Ausgabe 
1.2.1935
 
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Oer Winter.

Don Magnus Gottfried Lichtwer.

Jetzt schickt uns der rauchende Brocken Die weißen und schimmernden Flocken, Die fliegenden Felder von Eis.

Die Felder, die Büsche, die Hügel, Die Gärten, die Gassen, die Ziegel, Dte kleiden sich völlig in Weiß.

Der Grünitz beginnt sich zu paaren, Es fliegen die Gänse bei Scharen, Es ruft die prophetische Kräh'.

Der Ammerling sucht jetzt die Scheune, Der hüpfende König der Zäune Singt fröhlich im glänzenden Schnee.

Das Wasser, das Schiffe durchschnitten, Trägt Menschen und Wagen und Schlitten, Und ist ein gehärtetes Glas.

Der Frost macht die Flüsse zu Brücken Und kehrt in versteinerte Stücken Ein flüchtig und weichendes Naß.

Hilf Himmel! wie rasseln die Speichen Und führen uns Wälder von Eichen, Gerippe des Harzes, herzu!

Wie rauchen die Spitzen der Häuser!

Wie knistern die brennenden Reiseri D OfenI wie tröstlich bist dul

Nun zahlen mit Fletsch und Gebeine Die sorglosen, frätzigen Schweine Für Pflege, für Stallung und Kost. Nun füllt man den Schornstein mit Wursten, Mit Schinken, dem Essen der Fürsten, Mit Specke, der Hauswirte Trost!

Glaubt, Kinder! ein fröhlich Gemüte, Ein Zimmer, das warm ist, sechs Hüte Von Zucker, ein Zentner Kaffee, Ein Fäßchen mit Domherrngetränke, Das stärkt die erfrornen Gelenke, Das hilft für das kältende Weh.

Höhenstrahlung.

Von Dr. Erwin Koffinna.

Im Jahre 1910 wies der Physiker A. G o ck e l auf Freiballonsahrten zum ersten Male eine merkwürdig harte, durchdringende Strahlung nach, di« sogenannten Höhen- oder Ultrastrahlen, ohne sich jedoch näher über deren Herkunft zu äußern. Die Höhenstrahlung ist also bereits seit einem Vierteljahrhundert bekannt. Die Vermutung, daß sie aus dem Kosmos stammt, hat der österreichische Physiker Heß 1912 zuerst ausgesprochen. Seine Ansicht wurde durch die genauen Messungen der Strahlungsstärke durch Professor Kolhörster in den Jahren 1913 und 1914 bestätigt. Auf Freiballonfahrten bis 9500 Meter Höhe fand Kolhörster eine starke Zunahme der Ultrastrahlung mit wachsender Höhe Da die von den radioaktiven Gesteinen ausgehendeErdstrahlung" sich nur bis 1000 Meter Höhe über dem Erdboden nachweisen läßt rund auf die Luft­strahlung im Vergleich zu den gemessenen Ultrastrahlen nur schwach ist, mußte es sich um eine aus dem Weltenraum kommende Höhenstrahlung bandeln. Kolhörster wies damals bereits diese Strahlen auch im Wasser vis 15 Meter Tiefe nach und konnte zeigen, daß sie die gesamte Atmosphäre bis zur Erde herab durchsetzen und daß ihr Durchdringungs­vermögen demnach mindestens zehnmal so groß ist wie das der här­testen radioaktiven Strahlen. Messungen bei totalen Sonnenfinsternissen ergaben keinerlei Abhängigkeit der Höhenstrahlung von der Sonne, da­gegen konnte Kolhörster aus dem Jungfraujoch (3550 Meter) in der Schweiz, wo die Erdstrahlung durch das Gletschereis ausgeschaltet ist, eine Abhängigkeit von der Stellung der Milchstraße wahrscheinlich machen. Wir werden aus dieses bedeutsame Ergebnis noch zurückkommen. Das sehr große Durchdringungsvermögen und die beobachtete Stärke der Ultrastrahlen wies auf gewaltige Energieumsätze hin, wie sie der Zer­fall radioaktiver Substanzen auf der Sonne und den Sternen allein nicht liefern kann. Wie man weiß, ist der uns nächste Fixstern, unsere Sonne, ein etwas ältlicher Zwergstern von großer Dichte, der den Höhepunkt seiner Entwicklung längst überschritten hat und aus diesem , .rut?b.e .nic^t befonbers reich an hochwertigen radioaktiven Substanzen sein dürste Die sehr heißen Heliumsterne, welche die Sonne viele tausend v-n ^uchtkraft übertreffen, sind aber viel zu weit entfernt, ja felbft die Gesamtheit aller Sterne genügt nicht zur Erklärung der beobachteten Stärke der Ultrastrahlen.

