Birne Davon verstehst du nichts. Das muß Ich mit dem drüben allein ausmachen. Wenn er meint — dann werden wir schon sehen.
Birge rief voller Angst: „Was hast du mit ihm vor? Vater, gib nach; ich will nicht schuld sein, wenn etwas geschieht."
®r ist schuld wenn die Sache im Unfrieden auseinandergeht. Jetzt steh'?s Spitz auf Knops. Nun will ich nicht mehr nachgeben."
In diesem Augenblick schlug die Uhr. Es wurde still in der Stube. Friedrich räusperte sich, ging in die Kammer und sagte von hier aus: „Wenige haben mich gern. Ich weiß, daß du mich gern hast, Birge. Und was ich mit dir gehabt habe, war nur ein Spaß. Du brauchst natürlich den Hans nicht zu heiraten, wenn du nicht willst. Aber den anderen schlag dir auch aus dem Kopf. Ich will's nicht."
Birge stand bei der Lampe und preßte die Hände auf den Tisch.
Da schlug draußen der Hund an. Es kam jemand. An dem zögernden Schritt merkte Birge, daß es Hans man
Durch Friedrichs Körper ging ein Ruck. Er schlug mit dem Kopf an die Trommel, die von der Militärzeit her noch über feinem Bette hing daß sie dumpf aufdröhnte, ging ans Stubenfenster und verbot Hans den Hof. Dann warf er das Fenster wieder zu und sprach: „So, jetzt ift’s fertig. Das andere wollen wir dann sehen."
Er ging in den Stall und fütterte die Pferde ab.
Von diesem Tag an sprachen die beiden Höfe kein Wort mehr miteinander. Auch das Gesinde schloß sich dem heimlichen Krieg an und tat sich gegenseitig Spott und Schaden. Die beiden Bauern hatten jetzt ihre Köpfe ausgesetzt und zogen alles in den Strudel ihres Eigensinns.
Birge lebte anfangs in ständigem Schrecken. Sie offenbarte endlich ihre ganze Not Bertold in einem kurzen Briese und bat ihn, die Antwort an eine Base, die Posthalterin war, zu richten. Schon am nächsten Sonntag nach der Kirche steckte ihr die Base den Antwortbrief Bertolds zu. Sie ging auf dem Heimweg durch den winterlichen Wald und las:
„Endlich der erste Brief! Ich habe Dir jeden Buchstaben aus der Hand gegessen. Birge, ich wollte, ich könnte in einem feurigen Wagen zu Dir fahren, lieber' bes Nachbarn Dach flöge ich herab und hielte vor Deiner Tür. Da müßtest Du schnell einsteigen, ob Dein Vater wollte oder nicht, und hui ging's durchs Blaue! Nur Dein Seidenkleid müßtest Du zuvor anziehen!
Nun höre aber, Birge: Du mußt dies eine Jahr — von Ostern ab noch ein Jahr — aushalten! Du mußt klug sein, liebe Birge, und vertrauen. Jetzt sind ja die beiden Schwiegerväter verfeindet, und wie ich die Bauern kenne, werden sie nicht so schnell aus ihrer Verbissenheit erwachen. Es war sehr gut von Dir, daß Du Deinen Vater von seinem Versprechen entbunden hast. Laß ihn trinken, liebe Birge! Besser, er trinkt allein als mit Matthies zusammen. Allein trinkt er sich immer mehr von seinem Nachbarn fort, in einen urweltlichen Grimm hinein, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Und ich hoffe, er wird eines Tages so gerührt fein, daß er fein Jawort gibt.
Sollte er aber unvermutet anders werden, sollten sich die beiden Väter plötzlich versöhnen, bann, Birge, muht Du zu mir kommen. Ich betrachte Dich vor Gott als meine Braut. Unb wenn Du ein ganzes Leben lang mit mir zusammen sein willst, liebe, liebe Birge, bann mußt Du bie paar Schritte zu mir her tun. Laß bie Leute reben. Anna hat es auch geschafft. Sie arbeitet hier in ber Stabt unb bringt sich gut fort. Unb wenn Du kämst, so würbe ich doppelt unb breifach arbeiten unb soviel oerbienen, baß es für uns zwei reichen sollte. Ich bekomme nach der Prüfung sofort eine Stellung. Schreib mir boch, wann Du spätestens kommen kannst, ich erwarte Dich mit brennenber Ungeduld. Telegraphiere, baß Du sofort kommst. Ich habe Dir Ungeheures zu sagen, Birge, Birge, liebe Birge!"
Als Birge ben Brief gelesen hatte, blieb sie traurig stehen unb seufzte. Eine Wildtaube streifte im Fluge ben Schnee von einem Tannenwedel. Durch bie Bäume sah sie ihren Vater auf das Berghaus zugehen.
