Ausgabe 
31.1.1936
 
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dem Knaben auf dem Kopfe in den Clefantenhof. Hühner, schwarze Böcke, Truthähne, Kults, Affen, Wasserträger und (Siefantenmarter trieben sich hier um die offenen Lehmställe und um die offenen fürst­lichen Wagenschuppen herum. Der Dunst des gedörrten Elefanten­mistes der aus den Rändern der Hofmauern in Fladen als Dung getrocknet wurde, und Staubwolken füllten die Luft Die begeisternden rosaroten Straßen von Jaipur aber waren hinter Uawlor verschwunden. Zwischen dem Dunst des Viehes, der Taglöhner und des Mistes ver­wandelte sich die straffe Gesichtshaut des Knaben, fein Ausdruck wurde müde, welk und alltäglich. Sein Geist, der unter dem feierlichen Beileids­gruß der Kaufleute auf dem rosaroten Marktplatz aufgeleuchtet hatte, wurde kleinmütig. Als er vom Kopse des erhabenen Elefanten zur Erde glitt und im Staub bei den Staubigen stand, hatte er den heldenhaften Blick in die Ferne verloren. Er stellte seinen Stachelstab in die Mauer­ecke, rieb sich die Gedankenreste wie Staubkörner aus den Augen und war aus seinen abgemagerten Beinen wieder der Sohn einxs Kulis und nicht mehr der Herr über Durst und Hunger, wie auf dem Kopf des Elefanten.

Ein schwarzer Widder im Hof, welcher spielen wollte, kam von rück­wärts angerannt, hob den Knaben auf feine gedrehten Hörner und kehrte ihn wie eine überflüssige Sache zur Seite, daß er in der Mauer­ecke bei einem Haufen dörrender Miftfladen hinfiel und liegen blieb. Der ganze Hof voll Kulis lachte lautlos, und alle zeigten dem Gestürzten die gelben Zahnreihen. Und mit dem Hingepurzelten lag auch der Ge­danke, den Hunger und Durst zu beschwören, verrunzelt wie ein Mist­fladen in der Mauerecke.

Nächtliche B-obachiung.

Von Emil Strauß.

Wie Falterflügelfchlag so sacht Durchhaucht dein Schlaf die Winternacht Und sucht mit blasser Welle Des Fensters eisige Helle Und findet hin und schwindet ein Da drauß in Schnee- und Sternenschein Wie Faltergeflügelschlag so sacht Durchhaucht dein Schlaf die Winternacht, Und mit des Hauches Strome quillt Und schwimmt daher ein Elfenbild, Ein Silberleib und Rabenhaar, Geschlossener Augen Geisterpaar, Daher vorbei im Schwung hinaus Das Elflein in den Wintergraus Es reift auf Sturmgefieder, Es taucht wie Senkblei nieder Und schlüpft in mancherlei Gewand: Es baut als Kind mit losem Sand Cs bringt sein Herz als Jungfrau dar, Verfchmerzt's nicht bis zur Todesbahr Es schafft sich Glück mit Mann und Kind, Und Mann und Kind und Glück zerrinnt Es steht für Gott und Recht und Blut Und wird erschlagen von der Wut Dem Todeshauch des Weibes Kristallen klaren Leibes, Entquillt das Eischen, ätherrein Von all der Menschenlust und -pein. Und schwimmt in Himmelsdunkelflut Durchfunkelt von der Sterne Glut Einher, zurück den Zauberflug In deines Herzens Atemzug Heimkehrend schmilzt dahin fein Lauf Und schlägt aus dir die Augen auf.

6mi( Strauß.

Zum 70. Geburtstage des Dichters am 31. Januar.

Von Benno Mäscher.

