Ausgabe 
11.10.1937
 
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Verkauf' Er die dreitausend silbernen Services, sie sind heimlicher Krieasschatz! Den silbernen Balkon! Die langen Kerls teile Er auf Sie sind bestes Offiziersmaterial. Handhab' Er segensreich, wofür ich mein Leben hinters Licht trat! Er muß mein Grabmonument seml ... Grumbkow, ein Schuft, bestochen von Wien! ... Ich habe sie alle benutzt! Sie zahlten meine Beamten, ich konnte ihnen dadurch Abzüge machen für unsere Soldaten! ... Preußen übernimmt die Führung im Reich. Ohne uns ist Deutschland tot ..."

Der Schein der Kerze überflackerte ein tränenüberströmtes Jünglings­gesicht, das flehend in das Antlitz des Verscheidenden sah.Vater! ..."

Im Armstuhl saß eine unförmige Leiche. Friedrich kniete nieder, seine Lippen berührten ehrfürchtig die abgetretenen Schnallenschuhe seines toten Vaters.

Er erhob sich und bewegte sich mit festen Schritten zur Lür. Weit öffnete er sie. Um Jahre gealtert stand er, inmitten seiner riesigen Sol­daten, vor den Diplomaten der europäischen Großmächte. Seine Augen blitzten; seine Stimme war wie ein Hieb:

Wie portiert sich die Kaiserliche Majestät zu Wien, Graf Seckendorfs? Ich hoffe gut? Ich bin jetzt der König von Preußen!"

Leise Lieder.

Von Christian Morgen st er n.

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht, Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt, noch ein Stern, der etwa spähend wacht, noch der Mond, der still im Aether schwimmt;

denen niemand als das eigene Herz, das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht, und an denen niemand als der Schmerz, der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht, dir, im deren Aug mein Sinn versank, und aus dessen tiefem, dunklem Schacht meine Seele ewige Sehnsucht trank.

Oer Franzose und das Ferkel.

Von Georg Britting.

Im Jahre 1872, der Himmel war noch blauer damals, erzählte mein Onkel, und die Donau grüner als HM, und die jetzt dicke, alte Bäume find, fett und narbig und knorrig, die bogen sich in jedem Wind, da begegnete man in den Straßen unserer Stadt oft einem kleinen, schwarz­kinnbärtigen Herrn, und das war ein ehemaliger Unterfeldwebel des französischen Heeres, Rancourt mit Namen. Der war im Krieg gefangen­genommen worden, in der Schlacht bei Sedan, so sprach man, und das Schicksal hatte ihn in die Donaustadt verschlagen, und er hatte ge­funden, daß die Donaustadt eine schöne Stadt sei, und war geblieben auch nach Friedensschluß, und trug noch lange zu seinem bürgerlichen Nock die mohnroten Hosen des Soldaten. Ein gelbes, biegsames Stöckchen ließ er lustig kreisen, und stand an der steinernen Brücke und sah den Anglern zu, und sah zu, wie die selten, aber doch hin und wieder einmal, einen Silberfisch aus dem Wasser holten. Und wir Kinder, sagte mein Onkel, wir blickten nicht den Fisch an, ein Rotauge oder eine Brachse, die hatten wir oft gesehen, wir blickten verstohlen aus die roten Hosen de? Herrn Rancourt, aus sein schmetterlinggelbes Wippstöckchen, und weil das alles, die flammenden Hosen und der Ziegenbart und das bewegliche Stäbchen im Wasser noch einmal sich darboten, so starrten wir voll heftiger Neugier auf die bunte Spiegelung, um den Mann selber nicht allzudreist mustern zu müssen. Und" der Leiter der Bürger­schule der Stadt, in der man natürlich auch die französische Sprache lehrte, war der Meinung, daß die fremden, schweren Worte leichter auf die Zungenspitzen der Schüler zu bringen seien, wenn ein echter, unzweifelhafter, lebendiger Franzose das versuche dieser Bürgerschul- leiier also stellte an den Herrn Unterfeldwebel Rancourt das Ansinnen, einen Lehrposten für Französisch an der Anstalt zu übernehmen. Der Herr Rancourt willigte gerne ein, kehrte nicht mehr in sein Vater­land zurück, blieb bis an sein Lebensende, und ging eifrig und auf ein wenig gebogenen Beinen durch die Krummgaffen der Donaustadt, immer noch aber das schmetterlingsfarbene Stöckchen wippend.