Nein, sie konnte ihren Vater und ihren Platz im Hause nicht verlassen, wenn die Liebe sie auch mit süßem Schmerz fortzog. Und boch, wenn sie jetzt bei Bertolb gewesen wäre, hätte sie ihm vergelten wollen, der er so fest an sie glaubte.
Es tarnen bie Tage um Weihnachten, in benen bie Lüfte schweigen unb alles stillzustehen scheint. Birges Gebanken waren immer bei ihrem Liebsten, unb nur ganz selten schrak sie in ihre Umgebung zurück. Die Stille war so vollkommen, daß Vater, Geschwister, Vieh und Bäume sich nur wie Bilder vor ihren Augen rührten, daß die glänzende Flamme im Herd wie eine Blume ausschmolz und die Linde im Hof wie eine Wolke stand.
Birge war verzaubert. Fragte sie jemand, so lächelte sie unb gab eine törichte Antwort. Jebe Arbeit ging ihr lautlos von ben Hänben, unb nur, wenn irgenbroo ein gefühlvolles Wort fiel, würbe sie bavon ergriffen wie von einem Lieb.
2lber bas Erwachen kam. Als ber erste Föhn ben Himmel auslockerte, als Schnee unb Gewölk in schwülem Glanze schwammen, ba brach auch tpr Herz auf wie eine heimliche Wunbe. Nachts weinte sie viel, unb am Tage, roenn bas Nachbarhaus unb bie finsteren Gesichter auftauchten, kam sie sich schuldig vor. Sie fah, wie ber Vater sich abkämpfte; fein E^ßcht, wenn er plötzlich in bie Sonne trat, war fahl unb scharf wie das einer Leiche. Sie witterte Unglück und konnte doch nichts ändern.
An einem Sonntag, nach dem Mittagessen, kam Matthies herüber. h/nnt^b„le?LaB-,e a»f bem Waster, und Friedrich ließ ihn warten, Hnnff» OTnHh- e' |ener <lomrme' um Versöhnung anzubieten. Endlich aber einen 9e?fter und tat mit halb abgewandtem Gesicht
einen kurzen Wink, ber einer Kriegserklärung glich.
Friedrich stand feierlich auf, räusperte sich und folgte ihm, in dem beftimmten Gefühl, jetzt müsse die Entscheidung fallen.
-ken» halben Schritt hinter Matthies drein und blies den
aus dok £ £L8^pen ’T” parrer Blick unb ber steife Nacken brückten werbe6 6 felnem Vorgänger keinen billigen Hanbel abschließen . „lorolthies öffnete feine Kellertür, bie unmittelbar neben ber Haustür lag, unb (tiag bie Stemtn-ppe hinunter. Friebrich lächelte hochmütig:
Wenn die Sache auf eine Schnapsprobe hinauflaufen würde, dann sollte sich Matthies boch getäuscht haben. Er blieb an ber Tür stehen unb pfiff einen heimlichen Marsch durch die Zähne.
Als Matthies ihn so zischen hörte, wandte er sich jäh um und sagte bestimmt: „Komm nur mit, du wirst schon Augen machen, was du da angerichtet hast."
Da ging Friedrich hinunter. Er trappte laut auf bie Stufen unb war neugierig, was nun kommen werbe. Das Stroh lag noch vor ben winterlichen Kellerlöchern unb verfinsterte bas Gewölbe. Matthies zünbete eine halbe Kerze vom Christbaum ber letzten Weihnacht an unb schwenkte sie von ber Decke zum Boben.
„Siehst bu etwas?" fragte er feindselig.
Friedrich bog seinen Oberkörper vor und sprach schallend: „Mach nicht soviel Dampf und Feierlichkeit drum herum. Rück' nur gleich mit ber Wahrheit heraus!"
Da nahm Matthies bie rote Kerze in bie Linke, streifte mit ber Rechten über eine Seitenwanb unb hielt sie Friebrich vor bie Nase. Sie roch. Friebrich schüttelte ben Kopf. Matthies beutete auf die dunkle Bahn, die feine Hand über die Mauer gezogen hatte, und 'Friedrich sah, daß bie Wand feucht war.
Matthies hielt die Kerze vor den Bauch unb sagte gleichmütig: „Kannst bu bir benten, woher bie Nässe kommt?"
„Cs wirb halt tauen", entgegnete Friedrich mit erhöhter Stimme. „Der Schnee stinkt nicht, bas Eis riecht nicht", antwortete Matthies. Dann schwiegen betbe. Sie hörten bie Kerze flackern, obwohl bie Flamme nur kinblich klein mar. Beibe wußten, baß jetzt bie Entscheibung über ihr Leben fallen werbe, über bas vergangene unb künftige. Matthies aber, ben bas Unglück unb ber Wiberstanb Friebrichs nur noch schärfer machten, ihn gänzlich zu bemütigen, sagte schneidend, inbem er wie zum Hohn auf ein hohl bonnernbes Schnapsfah schlug: „Die feuchte Wand liegt nach deinem Hofe zu. Und was da feucht ist, kommt von deiner Mistgrube. Die Jauche bringt überall durch. Ich mag keine stinkigen Kartoffeln essen; hast bu gehört?"
