Ausgabe 
15.5.1936
 
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Es hütet jeder irgendeinen Schatz in seiner guten Stube, den er jetzt zur Schau stellen möchte, sich zur Ehre, den anderen zur Erbauung. Der Totengräber besitzt zum Beispiel das ganze Leiden Christi in der Flasche, er kann gar nicht begreifen, warum der Pater diesem Wunder­werk der Geduld keinen Platz einräumen will. Man zählt vierundzwanzig Teile im Bauch der Flasche, das Kreuz, Hammer und Zange, die Nägel, eine Leiter und Würfel und den Rock des Herrn, und alles ist mit un­endlicher Mühe durch den engen Hals hineingebracht und zusammen­gefügt worden. Seht euch das anl sagt der Totengräber beleidigt. Und dann erklärt mir, was an eurem Hadernberg so großartig ist.

Weiß Gott,, vielleicht gäbe es noch Zank und Feindschaft in diesen ruhigen Herbstwochen, wenn die Dorfleute nicht rechtzeitig etwas anderes fänden, was sie in Atem hält.

Christine heiratet. Denkt euch, nun hat sie es doch durchgesetzt!

Einmal am Samstagabend tritt der junge Bauer mit seiner Braut in die Pfarrstube.

Da bist du, sagt der Pfarrer. Das ist recht, Gott segne euch.

Amen, antwortet Christine.

Der Pfarrer rückt die Lampe an das Buch auf seinem Tisch und sucht die Brille heraus, er sieht mit einem Mal ganz verändert aus, wie ein alter magerer Vogel hockt er da und schielt durch die Gläser.

Schreiben, sagt er, Federarbeit geht mir nicht mehr gut von der Hand. Er malt die Namen in das Buch, dann schickt er den Bauern hinaus, um mit Christine allein zu reden, wie es Brauch ist.

Christine, sagt der Pfarrer, ich bin ein alter Mann. Mir geht vieles nicht mehr von der Hand, aber sieh jetzt nicht meine Brille an. Ich habe dich getauft, das weißt du nicht mehr. Ich habe dir auch das Vaterunser beigebracht, Christine, das weißt du vielleicht noch, und dafür hast du mir einen Stein an den Kopf geworfen.

Aus Unverstand, Hochwürden, sagt Christine.

Ich weiß es, Christine, damals war es nur Unverstand, du warst ein Kind. Der Pfarrer will sagen, daß Christine eigenllich immer so um­hergelaufen sei, mit einem Stein in der Faust. Sie hat ein heftiges Ge­müt, das meint der Pfarrer. Aber ihr Blut ist nicht heftig, sondern kalt, es gibt solche Menschen, sie leben schwer. Der Pfarrer denkt an ihren Vater, den Zimmergesellen, oh, sie haben manchen Strett miteinander ausgetragen, hier in dieser Stube, er lebte mit dem ganzen Dorf in Feindschaft.

Ach ja, Christine, du hast deinen Vater nicht mehr so gekannt, zu deiner Zeit war er schon mürbe. Dabei verstand er sein Handwerk, du kannst heute weit herum suchen, bis du einen solchen Zimmermann findest. Meister hätte er werden können, aber er wollte ja Vorstand fein, Gott weiß, was er eigentlich wollte Jedes Jahr bekommt der Pfarrer einen Brief von ihm aus dem Irrenhaus. Lieber Freund, schreibt er, lies eine Messe für Anna, meine Frau, und für Christine, die sind nun alle tot. Wenn ich mein Recht gefunden habe, kannst du dich bezahlt machen.

Der Eigensinn war es, sogt der Pfarrer, die kalte Glut. Der Ehrgeiz hat ihn zugrunde gerichtet, das muht du wissen, Christine, denn du bist von seiner Art. Mir war oft angst, das kannst du mir glauben, Gott schütze dich, Kind. Vielleicht ist jetzt alles gut, Christine, du wirst eine tüchtige Frau sein. Vielleicht wäre auch dein Vater ein tüchtiger Vorstand gewesen. Aber ich muß dir etwas sagen, höre mich an: Mach deine Rechnung mit dem Herrn, nimm nichts hinüber!

Christine schweigt.