Das war damals, erzählte mein Onkel, als es noch schöner war zu leben, und als dort noch grüne Wiesen waren und eine Felsenkeller­wirtschaft, wo heute das städtische Pfandhaus steht, damals, als das braune Bier so dick und honigklebrig war, daß, wer mit dem Aermel am Verschütteten hängenblieb, einen Stossläppen opfern mußte, um wieder loszukommen. Da lachte mein Onkel, als er das erzählte, und sagte auch, daß der Mond, wenn er an Juniabenden über dem Dom empor« stieg, so groß gewesen sei wie ein Wagenrad, zum Fürchten groß, und seiner Schätzung nach mindestens doppelt so groß als heute.

Da lachten wieder wir, und glaubten es nicht, und forderten ihn auf, heute, am Abend, zur Stunde des Mondausgangs, mit uns vor die Stadt zu gehen und mit uns zu warten, bis die gelbe Scheibe aus der dampfenden Abendebene zwischen Hügelrücken und roten Kaminen sich emporarbeiten würde, und dann im Angesicht des glühpunschfarbigen Lichtträgers, ja, Aug in Aug mit ihm, feine Rede zu wiederholen.

Um wieder auf diesen Rancourt zu kommen, sagte aber mein OM, so hatte der säbelbeinige Mensch sich so bei uns eingewohnt, daß f6 wahrhaft zum Staunen war. Er trank bald mehr Bier als irgendein Ortsansässiger und im Wirtshaus Kalbsbraten mit Kartoffelsalat unb schwärmte für Leberknödel und Grießnockerln. Er lernte auch deutsch,iu sprechen, aber er brauchte sehr lang dazu, und jahrelang radebrechte tt es in der entsetzlichsten Weise.

Nun war damals jeden Mittwoch in der Wahlensttahe Spanferkel- markt. Da kamen die Bauern und Bäuerinnen aus der Umgebung unb, brachten in Körben die quiekenden Tiere. Die waren meist rofafarbm und wunderlieblich behaart, manche auch waren schwarz, und besonder, schön ist es, wenn ein Ferkel um die Schultern herzförmig schwarz ijt, während das Hinterteil bis zur Schwanzmitte gelbweißbeflaumt schirr, mert und die Schwanzspitze lustig und unerwartet wieder teufelsmaß:z dtinkel sich ringelt. Die Käufer packten das Tier bei einem Fuß unb hoben es hoch, daß es laut aufschrie und den prallen, runden Leid hin und her warf, und mindestens fünfzehn hob man auf und beschau!! sie. bis man sich zum Kauf von einem entschloß, so daß es an den Markl- tagen ziemlich laut herging in der Wahlenstraße. Es roch auch gaiq besonders in der Straße und auch noch in den Nebenstraßen an diese, Mittwochvormittagen, gut eigentlich, so nach Stall und Stroh, unb recht gesund.

