Ausgabe 
7.6.1935
 
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starken Eindruck auf sie machten, viel mehr von diesen materiellen Dingen verstand als sie selbst und darin Erfolg haben würde. e

Als es endlich so weit war, daß eine unliebsame Ueberraschung kaum mehr zu befürchten war, bat er Elisabeth eines Morgens zu sich in Lud­wigs Arbeitszimmer, wo er aus dem Schreibtisch sein Hauptbuch auf­geschlagen hatte. Längst war es Frühling geworden. Im Garten blühten die Obstbäume und schickten den Duft ihrer weihen, gelben und rosa Blü­ten durch die offenen Fenster in alle Stuben. Billy kauerte draußen neben ihrem Beet mit Frühgemüsen, dessen Glasdach geöffnet war, und stocherte mit einer kleinen Schaufel in der schwarzen Erde herum, um noch neue Setzlinge unterzubringen. Pitt und Fox, von ihrer Kette befreit, hetzten sich durch den ganzen Garten, brachten den jungen Rasen und alle Saat in Gefahr und hielten endlich mit heraushängenden Zungen und funkeln­den Blicken vor dem hohen, engen Drahtgitter, hinter dem ein Dutzend weißer Hühner sich in ihrem Scharren und Kratzen nur die begehrliche Nähe der beiden Bestien keineswegs stören ließ. Sie waren daran gewöhnt und stolzierten verächtlich dicht hinter dem Gitter vorbei.

Elisabeth warf einen Blick durch das offene Fenster und mahnte Billy durch einen Zuruf, die Hunde doch lieber an die Kette zu legen. Dann setzte sie sich mit einem Ausdruck unverhohlener Neugier Hartl gegenüber an die andere Seite des Schreibtisches.

Ich habe Ihnen schon mehrmals Andeutungen gemacht Über das, was ich hier treibe", begann Hartl in einiger Verlegenheit.Ludwig hat mich damit beauftragt. Ich habe diesen Auftrag viel ernster genommen, als er gemeint war. Aber ich glaube, es war gut so. Jetzt bin ich so weit, haß ich Sie bitten muß, in meine Abrechnungen Einsicht zu nehmen."

Ich fände es viel einfacher, wenn Sie mir die Resultate sagen wollten, Otto. Ich ahne, wie schwierig und kompliziert diese Arbeit war, die Sie sich da aufgeladen haben, und bewundere Sie, daß Sie sich tatsächlich durchgesunden haben. Also, wie steht es mit unseren Finanzen?"

Schlechter, als wir geglaubt haben; aber nicht so schlecht, daß Sie jetzt nicht aus dem liebel herauskommen könnten, vorausgesetzt aller­dings, daß Ludwig die bestimmten Summen aus. Hollywood regelmäßig überweist."

Sie haben ihm das geschrieben?"

Mehrmals. Leider fürchte ich, daß es nicht viel nützt. Sie müssen es nochmals selbst tun, und vielleicht fügen Sie etwas von dem hinzu, was ich Ihnen jetzt sagen möchte. Aber zuerst ein paar trockene Zahlen: Ludwigs Schulden betragen rund hundertzwanzigtausend Mark mit allem, was noch auf dem Haus hier, die Einrichtung und so weiter zu zahlen ist Mit dem Geld, das er vor drei Wochen sandte, habe ich die dringendsten alten Schulden abgedeckt. Die übrigen sind nun auf Ter­mine verteilt, die wir ohne Schwierigkeiten einhalten können, wenn er, wie gesagt, die versprochenen Summen in den bestimmten Ahständen schickt. Das Ganze ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Er verdient drüben mehr als genüg. Der Augenblick ist da, in dem er sich endlich rangieren kann. Dafür müssen Sie sorgen, Elisabeth, schon in Ihrem eigenen Interesse."

Ich werde mein möglichstes tun."

Die Gefahr für die Zukunft besteht darin, daß er in diesem Stil weiterlebt, ohne die Sicherheit zu haben, daß auch seine Einnahmen fo bleiben, wie sie im Augenblick sind. Momentan hat er, auch rein finanziell betrachtet, eine starke Konjunktur. Das hängt selbstverständlich mit dem künstlerischen Erfolg zusammen, ist aber nicht absolut davon bedingt. Das ist es, was er nicht glauben will, da alle äußeren Zusammenhänge ihn nicht interessieren. Die Probleme der Oekonomie schon gar nicht."

