Ihre übrigen Fragen. Mit wissenschaftlichen Dingen haben diese Expeditionen nach meiner Meinung wenig zu tun.“
Eine geraume Weile blieb Bolton schweratmend aus seinem Stuhl sitzen. Er brauchte Zeit, um diese Neuigkeiten zu verdauen. Andrew überließ ihn sich selber und widmete seine ganze Aufmerksamkeit einem neuen, hochempfindlichen Bathometer, das die Scherkraft bis aus Bruchteile eines Grammes genau registrierte.
„Es wäre nicht ausgeschlossen, daß hier Gold in größeren Mengen vorhanden ist", sagte er mit einem Blick auf die von dem Meßinstrument gezeichneten Kurve, „aber es muß sehr tief liegen. Es dürfte tcmm möglich Sein, es zu erreich . ..“
Boltons Stimme fuhr dazwischen. „Höchste Zeit, Captain Andrew, daß wir unser Gold in Sicherheit bringen. Es mutz in den Staaten längst auf dem Markt sein, bevor die andern hierherkommen. Wir müssen sofort alles an den Mac-Murdo-Sund schaffen und nach Frisko funken, damit die ,City of Boston' rechtzeitig da ist.“--
Im deutschen antarktischen Institut trug der lange Dr. Schmidt während der nächsten Tage und Wochen mit gewohnter Methodik und Sorgfalt die Peilmeldungen über die Andrewsche Expedition in eine Karte ein. Er war eben wieder damit beschäftigt, als ein Stratosphärenschisf von der Kraterstation her ankam und Reute zu ihm ins Zimmer trat.
„Sie funkten mir, Kollege Schmidt, daß die Andrewsche Expedition in diesem Jahre unsere Kreise nicht mehr stören wird“, fragte er beim Hereinkommen.
„Es wäre sehr erfreulich, wenn Sie recht hätten, Herr Ministerialrat. Soviel ich über die beiden Amerikaner gehört habe, werden sie sich von ihrem Erz kaum trennen, sondern mit nach Frisko fahren. Ein Glück wär's, wenn wir sie hier wirklich loswürden. Captain Andrew ist reiner Wissenschaftler, ein durch und durch anständiger Kerl und wird uns nicht stören.“---
Ganz so wie Schmidt die Dinge im Geiste sah, spielten sie sich nun in Wirklichkeit nicht ab. Der lange Schmidt wußte ja nichts von dem Zusammenbruch Garrisons und der Erkrankung Boltons. Noch immer hatte Garrison sorgsame Pflege nötig, und auch Bolton durfte sich nicht persönlich an dem Einladen der Erzstapel beteiligen. Das besorgten jetzt Parlett und Vowson gegen eine reichliche Extrabezahlung. Aber Bolton ließ es sich nicht nehmen, dabeizustehen, und dreimal hatte es zwischen Andrew und ihm schon mächtigen Krach gegeben, weil er jedesmal mehr Erz mitnehmen wollte, als sich mit der Tragfähigkeit des Wagens vereinbaren ließ.
Jetzt waren sie zum vierten Male dabei, Ladung zu nehmen, und sie hatten Eile damit. Schon war die'Sonne unter den Horizont gesunken, und die Dämmerung der aufkommenden Polarnacht begann einzusetzen. Nach den letzten Funksprüchen befand sich die ,City of Boston' auf dem Wege zur Antarktis bereits in der Nähe des Polarkreises und meldete von dort neues Treibeis. Es kam alles darauf an, mit dem Rest der wertvollen Beute rechtzeitig die Küste zu erreichen und sich einzuschifsen, bevor die Eisverhältnisse noch schlechter würden.
Um Tage, vielleicht sogar nur um Stunden ging es, wenn man in diesem Jahr noch glücklich von der Antarktis fortkommen wollte. Eine fünfte Fahrt war bei der Knappheit der Zeit vollkommen ausgeschlossen. Das wußte auch Bolton sehr gut und in seiner Goldgier ließ er sich zu einem Schritt hin- reißen, der schwerwiegende Folgen nach sich ziehen sollte.---
Um zwei Uhr morgens nach mitteleuropäischer Zeit fing der neue Funker, der jetzt an Lorenzens Stelle in der deutschen Station seines Amtes waltete, einen Hilferuf der Andrewschen Expedition auf.
-.Also doch!' war alles, was Dr. Schmidt über die verkniffenen Lippen brachte, als man ihm das Telegramm vorlegte. Es war in englischer Sprache gehalten, und die wenigen Worte darin erhellten ihm blitzartig die Situation. Natürlich hatten die Amerikaner in ihrer Sucht, möglichst viel von dem Erz mitzunehmen, den Wagen überladen und ebenso natürlich war der unter der übermäßigen Belastung zusammengebrochen.
