Oer Feuerreiter.
Von Eduard Mörike.
Sehet ihr am Fensterlein Dort die rote Mütze wieder? Nicht geheuer mutz es sein, Denn er geht schon aus und nieder. Und auf einmal welch Gewühle Bei der Brücke, nach dem Feld! Horch! Das Feuerglöcklein gellt Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt es in der Mühle!
Schaut! da sprengt er wütend schier Durch das Tor, der Feuerreiter, Auf dem rippendllrren Tier, Als auf einer Feuerleiter!
Querfeldein! Durch Qualm und Schwüle Rennt er schon und ist am Ort! Drüben schallt es fort und f->rl Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt es in der Mühle!
Der so oft den roten Hahn Meilenweit von fern gerochen, Mit des heil'gen Kreuzes Span Freventlich die Glut besprochen — Wehl dir grinst vom Dachgestühle Dort der Feind im Höllenschein. Gnade Gott der Seele dein! Hinterm Berg, Hinterm Berg Rast er in der Mühle.
Keine Stunde hielt es an. Bis die Mühle borst in Trümmer; Doch den kecken Reitersmann Sah man von der Stunde nimmer. Volk und Wagen im Gewühle Kehren heim von all dem Graus; Auch das Glöcklein klinget aus: Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt's! —
Nach der Zeit ein Müller ja: . Ein Gerippe samt der Mützen Aufrecht an der Kellerwand 2(uf der beinern Mähre sitzen: Feuerreiter, wie so kühle Reitest du in deinem Grab! Husch! da fällt’s in Asche ab .uhe wohl, Ruhe wohl. Drunten in der Mühle!
Oer Siebziger Kriex.
Von Emil S t r a u tz.
»in Jahr, ehe ich in die Kinderschule kam, brach der Siebziger Krieg Irs. Es war ein sonniger Sommertag, ich spielte mit meinen älteren trüben und mit Nachbarsbuben auf dem unserer Wohnung nahege- kgenen Bahnhof um die Güterwagen herum, als mein ältester Bruder «mfschrie: „Krieg —?", er mochte es von einem Bahnbeamten ausgeschnappt haben, „Ihr! ’s isch Krieg! Hurra!", aufsprang und in der Rich- ilug nach Hause davonstürmte, d. h. einfad) über die Schienen, den Hag mib den hohen Grasrain hinab in unsere Straße. Alle hinterdrein, ich, bri weitem der Kleinste, par ordre du moufti nur eben Geduldete, mit meinem geliebten, tiefblau und tiefrot lackierten Schubkarren weithinter- brein. Während ich ungeduldig den hohen Grasrain hinunterkrebselte, mren die andern schon unten auf der Straße, hielten jemand an: „Krieg mit den Franzosen!" und ich konnte sie wieder einholen. Sie entliefen mir wieder, und weil sie im Weiterrennen „Krieg" schrien, so schrie ich, hastig mit meinem Karren nachpolternd, halt auch „Krieg", »!> schon ich einstweilen noch gar nicht recht wußte, was das sei. Bei einem neuen Aufenthalt erreichte ich sie wieder, bann stoben sie roieber drvon, ber eine rechts, der andere links in ein Haus, meine Brüder in umfer Hoftor hinein, und waren schon nicht mehr zu sehen, während ich mit meinem Schubkarren über das Pflaster holperte und mich plagte, ifn die hohe Staffel hinaufzuziehen; das war schwer, die Stufen fielen Dorne nicht senkrecht ab, sondern wölbten einen runden Rand vor, an bim das Rad immer hängen blieb. Endlich war ich im Haus, konnte bin Schubkarren stehen lassen und rannte hin, wo ich die andern hörte. Sa saß Mutter in dem warmgoldenen Dämmerlicht ber besonnten Lein- llcmbrouleaux bei ihrer Arbeit, ich stürmte atemlos auf sie zu und schrie „Krieg!"