Cs begann das große Rätselraten um ihre Herkunft. Zahllose Hypo- rhesen wurden ausgestellt und verworfen. So sollte es unbekannte, weit

Professor R e a e n e r in Stuttgart ungleich 5 nach vielen Versuchen ein Instrument zu

bringen.

Explodierende Sterne.

stärker radioaktive Elemente auf jungen Sternen geben, die aber in unferm Sonnensystem bereits ausgestorben waren. Nach einer anderen Ansicht sollte statt des Zerfalls von Elementen dieNeufchopfung von Atomen" Ursache der Ultrastrahlung fein. Aus diesem Labyrinth konnte nur die exakte Erforschung aller Eigenschaften der Hohenstrahlen zu gesicherten Ergebnissen führen.

Messungen bis 27 000 Meter höhe.

Bahre 1931 stieg Prosessor Piccard als erster mit einem Frei­bad in die Stratosphäre bis 16000 Meter und stellte eine wertere Zunahme der Ultrastrahlung in großen Hohen fest. So berühmt dieser Aufstieg geworden ist, so sind doch für die Erforschung der £>otyen strahlung die Messungen von Prosessor Regen er m (Stuttgart ungleich wertvoller. Regener gelang es nach vielen versuchen em Instrument zu konstruieren, das die Strahlungsstärke sowie Luftdruck und Tempera­tur selbsttätig aufzeichnet. Diefer Apparat wurde an einem Gummi- ballon befestigt, mit dem ein' zweiter Ballon gekoppelt war, der nach dem Platzen des ersten Ballons in der größten erreichten Hohe als Fallschirm diente. Mit solchen unbemannten Registrierballons erhielt Regener eine fortlaufende Auszeichnung der Strahlungsstarke bis 27 Kilo­meter Höhe und konnte daraus die Stärke der Höhenstrahlung an der oberen Grenze der Atmosphäre berechnen. Die Messung der Strahlungs­intensität geschieht mit einem sehr feinen Elektrometer das m einer geschlossenen, gasgefüllten Kammer aufgehangt ist. Die Ultrastrahlen haben die Eigenschaft, die Luft und auch andere Gase elektrisch leitend zu machen, sie zuionisieren". Dabei wird von einem elektrisch neutra­len Gasmolekül ein negatives Elektron abgetrennt, wahrend das positive Molekül zurückbleibt. Durch diese Trennung entstehen also Paare von positiven und negativen Elektrizitätsträgern, Jonen genannt. Die Ent- labungsqeschwindiqkeit des Elektrometers entspricht nun direkt der m ber Sehinbe im Kubikzentimeter gebilbeten Zahl der Jonenpaare und somit ber Strahlungsstärke. Wie sehr die Ultrastrahlung mit ber Hohe zunimmt, zeigen folgende Daten Die Zahl der in der Sekunde je Kubikzentimeter gebildeten Jonenpaare betragt am Erdboden 4 in 4000 Meter Höhe 11, in 8000 Meter 50. in 12 000 Meter 150, in 27 000 Meter 250; an der Grenze der Atmosphäre wird sie aus 275 berechnet.