Während Dr. Schmidt diesen ersten Notruf noch studierte, kam der Funker bereits mit einem zweiten Telegramm, demzufolge die Lage noch ernster schien. Das Fahrzeug Andrews war demnach im Begriff gewesen, einen ziemlich steilen Abhang hinaufzufahren, als in dem letzten Teil des Getriebes, der die Motorkraft auf die in der Raupenkette laufenden Räder übertrug, ein Bruch eintrat. Schon in der Ebene wäre das ein übler Zwischew- fnH gewesen, hier wurde es noch schlimmer. Infolge der übertriebenen Belastung begann der Wagen, jetzt nicht mehr vom Motor gehalten, rückwärts zu Tale zu rollen. Schnell und immer schneller ging die Fahrt rückwärts, während das angebrochene Getriebe restlos zermalmt und zerstört wurde. Bei der Schnelligkeit, mit der sich alles abspielte, verlor der Fahrer in der Dunkelheit die letzte Gewalt über den mächtigen Tankwagen, ©teuer* . rchfe, das,Fahrzeug einen Steilhang hinab und prallte schließlich in eme (ststluft, in der er mit jähem Schlag und Ruck fast senkrecht steckenblieb.
Im Süllen bewunderte Dr. Schmidt die eiserne Ruhe Captain Andrews, per m solcher Lage noch eine genaue Ortsbestimmung gemacht hatte und m dem zweiten Funkspruch die Stelle des Unfalls auf Bogenminuten ßcnau angab. Der Doktor zeichnete den Punkt auf derselben Karte ein, auf bet er bereits die früheren Fahrten der Andrewschen Expedition mar« kE, und maß die Entfernung bis zur deutschen Station ab. Es waten etwas mehr als siebenhundert Kilometer. Auch bei forcierter Fahrt gewngendeutschen Wagen 24 Stunden gebrauchen, um dorthin zu tionen g^^gte noch, als der Funker wiederkam und um weitere Jnstruk«
hip Sie erst bei Captain Andrew an, ob der Motor noch läuft und m’d?1 u»d Wärme in ihrem Wagen haben. Wenn ja, i- . ber Antwort zu mir, wenn nein, nehmen Sie sofort Ver-
abkömmiich^ist " Kraterstatwn und fragen Sie, ob ein Stratosphärenschisf Wicbetd’r ro°‘11' Ministerialrat“, sagte der Funker und verschwand
™-1 ns''L°,rs'i!"0 oller Knappheit zweifellos sachlich richtig.
"r er bubei übersehen und tonnte es auch beim besten Willen nicht wljten. Den Umstand nämlich, daß ,St IIh' mit Hein Eggerth und
Berkoss als Piloten an Bord nach Ablieferung einer Ladung Treibstoff vor kurzem die Kraterstation verlassen hatte.
„Wollen doch mal hören, was der biedere Schmidt in seinem Bau treibt, vielleicht erwischen wir ein Lebenszeichen von ihm“, meinte Berkoss und stellte den Empfänger des Stratosphärenschisses auf die Welle der deutschen Station ein. Von Dr. Schmidt vernahm er zunächst nichts, aber er tarn I gerade noch zurecht, um den zweiten Notruf der amerikanischen Expedition aufzufangen, der auf dieser Wellenlänge von Andrews Funker gegeben I wurde. Eilig notierte er die Ortsbestimmung.
„Was gidt's?" fragte Eggerth, der ihn schreiben sah.
„Schöne Geschichte, Hein. Captain Andrew hat einen .Breakdwon', der nicht von schlechten Eltern zu sein scheint. Sein Wagen steckt kopfheister in einer Eiskluft. Er bittet Schmidt um schnelle Hilfe.“
Noch während er sprach, hatte Hein Eggerth ihm das Blatt aus der Hand genommen und verglich die Ortsbestimmung mit der Karte neben der automatischen Steuervorrichtung des Stratosphärenschisses, die den jeweiligen Standort des Schiffes selbsttätig anzeigte. Berkoss hörte und schrieb! inzwischen weiter, schüttelte den Kops und brummte vor sich hin.
„Schlechte Aussicht für Captain Andrew. Im Augenblick kein anderes! Schiff am Krater. Schmidts Wagen können vor vierundzwanzig Stunden! nicht an der Unfallstelle sein.“
„Aber wir, Georg! Wenn wir unfern Motoren etwas Kattun geben, können wir in einer guten Stunde da fein."
Noch während er es sagte, griff Hein Eggerth in die Steuerung, das Schiff beschrieb einen Viertelkreis und jagte auf neuem Kurs der Stelle zu, au der Andrews Tankwagen vom Verhängnis ereilt worden war.
„Sage mal, Georg, beißen sie dich, oder aus welchem andern Girunbe kratzt du dir so nachdenklich deine Tolle?“ frgate Eggerth nach einiger Zeit, i
„Hm, Hein — hm wie stellst du dir eigentlich unser Wiedersehen mit den Herren Garrison und Bolton bot?“
„Ei verdammt ja! Aber das hilft nun nichts, wir müssen Captain Andrew mit seiner Karre aus dem Dreck ziehen."