„So? machst auch mit?" fragte sie. Natürlich wollte ich mitmachen; nein ältester Bruder aber, schon Lateiner, wußte besser Bescheid und e rlangte eine Fahne, aber gleich! Der Theodor und ber Fritz und der Sari ließen sich auch eine machen, ber Karl eine württembergische. Als Shutter die Fahnen versprochen hatte, brehten sich bie beiben großen Silben um und rannten mit ihrem „Krieg" weiter; ich wollte >h"-" nich, wurde aber im letzten Augenblick von Mutter noch am Schlafittich
gepackt und zu den Worten: „Halt! dir wächst ja bas Haar durch den Strohhut!" zwischen ihre Knie gezogen. Sie zupfte mich ein wenig an dem Haarwisch, der sich durch den geplatzten Strohhut durchgedrangt hatte, und sagte: „Man könnte es auch für Stroh halten!", nahm Nähnadel und Faden und fing, den Strohhut hin und her wendend, zu nähen an, als ob’s gar keinen Krieg gäbe. Ich feh und hör es noch heute mit derselben Ungeduld, wie sie, den Fingerhut ganz steil auf» setzend, die Nadel durch das unwillig knirschende Stroh durchzwängte, immer noch einmal und immer noch einmal, während ich fragte und fragte: „Noch nicht fertig? D Mutter, mach doch!" und mich aus ihren Knien loszappeln wollte. „Geduld! Geduld, menn’s Herz auch bricht!" fügte sie, „ber Krieg läuft bir nicht bavon." Enblich war es so weit, sie setzte mir ben Hut auf, zog mir bas Gummibanb ums Kinn und schob es hinter bie Ohren, zupfte mir ben verschobenen Schurz zurecht und entlieh mid) mit einem Klaps fjintenauf. Ich hastete hinaus, spähte vor dem Hoftor die Straße hinauf und hinab, erblickte unten auf dem Platz einen Haufen Buben, und glücklich darüber, daß sie mir nicht wie schon so oft durchgebrannt waren, fußelte ich hin. Eben hatte einer sein Sacktuch an einen Stecken geknüpft und schwenkte bewundernd das zerknitterte Panier in der Sonnenluft, ein anderer stellte uns zwei und zwei in einem Zug auf, und bann ging’s stolz hinter dem Fähnchei drein und in die Stadt hinunter.
Und von dieser Stunde an, dieser sonnigen Sommertagsstunde, bi-, zu einem sonnigen Nachmittag im nächsten Frühling, als Sieg und 1 Friede, Reich und Heimkehr gefeiert wurden, und ich mit der ganzen Familie nach ber Festwiese hinunterziehen durfte, auf den Turnplatz über ber Enz, wo ich an all ben alten Volksbelustigungen, wenn auch noch nicht selbst kletternb unb sacklaufen!), mich roieber neu entzückte, — von jener Stunbe bis zu biefem Abenb ist bie lange Kriegszeit in meiner Erinnerung ein einziger glorfentlingenber Tag bes Rausches, ber Entrückung, ber Hingabe, ber Entrollung unb Entfaltung bes kleinen zu einem neuen, bisher ungeahnten, sich immer roeitenben, ben ganzen Lebensbezirk als Teil sich einverleibenben Selbst
Ich war vierunbeinhalb Jahr alt geworben, in großer, vielverzweigter Familie, in ber weitreichenben Nachbarschaft ber noch kleinen Stabt; als ein nicht gerabe erwünschtes, häufig hinderliches Anhängsel meiner älteren Brüder bei ben Streifereien, Hänbeln unb Streichen ber Schulbuben war ich aus meiner natürlichen Arglosigkeit schon auf» ! geweckt unb gegenüber einer unverträglichen Anbersartigkeit unb sogar Feinbseligkeit ber Menschen schon wachsam geworben, — nun — plötzlich — war bas nicht mehr nötig, plötzlich war alles anbers: ber gefährlichste Angehörige einer feinblichen Straße, der sonst von seinem doppelten Alter höhnisch auf mich herabsah, — der trat nun bei ber Begegnung freunbschcistlich zu mir, zeigte mir etwa eine Form zum Kugelschiehen, bie er im alten Eisen ober in Vaters Jagbgeräten gefunben hatte unb gegen bie Franzosen in Betrieb setzen wollte, ober lub mich gar ein, zur Linbe mitzukommen, bort werbe mit Böllern geschossen. Der bärbeißigste Alte, bie hochmütigste Fabrikantenfrau im weitgeblah- ten Krinolinenrock lächelte zutraulich im Vorüberfegeln, fragte unb erzählte; wenn einige Herren an ber Straßenecke ober vor einem Hoftor hielten unb ihre Neuigkeiten unb Hoffnungen austauschten, durfte ick) kecklick) danebentreten unb horchen, in jebem Hof oder Garten war ich willkommen, wenn ich anfing: „Wißt ihr schon?"