Es geschieht nicht eben häufig, daß man beim Rückblick auf sieben Jahrzehnte eines tätigen Lebens sagen kann: es war ein gerader Weg ohne Bruch und voll innerer Folgerichtigkeit; aber noch weniger häufig läßt sich von einem Dichter unserer Zeit sagen, sein gesamtes Werk von den frühen Anfängen bis auf das Schaffen der letzten Jahre ist lebendig geblieben. Von Emil Strauß kann man es getrost sagen. Er ging seinen Weg ohne ein Zugeständnis an den Zeitgeschmack, und sein Werk ist eben darum lebendig wie am ersten Tag: jede Erzählung, jeder Roman geht uns heute noch an, und keiner Zeile, die er je schrieb, nicht einer braucht er sich zu schämen allem Zeitwandel zum Trotz. Cs ist ein hohes Lob, das damit dem alemannischen Dichter gezollt wird aber fein Werk, von den frühen Novellen des BandesM e n s ch e n - w e g e" an über die Schwabengefchichte vomE n g e l ro i r t", das Lebensbild eines mufitbefeffenen Knaben imFreund Hein", den hiftorifchen RomanDer Nackte Mann" bis hin zu den Meister­novellenDer Lausen",Der Schleie r",Gartenäre" und Befun d", der tiefen Deutung feines Weges imSpiegel" und zu feinem großen RomanDas Riefenfpielzeug" dieses ganze, an Umfang schmale, aber an Gehalt tiefe und reife Werk zeugt für den Dichter wie für die Berechtigung einer so hohen Behauptung.

Ein solches Werk entsteht aber auch nur dort, wo ein Dichter seiner Verantwortung gegenüber sich und seinem Volk immer bewußt bleibt, wo einer nicht schreibt um des Tageserfolges, um des Ruhmes wegen, sondern weil er etwas zu sagen hat, was in einem ernst und voll gelebten Leben zur letzten Reife gedieh. Es ist ja nicht zufällig, daß Emil Strauß 1866 in Pforzheim im Badischen geboren sich sehr bald vom naturalistischen Literaturbetrieb abwandte. Er suchte nicht Literatur sondern Leben! Doch auch der Versuch, zu bäuerlicher Siedlung zurück­zukehren viel später hat er imRiesenspielzeug" davon berichtet befriedigte ihn ebensowenig wie irgendeingeistiger" Beruf. So findet er als Auswanderer den Weg nach Brasilien. Aus seinen brasilianischen Erlebnissen erwuchsen ihm seine ersten dichterischen Arbeiten, die Novellen Menschenwege", die er nach seiner Rückkehr 1896 veröffentlicht, und weiter die köstliche Schwabengeschichte vomEngelwirt". In der einen Erzählung des BandesMenschenwege", demPrinzen Widuwiti" der uns heute durch seine frühe und eindeutige klare Stellungnahme zur Rassenfrage besonders anziehend erscheint finden wir schon in einer kleinen Episode den Keim zu seinem nächsten Werke, demFreund H e i n". In dieser ergreifenden Erzählung klingt das eine große Thema dieses Dichters, die Musik, auf, Musik als Gefahr und Lockung, wie als Segnung und Gnade. Der Dichter entstammt ja einer Familie von Musi­kanten. In der nachdenklich-tiefen ErzählungDer Spiegel" geht er dem Leben seines Großvaters nach, der nach mancherlei Versuchen als Offizier, Landmann, Mönch, seine Lebensform zu finden, endlich in der Musik Erfüllung und Bewährung erreicht. Wo der Knabe im Freund Hein" noch versagen oder scheitern muhte, da erkämpft der Mann imSpiegel" den letzten Sieg, den Sieg auch über alle Ver­suchungen, nicht zuletzt die des Geldes, ihn von seinem eingeborenen Weg abzuziehen.

