Ausgabe 
5.11.1937
 
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nach der dieser Baum und der edle Stein nicht getrennt werden dlirfen; und das Unglück war über die gekammen, die sich anmaßten, ste zu ver­handeln, als seien ste tote Dinge, Aber sie leben wie wir und haben ihre Bestimmung wie wir, nur wissen viele nicht darum. Dies war die Mei­nung des Schleifers, der danach mit großer Mühe eine schmale Nische in den granitenen Türsturz des Hauses schlug, in die er den Stein und die Blüte einmauerte, als Zeichen dasllr, daß Baum und Stein nie mehr mit Gewalt voneinander geschieden werden sollten,

Auftrag.

Bon Ludwig Heinrich Christoph Holty,

Ihr Freunde, hänget, wenn ich gestorben bin, Die kleine Harfe hinter dem Altar aus, Wo an der Wand die Totenkränze Manches verstorbenen Mädchens schimmern.

Der Küster zeigt dann freundlich dem Reisenden Die kleine Harfe, rauscht mit dem roten Band, Das, an der Harfe sestgeschlungen. Unter den goldenen Saiten flattert.

Oft, sagt er staunend, tönen im Abendrot

Von selbst die Saiten, leise wie Bienenton;

Die Kinder, hergelackt vom Kirchhof, Härtens und sahn, wie die Kränze bebten.

Dichtung aus dem Lande der roten Erde.

Von E r i ch^L angenbucher.

Wir besitzen heute im Land der roten Ende dichterische Kräfte, die zu den stärksten der Gegenwart gehören. Das ist bei Josepha Berens-Totenohl der Fall. Mit Erschütterung las man ihr erstes BuchDer Femhof", das in die Landschaft hineingriff, Menschen darstellte und ein weitgesehenes Bild seiner Geschichte und seines Wer­dens gab. Die Heimat von Frau Berens-Totenohl ist das kleine Berg­nest Grevenstein. Heute lebt sie in dem verschwiegenen Winkel an der oberen Lenne, im Totenohl. Das ist das Tal, durch das man früher die Toten begleitete, ehe sie bestattet wurden. Zwischen Grevenstein und dem Totenohl liegtmein im Jahre 1891 begonnener Weg. Denke ich an die erste Heimat, in der ich bis zu meinem zwanzigsten Jahr lebte, dann steigt als Schönstes vor meinem Auge das Kuhhüten auf mit all feiner Freiheit und Seligkeit, mit all seinem Erleben der Natur und ihrer ewig-neuen Gestalt und Freude. Ich höre den Wald rauschen, an dessen Rand mein Weideland lag. Ich sehe die Tiere dort springen und in dem geheimnisvollen Dunkel verschwinden. Ich weih noch die Vogelnester, höre die Lieder, kenne die Gewitter und Stürme, in denen ich mit meinen Tieren stand." Diesem Bild fügt sich das van des Vaters Schmiede an, in der die Dichterin als junges Mädchenviele Stunden im Feuerschein stehen und sitzen konnte, meist ein kleines Geschwister aus dem Arm." Früh hatte sie zum Schrifttum eine stille Liebe, die erfüllt wurde, als sie Lehrerin wurde. Sie war lange in ihrem Berus tätig, ehe sie das Studium der Malerei ergriff. Das Jahr 1925 führt sie zurück ins Totenohl, ins Sauerland. Dort entstand ihr erstes WerkDer Femhof", die Geschichte der stolzen Wulfstochter, die Ihren Knecht Hebt, der selbst ein freier Bauer ist, den der Baler als Beauftragter der Feme mordet, und dessen Kind sie behütet gegen den Vater und gegen die Verleumdung. Davon erzählt das zweite Buch Frau Magdalene". Beide Werke haben einen historischen Hintergrund und stehen doch durch ihre Haltung mitten in der Gegenwart. Im letzten Jahr kam zu diesen Romanen eine Sammlung von Gedichten, die Josepha Berens-Totenohl unter dem TitelDas schlafende Brot" zusammenfaßt. Sie gehört zu den Dichterinnen, deren Werk Gültig­keit hat.

