Ausgabe 
7.12.1936
 
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Rauhreif.

Von Lina Staab.

Gestern schwarzes Gitter, hart und kalt.

Heut im Morgenlicht ein leicht Zerfließen, ahnungsvolles Schimmern, facht Erschließen, hingehaucht, verwandelt steht der Wald.

Wächst in ihm ein zartrer Hain aus Eis: Perlennnadeln zierliche Agraffen sterngesticktes Moos zu Falten raffen.

Auf den Wegen wuchsrt's spitz und weiß.

Heiderispen glitzern überblüht.

Helle Brunnen steigen aus den Gräsern.

In dem Strauchwerk klirrt es dünn und gläsern. Ginster starre Strahlengarben sprüht.

Rings ein Zauberspiel von Baum zu Baum: Aus den Tannen tuschelt Kindcrflüstern, aus den braunen Blättern Rauschgoldknistern silbriges Gespinst aus Traum und Flaum.

Nicht aus unfern Zonen stammt dies Licht: Eines Engels holdes Atemwehen blieb kristallen in den Lüften stehen Strahlenschein um zagendes Gesicht.

Eines Engels Finger rührt uns an. Große Flügel brausen wie Gesänge, und für eines Schwingenschlages Länge hält die Welt aus ihrer dunklen Bahn.

Das gespenstige G rick-Knäuel.

Von Börries Freiherrn von Münchhausen.

Ein Mann, den sein Beruf viel auf den Gütern Norddeutschlands herumtrieb, und dessen Name ihm überall eine besonders freundliche Auf­nahme verschaffte, hat mir einmal von drei Erlebnissen erzählt, die sich unter Menschen abrollten, welche ihm selbst und einander völlig fremd waren. Erlebnisse, die sich doch auf eine seltsame Weise ineinanderfügten, so, als ob einer in drei verschiedenen Jahren an drei verschiedenen Orten eine Uhrkette und dann die dazu gehörige Uhr und schließlich den zu ihr passenden Uhrschlüssel fände.

Mein Freund Albrecht war als Kunstkenner auf ein pommersches Gut geladen, wo der Hausherr die ererbte Sammlung von Bildnissen aus dem Besitze eines Vetters begütachten lassen wollte, um sie zu verkaufen. Albrecht verfaßte ein Verzeichnis mit kurzen Beschreibungen. Dabei fielen ihm zwei Damenbildnisse auf, die, in gleichem Rahmen und vom selben Künstler gemalt, offenbar Gegenstücke waren, obgleich die dargestellten Mädchen leider auch Gegensätze für das Auge des Beschauers bildeten: Ein wundervoll edles, durchgeistigtes Antlitz schaute unter der weiß­gepuderten Haartracht des Rokoko nach rechts, und ihm starrte, nach linksgerichtet, ein Gesicht entgegen, dessen geradezu gemeine Häßlichkeit weder durch den üppigen Schmuck noch den tiefen Busenausschnitt der Zeit von 1750 gemildert werden konnte. Die Häßliche hielt Federball und Schläger in den eitel gespreizten Fingern, zu ihrem Gegenstück schrieb Albrecht in sein Verzeichnis: Sehr auffallend ist, daß der schönen Gestalt (offenbar viel später!) ein Stiftskreuz um den Hals und ein ganz wunder­liches großes Knäuel aus grauer Wolle in die Hand gemalt ist. Mit einem Kopffchütteln tat er die Sache ab.

Und sie fiel ihm auch nicht wieder ein, als er etwa ein Jahr später auf einem märkischen Gute das folgende Erlebnis hatte: Der Hausherr hatte ihn zur Jagd eingeladen, Albrecht war schon dort, als sich plötzlich ein hoher Beamter des Auswärtigen Dienstes als Gast ansagte. Natürlich stellte Albrecht sofort fein Gastzimmer, das beste des Hauses, der Hausfrau zur Verfügung; fein Angebot wurde zwar herzlich dankend angenommen, aber dieser Dank war doch von einem so vielsagenden Blick der Eheleute untereinander begleitet, daß er, etwas erstaunt, fragte:Warum fall ich nicht in einer eurer Bodenkammern übernachten, glaubt ihr, daß ich alter Feldsoldat mir etwas aus hartem Bett und kleinem Waschbecken mache?"

Gewiß nicht", antwortete der Freund,und daß du keine Bangebüxe bist, wollen wir deinem ,Pour le merke' glauben. Nur ist eben der Spuk in unserer ehemaligen Bilderkammer mein Vater hatte alte Familien­bilder dort aufgestapelt auch für einen beherzten Mann derartig ... störend, daß ich ..., daß wir ..."

