Eichener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1956 Zreitag, den 9. Oktober Nummert
FELIX TIMMERMANS
Die Delphine
EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT
Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig (Schluß.)
Den ganzen Tag überlegte er, was er machen sollte, und konnte der Versuchung kaum widerstehen. Jede Nacht verschob er die Ausführung bis zur nächsten, in der Ueberzeugung — denn er fing an, sich mit dem Gedanken zu beschäftigen —, daß es besser sei, wenn die Liebe unmittelbar aus dem Herzen käme.
„Warum sollte das schließlich nicht möglich sein?" dachte er naiv, mit strahlenden Augen. Nach Corenhemel fragte sie nie in ihrem Fieber, auch nicht, wenn sie einmal die Augen aufmachte. Das einzige, was sie immer wieder fragte, war: „Bin ich hineingefallen, oder bin ich hineingesprungen?" Wie sehr auch sich Pirruhn und der Arzt Mühe gaben, ihre Seelenqual zu lindern, indem sie sagten: „Sie sind hineingefallen, der Dachdecker hat es ja gesehen", wiederholte sie doch im Fieber immer dieselbe Frage.
Und weil sie nicht nach Corenhemel fragte, freute sich Livinus.
Warum sollte es nicht möglich sein ohne diese beiden Haare und den Apfel?
Livinus war glücklich, weil Corenhemel sie so selten besuchte. Nun würde diese Liebe wohl für immer ein Ende haben.
Anna-Marie murmelte etwas.
Gleich schob er den Kopf durch die Vorhänge und lauschte. Mit offenen Augen lag sie da und blickte ihn unter ihren langen schwarzen Wimpern gütig an.
„Möchten Sie trinken?" fragte er stammelnd, von ihrem Blick verwirrt.
Sie sah ihn an, und ihre Augen bekamen einen heftigeren Glanz. Es schien, als wollte sie ihm mit diesem Blick ihre Seele geben. Dann senkten sich langsam die lang bewimperten Augendeckel und blieben sest geschlossen.
Ganz verduzt setzte er sich hin.
Erstaunt blickte er um -sich. Er fühlte plötzlich die Stille dieses Zimmers, wo beim Schein einer flackernden Nachtlampe unruhige Schatten spielten, er fühlte plötzlich die Stille der Sommernacht da draußen. Es war still im Zimmer, es war still in der Nacht. Er wußte sich allein mit ihr, ganz allein. Er blickte sich um nach seinem Schatten. Mit ihrer Seele hatte sie ihn angesehen, sie lag dort hinter den seidenen Vorhängen, er war allein mit ihr, ganz allein, und sie schlief.
Er fühlte sein Herz klopfen vor Freude und Angst, blickte um sich, schob vorsichtig den Kopf durch die grünseidenen Vorhänge und drückte zart und ehrfurchtsvoll einen leisen Kuß aus ihre Stirn. Sie erschauerte, und da bemerkte er auf dem weißen Kopfkissen ein langes Haar wie einen schwarzen gebogenen Strich; gierig griff er danach, zog den Kopf aus dem Bett zurück und wickelte es schnell und ungeschickt um seinen Finger zu einer dünnen Locke, die er zwischen einem alten Brief in seine Tasche versteckte. Er keuchte, als hätte er ein Verbrechen begangen, und der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er war froh, daß es vorüber war, und seufzte.
War es ein Zufall, daß sie erschauerte, als er sie küßte? ... Er betrachtete sie, um festzustellen, ob sie auch so nicht erschauerte; ruhig wie eine Wachsfigur lag sie da. Er wollte es noch einmal wagen, schnell küßte er sie wieder auf die weiße -Stirn, und wieder erschauerte sie.
Da mußte er sich auf einen Stuhl niederlassen. „Sie weiß es, sie weiß es", murmelte er voll inneren Jubels, „aber ach, sie wagt noch nicht, es zu zeigen." Und den Kopf zwischen den Händen dachte er über fein Leben nach, das nun schön und herrlich zu werden versprach.
Das Verbot.
Pirruhn suchte Livinus in feinem kleinen Schlafzimmer bei Bande Nast aus. Mit beiden Händen griff er ihn beim Kragen. „Wie stehts? Willst du Grain d'Or im Stich lassen, ja oder nein? Ich habe ihr Weinen und Jammern satt! Warum läßt du dich nicht mehr in meiner Wohnung sehen? Was ist denn mit dir los?"
Livinus sah Pirruhn willenlos und gütig an, schwieg aber.
„Affe!" rief Pirruhn und bann plötzlich drohend, daß feine grünen
Augen ausleuchteten wie Phosphor im Dunkeln: „Du setzt mir keinen Fuß mehr über Anna-Maries Türschwelle, verstanden! Schluß!"
„Warum?" fragte Livinus bestürzt.
„Weil du sie liebst!" schrie Pirruhn.
Livinus antwortete nicht, sondern starrte traurig auf die Koralle in Pirruhns Halstuch.