Um die Durchdringungsfähigkeit der Höhenstrahlung zu bestimmen, versenkte Regener selbstaufzeichnende Apparate in den Bodensee bis zu einer Tiefe von 250 Meier und konnte dabei feststellen, daß ein Teil der Ultrastrahlung dort unten noch nachzuweisen ist. Demnach können Ultrastrahlen eine 250 Meter hohe Wasserschicht oder da Blei elf mal so dicht wie Wasser ist, eine 23 Meter dicke Bleischicht durch-

Nachdem K o l h ö r st e r und Regener die enorme Durch- dringungsfähigkeit der Höhenstrahlung festgestellt hatten, kamen rabto- aktive Vorgänge als Quelle ber Strahlung überhaupt nicht mehr in Frage. Da' griffen die beiden Astronomen Baade und Zwicky am Mount - Wilson - Observatorium eine schon vor Jahren von Nernst geäußerte Ansicht auf, daß nämlich Sternkatastrophen die nötige Energie liefern könnten; Baade und Zwicky untersuchten theoretisch die von den Novasternen ausgestrahlte Energie. Unter den sogenanntenneuen Sternen", die infolge eines gewaltigen explosionsartigen Gasausbruches ihre Strahlung auf das 20000fache des normalen Betrages vergrößern, befinden sich nun einige, die ganz außerordentlich hell sind. Ihre Straf)» lung steigt auf den millionenfachen Betrag; sie werden daherSuper­novae" genannt. Ein Stern, der einen Supernovae-Ausbruch erleidet, verliert einen erheblichen Bruchteil feiner Masse oder zerstrahlt gar völlig. Unvorstellbar große Energiemengen werden dabei innerhalb kurzer Zeit in den Weltenraum geschleudert, wie sie unsere Sonne erst im Zeitraum von Millionen Jahren liefert.Leider" ereignet sich eine solche Sternkatastrophe in unserem Milchstraßensystem nur etwa alle tausend Jahre. Das hieße etwas reichlich lange warten bis zur Prüfung der Theorie durch genaue Messungen.

Der neue Siern im Herkules.

Daß die ziemlich zahlreichen normalen Novae wahrscheinlich die Hauptquelle ber Höhenstrahlung sind, hat kürzlich Professor Kok- h ö r ft er in Potsdam zum erstenmal experimentell nachgewiesen. Kol­hörster hatte schon früher einen Apparat konstruiert, der es ermöglicht, den Weg eines einzelnen Höhenstrahls zu verfolgen und fomit auch die Höhenstrahlung einer Nova zu messen. Da erschien gerade zur rechten Zeit, am 14. Dezember 1934, ein neuer Stern im Herkules, der sofort von Kolhörster aufs Korn genommen wurde. In mühevoller Arbeit durch­wachter Nächte und anstrengender Tage wurden die Versuche bei unge­wöhnlich günstigen Verhältnissen durchgeführt. Sie ergaben, daß in den Tagen der größten Helligkeit des neuen Sterns, wenn dieser in den Apparat voll hineinscheinen konnte, die Stärke der Höhenstrahlung um ein bis zwei Prozent größer war als vorher ober nachher Damit ist es sehr wahrscheinlich gemacht, daß ber neue Stern im Herkules etwas Höhenstrahlung geliefert fjyt. Es wird also bei einem Novaausbruch ein erheblicher Teil ber frei werdenden Energie in Ultrastrahlung umge­wandelt Um die Stärke der Strahlung auf der Erde zu erklären, sind etwa 50 bis 100 neue Sterne erforderlich, was mit den astronomischen Schätzungen über die Häufigkeit ber neuen Sterne binreichenb überein» stimmt. Nun wirb aber auch verstänblich. tnnrum Kolhörster bei feinen Messungen auf bem Jungfraujoch eine Abhängigkeit von der Stellung der Milchstraße feststellen konnte. Erscheinen doch die neuen Sterne fast ausnahmslos in ober sehr nahe ber Milchstraße. Zum ersten Male in der Geschichte der Erforschung ber Höhenstrahlen ist es gelungen, ben experimentellen Nachweis über ihre Herkunft zu führen. Es erfüllt uns mit Genugtuung, baß es ein deutscher Forscher war, der den ent­scheidenden Schritt zu dieser Erkenntnis gab und damit ein neues Gebiet astrophysikalischer Forschung eröffnet hat.

Verantwortlich: Dr. tzanS Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'jche Univerfitäts-Vuch» und Gteindruckeret.A. Lang«. Gießen.