Ausgabe 
31.12.1934
 
Einzelbild herunterladen

oesaßen, Lieder, Weine, Spiele und Farben. Mein Zimmer war tape­ziert mit Fahnen, mit Bildern vom Rhein, vom Louvre und vor allem mit den Photos der schönen Töchter dieses Landes, die ich ganz mit der­selben Naivität hingenommen und verlassen hatte, wie meine viel­besungenen Urahnen es taten, die bestbestallten Seeräuber der Ge­schichte .. .1 So kam ich auf Schneeschuhen und mit aller Leibesnotdurft im Rucksack nach Leivasby in Jotun. Ich nahm ein Zimmer dort für mehrere Tage, da ich von hier aus längere Fahrten in das alpine Schneegelände zu unternehmen dachte. Mein Wirt hieß Ola Rönne und seine Frau Petra. Petra war den ganzen Tag am Herd und so rot gebrannt wie ein Ziegelstein. Ola aber war wieder rot vom Wetter und sein blonder Bart flammte wie Feuer von Herdglut um sein starkes Gesicht. Abgesehen von seinen schwarzen Zähnen sah er genau so aus, wie ich mir die heidnischen Wikinger immer vorgestellt habe. Und seine und Petras Tochter, die 18jährige Hjördis, war genau so sanft und kraftvoll zugleich, fo geschwind auf den Skiern und so vor­sichtig mit der Liebe, wie ich mir die Seeräubertöchter vorstellte. Hjördis war schuld daran, daß ich vier Wochen in Leivasby blieb. Ich über­redete Petra dazu, daß Hjördis lange Touren mit mir machen durste. Das ist an sich etwas Selbstverständliches in Norwegen, daß junge Burschen und Mädchen tagelang durch die Berge streifen, denn der Geist sportlicher Kameradschaft ist dort sehr gesund und frisch. Aber Ola

-Rönne war noch nicht so ganz ein Mann der neuen Zeit. Er war noch ein Erbe derHaugianer", jener puritanischen Sekte, die es jemals irgendwo gegeben hat. Er hatte immer einen frommen Spruch zur Hand, und wenn ihm keiner einfiel, so war es jedenfalls ein herzhafter Fluch. Aber dann schüttelte er jedesmal so verwundert sein Haupt, wenn der Teufel seinen Lippen entflohen war, daß man bis auf den Grund seiner grauen Seele sah. Ola mußte seine Tochter sehr lieb haben. Da­mals glaubte ich natürlich Hjördis viel mehr zu lieben. Heute weiß ich, daß das nicht ganz jo gewesen sein mag. Ich liebte eben, wie alle jungen Menschen nur die Liebe. Ob wir Schneeschuhe zusammen liefen, ob wir die Zeitung zufammen studierten, die alle drei Tage kam, ob wir uns abends über den Tisch ankachten, immer war Hjördis srisch und bezaubernd, mit den weißblonden Flechten, dem hellen Rosa der Wangen und durchsichtig heller Stirn und Kehle. Ich war brennend verliebt und hatte aus meinen Weltreisen die Ruchlosigkeit des No­maden mitgebracht, der jeder Konsequenz entflieht. Ich hatte Hjördis bei allem, was ihr heilig war, beschworen, mit mir auf eine einsame Ski­hütte, drei Tage von hier zu entsliehen. Ich wollte heimlich einen kleinen Vorrat Holz und Lebensrnittel dort hinschasfen, und dann wollten wir dort zwei Tage verbringen, am dritten wollten wir auf Umwegen zurückkehren und von einer langen Irrfahrt im Gebirge sprechen. Hjördis fror bei den sündigen Gedanken bis ins Herz, aber der Frost zerflog an der Glut ihrer ersten Liebe. Sie sagte ja. Aber ich hatte eines nicht berechnet, daß Ola eben ein Wiking war, ein Haugianer dazu, ein doppelter Kauz, halb Krieger, halb Hausprediger, mit feinem flammen­den Gesicht in das Halbdunkel seelischer Bezirke gewandt. Er hatte alles heraus. Keinen Plan, keine Hütte, keine Anfahrt wußte er, aber Gefahr und Zeitpunkt des Verrats mußte er wittern, denn fünf Tage vor dem Plan, als ich von einer vierzehntägigen Tour ich hatte die Vorberei­tungen getroffen zurückkam, fah. er mich jedesmal sehr seltsam an, über den Löffel mit Hafergrütze weg, der im Glutafen feines hellen Gesichts verschwand. Dann sagte er:Komm, mein Junge, wir wallen einmal über den Gletscher gehen. Vielleicht bekommen wir ein Nordlicht zu sehen. Wir gingen über den Gletscher. Ola, der sehr gut auf Skiern ging, sagte:Lause voraus, damit wir nicht auseinanderkommen. Halte genau auf jenen Gipfel zu." Wir glitten durch das weite fchräge Weiß des Gletschers. Ein mattes Nordlicht sprang in die Dämmerung. Plötz­lich ich entsinne mich nur eines Gefühls, als stülpte mir einer einen Eimer mit Schnee über den Kops war ich in einer Gletscherspalte verschwunden. Ich fiel drei Meter tief auf Eis und Schnee, aber meine Bretter fingen den Stoß gut auf. Teufel! Wie konnte Ola fo falsch führen! Wir waren ja längs statt quer mit der Gletscher-Richtung ge­laufen! Ich befand mich in einem längsfchmalen Kellergang, Wände und Decke aus Eis, ein matter Schimmer drang durch den Spalt. Jetzt konnte ich Gott danken, daß Ola da war! Sonst wäre ich ein Lebendiger gewesen!Ola!!!"Ola!!!" Richtig, da erschien der helle Kops m der Spalte und schrie:Lustig, was, so mitten im Winter durch den Schnee zu brechen. Du mußt nie in die Richtung laufen, die ein Swann dir weist, dessen Tochter du zu verführen gedenkst. Gestern nacht habe ich ein wenig Schnee hier geschaufelt! Kühle ab, kühle ab. Der Herr wird dir deine Sünden vergeben." Er begann ein frommes Vieö zu fingen. Mir erstarrte das Blut ... War er wahnsinnig geworden? Wollte er mich hier elend erfrieren lassen? Ich schrie hinaus:Ola, mach keinen Unsinn! Du versündigst dich, wirs mir das Seil zu! -über per lachte da oben und rief:Bekenne alles. Gestehe, wie du den guten Ola kränken wolltest. Ich werfe dir eine Pfeife Tabak und Streichhölzer hinab, aber, beim Satan, nicht mehr!" Ich empfing die Sendung unö rauchte meine Pfeife an. Setzte mich auf einen Eisblock und überlegte: Weiß er? Weiß er nicht? Wird er wirklich? Wird er nicht? Hjördis mir krampfte es die Kehle zu sehe ich dich wieder darf

