Ausgabe 
3.5.1937
 
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Handwerker.

Don Josef Weinheber.

Das Unsre ist zwar Werk der Hand, doch hat es, durch die Kunst, Bestand. Wer seine Sach von Grund auf kennt, mit Recht sich einen Meister nennt. Ein G'wölb, ein Schild, ein grober Sinn, da ist zum Bürger nicht weit hin.

Der Kreis ist klein, der Ausblick schmal, doch reicht's noch wohl zum Original und gibt wer groß ist, hat das kaum der Menschenwürde füglich Raum.

Nun läuft heut freilich nicht die Zeit auf Füßen der Zufriedenheit.

Doch geht es karg und donnert's fern, wir haben unsre Lieben gern, den Winkel still, die kleine Stadt, wo gute Zunft noch Ehren hat. Gott geb, es geh mit Kunst und Fleiß ein Zeitlang noch im alten Gleis, eh daß uns, hilf Herr Jesu Christ, unrettbar die Maschine frißt.

Das Mädchen Ursula.

Von Josef Martin Bauer.

Nun war den zwei Männern ihre Hilfe weggestovben, die Agache, die so grob wie anständig gewesen war. Magnus besah die angescheuerten Fußböden und trauerte ernstlich um die hilfreiche Frau, Florian spielte mit dem silberigen Lanzett vor dem toten Körper und bedachte den Fall chirurgisch, denn Agathe war an Krebs gestorben. Drei Tage später schrieb Florian einen Brief an seinen Bruder und fragte fo nebenbei, ob der Bruder keine neue Agathe wisse für den städtischen Haushalt.

Magnus lehrte an einer großen Schule Latein, ein grobes Latein zwar ohne allen Schwung, aber ein solides Latein, denn er kam von den Bauern her. Florian kam aus demselben Dorf, und er war ein Chirurg geworden, dem man viel Können und eine wütende Arbeits­kraft nachsagte. In der Stadt freilich hatten sie sich beide nie ganz zu- rechtgefunden. Mit ihrer bäuerlichen Zähigkeit schlugen sie sich bis zum Erfolg durch, aber vor den Menschen blieben sie hilflos und an den Frauen scheiterten sie völlig. Darum wohl kam es, daß sie mitten in der Stadt das Dorf wieder aufmachten: sie nahmen eine Wohnung mit­sammen, das vereinsamte Leben mitsammen und die rauhe Agathe mit­sammen, die ihre Wäsche bürstete und mit den Tellern mehr Lärm machte, als nötig war. Die Agathe hielt den Haushalt mit den zwei auseinanderliegenden Schlafzimmern straff zusammen. Vielmehr sie hatte ihn zusammengehalten. Nun war sie tot.

Und die zwei Männer, vor denen mancher Mensch in der Stadt den Hut zog, sahen armselig in Agathes Küche, wartend auf einen Be­scheid des Bruders, der im Dorf draußen den Hof hielt, dem der Chirurg entstammte. Bis dahin aßen sie abends Brot mit sehr viel Butter darauf.

An einem Vormittag kam der Bruder. Er fand die Wohnung ver­sperrt und mußte den Bruder in der Klinik suchen. Hinter ihm, in einem demütigen Abstand, ging das Mädchen, das Ursula hieß und künftig den zwei Männern den Haushalt führen sollte. Der Mann hatte seine Finger leicht eingehakt in die Finger des Mädchens, .er kannte das Haus mit den weißen Türen, ging die Treppe hinauf und rief oben, wo er die Zimmer kannte, ungebührlich laut nach dem Bruder. Florian murrte über die Störung, aber als er in dem Schreier feinen Bruder er­kannte, wurde er breit und gutmütig, der Schritt verlor feine Straffheit, und die Hände klopften auf die Schultern des verschüchterten Mädchens, so vielleicht, als wollten sie einen Kranken beruhigen, ober vielleicht so, als wollten sie nach dörflichen Brauch den Wuchs des Mädchens prüfen. Er sagte es dann auch, daß chm diese neue Agathe gefiel, mehr als die andere, die gestorben war.