Denn das ist ja das andere, das eigentliche Thema des Straußschen Werkes, wie ein Charakter sich bewährt in der Welt, wie ein Mensch zu sich selber kommt, wie er mit dem Leben fertig wird.Das Leben ist ein feiner, feiner Filter; das Tröpslein Seele, das sich durchdrängt, und am Ende hinaussickert, wird vielleicht fo klar fein, daß sich die rosige Sonne des anderen Himmels voll Freuden in ihm spiegeln mag" das ist es, worauf es dem Dichter ankommt, und uns will scheinen, das ei wohl etwas sehr Deutsches. Und gerade darum, glauben wir, find eine Dichtungen so wenig der Vergänglichkeit der Zeit unterworfen. Es cheint sogar vielmehr, als sei manches davon, was eine schnellebige Zeit chon vergessen hatte, zu neuer Wirkung bestimmt. So ist es mit dem besinnlich-starken LiebesromanKreuzungen", in dem ein junger Mensch nach mancherlei Wirren und Erfahrungen sich von der Frau, die nur sich selbst will, abwendet und hinfindet zu dem Mädchen, das sich seiner eigentlichen Bestimmung gegen alle Widerstände bewußt wird. Und nicht weniger nahe geht uns der historische RomanDer Nackte Man n". In dem Emil Strauß seiner Vaterstadt Pforzheim und ihrer aufrecht-trotzigen Bürgerschaft ein schönes Denkmal jetzt. Das Wort, das Strauß darin den Hauptmann Gößlin unter den vielen trefflichen Männergestalten feiner Bücher eine der prächtigsten! sagen läßt:Das Wichtige ist wirklich nicht Luther ober Calvin ober ber Papst und ihr Hader: das Wichtige bist du, bin ich, ... jeder Einzelne, der eben nur an diesem höchst irdischen Stank und Streit sein eigenes unberührbares, unverwüstliches Wesen erkennen und offenbaren kann" dies Wort gilt ja auch heute wie damals und zeigt, worauf es ankommt. Und ganz ähnliches meint Strauß mit dem WortDu kannst die Welt nur vollenden, indem du dich vollendest" das ist nicht individualistifches Sich-Zurückziehen auf das edle Ich, sondern gerade die Weisung, wie man allein dem Ganzen dienen kann.

Außer dem DramaVaterland", dem diese Worte entnommen sind, schrieb Emil Strauß noch zwei Dramen,Die Hochzeit" und Don P e d r o", fein Wesentlichstes gab er aber doch wohl in der Prosa seiner Novellen und Romane. Unter den Novellen sind einige, die heute schon klassischen Rang haben, Novellen, von einer sprachlichen Schönheit, und einer künstlerisch-sittlichen Strenge, wie es wirklich nicht viele gibt. Man weiß nicht, welcher man die Krone zuerkennen soll demSchleie r", der ergreifenden Geschichte von der verzeihenden Güte einer Frau, die erleben muß, wie ihr Gatte einer anderen, jünge­ren Frau sich zuwendet und die es doch vermag, eben durch ihre große, verstehende Liebe den Mann wiederzugewinnen? Oder demLausen", dem erregenden Bericht vom tragischen Ende einer jungen Liebe und Freundschaft?

Von solchen Menschen, die mehr wollen vom Leben, die das Eigent­liche, das Wirkliche suchen, handelt bann auch sein großer letzter Roman Das R i e s e n j p i e 1 z e u g", ein Werk, bas sich roürbig ber großen beutschen Trabition im Roman anreiht. Denn es geht barin um m-br, als nur bas private Schicksal einiger junger beutscher Menschen um bie Jahrhundertwende es geht um unseren völkischen Weg barin, um bie Heimkehr unseres Volkes zu ben wahren Wurzeln feines Seins. Aber man fürchte nicht einen Programm-Roman zu bekommen. Dazu steht biefer Dichter zu fest in ber Wirklichkeit, man sehe nur bie Gestalten ber jungen Menschen barin an, ber Männer, bie sich mit Acker unb Pflug ebenso eifrig plagen, wie mit ben letzten Fragen ihrer unb ihres Volkes Existenz, unb erst bie Mäbchen unb Frauen, voran bie brei, an benen ber Helb bes Buches Dr. Haugh sich zu enkscheiben hat: bie kluge über­feinerte Wiltrub, bie hemmungslose Mary unb bie ruhig-sichere Berta vom Hirzenhof, mit ber bas neue Leben beginnt!

Wer als fast Siebzigjähriger solch einen Roman schreiben kann, ber hak sein Leben recht genutzt unb ber oerbient es wohl, baß sein Volk ihm bankt baburch, baß es sein Werk aufnimmt! Ströme ber Bereiche­rung gehen bavon aus; keiner ber ein Buch von Emil Strauß lieft, geht ungetröstet, ohne seelischen unb sittlichen Gewinn bavon! Sollen wir nicht froh sein, baß es solch einen Dichter gibt? Unb baß heute ber Weg frei ist zu ihm, bem echten volkhaften Dichter, bem sein Werk immer Dienst an ber Nation, Dienst am ewigen Reich ber Deutschen war?

®eranttoottll<6: Or. Hans Thhriot. Druck und Derlag: Brühl'schr UntversitätS-Duch- und Eteindruckeret, 2L Lange, Gießen.