Ausgabe 
9.3.1936
 
Einzelbild herunterladen

SietzenerKmilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1936 Montag, den 9. März Nummer 20

eheimnis der ^eide

ROMAN VON FRANK F. BRAUN

(7. Fortsetzung.)

Die Orangenmarmelade war wirklich' gut, und der Honig duftete verlockend: aber Frau v. Blinkburg schob den Teller zurück. Ihr war plötzlich der Appetit vergangen. Sie rührte mit dem Lössel in der Tasse und mutzte es gar nicht; als das Porzellan anklirrte, schrak sie zusammen. Aber weshalb? Die Kellner waren ja fortgegangen. Es gab nichts mehr zu hören.

Sie wollte auch nichts mehr hören. War es nicht gerade genug, was Se erfahren hatte, sogar die Hotelangestellten machten sich ihre Ge- anken über den Fall Alwien, selbst den Kellnern war Adalbert Steyer verdächtig geworden. Wie lange konnte es dauern, und die Behörden bekamen Wind von diesen Mutmahungen und machten sie sich zu eigen? Haftbefehl gegen den Schriitsteller Adalbert Steyer. Mordverdacht. Ber- dunkelungsgefahr. Sofortige Festsetzung des Verdächtigen. Eine Frage der Zeit? Vielleicht schon aufgesetzt, unterwegs nach hier mit dem Gendarmen! Und der Törichte, dieser Steyer, gab sich dem Spielchen hin, eine Weile den gewitzten Privatdetektiv seiner Romane vorzustellen. Mutzte man ihn nicht warnen?

Aber die Gerechtigkeit! Die Gerechtigkeit ist auch eine Art Rache. Die Gesellschaft nimmt sie vor, der Staat. Sie fühlte sich grandiose Empörerin in diesem einzigen Fall dieser Gemeinschaft nicht an- geschlosseNaßte Schriftsteller nicht. Selbst wenn der Verdacht sich verdichten würde, selbst wenn es eines Tages Unabweisbarkeit sein sollte, in ihm den Mörder Alwiens zu sehen, ja, was dann?

Sie dachte nicht zu Ende; sie wagte es nicht. Aber sie fühlte stark, wenn ihr Ja oder Rein einmal ausschlaggebend in Frage kommen würde, war Steyer gerettet. Und sie erschrak nicht einmal über dieses Wissen. Sie trug es wie eine schicksalhafte Fügung. Vielleicht war Fata­lismus dabei, oder nur frauliche Passivität; denn, nicht wahr, wenn Gott nicht wollte, dah dies alles geschah, wenn ihr nicht gerade diese Rolle zugedacht gewesen wäre, wie leicht mußte es dem lieben Gott sein, ihre Empfindungen zu ändern! Rein, sie sorgte sich nicht sonderlich, die schöne Frau v. Blinkburg; ihre Seele oder was hinter dem Wort stand, reagierte höchst ungewohnt und durchbrach Form und Tradition.

Nahm man das hin? Noch hatte ja keine Obrigkeit den Finger gereckt und auf Steyer deutend verkündet: er ist schuldig. Dieser allerletzte Ge­wissenskonflikt war ihr bis jetzt noch erspart. Warnte man also den Steyer, wie es das Empfinden verlangte? Warnte man ihn mit allen Mitteln, die zu Gebote standen. Und rasch, ehe die Antwort vom Schwa- Ser eintraf, ehe das Resultat der chemischen Untersuchung womöglich hreckliche Klarheit brachte. ,

Sie zog den Teller nun doch wieder heran, nahm em Brötchen und machte es sich zurecht. Man muh immer wissen, was man will. Dann ist das Leben einfach und kann sogar sehr schön sein. Das Brötchen war frisch und knusprig; die Butter hatte einen zarten Teedust. Ueber den Rand der Kiefern kam mit ersten spitzen Strahlen die Sonne. Alles war Heller, klarer und zuversichtlich. Ein Vogel schlug sein Morgenlied an; sicherlich eine Nachtigall.

Als Adalbert Steyer nach Stunden im Hotel anlangte, er kam geraden Wegs vom Bahnhof, fand er Frau v. Blinkburg in rosigster Laune auf einer Bank unterm Sonnenschirm im kleinen Vorgarten. Er wollte mit einem Gruß vorbeigehen, sicherlich hatte er die Absicht, sich erst ein wenig zurechtzumachen, aber seine Freundin rief ihn an und rief ihn an ihre

Seite.

Da folgte er ihr gerne, denn bis zur Tischzeit kam er immer noch einmal auf sein Zimmer.

Ich danke Ihnen für den Briefbericht. Sie nehmen sich >a des Falls mit einem fast erstaunlichen Eifer an, Herr Steyer."

Er lächelte ein bißchen und nahm neben ihr Platz.

Erschien ich Ihnen so lässig, daß Sie sich jetzt wundern müssen?

Nein, das natürlich nicht. Aber zuweilen taucht die Frage auf: was geht den Schriftsteller, der hier zur Erholung weilt, dieser Kriminal- fall an!"

Sie haben recht. Ich mutzte mich in letzter Zeit das selber einige Male fragen."

Und die Antwort?"

Er sah ins Leere. , _

Ich kann es nicht erklären. Mich hat eine seltsame Lust gepackt. So,

denke ich mir, zog Columbus aus, so setzten sich die Alchimisten vor die Retorten, so betreten Hazardeure den Spielsaal in Monte Carlo."

