Willkommen und Abschied.
Von 3. 2ß. von Goethe.
Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! Es war getan, fast eh' gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde, und an den Bergen hing die Nacht; schon stand im Nebelkleid die Eiche, ein aufgetürmter Riese, da, wo Finsternis aus dem Gesträuche mit hundert schwarzen Augen sah.
Der Mond von einem Wolkenhügel sah kläglich aus dem Duft hervor, die Winde schwangen leise Flügel, umsausten schauerlich mein Ohr; die Nacht schuf tausend Ungeheuer; doch frisch und fröhlich war mein Mut: In meinen Adern welches Feuerl In meinem Herzen welche Glut!
Dich sah ich, und die milde Freude floß von dem süßen Blick aus mich; ganz war mein Herz an deiner Seite und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter umgab das liebliche Gesicht, und Zärtlichkeit für mich — ihr Götter! Ich hofft' es, ich verdient' es nicht!
Doch ach, schon mit der Morgensonne verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen, welche Wonne! In deinen Augen, welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden und sahst mir nach mit nassem Blick: Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück.
Oie Mtsel Schillers.
Von Hanns Martin El ft er.
Unter o uj 111 e r 5 Werken finden sich vierzehn Rätsel. Er hat sie für die Uebersetzung des Märchenglaubens „Turandot" von G o z z i gedichtet. Er rechnete sie zu den sogenannten „Halslösungsrätseln", das heißt zu den Rätseln, die in einer wichtigen Entscheidung aufgegeben werden und auf denen der Tod steht, wenn man sie nicht löst. Sie „kosten also den Hals". Von den vierzehn Rätseln hat Schiller in „Turandot" drei verwandt und dreizehn unter seinen Gedichten der dritten Schaffenszeit wiedergegeben unter dem Namen „Parabeln und Rätsel", so daß sich also zwei doppelt abgedruckt finden. Vor die Untersuchung des Wesens von Schillers Rätseln sei ein Wort über das Rätsel selbst gesetzt.
Das Rätsel entsteht aus dem Traum, der Traum gibt Bilder, die beseelt, belebt und bewegt sind. Während beim Traum die Bewegung des Bildes innerhalb einer Handlung zur Hauptsache wird, bleibt aber beim Rätsel das Bild der Mittelpunkt des Denkens. Das Bild ist Anschauung; es kommt dem Rätsel darauf an, das Gedachte und Vorgestellte neu und seltsam zu sehen, ohne es zu nennen, und es so zu bezeichnen, daß es durch die Beschreibung vor dem Auge im Innern des Zuschauers erscheint und damit das Rätsel zu erraten aufgelöst wird. Die Auflösung löst aber nicht auch zugleich das Bild auf, sondern das Bild bleibt bestehen, es wird bestätigt und dadurch erweckt es Freude. Neben diesem Anschauungsrätsel gibt es Rätsel, die eine Verbindung von Einzelzügen zu einem nicht als Bild gesehenem Ganzen ist, sondern als etwas, das erst vermöge der Auflösung einen Begriff erhält und durch die Auflösung auch zerfällt. Von einem solchen Rätsel bleibt nichts übrig, es gibt auch keine Freude, sondern nur Befriedigung der Eitelkeit, die man bei einer zutreffenden Auslösung über den eigenen Scharfsinn empfindet. Deshalb verwendet das eigentliche Rätsel, das V o l k s r ä t s e l, ihn nicht, da das aus der Volksdichtung entstammende Rätsel ein künstlerisches Ziel hat. Der Wert des Anschauungsrätsels liegt nun darin, daß das geschaute Bild so fein, so genau wie möglich ausgefeilt wurde, und je vollkommener das Ding, das Bor- gestellte ohne Benennung gestaltet war, desto größer war der Erfolg des betreffenden Rätsels. Das Ausfeilen und Treffen des gewünschten Bildes machte das Volk nun auf folgende Weise: es beseelte den Stoff, weil durch die Beseelung „am einfachsten die äußere Form an die innere Notwendigkeit geknüpft wird, die innere Notwendigkeit sich in die äußere Form hineindrückt" und gab das Bild, den einzelnen Gegenstand, wenn es nur möglich war, nicht in Ruhe, sondern in einer besonders bezeichnenden Bewegung. — Das Wesentliche des eigentlichen Rätsels ist also eine möglichst scharfe Ausfeilung eines Anfchauungsbrldes mit Hilfe der Kennzeichnung durch Sprache, Beseelung, Bewegung, Auge und Ohr ohne ^Benennung in möglichst knapper Form.
Kehren wir nun zu Schillers Rätseln zurück, von denen Goethe sagt, daß es „entzückende Anschauungen des Gegenstandes" seien und damit den Nagel auf den Kopf trifft, weil auch er sich des eigentlichen Rätsels vollkommen bewußt war. Trotz diesem Goethischen Lobe befriedigen aber Schillers Rätsel nicht ganz. Wie kommt das? Die Erklärung ist einfach' Schiller mutet dem Leser zu viel Arbeit zu, ehe er zum Bilde kommen läßt. Das Bild ist beim Volksrätsel blitzartig da, bei Schillers Rätsel erst nach langem Vergleichen, Zusammensuchen der zueinander passenden Merkmale, Zerlegen usw., nach denen die Gedicht-Freude längst dahin ist, wenn man das Bild zusammen hat, um so mehr, als jedes der
aufeinanderfolgenden Bilder das immer vorhergehende totschlägt. Man vergleiche nun das Rätsel mit der Auflösung „Schiff":
Ein Vogel ist es, und an Schnelle Buhlt er mit eines Adlers Flug; Ein Fisch ist's und zerteilt die Welle, Die noch kein größeres Untier trug;
Ein Elefant ist's, welcher Türme Auf seinem schweren Rücken trägt; Der Spinnen kriechendem Gewllrme Gleicht es, wenn es die Füße regt;
Und hat es fest sich eingebissen Mit seinem spitz'gen Eisenzahn, So steht's gleichwie auf festen Füßen Und trotzt dem wütenden Orkan.