„Müssen wir, Hein. Ist unsere Pflicht. Captain Andrew wird uns auch dankbar dafür sein. Aber ich fürchte sehr, daß Bolton und Garrison bei der Gelegenheit die alte Geschichte von der Robinson-Insel aufs Tapet bringen werden. Wie wollen wir uns da verhalten?"
Die beiden Piloten überlegten hin und her, aber sie sanden keine rechte Antwort auf die schwierige Frage.
„Ah, bah", meinte Berkoss schließlich und zündete sich eine Zigarette an. „Wir wollen die Dinge einfach an uns herankornmen lassen. Im entscheidenden Moment wird uns schon eine passende Antwort einfallen. Vielleicht ist es am besten, wenn wir uns absolut dumm ftellen — so tun, weißt du, Hein, als ob die Amerikaner die Geschichte von der Insel überhaupt nur geträumt haben. Wer-weiß, in welchem Zustand wir sie vorfinden, vielleicht glauben sie's sogar am Ende selber."
Schon während der letzten Worte hatte Berkoss wieder zum Bleistift gegriffen und notierte die Funksprüche mit, die zwischen Captain Andrew und der deutschen Station hin und herflogen.
„Aha! Das ist es Hein. Sie erwarten ihren Dampfer, die ,City of Boston", im Mac-Murdo-Sund, möchten ihn mit dem havarierten Wagen noch erreichen, bevor das Eis in der Bucht zugeht — leicht gesagt, aber schwer getan, mein lieber Captain Andrew. Den Wunsch wirst du Dir wohl verkneifen müssen."
Geraume Zeit schwiegen beide. Sie waren bet Unfallstelle jetzt so nahe, daß genaue astronomische Ortsbestimmungen notwendig wurden, die Ber- koff für die nächsten Minuten vollauf in Anspruch nahmen. Als er sie hatte, schob er sie Hein Eggerth hin, der danach den Kurs des Stratosphärenschiffes ein wenig änderte und halblaut bemerkte:
„Bielleichtkönnen wir dem Captain seinen Wunsch doch erfüllen. ,St llh' fliegt fast leer. Wir haben diesmal nur wenig mehr als zwei Tonnen Gold an Bord genommen.“---
Es sah böse in dem amerikanischen Wagen aus, als er nach dem Unfall endlich zum Stillstand kam. Zwar steckte er nicht .kopfheister', wie Berkoss sich ausdrückte, in der Eiskluft, sondern mit dem Vorderteil höher als mit den Hinterrädern, aber um einen Winkel von mehr als 45 Grad geneigt. Selbst in unversehrtem Zustand haätte er sich mit eigener Kraft nicht herausarbeiten können.
Mtooren und Dynamomaschinen waren außer Betrieb. Glücklicherweise hatte die Akkumulatorenbatterie nicht gelitten, aber ihre Leistung war begrenzt. Längst bevor die deutschen Wagen hier sein konnten, mußte sie erschöpft fein. Ohne Licht und ohne Verstandigungsmöglichkeiten mit der Außenwelt würden die Jnfassen des verunglückten Wagens bann allen Unbilden der Polarnacht preisgegeben fein.
Sofort nach dem Unglück war Andrew an die Funkanlage geeilt. Er atmete auf, als er sie unversehrt fand und die Verbindung mit der deutschen Station aufnehmen konnte. Das Ergebnis war freilich wenig befriedigend. Vor vierundzwanzig Stunden konnte die deutsche Hilfe nicht zur Stelle fein. Er übergab die Anlage danach wieder Bowser und ging in den Raum, in dem Garrison lag.
„Es hat keinen Zweck mehr, über geschehene Dinge zu sprechen, Mr. Garrison“, unterbrach er dessen Rede. „Es ist besser, wenn wir uns über unsere weiteren Maßnahmen klarzuwerben versuchen. Die Aussicht, Die »City of Boston' noch rechtzeitig zu erreichen, ist natürlich zum Teufel. Sie dürste schon jetzt im Mac-Murdo-Sund kreuzen und vergeblich auf uns warten.“
Bolton wollte mit allerlei Vorschlägen dazwischenfahren, aber Andrew hieß ihn schweigen.
„Ich kenne die deutschen Fahrzeuge nicht genauer, Gentlemen', aber es m mir mehr als zweifelhaft, ob sie stark genug sind, um unfern Wagen ans der Kluft herauszuziehen. Wir werden vielleicht gezwungen sein, ihn hier bis zum nächsten Frühjahr liegen zu lassen und die Gastfreundschaft der deutschen Station in Anspruch zu nehmen. So, Mr. Bofton, das wollen wir mal erst als das wahrscheinlichste voraussetzen. Jetzt können Sie Ihre Vorschläge, was weiter geschehen soll, machen. Die vergebliche Fahrt der Citv of Boston' geht selbstverständlich auf Ihre Rechnung—." y|
(Fortsetzung folgt.)