Er mußte einen Verwalter haben, wie Sie es sind, Otto. Sie wer­den sich natürlich herzlich bedanken, diese Arbeit auch nur einen Monat länger zu tun. Sie sollten einen solchen Verwalter für Ludwig finden. Dann erst wäre Ihr Werk hier komplett!" antwortete Elisabeth mit ihrem schönsten Lächeln.

Das ist unmöglich! Es gibt nur einen einzigen Menschen, der das in Zukunft für ihn tun könnte, und dieser Mensch sind Sie, Elisabeth."

Das habe ich mir schon selbst gesagt. Aber ich glaube nicht, daß ich es kann."

Hartl sah sie fragend an, da er merkte, daß dieser Zweifel noch einen tieferen Grund hatte.

Jedesmal, wenn ich früher versuchte, mit meinen schwachen Kräften eine gewisse Ordnung in unser äußeres Leben zu bringen und Ludwig veranlaßte, wenigstens die Grenzen einzuhalten, die mir absolut not­wendig schienen, damit auch er wieder ein Gefühl der Sicherheit bekäme, mußte ich bald ftftftetten, daß bei ihm gerade das Gegenteil eintrat ... daß er nervös wurde, unzufrieden mit sich selbst ... was so weit ging, daß er Anfälle von Melancholie bekam, die tagelang anhielten und die mich furchtbar erschreckten, weil dadurch sein ganzes Wesen wie ver­wandelt schien. Es ist sehr schwer, das genau zu beschreiben. Ich weiß nur, wie sehr ich selbst darunter gelitten habe. Er wurde ein ganz ande­rer Mensch. Manchmal direkt bösartig, obgleich ich die stärksten Beweise habe, daß er im Grunde der gutmütigste Mensch von der Welt ist. Zuerst konnte ich mir diese Veränderung nicht erklären. Aks ich aber sah, daß das alles spurlos von ihm abfiel, sowie diese Grenzen gefallen waren, habe ich es eben gelassen, sie noch einmal aufzurichten."

Das mag richtig gewesen sein, früher, als er in allem, was er tat, noch das große Ziel vor Augen hatte. Jetzt aber ist dieses Ziel erreicht. Darum gilt es jetzt, das Erreichte zu erhalten. Das ist etwas durchaus anderes!" sagte Doktor Hartl nach einer Pause und stand auf.Es ist schwierig und kompliziert. Ich gebe Ihnen vollkommen recht in dem, was Sie mir anbeuteten. Aber es muß gehen. Ich glaube auch, daß wir den rickckigen Mittelweg finden werden."

Ja", sagte Elisabeth und sah sinnend an ihm vorbei in den Garten hinaus. ..Aber das muß ich Ihnen heute noch sagen, Otto: Diese ganze

letzte Zeit war wundervoll für mich. Ich fühlte mich 3um erstenmal int Leben so geborgen. Durch Sie und Billy. Sie nehmen mir alles ab, was mich auch nur von fern beunruhigen konnte. Das sollte eigentlich immer so bleiben. Sie wissen, Otto, wie sehr ich Ludwig vermisse, wie sehr ich an ihm hänge. Gerade jetzt, wo er nicht da ist, spüre ich das viel stärker. Trotzdem... Dieses Gefühl der Geborgenheit tut mir so gut. Ich Had­es nie erlebt. Sie wissen ja auch, warum ich gerade jetzt dafür so unend­lich dankbar bin. Ich kann mich ganz auf mich selbst besinnen und auf das, was in mir vorgeht."

Es gelang Hartl, seine starke Bewegung zu verbergen. Er klappte das Hauptbuch zu, schob es beiseite und antwortete, gleichsam beiläufig, in einem leichten, scherzenden Ton:Dann kann ich Sie ja ein wenig allein lassen. Sie haben noch zwei volle Monate Zeit bis zu dem großen Ereignis. Ich möchte nämlich rasch mal nach Dresden. Dort liegt eine Arbeit, die ich jetzt wieder,aufnehmen will. Ich könnte sie ja dann später hierher mitbringen mit einer kleinen Kiste Bücher, die ich auch dazu brauche. Oder haben Sie etwas dagegen?"

Natürlich habe ich etwas dagegen! Sehr viel sogar!"

Aber Sie brauchen mich jetzt nicht mehr. Für die nächsten Wochen, meine ich. Ich werde schon zur rechten Zeit wieder hier sein."

Bis jetzt habe ich recht wenig von Ihnen gehabt, und nun wollen Sie fort? Gut, Otto: Fahren Sie nach Dresden zu ihrer Arbeit! Aber kommen Sie so schnell wie möglich mit ihr wieder her! Ich freue mich, auch diese Arbeit kennenzulernen. Oder haben Sie sonst noch etwas in Dresden zu tun?"