ich dich verratenWird's bald. Junge? Ich kriege kalte Fuße und gehe bald nach Haufe!"

Da packte mich eine klappernde, erbärmliche Angst und ich brüllte förmlich ein Geständnis nach oben, zum Spalte des Lichtes des Lebens, der Rettung, durch den der rote Kopf hinabschaute Da kam das Seil. Erft ließ ich die Skier hinauf. Dann enterte ich hoch- Da lachte Ola, wie ich fo klein und erbärmlich im großen Schwung der Landschaft stand. Laut und roh wie ein Aase der Vorzeit! Die Safjrt «ach der Hütte machten wir doch. Ader mit Dia. Von dort nahm ich Abschied. Um zehn Jahre jünger an Bescheidenheit, um zehn Jahre alter an Weisheit. Denn ich hatte den kalten Atem des Zobes meiner frechen Stirne gespürt. Nie werde ich die Neu,ahrsnacht auf der Hütte ver­gessen, als ich Abschied nahm von der süßen kleinen Hjördis und dem flammenden lachenden Ola.

Ein Giern fiel vom Himmel.

Roman von Hans Dominik.

Copyright 1934 by Koehler & Amelang GmbH., Leipzig (Fortsetzung.)

Hm ... hm ... allerdings sonderbar, Herr Kollege. Was folgern Sie daraus?"

Den einzig möglichen Schluß, Herr Wille, daß der magnetische Südpol, den wir bisher vergeblich suchten, an dieser Stelle liegen muß."

Hm! ... Hm! ... Hm! ..." Wille lag mit dem Oberkörper über der Karte und prüfte die Zeichnung mit der Lupe.Ich glaube fast, Schmidt, Sie können recht haben ... wenn dort wirklich die neue Lage des Südpols wäre ... ja Schmidt, bann müßten wir ja mit unserer ganzen Station zu der Stelle übersiedeln."

Der lange Schmidt nickte bedächtig.

Hin mühten wir zu der Stelle unbedingt. Wir haben ja die motori­sierte Station. Was hindert uns, baß wir uns schon morgen ober über­morgen auf ben Weg machen?"

Die Nacht, bie Nacht, Herr Dr. Schmibt! Der einbredjenben Nacht wegen sinb wir ja bas letztemal umgekehrt."

Unnötigerweise nach meiner Meinung, Herr Wille. Sie wissen, daß ich bamals burchaus bagegen war. Wir haben genügenbe Starklicht- lampen, um auch währenb ber Nacht im Freien arbeiten zu können."

Wille zuckte bie Achseln. Ich weiß nicht, Herr Schmibt, ob wir nicht besser warten, bis bie Sonne roieber heraufkommt..."

