr Friebel siechte bahin. Wir taten, was wir konnten, um ihn uns m erhalten: wir zerschnitten Flaschenftroh zu Häcksel, wir holten das Seearas aus unseren Matratzen und boten es ihm dar, kleingehackt unb mit allerlei appetitanregenben Delikatesten, wie Mehl unb Brot, ver­mischt. Ich hatte ein zärtlich geliebtes Kissen, meine Mutter hatte es mir gemacht unb mit Lavenbelblüten ausgestopft aber Friebel wollte nicht einmal barem schnuppern.