Eine zweite Frau aus dem Lande der roten Erde: Margarete S ch t e st l - B e n tl a g e. Sehr früh führt diese Frau der Weg nach Siiddeukschland, wo sie als Schülerin den Maler Rudolf S ch i e st l tenncnlei t, der ihr später Mann und Kamerad wird. Nach seinem Tode beginnt sie ihre dichterischen Arbeiten und tritt zum erstenmal mit Unter den Elchen" hervor. Das Buch läßt sich schwer in die Gebiete des Schrifttums einorbnen. Margarete Schiestl-Bentlage vereinigt darin fmälf Geschichten, die aber einheitlich wie ein Roman wirken. Man pllrt in jeder dieser Geschichten das Hinübergreifen in die voraus- gehende und in die folgenden und erlebt so Mensch und Landschaft. Unter den Eichen" liegen die westfälischen Bauernhöfe, leben die eigen­willigen Menschen, und es sind seltene Schicksale, die die Dichterin erzählt. Der Hof, nach dem sich Margarete Schiestl-Bentlage nennt, heißtsoviel wie Schloß, Haus und Hof im Moor, denn es ist ein uraltes Schloß zwischen den Binsen gewesen und wird bereits um 1100 genannt, und bis da hinunter gehen meine Ahnen". Frau Schiestl- Bentlage wurde untereinem hohen schwarzen Strohdach voll grüner Moospolster, in einem uralten Haus aus Fachwerk und Lehmwänden" geboren,das Haus, das von Eichen umstanden war oft deutlich ächzte und seufzte vor Alter im Sturm, beim Gedonner leise schwankte und zitterte, wurde vor einigen Jahren abgebrochen". Das Geschichten- erzähjen hat Frau Schiestl-Bentlage van der Mutter:Jeden Abend erzählte uns meine Mutter Geschichten, sagte uns Balladen und Ge­sänge auf und überlieferte Weisen. Sie fang uns alte unbekannte

Lieder und erzählte von ihrer Jugendzeit, die sich unter lauter wunder- baren Leuten, unter den merkwürdigsten Umständen und in einer Gegend zugetragen hatte, in der es Wiesen gab, wie von Gummi, nur mit einer Grasdecke oben, aber keinen Grund barunter; in ber jäh Bäume und Stücke Erdreich ins Bodenlose versanken. In ber es eine lange Reihe von Hünengräbern gab unb Sandbölle voll Steinwerk­zeugen, Urnen unb Römerwaffen". Mit bem Vater konnte sie Reisen machen burch Bruch und Moor,wobei er über jeden Stein am Wege, jeden Hof unb jedes Holz, jedes Schloß und jede Zunft Geschichten er- zählte und mir bei stockfinsterer Nacht Irrlichter zeigte, Sankt-Elms- Feuer und leuchtende Weidenftiimpfe, die dazu mit ihrem Holz noch keife wimmerten" Die Dichterin meint, daß auch die Onkel und Tanten Dichter gewesen seien. So ist es nicht verwunderlich, wenn sie früh anfängt,' mit ihren Stoffen zu ringen:Ich sprang jäh aus Bäumen, die sich im Sturme wunderbar hin und her bogen, vom Heuboden herab, oder mitten aus herrlichen Spielen fort im gewaltigen Rausch in meine Kammer, an mein blaues Schulheft, um niederzuschreiben, was fo gewaltig drängte, und brachte es nicht heraus". Dieses Er­leben wird uns heute geschenkt in den Büchern der Dichterin. Dem WerkUnter den Eichen" folgteDas blaue Moor". Wer den Roman kennt, weih, daß darin viel von fugendlichem Erleben ber Dichterin gestaltet wurde. Das jüngste Buch ist die Sammlung von Erzählungen Der Liebe Lust und Leid".

In Heinrich Luhmann besitzen roh einen Dichter, der sich in feinem Werk immer seiner Heimat, dem Land der roten Erde, ver­pflichtet fühlt. Heute ist der Dichter fast fünfzig Jahre alt, der uns im Jahre 1921 sein BuchWalddoktor Willibald" fchenkte, eine Erzählung aus dem Sauerland. Er erzählt darin die Geschichte eines Mannes, der [ein Leben antritt getreu dem Gesetz, das gerade diese Landschaft einem starken Menschen befiehlt. Später kommen dann die Geschichten aus den westfälischen Bergen, zufammengefaßt unter dem TitelWo die Wälder Wache halten". Der vom Dichter begonnene und nun fast vollendeten Roman-Trilogie geht ein Roman voraus, derDas hungrige Leben" benannt ist. Hier greift er in die Landschaft hinein, ohne sie aber zum bestimmten Klang seines Werkes werden zu (offen. Er weift vielleicht gerade deshalb mit diesem Buch am weitesten in den gesamtdeutschen Raum hinein, bas soein Dokument deutschen Volkstums und deutscher Seele" wird. Begrenzter, aber nicht weniger stark sind die beiden ersten Bände der Trilogie. Die beiden bis jetzt vorliegenden heißenPflug im Acker" undDer Bauernreiter". Dos erste Buch stellt die Geschichte eines Bauern dar, der dem Acker seiner Väter, bem alten Hof am Wasser mit jeder Faser seines Herzens verhaftet ist, fo daß alles, was den Acker angeht, auch fein Herz berührt. Der zweite Band,Der Vauernreiter", ist ein historisches Werk aus ber Zeit des Dreißigjährigen Krieges, bas Leben des Kaspar Jobokus Witthoefft darstellend, der über ber Liebe den Hof vergißt, der burch feinen Verrat die Heimat verrät, Not und Zerstörung über sie bringt, und ber doch, gereift und gewachfen, sich dem Ruf der Erde nicht verschließen kann. So wird aus bem Ruhe­losen wieder ein Bauer, der dort anpackt, wo die Väter aufhörten.

Dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet erstand ein junger Schrift­steller von bemerkenswerten Qualitäten in Walter B o 11 m e r, der in der Nähe von Dortmund geboren wurde und seine Jugend mitten imschwarzen Revier" verbrachte. Walter Vollmer ist trotz dieser Heimat ein bäuerlicher Mensch geblieben, der von des Vaters Seite her mit dem Bergbau verbunden ist. Er kennt das Leben der Bergleute, die lange Jahreunter Tag" feine besten Kameraden waren; ihnen und ihrem Land, ihrem Wünschen und ihrer Arbeit gehört seine Liede. Sein erstes Werk, das den Dichter in ihm ahnen ließ, waren die Verse Das Rufen im Schacht". Jahre der wirtschaftlichen Not mögen daran schuld gewesen sein, daß eine lange Schaffeuspause folgte. Erst im Jahre 1933 kam Vollmers RomanDie Ziege Sonja". DemLand an der Ruhr" fchenkte er fein gleichnamiges Bändchen, bas bem ersten Roman folgte. Ihm gelingt es, darin das doppelte Gesicht der Heimat, das des Bergmannes und das des Bauern, zu vereinigen Für sein nächstes WerkDie Schenke zur ewigen Liebe" verlieh ihm die Stadt Dortmund ihren Literaturpreis und die goldene Plakette der Stadt. Oft, zu oft, hören wir heute den Ruf nach einem Buch echten deutschen Humors, stiller Berfchwiegenheit und lächelnder Bejahung: Vollmers Buch von derewigen Liebe" ist ein solches Werk.

Heinz Kükelhaus, der heute in Ostpreußen auf eigenem Grund und Boden lebt, den er sich mühsam errungen hat, ist ein Kind des Ruhrgebietes. Seinem ersten Buch:Der Erdenbruder", einem Werk der eigenen harten Wander- und Notjahre, folgt die Geschichte des Armen Teufels". Das Buch entstand in Ostpreußen, fein Stoff aber greift in das Land an ber Ruhr, die Männer dieses Buches sind Berg­leute und ihre Not ist Arbeiternot. Das letzte Werk des Dichters ist ein Bauernbuch:Gott und seine Bauern". Die Werke des Dichters Kükel­haus bieten sich uns dar in einer eigenartigen starken Sprache, die über seltene Klänge verfügt und die Menschen, von denen er schreibt, unver­geßlich kennzeichnet.

Wir müssen heute darauf verzichten, weitere Dichter des Landes der roten Erde darzustellen, die nicht weniger bedeutungsvoll sind. Wir wollen hier nur Hinweise geben. Zu nennen wären noch Wilhelm Vershofen mit feinen BüchernPoggebnrg", die Geschichte eines alten Hauses, unbSroennenbrügge", bas Schicksal einer Landschaft; neben ihm Ludwig Bäte (Der Friede", Roman aus dem Dreibia- jährigen Krieg); L u l u von Strauß und Torney, besonders mit ihren Werken:Der Hof am Brink",Judas", Roman von dein Auf­ruhr westfälischer Bauern um 1800, undDer jüngste Dag", Roman aus der Zeit der Wiedertäufer im Münfterlaub. Auch Josef Ponten und Richard Euringer, ebenso wie Wilhelm Schmidtbonn find durch Geburt und Werk mit dies em Land und den angrenzenden Landschaften eng verbunden.

Verantwortlich: vr. HanS Thyriot. Druck unb Verlag: Brühlsche UniverfitätSdruckeret A. Lange, Gietzrn.