In etwa vier bis fünf Monaten, Herr Wille. Zeit genug, baß auch bie Amerikaner hierherkommen unb uns bie besten Rosinen aus dem Kuchen herausholen."

Die Amerikaner?" Wie kommen Sie auf bie ausgefallene Jbee?"

Einen Augenblick, Herr Wille." Schmibt verließ bas Zimmer und kam gleich banach mit ber amerikanischen Zeitschrift zurück.Hier kön­nen Sie es lesen. Die Dankees liebäugeln stark mit bem Gedanken, im nächsten Frühjahr eine staatlich subventionierte Expebition in bie Antark­tis zu schicken."

Teufel ja! Sie haben auch biesmal recht, lieber Schmibt. In der Tat, wir müssen unsere Zeit ausnutzen."--

Als Schmibt enblich bas Zimmer verließ, konstatierte Wille mit einem Blick auf bie Uhr, baß ber .Augenblick" biesmal geschlagene zwei 6 tun- ben gebauert hatte, aber die Zeit war ihm nicht lang geworden.

Die Vorbereitungen für die neue Expedition wurden schnell getroffen. Mit einigem Brummen und Knurren nahm Lorenzen davon Kenntnis, daß er wieder allein in der Station Zurückbleiben sollte. Immer noch brummend klapperte er mit der Morsetaste, um ben langen Funkspruch abzusenben, in bem bie Herren Wille unb Schmibt an bie Eggerth- Werke über bie neue Expebition unb beren Ziele berichteten.

*

Darf ich Ihnen Eggerth, währenb er

bie Sachlage kurz barstellen?" fragte Professor gegenüber Finanzminister Schröter in dessen Ar­

beitszimmer Platz nahm.

Ich bitte darum, Herr Professor."

Meine Werke Haden die Neubauten für die Pacific-Linie mit allen Kräften beschleunigt. Wir haben zur Zeit acht Stratosphärenschifse der größten und leistungsfähigsten Type fertig und sind dabei, sie einzu­fliegen. Vertragsgemäß sind diese Schiffe erst im Januar an die Pacisik- Linie abzuliefern. In der Zwischenzeit könnte man mit ihnen alles bequem zu bem Krater schaffen, was bort benötigt wirb. Nach meinem Erachten sollte bas Reich biefe Gelegenheit nicht ungenutzt vorüber­gehen lassen."

Der Minister zögerte eine Weile, bevor er antwortete.

Ihr Vorschlag würbe bebeuten, Herr Professor, baß wir mit den Arbeiten am Krater schon beginnen, bevor bas Reich sich bas Gebiet gesichert hat. Ich barf Ihnen nicht verhehlen, baß bas Kabinett zu einem solchen Vorgehen wenig Neigung zeigt. Sie wissen, daß wir in Rück­sicht auf bas Auslanb gezwungen sinb, bas Unternehmen zu tarnen.

Nach bem Plan ber Regierung sollen sich bie Dinge solgenbermaßen entwickeln. Das antarktische Reichsinstitut verlegt seine feste Station weiter nach Süben bis auf etwa hunbert Kilometer an ben Krater heran. Dieser Ortswechsel muß auf irgenbeine Weise wissenschaftlich begründet werden, damit das Ausland keinen Verdacht schöpft..."

Verzeihen Sie, das ist unb bleibt ber schwierigste Punkt bei der Sache", warf Professor Eggerth ein.Die Herren Wille unb Schmidt sind unbestechliche Wissenschaftler. Wenn nicht ein Wunder geschieht, weiß ich nicht, wie wir sie mit ihrer Station an den gewünschten Platz hin- betommen sollen."

Der Minister machte eine Handbewegung, als ob er etwas vom Tische schieben wollte.

Fassen Sie die Sache nicht so schwer auf, Herr Professor. Auf 800 Kilometer sind bie Herren schon nach Süden vorgestoßen. Ich habe mir über ihre letzten Arbeiten Bericht erstatten lassen. Besonbers Dr. Wille scheint ganz hübsche Entbeckungen gemacht zu haben, bie ihn wahrschein­lich fthr halb veranlassen werben, noch weiter nach Süben zu gehen. Steht bann bie feste Station an ber gewünschten Stelle unb veröffent­lichen bie beiben Herren fleißig neue Entbeckungen, bann kann bas Reich bork ein Gebiet von ... fagen wir einmal 300 Kilometern im Durch­messer in Besitz nehmen.

Die Glocke bes Tischtelephons schrillte bazwischen. Der Minister nahm ben Hörer ab^? g^rst bringenb? ... Segen Sie bas Gespräch herher." Er winkte Professor Eggerth heran.Ein bringenber Anruf für <SlC Bitte^um^Brechung, Herr Minister." Der Prosessor nah» ben Hörer.Wer ist da? ... du, Hein? ... Was ist? ..."