Und damals, fuhr mein Onkel fort, als natürlich nach keine Straßer, bahn durch die Stadt mit grellen Glocken läutete, nur Bauernschlitten 11 Wintertagen durchs Jakobstor klingelten, damals traf man oft Bube, und Dienstmädchen, auch wohl den Hausvater selber, wie sie vom Bäck« kommend, schmale Bretter auf den Schultern trugen. Die waren van btr Backafenhitze an geröstet, hatten schwärzliche Rillen davon, und auf bi! Bretter waren genagelt die gebratenen Ferkel. Sie lagen auf dem Bauch wie spielend alle Biere van sich, und den schmalen, listigen, lustige, Kopf dicht auf das Holz geduckt und schwebten so hochgetragen strahlend dahin. Sieht man das heute noch? murrte mein Onkel. Aber dam lächelte er und erzählte weiter: Der Rancourt nun wollte natürlich auch einmal sein Spanferkel haben und fand sich also in der Wahlenstraß! ein, ahmte die anderen Käufer nach, hob Ferkel am Bein hoch, sch lachend auf die Quietschenden herab und ließ sie wieder in den Kor) sollen, wo die Tiere, weiter schimpfend, sich ins Stroh zu den Kame­raden schmiegten, tief und aufgeregt atmend. Schon das siebente ober achte gefiel ihm ausnehmend, er fragte, mehr mit den Händen als mit Worten, nach dem Preis, zahlte und nahm das Tier' zärtlich auf bii Arme, um es zum Metzger zu tragen. Es lag so rosig auf feine, Aermeln, daß er der Versuchung nicht widerstand, es zu streicheln, aber das bekam ihm schlecht. Das Ferkel zappelte wütend, er stolperte, firi, das Tier war frei und hell rufend raste es davon, Ringelschwanz hoch, schnell wie der Blitz, ohne sich umzusehen. Der Herr Rancourt lis| hinterdrein, feurigen Auges, säbelbeinig, und das Ferkel war schon uni die nächste Ecke. Der Franzose fluchte, fluchte alle gewalttätigen und ab­scheulichen Flüche seiner Soldatenzeit, bog um den Prellstein, war i, der Seitengasse, aber das Ferkel war nicht mehr zu sehen. Quiekte es nicht fern zärtlich und lockend und höhnisch? Aber zu erblicken war e; nicht, nur ein Dienstmädchen kam ihm entgegen. Er wollte es fragen, ob es dem Ausreißer nicht begegnet wäre, aber damals, 1872, da rmu er erst knapp über ein Jahr in der Stadt und konnte nur wenig Deutsch, und er war auch zu aufgeregt, um sich die Frage sauber zurechtzui legen, und so schrie er zappelnd, mit drehenden, malenden, erklärender Handbewegungen ergänzend, was ihm an Worten fehlte, so trompetet:! er aufgeregt der Bienftmagb etwas zu und das war so:Fräulein aben Sie nicht gesehen kleine Person, vorne oi, oi, hinten dirrididldi?'

Es steckte eine schöne und kräftige und sehr anschauliche und einpräg­same Beschreibung des flüchtigen Rosatieres in den Worten, aber -du Magd verstand sie trotzdem nicht gleich, die schwerfällige Person begriff erst später den Sinn, aber da hatte er das Ferkel schon wieder gf funben, das sich in einen Hausflur geflüchtet hatte.

Aber die Stadt, Gott, wie anspruchslos war sie damals, sie freut-- sich noch lange über die Sprachkünste des Ferkeljägers! Oh, wie er den Ringelschwänzchen, das ewig bewegliche, geschildert hatte, das luftige das keck und naseweis-mutig wie ein fleischerner Lerchentriller war, ba« fang, ja, sang, wer's zu hören verstand, überwältigend dummdreist um)' unverfroren bas Lieb dirrididldi! Und oi, oi quiekte die Schnauze, bt-r Rosarüssel, tiefer im Ton als die Schwänzchenflöte, die biegsame, Heus

Und, sagte mein Onkel, er hat später noch oft Kalbsbraten mit Kar­toffelsalat und Leberknödelsuppe gegessen, der Herr Rancourt, und au® Spanferkel und lernte auch noch regelrichtig Deutsch und wurde sogar Professor.

Aber als er so weit war und die fremde Sprache, wie man so über- treibend sagt, beherrschte, drückte er sich in ihr so richtig und nüchtern aus, wie wir bas alle tun, in langwelligen unb trockenen Sätzen ohna Klang und Glanz, glatt unb ohne Stockung redend, wie Wasser vom der Röhre läuft, und nie wieder, natürlich, ist ihm ein so schönes Ge­dicht gelungen wie das Ferkelgedicht. Das gelingt auch uns allen nur; die wir keine Dichter find, solange wir Kinder sind, denn wie eim Kind, süß lallend, irrte der erwachsene französische Mann damals tau­melnd im Dunkel des mächtigen, zauberischen Sprachurwalds, und nun im geheimnisreichen Dämmern ist dem Gedichte wohl.

Mein Onkel hatte sich in die Ecke des Zimmers zurückgezogen, in den schwarzen Ledersessel, der dort stand, wer weiß, wie lange schon - Die Dämmerung wollte schon kommen, draußen, wo die alte Stabt Io5$ mit den vielen Türmen, wo der Strom floß, der grüne, der rauschen-.!

Und, sagten wir, du glaubst, daß damals der Mond größer uni» gelber war? Geh heut abend mit uns auf die Donauinsel, heut abena um acht Uhr kommt er, der gelbe Wanderer, sieh ihn dir an!

Ja, sagte mein Onkel, der Mond, der vielleicht, aber das Bier?

Dernntwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Derlag: Brüh Ische Universitätsdruckeret 21. Lange, Gießen.