Nein."

Dann fahren Sie, wenn Sie wollen. Heute, morgen... Und bringen Sie so viel Bücher mit, wie Sie Lust haben. Nur länger als ein paar Tage dürfen Sie nicht wegbleiben. Denn jetzt müssen Sie mir auch weiter helfen. Ich glaube, Sie haben recht mit dem, was Sie vorhin sagten."

Einen schöneren Platz für meine Arbeit könnte ich mir nicht denken!" sagte Doktor Hartl mit einem Blick in den blühenden Garten. Wie wundervoll hebt sich ihr Kops und ihre Gestalt von diesem Hintergrund ab! Sie ist die schönste und beste Frau, der ich begegnet bin! dachte er, als sie sich erhob und noch einen Augenblick an das geöffnete Fenster trat...

Dann gingen sie zusammen in den Garten.

24.

Von den Intimen Ludwigs war Doktor Kern der einzige, der regel­mäßig im Haus am See feinen Besuch machte. Bernau war in den ersten Wochen noch mehrmals herausgekommen, dann aber ließ er sich immer seltener sehen und entschuldigte sich mit Arbeitsüberlastung. Von Martin und von Gerber wußte Elisabeth, daß die beiden zu ihr nie die gleiche enge menschliche Beziehung gehabt hatten wie zu Ludwig, und nahm ihnen ihr Wegbleiben keineswegs übel.

Sie freute sich herzlich, den Doktor Kern neben Billy im Garten an­zutreffen. Daß er trotz der starken Inanspruchnahme durch seine Praxis sich immer wieder die Zeit nahm, herauszukommen, machte ihr seinen Besuch doppelt wertvoll.

Jetzt werde ich bald auf Sie allein angewiesen fein, Doktor", sagte sie nach der Begrüßung.Otto will mich verlassen."

Warum denn das?" brummte Kern.Ich an Ihrer Stelle würde froh sein, den ganzen Sommer hier zuzubringen, Hartl. Eine bessere Erholung finden Sie nicht."

Ich bin jetzt drei Monate von Dresden weg und habe keine Ahnung, wie es bei mir zu Hause aussieht", antwortete Hartl.Damals hatte ich die Absicht, eine, vielleicht auch zwei Wochen wegzubleiben ... Nein, eigentlich hatte ich gar keine Absicht und ließ darum alles liegen und stehen ..."

Sie können sich ja solche Ferien leisten!" lachte Sern.

Nein, das kann ich nicht, wenn ich auch manchmal leichtsinnig bin. Ich habe mich Ludwig zur Verfügung gestellt, weil er mich dringend brauchte. Allmählich aber habe ich ein schiechtes Gewissen bekommen mir selbst gegenüber."

Wollen Sie damit sagen, daß Elisabeth Sie nicht mehr braucht? Da sind Sie gewaltig auf dem Holzweg!" antwortete Kern.

Nein, nein. Es ist mir eine Befriedigung, daß ich mich hier nützlich machen konnte ..."

Gehen Sie mal voraus, Elisabeth! Ich habe Herrn Hartl etwas zu sagen."

lieber mich?" fragte Elisabeth und sah vom einen zum andern.

Natürlich über Sie! Sonst würde ich Sie nicht fortschicken."

Komm, Billy! Wir richten unterdessen den Tisch. Sie bleiben doch zum Essen, Doktor?"

Kern nickte ihr zu und sah ihr nach, wie sie mit Billy auf das Haus zuging.

Es ist erstaunlich", sagte er nach einer Pause.Niemand sieht ihr an, daß sie in ein paar Monaten ein Baby haben wird. Trotzdem wird es Zeit, daß wir einen erfahrenen Gynäkologen zu Rate ziehen."

Hegen Sie irgendeine Befürchtung als Arzt?" fragte Hartl erschrocken.

Nicht die geringste. Ich halte sie für vollkommen gesund, soweit mein Urteil in Frage kommt. Aber ich bin ja nur Spezialist für Hals und Nase."

Elisabeth hat das größte Vertrauen zu Ihnen, und ich glaube nicht, daß sie einen anderen Arzt haben will."

Ich werde ihn auch nicht ihretwegen hinzuziehen, sondern meinet­wegen. Ich bin durchaus nicht so bescheiden, daß ich von mir behaupte, ich verstünde nicht mehr genug von der Sache. Trotzdem ist es nach außen hin besser für mich. Ich kenne meine Kollegen. Das dürfen Sie mir glauben!

Hartl lächelte beruhigt.

(Fortsetzung folgt.)

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