Auf einmal war alle Welt befreundet, waren alle Menschen so, wie bas aus sich hinausgreifenbe Kind sie voraussetzte unb brauchte, zugänglich und zutraulich, teilnehmend unb mitteilsam; bas Kinb wuchs nicht mehr neben bem geheimnisvoll verschlossenen Ernste bes Lebens störenb, bemühenb auf, wie bas Untraut im Korn, es fühlte sich auf einmal mitten im reißenben Strome bazugehörig, brauchbar unb wertvoll, — nicht nur wenn es galt, Scharpie zu zupfen ober kleine irbene Schälchen mit Docht unb Unfdjlitt zu versehen, vor den Fenstern aufzureihen und anzuzünden.
Ich war insofern begünstigt, als mein Vater dem Ausschuß angehörte, der auf dem Bahnhof die Einrückenden, bie burchkommenben Truppen-, Verwunbeten- und Gefangenenzüge zu verpflegen hatte, und ich noch nicht auf der Schule war. So ging ich an seiner Hand auf ben Bahnhof, oft auch allein, ftanb zwischen ben Abschiebnehmenben, beren ich manchen kannte, sah bie Züge mit ben himmelblauen Bayern einlaufen unb ben vergleichsweise trübseligen Württembergern (schwarz mit rotem Vorstoß), halb auch mit Turko unb Spahi. Dann gab mir Vater ein (Blas Bier in bie Hanb ober Brot unb Wurst ober Zigarren, unb ich trugs vorsichtig stolz in ben Wagen. Meist warb ich gepackt, emporgefd)roungen unb etwa auf eine Kanone gefetzt, bie auf bem offenen Güterwagen ftanb, ober auf ein Pferb, bas fehnsüchtig den Kopf zur Luke des Packwagens herausstreckte, ober aufs Knie eines bärtigen Solbaten, ber väterlich ben Arm um mich legte, mich nach bem Namen fragte unb mir erzählte, zu Haus habe er ein Möbel in meinem Alter, bie und ich gäben ein sauberes Pärle, auf dem Rückweg werde er mich mitnehmen, und mir zwischenhinein einen Bissen in den Mund stopfte; und seltsamerweise aß ich ohne weiteres, obschon ich sonst für katzendreckig aalt. Und fo befremdend die französischen Gefangenen waren in ihren umständlichen, bis unter die Wade hinabwogenden roten Pluderhosen, ihren langen, zurückgeschlagenen blauen Fräcken und den koketten Käppi, so unmittelbar die dunklen Afrikaner, die Zuaven und Turko erschreckten und abstießen, so abscheulich viele waren nut bem scheinbar immer gleichen Menschenfresserlachen ber wulstigen Mäuler, dem scheinbar mitleiblosen Hohn ber bunfelrollenben Augen, bem grausamen Glanz ber riesigen Gebisse, — bas Kinb ging staunenb ver- trauenb hin gab, was es in ben Hänben hatte, horte unverstanbliche freunbliche Baute unb bekam wohl gar etwas geschmkt, einen Uniform- knops ein franfenbebangenes rotes Achselstück, ein Spanerstöckchen (fast alle (Befangenen batten, nach meiner Erinnerung, zierliche Svazierstöck- chen) Es war öbnlich rote mit bem großen gelben Hunb in unferm (Sofe- ich kannte seine Gefährlichkeit, unb wenn er bös war. ging ich 'ibm aus bem Weg; war er aber brav, dann streichelte ich ibn. traute ihm den Hals unter bem fürchterlichen Rachen unb freute mich, wenn er