Dazu soll es noch ein Halslösungsrätsel sein, also so schwer wie möglich. Goethe drängte denn auch darauf, daß die Rätsel nicht zu leicht seien, weil der Zuhörer sie nicht früher erraten darf, als der Prinz auf der Bühne im „Turandot". Das Märchen wußte das auch und machte feine Rätsel schlechthin unerratbar oder vielmehr „nur durch ein äußerliches Wissen" erratbar. So übersetzte sich das Märchen in seiner Sorglosigkeit die Forderung des Scharfsinns, der es selbst nicht gewachsen sein konnte. Diesen Weg durfte Schiller aber nicht wählen, da eine Scharfsinnsprobe kein Vorwurf für eine Dichtung ist, weil der Scharfsinn zerlegt, die Dichtung aber zusammensetzt, fchafft, gestaltet. Schiller aber ließ sich zu der Rätselart drängen, die er mit seinem künstlerischen Gefühl zu meiden suchte. Er gab Scharfsinnsrätsel, die noch dazu leicht zu lösen waren, in zergliederten Anschauungen. So hatte Goethe recht, wenn er schreibt (2. 2.1802): „Ihre beiden neuen Rätsel haben den schönen Fehler der ersten, besonders des Auges, daß sie entzückte Anschauungen des Gegenstandes enthalten, worauf man fast eine neue Dichtungsart gründen könnte. Das zweite habe ich aufs erste Lesen, das erste aufs zweite Lesen erraten. Meo voto würden Sie den Regenbogen an die erste Stelle setzen, welcher leicht zu erraten, aber erfreulich ist; dann käme meins, welches kahl, aber nicht zu erraten ist; dann der Blitz, welcher nicht gleich erraten wird in jedem Falle einen sehr schönen und hohen Eindruck zurückläßt ... Ich bemerke auch, daß August Ihre beiden Rätsel schon in der Hälfte des Vorlesens geraten hat."
Man vergleiche nun einmal Schillers Rätsel vom Auge, in dem man eine Menge Hauptanschauungen erst auseinander trennen und dann vereinigen muß, um das Bild zu erraten, also Verstandesarbeit, und zwar nicht zu wenig, zu leisten hat, mit dem deutschen Volksrätsel vom Auge. „Es ist eine kleine Tür, aber die ganze Welt kann da durchgehen." Wie wird da gleich alles in eins zusammengefaßt; Verstandesarbeit, also unkünstlerische Arbeit, ist nicht nötig, weil das Rätsel sich mit einer einzigen Beziehung begnügt, wahrend Schiller eine Anzahl wesentlicher Beziehungen wählt, die in der Vorstellung viel prächtiger sind als das Volksrätsel, das auf ein einheitliches Bild hinaus will.
Und das hat Schiller wohl gewußt und auch erstrebt, wie es das Rätsel vom Blitze zeigt, das auch Goethe, obgleich er es als „Fehler" für eine Scharfsinnsprobe ansah, beibehalten wissen wollte, weil es „in jedem Falle einen sehr schönen und hohen Eindruck" zurückläßt:
Unter allen Schlangen ist eine Auf Erden nicht gezeugt, Mit der an Schnelle keine. An Wut sich keine vergleicht.
Sie stürzt mit furchtbarer Stimme Auf ihren Raub sich los. Vertilgt in einem Grimme Den Reiter und das Roß.
Sie liebt die höchsten Spitzen; Nicht Schloß, nicht Riegel kann Vor ihrem Abfall schützen;
Der Harnisch — lockt sie an.
Sie bricht, wie dünne Halmen, Den stärksten Baum entzwei; Sie kann das Erz zermalmen. Wie dicht und fest es sei.
Und dieses Ungeheuer Hat zweimal nie gedroht — Cs stirbt im eignen Feuer; Wie's tötet, ist es tot!
Das ist ein geschlossenes, gewaltiges Pjld, das mit fortr auch wenn man weiß, daß der Blitz gemeint ist, eben weil es c f ' ä h ist. Aber packt nicht folgender Volksreim mit derselben Vorstellung noch mehr?
Hochauf sitz ich Hochauf fchweb ich; Komm ich herab, so freß ich sechs Ochsen.
So hat Schiller zwar keine „neue" Dichtungsart eingeleitet oder geschaffen, aber das Ringen mit dem Rätsel, das Streben nach der einheitlichen Anschauung zeigt, wie germanisch Schiller ist. Triebmäßig fiößt er wieder auf die Entwicklungslinie, die das germanische Rätsel genommen hat, am deutlichsten in dem isländischen Rätselschrifttum. Dazu kommt noch, daß Schiller in seinem Rätsel eine in seinen Dichtungen sonst ganz fremde Natürlichkeit gibt, ein zartes Empfinden ohne jedes „Pathos", wie es das Rätsel vom Monde und von den Sternen am feinsten zeigt."
Verantwortlich: l)r. Hans Tbvriot. — Druck und Derlag:Drühl'fche Univers itätS-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