Aber, ich bitte euch", rief Albrecht lebhaft,nichts ersehne ich ja mehr, als endlich einmal eigenäugig und eigenohrig einen rechten Spuk zu erleben! Ich bitte euch also dringend, in eurer Bilderkammer diese Nacht und selbst nach dem Fortgang Seiner Exzellenz die nächsten Nächte wohnen zu dürfen!"

Halb erleichtert, halb zögernd gaben seine Gastsreunde dem geäußerten Wunsche nach.

Der Botschafter hatte glänzend geplaudert, es war weit nach Mitter­nacht, als Albrecht fein Zimmer betrat. Doch schon beim Anknipsen des Lichtes hinderte ihn ein weicher Gegenstand, der mit unruhigen Sprüngen über den Fußboden gegen ihn anlies. Nicht sichtbar, nein, zu sehen war nicht das Allergeringste, auch dann nicht, als Albrecht, der zunächst zurück- gewichen war, damit der unsichtbare Ball ihn nicht berühre, erneut über die Schwelle trat und gleichzeitig die Deckenlampe, die Lampe über dem Waschtisch und das Lämpchen auf dem Bettschrank aufleuchteten.

Nein, zu sehen war in dem niedrigen und ungewöhnlich weiten Zimmer nichts. Desto mehr freilich zu hören! Albrecht zwang sich, alle die nötigen und ihm geläufigen Vorhaben jedes Abends auch heute gewissenhaft und unbekümmert zu beobachten, ohne sich um das Etwas zu kümmern, das ja fein gespenstisches Eigenleben über den Erdboden hin sührte. Er öffnete,

als Liebhaber von Morgensonne und Luft, alle drei vom Mädchen sorg­fältig geschlossenen Vorhänge und Fenster, er stellte die Lackschuhe vor die Tür und hängte seine Kleider über den Kleiderbügel. Und während dieser ganzen Zeit rollte etwas Weiches und offenbar ziemlich Großes über die Dielen. Ein Ball hatte Albrecht beim Betreten des Zimmers geglaubt, nein, jetzt hörte er, daß dies hier nicht das blanke, fast etwas schmatzende Geräusch war, mit dem ein Gummiball vom Boden hüpfte. Spielende Katzen, Rotten das war fein nächster Gedanke gewesen, aber auch deren Tritte waren seinen Jägerohren viel zu vertraut, um länger als sekundenlang daran zu glauben. Hier wurde, wie ihm schien, ein Bündel dicken Kleiderstoffes rastlos über den hellerleuchteten Fußboden geworfen, gefchleist, geschoben ... Und dazwischen glaubte er das Knistern von Papier aus den Ecken des Zimmers zu hören.

Nach etwa einer Stunde hörte das Geräusch plötzlich auf, aber die Stille jetzt war furchtbarer als das Geräusch, das Gerümpel, das Pumpeln des unsichtbaren Bündels vorher. Albrecht sah noch über eine Stunde wach im Bett und schrieb seine Beobachtungen so gewissenhaft wie möglich in fein Tagebuch.

Nach kurzem, unruhigem Schlafe wachte er auf. Aber er mochte wohl feinen Nerven mehr zugemutet haben, als sie vertragen konnten jeden­falls war ihm der Gedanke an eine zweite Nacht in der Bilderkammer unerträglich. Ziemlich unbegründet reifte er ab, feine bekümmerten Freunde wagten nicht, ihn zu halten.Es ist ein Unglück für uns", sagte die Haus­frau,dieser Spuk kostet uns auch noch unsere Freunde, nachdem schon die Mädchen einem fortlaufen, sobald sie ihn erleben. Als mein M^mi das Gut vorn letzten Freiherrn von Maus kaufte, wußten wir noch nichts davon, und als wir, empört über die Verheimlichung dieses Umstandes, den Kauf rückgängig machen wollten, da war der alte Maus gestorben, und wir saßen da!"

