Ausgabe 
15.1.1937
 
Einzelbild herunterladen

Seidentuch. fftunb um das Podium drängte sich eine unübersehbare Menschenmenge. r r -jr

Ein zweiter Fanfarenstoß gebot Ruhe. Langsam verebbte der festliche Lärm, und es ward eine große Stille. So vollkommen war diese Stille, daß man im Dorf drüben die Hähne krähen hörte. Nur ein völlig unmusi­kalisches Karussell spielte am anderen Ende des Festplatzes unausgesetzt das schöne Lied vomPüppchen" mit demAugenstern".

Matthias Sauerbier bedachte seinen stattlichen roten Schnurrbart mit einer letzten liebevollen Zwirbelbewegung, sah, wie sich aller Augen er­wartungsvoll aus ihn richteten, verfluchte noch einmal im stillen den Püppchen-Leierkasten, legte die Stirn in bedeutungsvolle Falten, tat seinen Mund auf und Hub also an:

Hochansehnliche Festversammlung! Insonderheit verehrte Sanges­brüder von nah und fern! Schon unsere Vorfahren ..." Weiter kam er nicht. In den hinteren Reihen der Zuschauer gab es ein Geschiebe und Gedränge, und eine kreischende Frauenstimme wurde gehört:

Sauerbier", Ihr sollt uff der Stell emol haamkomme, us Schimmel krejt es Kalb!"

Der Redner stand wie vom Blitz getroffen.E Kalb von der Schimmel, wu die Zeit noch gor mt aus is? Do soll ja gleisch e glienich Kisselgewirre die Kuh metsamt dem Kalb verhaage!"

Spracht, stülpte seinen Zylinder auf und eilte wutschnaubend durch die grinsende Menge dem Dorfe zu.

Ein Glück, daß der Schusterhannes instruiert war. Aber es kam doch etwas unerwartet, und das Herz klopfte ihm bis in den Kragen. Nachdem sich der Aufruhr gelegt hatte, wandte er sich an die Festjungfrau mit der Fahne und sagte mit gewichtiger Stimme:

Su nomm ich denn in Stellvertretung des ersten Vorsitzenden die geheiligt Föhn ctus deine zorte Fingercher." Und zu den Vereinsbrüdern gewandt:Kommt emol näher zu mir, un jeder dout 'n Put drolege".

Wieder gab es ein großes Geschiebe, denn jeder wollte seine Hand auf das Fahnentuch legen. Der Schusterhannes verlor die Geduld.

Himmeldunnerkeil!", fuhr er dazwischen, 's braucht doch nit jeder sei dreckige Pute on dem neje Duch abzebotze!" Man schob und drängte und lachte.Ruhe bitte ich mir aus. Alleweil."

Här uff, Hannes, do hinne kimmt der Sauerbier gelaafe, der micht des bißche!", rief's aus der Menge.

Richtig, im Sturmschritt kam der erste Vorsitzende wieder über den Festplatz gestürmt, Dem Hannes stieg das Blut zu Kopfe.Nix zu mache!", entschied er.Alleweil wird fertig geweiht!"

Und während sich Sauerbier eine Gasse durch die Menge bahnte, von allerhand anzüglichen Redensarten empfangen, sprach der Schusterhannes die denkwürdigen Worte:

-,Em Nome vom ganzen Verein, in Gegenwart der ganzen Oeffentlich- keit, im Angesicht von Himmel und Erde, weihe ich die Fahne hier mit en als Zimbilium der Harmonie, die Liebe und Treue bis in den Tod. Un e heilig Laad soll den verschmeiße, der sei Föhn verläßt. Schluß und fertig!"

Gerührt ergriff er das Fahnentuch, heftete es an die Stange, schwenkte es dreimal über seinem Zylinder und befahl:Dusch!".

Matthias Sauerbier erklärte noch in derselben Stunde seinen Austritt aUs dem Verein. Und so ist es gekommen, daß seine Festrede nicht in den Zeitungen gestanden hat. Statt dessen stand nach genau drei Wochen eine Anzeige im Kreisblatt:

Vierzehn Tage aUes Kalb, männlichen Geschlechts, zu verkaufen bei Mathias Sauerbier, Ortsvorsteher." '

Denn der Schimmel hatte in Wirklichkeit an dem bewußten Sonntag noch gar nicht gekalbt, sondern erst als dieZeit aus war", nämlich acht Tage später.

O'-d unh Arie.

Von Walter Berten.

Zu den Worten, die fremde Völker aus dem Deutschen in ihren Sprach­gebrauch übernommen haben, weil etwas so typisch Deutsches mit diesem Begriff benannt wird, daß Inhalt und Laut untrennbar erscheinen, gehört das Wort Lied. Immer war das deutsche Lied der volkhafteste Ausdruck deutschen Wesens. Wir alle haben solche Lieder lebendig in unserer Vor­stellung: etwa SchubertsAm Brunnen vor dem Tore", Schu­manns ..Wohlauf noch getrunken, den funkelnden Wein", Brahms' Immer leiser wird mein Schlummer", WolfsWer in die Fremde will wandern". Vom unendlichen Reichtum unserer Volkslieder ganz zu schweigen.