„Du fetzt keinen Fuß mehr in ihre Wohnung", sagte Pirruhn entschlossen. „Ich verstehe sehr gut, daß du dich in diese Frau verliebt hast. Ich habe selber schon gesagt, wäre ich jung gewesen, und hätte ich Adelaide nicht gekannt, dann wäre sie meine Frau geworden. Ich kümmere mich auch gar nicht darum, was du tust, aber so lange Grain d'Or bei mir wohnt, stehe ich für sie ein. Das habe ich ihr versprochen. Deshalb sage ich dir, du setzt keinen Fuß mehr dort ins Haus!"
Eine Pfeife rauchend, flieg Pirruhn brummend die dunkle Hühnerstiege hinunter.
Anna-Marie.
Die Tage gingen vorüber, und die Krankheit wurde immer schlimmer. Das heiße Fieber ließ nicht nach, und allmählich magerten die zart gerundeten Glieder ab. Der Ring mit dem sunkelnden Rubin saß nun iocker auf dem glänzenden Elfenbeinsinger, die Wangen waren etwas eingesunken, die Nase war blaß und spitz geworden, und die grauen, diele famtgrauen Augen hakten einen goldenen Schimmer bekommen, wie man ihn bei Seifenblasen sieht, und schienen nun größer in ihrem Gesicht, das schmal und klein geworden war. Sie glich einem Bild aus weißem Marmor, hinter dem die Sonne scheint.
Pirruhn sand, daß sie noch schöner geworden war, und ließ Schwan rufen, um sie zu sehen.
Anna-Marie ging es von Tag zu Tag schlechter. Livinus erfuhr es jeden Abend bei Van de Nast, wurde fast wahnsinnig und verlor jeden Halt. Eine Pfeife nach der anderen rauchend, irrte er tagelang in der Einsamkeit der sonnigen Sommerlandschaft umher oder zog sich in die Kapelle zurück, wo er die Tür verriegelte und niemand aufmachte. Er erschien nicht mehr zu den Mahlzeiten bei Pirruhn und ließ sich nicht mehr im Delphin blicken. Morgens stand er früh aus, machte sich ein paar Butterbrote zurecht und verschwand. Zu später Nachtstunde kam er zurück, fragte an Van de Nasts Schlafzimmertür, wie es um Anna- Marie stände, und schritt dann noch stundenlang in seinem Zimmer auf und ab. Es gab Leute, die behaupteten, daß sie ihn abends hinter den Bäumen auf dem Lindendeich gesehen hätten, wo er die erleuchteten Fenster im ersten Stock des Blauen Hauses beobachtete.
Man erzählte sich in der kleinen Stadt, daß Anna-Marie Livinus von Grain d'Or weggelockt hätte. *
Aber Livinus konnte es nicht mehr aushalten. Er hatte Anna-Marie seit sechs Tagen nicht mehr gesehen und fühlte sich von einer inneren Glut verzehrt. Das Leben hatte für ihn keinen Wert mehr, er mußte Anna-Marie sehen, ihre Hand in der seinen halten, diese kleine Hand, die bereits vom Tode gezeichnet war. Und mit einem düsteren Vorgefühl klingelte er nachmittags leise am Blauen Hause.
Die Magd öffnete, wischte sich mit dem Zeigefinger eine Träne aus dem Auge und schüttelte bedenklich den Kopf.
Er ging sofort hinauf und trat, ohne anzuklopfen, aus den Fußspitzen ein.
Pirruhn war in Hemdsärmeln und trug grüne Filzschuhe; er wandelte vorsichtig vor den fünf Fenstern hin und her, die Hände in den Hosentaschen. In einem Plüschsessel saß der magere, vornehme Dechant und las mit halbgeschlossenen Augen in seinem Gebetbuch.
„Wie stehts?" wandte sich Livinus ängstlich an Pirruhn.
„Du hast hier nichts zu suchen ..." flüsterte Pirruhn böse. Dann sagte er, milder gestimmt: „Morgen ist sie tot", und nahm seinen Spaziergang wieder auf. Livinus blieb verduzt mitten im Zimmer stehen.
Der Geistliche hob seine Brille von der Nase, betrachtete Livinus ein wenig verächtlich und las bann weiter.
Pirruhn klopfte Livinus leise auf bie Schulter, zog ihn ans mittlere Fenster und flüsterte ihm ins Ohr: „Halte bich bereit, jeden Tag können die Papiere kommen!" und dann in befehlendem Tone: „Gleich gehst du mit mir zu Grain d'Or! Die Lauferei muß ein Ende haben! Das Mädchen wird noch ganz verrückt!"
Livinus wollte etwas sagen.
„Sssst!" machte Pirruhn mit dem Finger am Munde und begann wieder auf und ab zu gehen.
Livinus fetzte sich verwirrt auf einen Stuhl und betrachtete die silber- befticften Bettvorhänge. Pirruhn stand nun vor einem Gemälde, auf dem Daphnis und Chloe unter hohen, braunen Bäumen Wasser tränten, und der Dechant las weiter in seinem Gebetbuch. Im Zimmer hörte man nur die kurzen Aiemsköße der Kranken und ab und zu das Umblättern des Geistlichen. Die dünnen Vorhänge an den Fenstern waren