Sieh her, sagte der Pfarrer wieder, ich bin alt, was meinst du denn, wie lange lebe ich denn noch? Du wirst noch keine Falte im Gesicht haben, wenn meine Knochen schon längst vermodert sind. Und darum kannst du alles mit mir unter die Erde schicken. Biel oder wenig, es wird ver­ziehen und vergessen sein. Im Leben habe ich nichts mehr zu reden, im Grabe schweige ich für immer. Ich will aber vor Gott hintreten und für dich Zeugnis oblegen. Lieber Heiland, will ich sagen, Christine ist zu mir gekommen. Sie war noch jung und das Herz war ihr schwer, da habe ich meinen Finger in dein heiliges Blut getaucht und habe ihre Sünden abgewaschen, mit deiner Gnade konnte ich das tun. Und wenn du sie einmal heimrufst, dann wirst du einen rechtschaffenen Menschen an ihr finden, eine Mutter und Frau.

Stille. Christine sitzt da und atmet unhörbar und zieht immerfort den Saum ihres Tuches durch die Finger.

Hast du mir nichts zu sagen? fragt der Pfarrer.

Nichts, antwortet Christine kalt und laut.

Der Pfarrer steht auf und seufzt, es ist alles gegen die Wand geredet. Er geht hinaus und sucht den Mann auf, der bei [einem Schnaps in der Küche fitzt. Dir muß ich keine Lehren geben, sagt er. Wann willst du das Aufgebot haben?

Am Sonntag. Der Bauer denkt, daß es in einem gehen könnte, einmal für dreimal.

Gut, wenn du willst. Gilt es denn so?

Ja, es eilt!

Christine kommt aus der Stube, blaß und zitternd. Hilf mir hinaus, sagt sie, mir ist übel, und bann erbricht sie plötzlich vor der Türe. Der Bauer klopft ihr auf den Rücken, er schaut den Pfarrer an und lächelt ein wenig, wie ich sage, Hochwürden, einmal für dreimal!

*

Es ist Bauernsitte, daß drei Tage vor der Hochzeit die Freundschaft aufgerufen wird. Sind die Brautleute angesehen und reich, dann werden überall auf den Höfen die Gäule gestriegelt und gezapft und eingeritten, damit sie sich an den Knall der Herreitpeitschen gewöhnen, die zehn Ellen lang sind und im Sattel geschwungen werden, wie es im Ladspruch heißt:

Alsdann tu ich für den Hochzeiter die Spielleut laden und die Herreiter. Tut eure Rösser schön aufbufdjen und laßt es tuschen.

Sitte ist, daß der Brautwagen von Rappen gezogen wird, sie müßen mit neuen Eisen beschlagen fein, und es darf keines verloren

gehen. Vielleicht hat das alles einen tieferen Sinn, auch der Pflug, den ein Paar gehörnter Böcke zieht. Man sagt von einem alten Gott, der vor der Zeit die Ehen schloß, von einem Ackergott, ihm waren die Böcke heilig-

Nun, so großartig ist Christines Hochzeit nicht, aber immer noch stattlich mit der großen Verwandtschaft des Bauern. Der Name Schütt ist in der ganzen Gegend eingesessen, nur auf dem Hof, der selbst diesen Namen trägt, fitzt von lang her ein anderes Geschlecht. Der letzte Schütter war ein Rebell und Ketzer, er führte die Bauern gegen den Bischof, und das hatte er schwer zu büßen. Seither trägt der Firstbaum des Schütthofes eine jüngere Jahrzahl und ein Kreuz, nicht mehr das alte Blitzzeichen, wie man es anderwärts findet.

Ja, Christine geht zu Fuß in die Kirche, Röffer und Wagen braucht sie nicht für ihr Heiratsgut. Aber die Musik spielt wenigstens vor dem Zug her, und alle Glocken geben ihr das Geleite, dafür forgt der kleine David. Der Nachbar führt die Braut und hat seinen Hut stattlich be­kränzt, der gefällige Nachbar, er tat ihr ja schon einmal einen Dienst. Und auch an Kirchgängern fehlt es nicht, alle wollen hören, wie Christine das Jawort über die Lippen bringt.- Wird sie nicht stocken, wenn sie der Pfarrer um die Treue fragt, ob sie ihrem Manne die Treue halten wolle, zeitlebens und bis in den Tod?

Nein, Christine sagt dreimal ein klares und klingendes Ja in die Stille, es löst sich wie ein Schrei von ihrem Munde. Bis in den Tod, Adam, auf Geben und Sterben! Sie ist fo müde und zugleich fo froh im Herzen, eine Weile kniet sie noch auf den Stufen und weint dem Pfarrer in die Hand.

Aber noch ist nicht alles überstanden. Vor der Kirchtür warten die Burschen auf die Brautleute, sie haben einen Seil über den Platz ge­spannt, und da treiben sie nun ihr Unwesen. Das ist so üblich, dafür hat die Braut einen Geldschein im Mieder, daß sie sich von Hexen und Druden loskaufen kann und von allem, was sonst das Haus und seinen Frieden bedroht.