So ein junges Ding sollen wir nehmen?" fragte Magnus, als man wieder in der gemeinsamen Wohnung war, als der Bruder Florians auch chm das Mädchen zuschob zum genauen Besehen.Selbstverständ­lich!" nickte Florian. Und dessen Bruder aus dem Dorf stand mächtig groß im offenen Türstock:Selbstverständlich nehmt ihr die Ursulal Sie ist nicht fo alt wie die frühere, aus dem Dorf ist sie auch, gelernt hat sie alles, was ihr braucht, und sie kann euch manchmal etwas erzählen von draußen. Es ist dock allerhand anders geworden m den Jahren her". Dann nickte auch der Lateinlehrer feine Zustimmung. Vielleicht konnte diese junge Agache, die Ursula hieß, alles Kleine und Nebensäch­liche so erzählen, wie er es hören wollte. Es war doch schon gewesen draußen, vor langen Jahren.

Ursula wurde in die gemeinsame Wohnung ausgenommen und tat hier ihre Arbeit. Sonst war nichts anders geworden. Der Bruder des Arztes war wieder heimgefahren ins Dors, Florian schnitt und knüpft« wieder, was krank war in den todbleich hingelegten Körpern, Magnus lehrte wieder Latein, fein kantiges Bauernlatein, und Ursula werkte singend in der Küche. Das war nicht groß und nicht wichtig. Ursula nahm es dankend hin, wenn Florian nach dem Essen in die Küche kam und seine Hände aus ihre Schullern klopften, als wollten sie nach dörf­

lichem Brauch den schonen Wuchs des Mädchens prüfen. Ursula freute sich darüber. Mehr als eine kleine Freude durfte es nicht fein, wenn Florian doch so ein großer Herr geworden war hier in der Stadt.

Mehr als eine kleine Freude durfte es auch nicht fein, wenn Magnus öfter als nötig in der Küche nach etwas fragte, nach einem Glas Wasser etwa, oder nach einem Stück von dem übriggebliebenen Kuchen. Er brachte das immer ein wenig rauh und unwirsch heraus; aber es war nicht weniger Herzlichkeit in ihm, wenn im tiefen Bücken Ursulas faltenreicher Rock sich weit und reich um bas Stück Boden und bas Mädchen sich reihte, es wurde ihm sommerlich wohl zumute, wenn der schlanke Körper sich reckte, um hoch droben etwas nach dem Wunsch des Mannes aus dem Schrank zu nehmen.

Gar nicht viel eigentlich war anders geworden, feit Ursula hier werkte. Die Arbeit hatten Agathens brüchige Hände auch ungefähr fo getan, und man war auch der Agathe manchesmal so begegnet, spät am Abend, wenn sie über den Gang kam. Ganz so traf man nun manchmal die Ursula, und wenn man ihr freundlich den Gruß sagen wollte zur guten Nacht, bann burfte man nicht lange zögern damit, denn Ursula ging eilig ihre Wege, sie ging noch eiliger, wenn sie sich zu dieser Stunde nur ein leichtes Stück Kleid schnell übergeworfen hatte. Florian sah dem Mädchen manchmal eine lange Weile nach, auch wenn der Gang langst wieder leer und die Tür zu Ursulas Kammer bereits geschlossen war. Ob sie draußen auf dem Dorf an ihm auch fo hastig und zag vorübergelaufen wäre? Florian wurde ernst und still dabei, er sah bas Mäbchen, er freute sich an dem Bild, und er bedachte, daß er doch weit weg gekommen war von dem Dors, von feinen Menschen und von seiner Art.

Dann mochte es Vorkommen, daß Florian seine bäuerliche Ursula an einem Nachmittag mitnahm auf den Rummelplatz der Stadt, den bie- Dorfleute aufsuchten, wenn sie hereinkamen, und es mochte vorkommen, daß er das Mädchen mitnahm auf den hohen Turm des Toboggans und drängend hinter ihr abfuhr, daß er nur die Hände ein ganz klein wenig auszustrecken brauchte, um den vor ihm abgleitenden Körper zu umfassen. Es mochte vorkommen, daß er seine Hände dabei ertappte, wie sie nach dem Mädchen aus dem Dorf faßten. Und er muhte sie wieder zurücknehmen, diese Hände, die sich hier immer viel zu schwer auf Scheitel und Schultern der Mädchen gelegt hatten, so schwer und so bäuerlich, daß sie nun leer geblieben waren.

