Gießener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1937 Sreitag, den 6. August * Nummer 60
GOYA
UND DAS LÖWENGESICHT
ROMAN VON KARCHANS STROBL
15. Fortsetzung.
„Du hast mich auch nicht zart ungefaßt", sagte ich, „wäre es nach dir gegangen, so stünde ich.jetzt nicht hier. Aber es geht um Spanien, und wir wollen Frieden machen, Martincho! Gestern bin ich Zeuge gewesen, wie eine jahrhunderte alte Feindschaft zwischen zwei Geschlechtern begraben worden ist. Zwei Edelleute haben sich versöhnt. Sollen sie vornehmer denken als wir?"
Zögernd schlug Martincho in die Hand ein, die ich ihm noch immer hinhielt, und ging dann ohne ein Wort zu seinem Lagerfeuer. Nein, diese Feindschaft war nicht so gründlich abgetan, wie die zwischen den Fuentes und den Mercadores, aber ich hoffte, daß wenigstens Waffenstillstand zwischen uns sein würde.
Erst mit Tagesanbruch war die Ausspendung des Sakramentes beendet.
Fuentes hatte sich solange im Hintergrund gehalten. Nun, als wir sahen, daß sich Saniago Sas niederließ, um eine gebratene Hammelkeule vorzunehmen, die ihm gebracht worden war, näherten wir uns ihm.
„Ehrwürdiger Vater!" sagte Miguel, „ich habe von der Junta den Befehl erhalten, das Kommando dieser Truppe zu übernehmen."
Der wohlbeleibte, gedrungene Mönch ließ sich in seiner Mahlzeit nicht stören. Er schnitt mit seinem Messer eine Stück von der Keule ab, legte es auf ein Brot und biß hinein. Er sah von unten zu Miguel aus und nickte. „Es hat geheißen, Sie seien gehängt worden."
„Sie sehen, daß es ein Irrtum war, ehrwürdiger Vater!" erwiderte Fuentes ruhig.
Saniago kaute und schmatzte, seine Mundwinkel glänzten fett. Dann würgte er den Bissen hinab, um sprechen zu können. „Nun ja, Gott tut Wunder, wenn er will. Er nimmt seine Werkzeuge, wo er sie findet. Gut, gut, Sie haben den Oberbefehl, Graf Fuentes, aber Sie werden auf meinen Rat hören, nicht wahr? Es ist ja ein Krieg Gottes gegen den Antichrist, und Gott spricht durch seine unwürdigen Diener."
Dann sah der Mönch mich aufmerksam an. „Sie sind", sagte er, „Sie sind Francesco Goya."
Ich begegnete seiner kühlen Ueberheblichkeit mit gemessenem Hochmut: „Ich bin Francesco Goya."
Saniago schnitt ein neues Stück von der Hammelkeule. „Der Mensch lebt nicht allein vom Brote", lächelte er, „aber er lebt auch vom Brote, das ist nun einmal Gottes Wille, und wir werden unsere Kräfte brauchen. Ja ... und nun Sie, Exzellenza, es ist gut, daß Sie. gekommen sind." Er kaute wieder, und seine kleinen, listigen Augen funkelten mich an.
Sollte ich dastehen und diesem Mönch beim Essen zusehen, von dem er mir nichts anbot, wie es doch spanische Sitte war? Ich war eben im Begriff, ihn zu verlassen, da sagte er: „Wollen Sie nicht auch das Sakrament nehmen, wie die andern?"
Ich war nicht mit der Absicht gekommen, einen Franzosen zu töten, Siebold hatte gemeint, ich brauche nur die Waffen zu ergreifen, aber ich brauche nicht zu kämpfen. Merkwürdig genug war es, daß mir die Weigerung nicht über die Lippen wollte. War es vielleicht so, daß man auch kämpfen mußte, wenn man einmal die Waffen ergriffen hatte?
„Ich glaube, es wäre gut für Sie, wenn Sie es tun wollten", sagte Saniago. Er nahm den Deckel von dem silbernen Gefäß, in dem er den geweihten Leib Christi mitgebracht hatte. „Sehen Sie, es ist gerade noch eine Hostie da — für Sie!"
Einen Augenblick lang durchfuhr mich der Gedanke, mich in den Vorwand meiner Taubheit zu flüchten und zu tun, als verstünde ich nicht, was der Mönch von mir wollte. Aber die Feigheit stieß mich ab, und dann wußte ich auf einmal, daß ich mich nicht weigern durfte. Ich hatte die Warnung aus Worten des Mönches herausgehört, ich begriff, daß er von allem unterrichtet war. Der geheime Nachrichtendienst der Inquisition hatte mich wohl gemeldet, die Verfolgung war einstweilen eingestellt, aber es war der Auftrag ergangen, sich meiner zu vergewissern.
Saniago wischte den Mund und die Finger sorgsam in em Tuch und stand auf: „Die Beichte ist Ihnen erlassen, wie den andern. Ihre Sünden sind Ihnen vergeben."
Ich kniete nieder und nahm das Sakrament darauf, daß ich mindestens einen Franzosen umbringen würde.
