Eichener Zamifienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1957
Zreitag, den 50. April
Nummer 55
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Roman von Theodor Kontane
26. Fortsetzung.
„Und all das, was ich da so hergezählt, umfaßte zeitlich ein Jahrhundert. Da waren wir den andern voraus, mitunter geistig und moralisch gewiß. Aber der ,Non soll cecko-Adler' mit seinem Blitzbündel in den Fängen, er blitzt nicht mehr, und die Begeisterung ist tot. Eine rückläufige Bewegung ist da, längst Abgestorbenes, ich muß es wiederholen, soll neu erblühen. Es tut es nicht. In gewissem Sinne freilich kehrt alles einmal wieder, aber bei dieser Wiederkehr werden Jahrtausende übersprungen: wir können die römischen Kaiserzeiten, Gutes und Schlechtes, wieder haben, aber nicht das spanische Rohr aus dem Tabakskollegium und nicht einmal den Krückstock von Sanssouci. Damit ist es vorbei. Und gut, daß es so ist. Was einmal Fortschritt war, ist längst Rückschritt geworden. Aus der modernen Geschichte, der eigentlichen, der lesenswerten, verschwinden die Bataillen und die Bataillone (trotzdem sie sich beständig vermehren), und wenn sie nicht selbst verschwinden, so schwindet doch das Interesse daran. Und mit dem Interesse das Prestige. An ihre Stelle treten Erfinder und Entdecker, und James Watt und Siemens bedeuten uns mehr als du Guesclin und Bayard. Das Heldische hat nicht direkt abgewirtschaftet und wird noch lange nicht abgewirtschaftet haben, aber sein Kurs hat nun mal seine besondere Höhe verloren, und anstatt sich in die Tatsache zu finden, versucht es unser Regime, dem Niedersteigenden eine künstliche Hausse zu geben."
„Es ist, wie Sie sagen. Aber gegen wen richtet sich's? Sie sprachen von .Regime'. Wer ist dies Regime? Mensch oder Ding? Ist es die von alter Zeit her übernommene Maschine, deren Räderwerk tot weiter- kloppert, oder ist es der, der an der Maschine steht? Oder endlich, ist es eine bestimmte abgegrenzte Vielheit, die die Hand des Mannes an der Maschine zu bestimmen, zu richten trachtet? In allem, was Sie sagen, klingt eine sich auslehnende Stimme. Sind Sie gegen den Adel? Stehen Sie gegen die ,alten Familien'?"
„Zunächst: nein. Ich liebe, hab auch Ursach dazu, die alten Familien und möchte beinah glauben, jeder liebt sie. Die alten Familien sind immer noch populär, auch heute noch. Aber sie vertun und verschütten diese Sympathien, die doch jeder braucht, jeder Mensch und jeder Stand. Unsre alten Familien kranken durchgängig an der Vorstellung, ,daß es ohne sie nicht gehe', was aber weit gefehlt ist, denn es geht sicher auch ohne sie: — sie sind nicht mehr die Säule, die das Ganze trägt, sie sind das alte Stein- und Moosdach, das wohl noch lastet und drückt, aber gegen Unwetter nicht mehr schützen kann. Wohl möglich, daß aristokratische Tage mal wiederkehren, vorläufig, wohin wir sehen, stehen wir im Zeichen einer demokratischen Weltanschauung. Eine neue Zeit bricht an. Ich glaube, eine bessere und eine glücklichere. Aber wenn auch nicht eine glücklichere, so doch mindestens eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in der wir besser atmen können. Und je freier man atmet, je mehr lebt man. Was aber Waldemar angeht, meiner sind Sie sicher, Frau Gräfin. Bleibt freilich, als Hauptfaktor, noch die Komtesse. Für die müssen Sie die Bürgschaft übernehmen. Die Frauen bestimmen schließlich doch alles."
„So heißt es immer. Und wir find eitel genug, es zu glauben. Aber das führt uns auf ganz neue Gebiete. Vorläufig Ihre Hand zur Besieglung. Und nun erlauben Sie mir, nach diesem unserm revolutionären Diskurse, zu den Hütten friedlicher Menschen zurückzukehren. Ich habe mich bei dem alten Herrn nur auf eine halbe Stunde beurlaubt und rechne darauf, daß Sie mich, wenn nicht bis ins Museum selbst (das dem Programm nach besucht werden sollte)^ so doch wenigstens bis auf die Schloßrampe begleiten."
- 30. Kapitel.
Lorenzen tat, wie gewünscht, und auf dem Wege zum Schloß plauderten beide weiter, wenn auch über sehr andere Dinge.
„Was ist es eigentlich mit diesem Museum'?" fragte Melusine; „kann ich mir doch kaum was Rechtes darunter vorstellen. Eine alte Papptafel mit Inschrift hängt da schräg über der Saoltur, alles dicht neben meinem Schlafzimmer, und ich habe mich etwas davor geängstigt.
„Sehr mit Unrecht, gnädige Gräfin. Die primitive Papptafel, die freilich verwunderlich genug aussieht, sollte wohl nur andeuten dah es sich bei der ganzen Sache mehr um einen Scherz als um etwas Ernsthaftes handelt. Etwa wie bei Sammlung von Meerschaumpfeifen und Tabaksdosen. Und Sie werden auch vorwiegend solchen Seltsam
keiten begegnen. Anderseits ober ist es auch wieder ein richtiges historisches Museum, trotzdem es nur halb das geworden ist, worauf Herr von Stechlin anfänglich aus war."