Das dritte Erlebnis spielte sich in der Uckermark ab. Albrecht war als Gast eines Freundes mit diesem auf ein Nackchargut gefahren. Man hatte gegessen und getrunken und saß schon in den tiefen Stühlen um den Kamin, um zur Zigarre den Rest des Abends zu verplaudern. Zwei Herren, die sich etwas neben dem großen Kreise niedergelassen hatten, sprachen über familiengeschichtliche Forschungen, und Albrecht wurde Zeuge folgenden Berichts:

Mir ist da neulich eine sehr merkwürdige Geschichte in den Briesen eines Vorfahren meiner Mutter aufgestohen. Diese, eine geborene Freiin von Maus, hatte einen Ururgroßvater, der zu Zeiten des Alten Fritz General war und in Potsdam stand. Er muh zwei Tochter gehabt haben, eine von ungewöhnlicher Schönheit, die andere angeblich häßlich, Bilder haben sich leider nicht erhalten, da der Großvater meiner Frau einen ganzen Wogen voll Familienbilder vertrödelte, wohl aus Aerger darüber, daß er das alte märkische Familiengut nicht hatte halten können. Da kam nun eines Tages ein schwedischer Hauptmann an den Hof des großen Königs, verliebte sich in die schone Tochter des Generals und warb um sie. Der Baron Maus aber wollte die Tochter nicht so ohne weiteres auf das Gutglück einer Liebe auf den ersten Blick in das ferne Land ziehen taffen und gab feine Zustimmung nur unter einer Bedingung: Die Liebenden sollten zunächst, da der Schwede in seine Heimat zurück­mußte, in einen Briefwechsel treten, der sie seelisch und geistig näher zu­einander führen oder ihre Neigung als übereilt erweisen sollte.

Der schwedische Graf reifte ab.

Nie kam er wieder, nie kam ein Brief von ihm.

Die unglückliche Braut weinte sich die Augen blind und schrieb zunächst in leidenschaftlicher und dann in immer verzweifelterer Liebe aber es kam keine Antwort. Da entschloß sich der Vater, dem der Jammer feiner Tochter ins Herz fchnitt, zu einem Schreiben an den vergeßlichen Äräu- tigam aber es kam keine Antwort. Endlich brauste in dem General der Zorn über den Ungetreuen auf, und er forderte ihn trotz seinem Alter auf Pistolen aber es kam keine Antwort.

Jahre vergingen, Jahrzehnte vergingen. Der alte Soldat war längst zur großen Ärmee einberufen, auch die Schwester war tot, als die nun schon silberhaarige Verlassene in eines der adligen Stifte der Mark eintrat. Vorerst veräußerte sie, was sie von ihrem Erbe im Kloster nicht gebrauchen konnte. Aus dem Nachlaß der Schwester aber nahm sie eine Truhe mächtiger Wollknäuel an sich, denn damals spann und stickte man ja noch mehr als heute.

So saß sie also in ihrem Altjungfernstübchen und strickte in jahrelanger stiller Tätigkeit die Knäuel ab, die ihre häßliche Schwester bei Lebzeiten gewickelt hatte.

Ja, und nun kommt das Entsetzliche: Eines Tages blickte aus einem schon dünner werdenden Wolleball ein Stückchen vergilbten Papieres vor, und wie sie es neugierig hervorzieht, da ist es ein glühender Liebesbrief, geschrieben in Stockholm vor dreißig Jahren und gerichtet an sie. Und wie sie mit fiebernden Händen den Faden weiter ablaufen läßt, da findet sie nacheinander alle jene wilden Verzweiflungen über ihr unerklärliches Schweigen, das ebenso in ihren Briefen an den Geliebten gestanden hatte vor dreißig Jahren!

Ihre Schwester hatte aus Neid alle ihre Briefe vernichtet, hatte aber in einer jener unerklärlichen Launen, die so oft einen Verbrecher fast zauberhaft zwingt, eine Spur seiner Tat unverwischt zu lassen, die Briefe des schwedischen Offiziers aufgehoben und in mehreren dicken Wollknäueln versteckt. Ist diese Tat nicht geradezu teuflisch?"

Der Zuhörer in der Ecke schüttelte den Kopf aus Grauen über diese abgründige Gemeinheit. Aber als ein Spötter, der er war, sagte er, über seine eigene Empörung hinweggleitend:

Wissen Sie, die ewige Gerechtigkeit sollte dieses Tier von einem Weibe bis in alle Ewigkeit spuken lassen am Orte ihrer Tat jawohl, spuken mit ihren verdammten Knäueln!" ,, . . ,

Albrecht aber, der ungebetene Zeuge des Gespräches, schwieg damals und schwieg später, bis er mir die drei Erlebnisse einmal in einer tiefen Stunde erzählte. Er schloß damals seinen Bericht mit den Worten:Mir i war, als hätte ich Gottes Hände selber drei Ringe zu einer Kette zu- | (ommenfügen sehen!"