Ein Hornsignal riß die Leute von den Feuern. Fuentes war ein Stück des Abhangs hinaufgeklettert, da stand er zwischen dem Bläser und einem Fackelträger, allen sichtbar und rief den Männern zu, daß ihm befohlen worden sei, sie zu führen und daß wir nun aufbrechen würden. Das Gerücht hatte sich schon verbreitet, Fuentes sei da, sein Name gab allen Zuversicht, die Männer jubelten auf, als sie ihn erblickten: „Fuentes! Fuentes! Die Jungfrau und der König Ferdinand!" „Nun geben Euer Gnaden doch ein Beispiel!" sagte jemand neben mir.
Ich sah mich um und erblickte die Pastrana. Sie hing schief in der Luft, gestützt auf ihre Stöcke, die Hüfte war herausgedreht, und aus ihren Triefaugen zwinkerte spöttische Genugtuung. Diese scheußliche alte Vettel war überall, gewiß ritt sie wie die Hexen auf einem Besen von einem Ort zum andern. Sie zwinkerte mir zu und lachte, sicherlich war sie sehr zufrieden damit, mich hier zu sehen.
Und plötzlich war es mir, als werde mir die Luft abgeschnürt, ich spürte ein Netz um mich, das eine unsichtbare Hand zuzog, und das mich, während ich frei zu handeln glaubte, zu tun zwang, was ein unbekannter feindseliger Wille über mich verhängte.
Es kostete mich Anstrengung, dwses lähmende Gefühl loszuwerden.
Erst unmittelbar vor Zaragosia kamen wir in den Kampf.
Wäre es nach Fuentes gegangen, so hätte uns gleich der Morgen des angebrochenen Tages im Feuer gesehen, aber es sollte sich sehr bald zeigen, daß seine Machtvollkommenheit als Befehlshaber höchst fragwürdig war.
Wir hatten, kurz nachdem wir uns aus der engen Schlucht hervorgewunden und in Marsch gesetzt hatten, Kundschaft erhalten, daß wir nicht weit zu suchen hätten, um auf den Feind zu stoßen.
Unser Versteck und Sammelpunkt lag halben Weges zwischen Cala- tayud und dem Städtchen Dillafeliche, wo das Wasser des Flusses Tiloca die Pulvermühlen Zaragossas betrieb. Der Baron Versage hatte mit seinen Truppen, die aus Studenten und verabschiedeten ehemaligen Offizieren bestanden, zur Verteidigung der Stadt die beherrschenden Höhen um Villaseliche besetzt, war aber von den Franzosen tags vorher angegriffen und geworfen worden.
Als wir uns aus dem Engpaß hervor in Marfchordnung entwickelt hatten, gab Fuentes Befehl, östlich einzuschwenken und die Richtung nach Villaseliche einzuschlagen. Aber nach kurzer Zeit geriet die Bewegung ins Stocken. Wir befanden uns nahe dem Hintern Ende des Zuges, und als wir sahen, daß alles stehen blieb und eine Abteilung auf die andere drückte, ritten wir rasch nach vorne, um nach der Ursache des Zögerns zu forschen.
Da stand die Pastrana auf einem Felsvorsprung an der Straße, focht mit den Armen in der Luft, daß ihr die grauen Haarsträhne um das Gesicht flogen und zeterte schrill über die Köpfe der Leute hin, die Halt gemacht hatten und zu ihr emporschauten.
„Was will das Weib?" fragte, Fuentes.
„Es ist die Pastrana", antworteten einige Bauern aus der Umgebung Madrids, „laßt sie nur. Hört, was die Pastrana zu sagen hat."
„Was soll das heißen?" predigte die Alte zornentbrannt. „Ist das der Weg nach Zaragossa, den ihr da einschlagen sollt? Wohin wollen wir denn? Wollen wir nach Zaragossa ober sonstwohin? Ich denke, wir sind alle darin einig, daß wir nach Zaragossa wollen. In Zaragossa braucht man uns. Zaragossa ruft nach uns. Wir wollen seinen tapferen Verteidigern Hilfe bringen. In Zaragossa entscheidet sich das Geschick des Vaterlandes. Sollen wir die Brüder, die dort kämpfen, im Stich [offen? Soll das Gnadenbild der heiligen Jungfrau den Ketzern in die Hände fallen? Vorwärts nach Zaragossa! Was geht uns Villaseliche an?"
Plötzlich stand Fuentes neben der Pastrana aus dem Felsen. Er schob sie ein wenig zur Seite und seine Stimme dröhnte über die Menge hin. „Sennores", sagte er, „gewiß wollen wir alle nach Zaragossa. um die bedrängte Stadt zu retten. Aber nicht immer kann man schnurstracks auf das Ziel losstürmen. Zuvor müssen wir Villaseliche zurückgewinnen. Dort befinden sich die Pulvermühlen, die Zaragossa mit Pulver versorgen. Wir können sie nicht in den Händen des Feindes lassen. Wir brauchen das Pulver von Dillafeliche. Zeigt eure Tapferkeit, indem ihr den Feind von dort verjagt."
Schlimm, dachte ich, schlimm, wenn ein Befehlshaber seinen Leuten auseinandersetzen muß, warum er einen Befehl erteilt. Einem Befehl, der begründet werden muß, ist die beste Kraft genommen.
' Die Leute standen unschlüssig, aber die Mehrzahl schien nicht geneigt, den sofortigen Vormarsch auf Zaragossa zu verschieben. „Hört auf die Pastrana!" riefen die Wortführer der Mannschaft, „sie ist überall dabei gewesen, wo es gegen die Franzosen ging. Sie versteht etwa« von diesen Dingen."