Allein es steht auch eine Wiege da, es wird ein Puppenkind in den Schlaf gewiegt, auf und ab, bis es herausfällt und der Braut vor die Füße rollt. Christine errötet ein wenig und bückt sich, um das Puppen­kind aufzuheben, aber es hängt an einem Faden, eine Schnur ist um den Hals geknotet. Christine fchaut hilflos um sich. Und plötzlich sieht sie den Wachtmeister unter den Leuten stehen, sie begegnet feinem Blick und zuckt zusammen.

Adam, sagt sie und legt die Hand auf den Arm des Mannes.

War das nicht ein Hauptspaß? Nein, es ist ein grober Spaß für eine Hochzeit. Eine Entgleisung nennt es der Pater Johannes, und man weiß nicht einmal, wer den ganzen Spuk ausgeheckt hat. Die Burschen sind ja verkleidet, sie tragen Larven vor ihren rußigen Gesichtern. Vielleicht meinten sie es auch gar nicht so schlimm und wollten nur etwas besonders Witziges zum Besten geben. Aber nun lacht kein Mensch auf dem ganzen Platz, schließlich müssen sie das Wickelkind wieder einpacken und ohne Göfegelb abziehen.

In der Schenke wird das Mahl aufgetragen, zuerst ein Schluck Branntwein in der Runde, ehe man sich zur Tafel setzt und dem Pfarrer auf das Tischgebet antwortet. Branntwein ist gut für den Anfang, er macht Lust zum Essen und löst die Zunge. Auch Christine sollte sich einen Trunk gönnen, bann säße sie nicht so blaß und schweigsam vor ihrem Teller.

Nach dem Fleisch stehen die Brautleute auf, um die Verwandtschaft zu begrüßen, sie gehen von Gast zu Gast und reichen jedem die Hand und danken für die Ehre.

Glück und Segen, sagen die Gäste.

Mit Gottes Willen, antwortet der Bräutigam.

Die Braut tut ein übriges und tritt sogar zu den jungen Leuten auf den Tanzboden. Eigentlich ist das gegen den Brauch, sie kann wohl ihr Herkommen noch nicht ganz verleugnen, die Kellnerin Christine. Man trägt schon den Kuchen aus, da lehnt sie noch immer an der Tür und schaut umher. Wen sucht sie denn unter den lebigen Burschen, noch bazu an ihrem Hochzeitstage?

Der Roßknecht tanzt vorüber, ber Briefträger trinkt ihr zu, bu bist auch ba? sagt Christine gleichgültig.

Ja, alle sinb ba, ber Müllerbursche, auch der Knecht natürlich, dem von Rechts wegen ein Platz an ber Tafel zukäme, wenn Ehrlichkeit noch etwas gälte, die treue Arbeit von neun Jahren. Gleichviel, er hebt feinen Krug und bringt ein Hoch aus, ein Hoch aus die Braut! schreit ber Knecht.

Aber Christine bankt ihm nicht, sie schaut ihn nur an. Du mußt bich besser waschen, sagt sie plötzlich laut. Du bist noch rußig hinter ben Ohren!

Und von biefem Augenblick an ist Christine wie ausgewechselt, sie kommt an ben Tisch zurück und lacht und hat einen Bärenhunger, laßt mich nur, sagt sie, jetzt ist mir wieder wohler!

So munter wird Christine, so aufgeräumt, daß es dem Vorstand wirklich gelingt, die Braut zu stehlen. Lange Zeit hockt sie mit ihm in ber finsteren Kegelbahn, während ber Brautführer im Haus herumflucht und alle Türen einrennt, oerbammt noch einmal, bas kostet ihn eine Un­menge Wein, wenn er bie Braut nicht roieberfinbet.

Er fände sie nie, der gute Nachbar, aber Christine muh sich zu sehr gegen den Schnurrbart des Vorstandes wehren, und das bringt ihn endlich auf die richtige Spur. Nun muß ber Brauträuber ben Wein auszahlen. Es ist nichts mehr mit ben Weibern heutzutage, sagt ber Vorstanb, sie sinb zu weichmäulig. Zu seiner Zeit war bie Regel anbers, je länger ber Bart, befto besser ber Bock, so hieß es damals.

Man rückt die Tische an die Wand, um für den Brauttanz Platz zu machen. Die Burschen stellen sich im Kreis zusammen, einer hebt bie Stimme und singt in ben Tanz, ein anberer nimmt ben Reim auf, ein britter. Er tut es bem Bräutigam beizeiten kunb, je kürzer bie Kette, um fo treuer ber Hund.

(Fortsetzung folgt.)