„Und das war?"
„Das war mehr etwas Groteskes. Es mögen nun wohl schon zwanzig Jahre her sein, da las er eines Tages in der Zeitung von einem Engländer, der historische Türen sammle und neuerdings sogar für eine enorme Summe, ich glaube, es waren tausend Pfund, die Gefängnistür erstanden habe, durch die Ludwig XVI. und dann später Danton und Robespierre zur Guillotinierung abgeführt worden seien. Und diese Notiz machte solchen Eindruck auf unfern liebenswürdigen Stechliner Schloßherrn, daß er auch solche historische Türensammlung anzulegen beschloß. Er ist aber nicht weit damit gekommen und hat sich mit dem Küstriner Schloßfenster begnügen müssen, an dem Kronprinz Friedrich stand, als Katte zur Enthauptung vorllbergeführt wurde. Doch auch das ist unsicher, ja, die meisten wollen nichts davon wissen. Nur Krippenstapel hält noch daran fest."
„Krippenstapel?"
„Ja. der Name frappiert Sie, Das ist nämlich unser Lehrer hier, Liebling des alten Herrn und sein Berater in derlei Dingen. Der hat ihm denn auch das gegenwärtge Museum', das man als Abschlagszahlung auf die ,historischen Türen' ansehen kann, zusammengestellt. Außer dem angezweifelten Fenster werden Frau Gräfin noch ein paar phantastische Regentraufen finden und vor allem viele Wetterhähne, die von alten märkischen Kirchtürmen herabgenommen wurden. Einige sollen ganz interessant sein. Ich habe keinen Sinn dafür. Aber Krippenstapel hat einen Katalog angefertigt."
Unter diesen Worten waren beide bis an die Rampe gekommen, auf der Engelke schon stand und auf die Gräfin wartete. Lorenzen empfahl sich. Aber auch Melusine wollte nicht gleich ins Museum hinaus, zog es vielmehr vor, erst unten in das große Gesellschaftszimmer einzutreten und sich da zu wärmen.
Engelke machte sich auch sofort am Kamin zu schaffen, was, der Gräfin gut paßte, weil sie noch manches fragen wollte.
„Das ist recht, Engelke, daß Sie Kohlen aufschütten und auch Kienäpfel. Ich freue mich immer, wenn es so lustig brennt. Und oben im Museum' wird es wohl noch kalt sein."
„Ja, kalt ist es, Frau Gräfin. Aber mit der Kälte, na, das ginge am Ende noch, und der viele Staub, der oben liegt, das ginge vielleicht auch noch: Staub wärmt. Und die Dachtraufen und Wetterhühne tun auch keinem Menschen was ..."
„Ader was ist denn sonst noch?"
„Ach, ich meine bloß die verdammten Dinger, die Spinnen ..."
„Um Gottes willen, Spinnen?" erschrak Melusine.
„Ja, Spinnen, Frau Gräfin. Aber so ganz schlimme sind nich dabei. Solche mit’m Kreuz oben hab ich bei uns noch nich gesehn. Bloß solche, die Schneider heißen." .
„Ach, das sind die, die die langen Beine haben."
,Ja, lange Beine haben sie. Aber sie tun einem nichts. Und eigentlich sind es sehr ängstliche Tiere und verkriechen sich, wenn sie hören, dah aufgeschlossen wird, und bloß wenn Krippenstapel kommt, dann kommen sie alle raus und kucken sich um. Krippenstapel, den kennen sie ganz gut, und ich hab auch mal gesehn, daß er ihnen Fliegen mitbringt, und machen sich dann gleich drüber her."
„Ader das ist ja grausam. Ist es denn ein guter Mensch?
”,0 sehr gut, Frau Gräfin. Und als ich ihm mal so was sagte, sagte er: ",Ja, Engelke, das is nu mal so: einer frißt den anderen aus.'"
Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort; dann sagte Melusine: „Nun, Engelke, ist es ober wohl die höchste Zeit für das Museum, sonst komm' ich zu spät und seh und höre gar nichts mehr. Ich bin nun auch wieder warm geworden." Dabei erhob sie sich und stieg die Doppeltreppe hinauf und klopfte. Sie wollte nicht gleich eintreten.
Auf ihr Klopfen wurde sehr bald von innen her geöffnet, und Krippenstapel, mit der Hornbrille, stand vor ihr. Er verbeugte sich und trat zurück, um den Platz freizugeben. Aber Melusine, deren Angst vor ihm wiederkehrte, zauderte, was eine momentane Verlegenheit schuf. Inzwischen war aber auch Dubslav herangekammen. „Ich fürchtete schon, daß Lorenzen Sie nicht herausgeben würde. Seine Gelegenheiten, hier in Stechlin ein Gespräch zu führen, sind nicht groß, und nun gar ein Gespräch mit Gräfin Melusine! Nun, er hat es gnädig gemacht. Jetzt aber, Gräfin, halten Sie gefälligst Umschau: vielleicht daß Lorenzen schon geplaudert hat oder gar Engelke." ,
„So ganz im Dunkeln bin ich nicht mehr; ein Küstriner Schloßfenster, ein paar Kirchenreliquien und dazu Wetterhähne — lauter Gegenstände (denn ich bin auch ein bißchen fürs Aparte), zu deren Auswahl ich Ihnen gratuliere."
Wofür ich der Frau Gräfin dankbar bin, ohne sonderlich überrascht zu fein. Ich wußte, Damen wie Gräfin Ghiberti Haden Sinn für derlei