Magnus war anders. Magnus lehrte ein brockenhartes Latein, weil er im Lehren so wie im Lieben nur schwer ringend sich das rechte, das einzige Wort abquälen konnte. Der konnte Ursula nicht mitnehmen aufs Toboggan. Der mutzte sich in seinem Arbeitszimmer an den Abenden hart vor bie Tür setzen, bie zum Gang führte, unb hier mußte er horchen auf die dünnen, luftigen Schritte, die um zehn Uhr über den Gang eilten. Fand er wirklich bann einmal ben Mut zum Aufstehen und zum Hin­ausgehen, um so eine Begegnung mit Ursula zu erzwingen, bann fand er nicht einmal bas rechte Wort zu tinem Gutenachtgruß. Es klang bann rauh unb unwirsch, gar nicht so, als hätte der Gruß sehr freunblich und ein wenig lieb sein wollen.

Keiner der beiden Männer gestand sich ein, daß er dem schonen, dem unendlich schamhaften Mädchen aus dem Dorf in einer wirren Ver­liebtheit ergeben war. Florian wußte nur, daß er sich ganz tief und glücklich des Mädchenlachens freuen konnte, wenn Ursula mit fliegenden Rocken auf dem Rummelplatz tollte. Magnus bekam ein gutes Vater- geficht, wenn Ursula nun doch manchmal seinem werbenden Gruß auf dem langen Gang erlag und unter dem Türstock feines Arbeitszimmers eine lange Zeit erzählte vom Dorf draußen, von den Leuten, den Pferden, den Nächten. Das machte ihn froh. Und wenn er einmal mit Ursula in der Küche, bubenhaft auf dem Hocker sitzend, eine schone Flasche leertrank, immer hinhörend auf die Geschichten von daheim, da fand er bas leichte Wort wie von selbst, das dem Mädchen schmei­chelnd sagen sollte, daß es schön und aller Liebe wert fei. Mehr war es nicht, und sie gingen glückselig schlafen, jedes in fein Zimmer.

Florian hatte bislang keine Hand gehabt zum liebevoll werbenden Streicheln des Scheitels und der Schultern, weil die Stadt ihm die Sicherheit des Dorfes des Daheimseins genommen hatte. Und Magnus hatte seit den Jahren der Dorfjugend eine schwere Zunge gehabt, die der Liebe kein rechtes Wort formen konnte. Da war Ursula gekommen, und mit Ursula lauter neue Dinge. Oder war es gar nicht Ursula, was die Hand des einen und die Zunge des andern löste, daß sie wieder Liebe zu werben versuchten bei den Menschen, denen sie mit ihrem Leben und ihrem Berus doch angehören mußten?

Ursula hatte doch gar nichts getan. Sie hatte nur gedient und ge­lacht unb von den Dingen daheim manchmal gesprochen. Eines aber hatte sie doch getan: sie war wie eine Magd demütig neben den Män­nern gegangen und hatte ihnen das Dorf mit seiner Wärme und seiner Sicherheit in jeden Raum der gemeinsamen Wohnung getragen, daß sie daran, an dem kleinen Mädchen Ursula, wieder die sichere Selbst­verständlichkeit des Daheimseins fanden.

Als Ursula einmal in dem Anzug des Herrn Magnus etwas fand, was kein Mann schenkt, was nur von einer Frau geschenkt sein konnte, da heulte sie einen Vormittag lang, weil sie doch hie und da ein wenig an Liebe gedacht hatte. Sie meinte noch etliche Male in den zwei Jahren ihres Dienstes bei den zwei Männern, bann ging sie mieber ins Dorf zurück, weil die Männer sich trennten in eigene Häuser, zu eigenen Frauen, unb ihre guten Dienste nicht mehr brauchten.

Weinen burfte sie ja, aber es war viel Schönes in ihrem jungen Leben, an dem die zwei Männer-wieder das eigene Geben unb bie Liebe gelernt hatten.

Vielleicht kam der Florian unb der Magnus jeden Sommer einmal hinaus zu ben Bauern, zu ihr auch. Unb vielleicht waren bie schönen Frauen, die Florian und Magnus sich gesucht hatten, nicht so gut zu ihnen, wie sie, die Ursula, immer gewesen war.

Aber nein! Was sollten sie je einmal kommen? Sie war ihnen doch gar nichts gewesen, nur Magd, ein Mädchen aus dem Dorf. Als sie das bedachte, weinte sie zum letztenmal um bie Männer in ber Stadt.