Wenn der Deutsche einem Gefühl der Freude ober des Schmerzes Aufdruck geben will, singt er feine Sieber; unb im Freunbeskreife stimmen batb alle mit ein. Die Berliner Volkssprache kennt bemgegenüber ben Ausruf:Menich, quatsch keene Oper", mit bem er ihm gekünstelt fremb ober gewollt Ericheinenbes abwehren will. Die Hauptform bes Einzel- gesanas in der Oper ist die Arie und wir verstehen, daß der Arie ob ihrer künstlerisch komplizierteren Form, ihrer Bindung an das große Kunst­werk des fetttäglichen, außerordentlichen Anlasses weniger Volkstümlichkeit vergönnt ist als bem Lieb. Außer bem beruflichen Kenner finb es nur menige Musikfreunde, die gleich eine lebendige Vorstellung haben, wenn sie im Konzert- ober Funkprogramm die Arientitel lesenIch weiß, daß mein Erlöser lebt",Komm, süßes Kreuz", unb wissen, baß bies Solo­gesänge ans HänbelsMessias" unb B a ch sMatthäus-Passion" sind ober Ihr. bie ihr Triebe bes Herzens kennt" unbTreibt ber Cham­pagner b» z Blut erst im Kreise" als Arien erkennen aus den M o z a r t. OpernMoaros Hochzeit" unbDon Giovanni". Wie unterscheiben sich denn im 'i«'eren Lied unb Arie unb: finb es gleichwertige Musikformen?

THs W-'b ist geistig unb formal eine Welt für sich. Ein bestimmtes Sckü-esol Mi geschloffener Gedanke, ein umfassendes Gefühl wird in einer für fick, beÜ-benden Form zum Ausdruck gebracht. Als: Liebeslied. Vater- »eran wörtlich: 0r. Hans Tbvriot. - Druck und Verlag Brühl

lanbslieb. Trink- unb Wanderlied usw. Es sind zumeist Schicksale und Gefühle, die alle angehen und berühren. Die meist gradlinig eiii|ua)e Melodie vermählt sich mit dem hier fast stets dichterisch wertvollen Text zu einer neuen höheren Einheit. Es ist sehr oft strophenmähig angelegt unb im Aufbau leicht zu erfassen.

Auch die Arie hat ihren bestimmten Form-Aufriß; am meisten finden wir die Art der Da capo-Arie Wiederholungs-Arie genannt, weil in der Folge von A=Ieit L-Teil A-Teil nach dem zweiten Teil mit seiner neuen Melodie der erste mit der bereits bekannten wiederholt wird. Die äußere Form ist weniger das, was Lied und Arie unterscheidet. Die Arie steht nicht als eine geschlossene Welt für sich allein; sie ist Teil aus einem größeren Ganzen aus einer Kantate, einem Oratorium ober einer Oper, in beren epischem ober bramatischem Verlauf bie Arie als lyrische Betrachtung die Stimmung und Empfindung Oes Augenblicks festhält. Ist die Arie aus eines Künstlers Hand, sa übt sie auch für sich allein gesungen, künstlerische Wirkung aus, ihr letzter Sinn aber ersaut sich als Teil eines größeren Ganzen. Bei der Arie kommt es weniger auf die Mitteilung bestimmter Gedanken und Erlebnisse an als beim Lied; die Arie ist vielmehr der schmuckreiche Ausdruck einer durch den bisherigen Verlauf des Oratoriums oder der Oper herbeigeführten Stimmung, bie lyrische Betrachtung des hier kulminierenden Affekts. So hat der eigent­liche Wortinhalt oft wenig Bedeutung; man könnte fast sagen, daß die Worte nur dazu da sind, die Gesangsmelodie zu tragen. Schließlich braucht man ja auch nur einen Blick zu tun in die Auszüge mancher Opern vor Wagner, auch durch ihre Musik unsterblicher Oratorien, um festzustellen, wie dürftig im poetischen Sinne oft die Arientexte sich ausnehmen. Es gibt da zuweilen endlose Wortwiederholungen, Koloraturen und ganze Melodieteile auf einzelne Ausrufe und Silben. Wir müssen eben die Arie im Gegensatz zum Lied als eine musikalische Form erkennen, die ganz aus dem Geiste der Instrumentalmusik (und auch zeitlich mit ihrem Entstehen) geboren wurde. Schon rein äußerlich: jedes Volkslied und viele Kunstlieder kann man ohne Begleitung fingen eine unbegleitete Arie würde im allgemeinen unfertig, ja seltsam klingen.