Friebrich roanbte sich um. Er wollte gehen. Obwohl ihm ber Vorwurf begreiflich blinkte, bürste er ihn auf keinen Fall zugeben. Er mußte sich vielmehr so stellen, als fei es lächerlich, bah feine Jauche burch die dicke Mauer bringen solle. Er zuckte baher mit ber Schulter, als wolle er kein Wort mehr barüber verschwenben. Matthies aber faßte ihn am Aermel, leuchtete ihm ins Gesicht unb rief: „Hiergeblieben! Hier wird sich nicht gebrückt. Entweder du mauerst deine Grube aus und bezahlst mir meine verdorbenen Kartoffeln — oder du hast nichts zu lachen, verstehst du?"
Da lachte Friedrich schallend, eben weil ihm das Lachen verboten fein sollte, spuckte unb krähte: „Das könnte bir passen, wenn ich bir deinen Dreck wegfegte. Ich sehe ja ein, bu hättest gern einen Streit mit mir, daß du mich unter deine Füße bringen wolltest. Aber da mußt du dir einen Summen suchen; mir machst du so leicht nichts weis."
„Ich dir was weismachen?" schrie Matthies blaß vor Zorn. „Das wird dich bas Gericht schon lehren, wer hier der Weismacher ist. Und mit dir habe ich jetzt das letzte Wort gesprochen."
Friedrich, der schon im Gehen war, ließ nur durch die Nase ein höhnisches Lachen hören. Da warf Matthies, außer sich vor Wut, die Kerze ins Krautfaß, riß Friedrich mit beiden Armen von der Treppe herunter in die halbe Finsternis und gab ihm die gröbsten Schimpfworte. Friedrich stieß ihn zurück, daß er gegen das Fah taumelte, und warf ihm hastig vor, was er feit Jahren gegen ihn auf dem Herzen hatte. Matthies sprang immer wieder gegen ihn an. Er war kaum fähig, ein Wort zu den jähen Enthüllungen zu sagen. Aber es gelang ihm endlich, feinen Gegner so fest zu umklammern, daß er nicht mehr von ber Stelle konnte.
In biefem Augenblick rollten Stimmen oben über den Hausflur. Hans kam mit einigen Knechten herunter und half feinem Vater. Friedrich schrie, es fei klar, daß die Bande irgendwo im Hinterhalt gelegen fei und dah er nur deshalb in den Keller gelockt worden sei, damit er schändlich gebemütigt werbe. Voller Wut ergriff er einen Hackenstiel, den er mit dem freien Arm erreichen konnte, und drosch auf Matthies los, der ihn denn auch bald fahren ließ. Nun polterten aber die Knechte auf ihn ein, umfchnürten ihn mit den Armen und hoben den Tobenden die Treppe hinauf. Oben empfing ihn Hans, und als er zur Flurtür hinausgeftoßen wurde, rief der verwandelte Schwiegersohn ihm nach, er solle sich nicht mehr auf seinem Hof blicken lassen.
Das Gezeter dauerte noch eine Weile. Man hörte Matthies jammern unb Friebrich in feinem Hofe fluchen. Dann, gegen Abend, wurde es totenstill zwischen den beiden Häusern.
Nach einigen Wochen wurde Friedrich zur mündlichen Verhandlung vor das Amtsgericht geladen. Er hatte, da er sich hartnäckig im Recht glaubte, keinen Anwalt genommen, die Zeugen standen alle gegen ihn, auch der Sachverständige hielt zu Matthies, unb so wurde er nicht nur dazu verurteilt, seine Grube betonieren zu lassen, sondern er mußte auch Schadenersatz leisten und wurde obendrein wegen tätlicher Beleidigung noch in eine Geldstrafe genommen. Er verließ, gelb und ruhig, das Gerichtsgebäude und trug einen schweren Rausch heim.
Als er in der Nacht an Matthies' Hof vorbei mußte, sann er auf ein Mittel, das Anwesen seines Feindes heimlich in Schutt und Asche zu legen. Er sah schon die Flammen aus der Scheune schlagen und den Stall zusammenkrachen, ja, er drosch in Gedanken mit den Fäusten das verkohlte Gebälk in den Boden, da sah er plötzlich an der Ecksäule feines Gartens Birge vor sich stehen.
„3d) warte schon lange auf Euch, Vater", sagte sie, und er sagte, ohne sie anzusehen: „Ich soll alles zahlen. Sie haben mich verdonnert. Da hättest du ruhig zu Bett gehen können."
(Fortsetzung folgt.)