Ihr Mund war ganz schmal, ein Strich nur; in den gepreßten Lippen war kein Blut.Va banque", sagte sie, und der Schreck fiel in sie hinein: dies ist so gut wie ein Geständnis.

Aber es war schon etwas Sonderbares um dies Spiel und Gegen-

Augen leuchteten, dann lachte auch sein sagte er.Sie wissen den Einsatz. Ahnen

Sie den Preis?"

Frau v. Blinkburgs Gesicht entspannte sich. Sie lächelte zurück.

Diese Worte nahmen etwas und schoben es weit weg; diese Worte waren eine Angelegenheit zwischen dem Mann und der Frau. Eine Werbung. Sie verstand das sofort. Es war im einzelnen nicht ganz klar, was er meinte. Aber so war Männerart; ihr Stolz gestattet ihnen nicht, sich auszuliefern, immer bleibt da die Möglichkeit des Rückzugs.

Sie hatte die Frage schon auf der Zunge, spitzte schon den Mund zum spöttischen Tonfall: wie meinen Sie das? Ader dann fragte sie doch nicht. Dies Kampfspiel hatte wohl andere Regeln. Sie war für den sofortigen Themawechsel, der den Mann weiterhin zum Reden bringen mußte.

Sie fuhren gestern abend wirklich noch nach Hamburg, Herr Steyer? , fragte sie, als ob sie nicht ganz sicher sei, daß er eben mit dem ersten Zug von dort zurückgekommen war.

Adalbert Steyer nickte bedächtig. Er war sofort und dies Sofort konnte fast peinlich berühren bei der Sache und gab die Plänkelei auf.

Ich fuhr gestern abend, wie ich es Ihnen geschrieben hatte. Sie wissen, der Zug ist ziemlich spät in Hamburg. Aber für mich und meine Pläne war das gerade die rechte Zeit. Früher würde ich die rote Olga wohl doch nicht auf St. Pauli entdecken. Ich ging wieder in das Hippo­drom. Aber dort war sie noch nicht. Der Stallmeister meinte, ich würde Olga in einer kleinen Wirtschaft in der Großen Freiheit treffen; dort pflegte sie zu Abend zu essen. Also machte ich mich auf und ging in die Große Freiheit.

Kennen Sie die Straße? Da ist eine Speisewirtschaft neben der anderen. Würste, Fleischteile, rohe und fertiggekochte, liegen gestapelt in den Schaufenstern. Man braucht nur hineinzugehen, mit dem Finger zu zeigen: diese Portion möchte ich, und sie wird rasch warm gemacht. So erlebt keiner der Seeleute, die hier die Gäste stellen, bezüglich des Quan­tums eine Enttäuschung. Beim Schlachterhein fand ich denn auch die rote Olga. Sie hatte wohl schon gespeist und saß bei einer Zigarette. Ein paar holländische Matrosen unterhielten sich plattdeutsch oder holländisch mit ihr über zwei, drei Tische hinweg, an denen Chinesen saßen, die kein Wort verstanden. Einer der Holländer kam und gab ihr neue Zigaretten.

Als sie mich sah und erkannte nickte sie mir zu und tat eine ein­ladende Handbewegung, die auf die Bank an ihrer Seite wies. Ich setzte mich zu ihr. Wir tranken einige Grogs miteinander. Mir war bald, als spüre ich sacht die Wirkung des Jamaikarums; aber Olga war nichts anzumerken.

Ich fragte sie, aber sie lachte mich aus. Ich muß noch in den Sattel steigen, sagte sie, und Eberhard, das ist der Stallmeister, hat einen neuen Schimmel gestellt, der bockt noch manchmal und will ausbrechen.

Den müssen ausgerechnet Sie reiten?

Ich muß nicht, ich will!

Sie hatte runde, sehr glänzende Augen; sie rauchte eine honigduftende englische Zigarette und blies den Rauch aus Mund und Nase mir ins Gesicht, daß ich husten mußte. Das schien sie zu vergnügen. Und dann war sie es selbst, die mitten in das Thema sprang.

Sie waren es doch, der mich neulich über Erwin ausfragte?

Ja, sagte ich, aber wenn Sie Zeit haben, lassen Sie uns noch einen Grog trinken.

Der Kellner war auf einen Wink bereit. Olga goß erst noch etwas von dem heißen Wasser aus dem Glas unter den Tisch, bann schenkte sie den Rum dazu. Prosit!

Die Seeleute aus Rotterdam sahen mich nicht gerade entzückt an, aber sie mußten einsehen, daß ich ein alter guter Bekannter der Olga war, und sie mischten sich nicht ein.

Als Sie ihren Freund Erwin zuletzt hier in Hamburg sahen, hatte er es eilig, nicht wahr? meinte ich zwinkernd.

Olga trank erst noch ihr Glas aus. Sie winkte dem Kellner, ohne mich zu fragen, so gut kannten mir uns also schon.

Sehr eilig hatte er es, bestätigte sie mit glucksendem Lachen. Plötzlich besann sie sich. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Unvermittelt sagte sie und stellte den Satz gewissermaßen vor sich hin: Nun ist er tot, und mir sitzen hier und lachen. x

Wir müssen alle einmal sterben, sagte ich leise.

Sie nickte. Natürlich. Nur, er war noch so jung. Er meinte, es ginge

spiel der beiden.

Steyer sah sie an. Seine Mund.

Und menn es so wäre!".