So unendlich viele Chorlieder wir haben eine Chor-Arie wäre ein Widerspruch in sich selbst; was man ungefähr so nennen könnte, wäre bas Ensemble", in bem sich einige ober alle Solostimmen einer Oper ober eines Oratoriums gufammenfinben. Aber ein solches Ensemble unterscheibet sich vom Chorlieb etwa wie eine ausgewählte Volksvertretung vom Volk. Hiermit haben wir bas Wesensmerkmal berührt, bas Lieb unb Arie im tiefsten unterfdjeibet, und aus dem sich alles Aeußere unb Formale leicht von selbst erklärt. Das Sieb, besten sämtliche Kunstformen zurückgehen auf bas Volkslieb, ist immer unb im Grunbe volkhafter Natur unb stets ver­bindlich in ber Gemeinschaft bes Wir. Die Arie, bie mit ber Oper unb ber Instrumentalmusik viel später entstand, und zwar aus den Ideen unb Kräften ber Renaissance unb des Humanismus, ist im Grunde aristokra­tischer Natur und mehr einer individualistischen Haltung zugeneigt, zumeist nur verbindlicher Ausdruck der Empfindung einer einzelnen Persönlichkeit, deren Schicksal wir auf der Musikbühne verfolgen, mehr ober weniger begrenzt in einem Ich.

Hier wirb leicht begreiflich, warum bas Lieb volkstümlicher ist als bie Arie: wo bas Volk bem höchstgesteigerten Ausbruck unb Gefühlsbekenntnis bes Ich nicht folgen kann ober will, bleibt bie Wirkung auf bas Formale begrenzt. Aber es ist gerabe bas Signum unb der Sinn ber großen schöpfe­rischen Persönlichkeiten, bie Bebeutung unserer Großmeister bes Orato­riums unb ber Oper, baß sie in ihren Werken bie Gestalten unb Charaktere empfinben unb hanbeln lassen aus bem gleichen Fühlen unb Denken, bas uns alle zur Volkheit binbet. Wenn Vach unb Hänbel in ben Arien ihrer Oratorien bem Gefühl des Mitleibens mit bem Gekreuzigten, ber Freube über ben 2Iuferftanbenen burch ben Munb eines einzelnen Ausbruck geben wenn Gluck feinen Orpheus fingen läßtAch, ich habe sie ver­loren" unb Weber bie bange Sehnsucht ber Agathe imFreischütz", bie einsame Qual unb ben unbeschreiblichen Jubel ber harrenben, hofsenben, bas Glück schauenben Rezia imOberon" bändigt in die große, bewegte, freie Form ber Arie ...so fühlen unb wissen wir: mag bies auch bie Empsinbung biefer einzelnen Persönlichkeit fein, so zu fühlen, zu lieben, zu leiben ist uns allen gegeben, hier fanb ein Meister ben Ausbruck für ein gemeinsames Schicksal. Unb ist solchermaßen bie Schöpferpersönlichkeit unb der von ihr gestaltete Charakter eins mit der Gefühlsgemeinschaft aller im gleichen Volkstum Verbundenen, dann ist die Jch-Vegrenzung (von der eine äußere Form ausging) wieder aufgehoben, unb bie Wirkung münbet roieber in bas Wir.

Nur außerorbentliche Charaktere können Träger einer bramatischen Handlung fein. Wenn es bem Lieb gegeben ist, bas Schlichte ebenso wie bas Große zu umfassen, bie Arie lebt immer aus ber außerorbcntlichen Erregung ber Gefühle, unb zwar im weiten Vewegungsraum vom Sviele- rischen bis zum Heroischen. Sie setzt mit einem prägnanten melobischen Motiv meist erst ein nach einem oorangegnngenen Svrechgesang Rezitativ genannt, der in knappster musikalischer Diktion bie Vor­geschichte ober bie Umftänbe berichtet, aus benen sich die außerordentliche Stimmung ergibt, bie nun ben Inhalt unb Charakter ber Arie bestimmt. Sie fofat babei ben verschiebenen Cmpfinbungen, bie von biefer Stimmung ausgeföft werben in nuancenreichem Ausbruck. Hinzu kommt ein über bas Lieb weit hinausgehenber Tonumfang, schwierige charakterisierenbe Tonschritte, bie Stimmbehauptung gegenüber einem ganzen Orchester. Kurz: es finb viele aeiftige unb technische Grünbe, bie von vornherein bem Volk bie Arie frember als das Lieb erscheinen lassen, zumal bie S-lbst- ausübung in ben meisten Fällen bem Laien unmöalich fein wirb. Aber musikalisch fein unb musikalisch genießen können, heißt ia nicht nur selbst mufhieren, sonbern auch mit Bewußtsein unb innerer Aktivität zu hören.

Die Frage nach bem Unterschieb von Lieb unb Arie bürste beantwortet sein: verschiebenartig boch gleichwertig: bann, wenn über alles Formale unb feine Begrenzungen hinaus ber Meister ber Gemeinschaft vom gleichen Schicksal künbet.

'sche UniversitätS-Buch. unb 6teinbruderei, R. Lange. Gießen.