Leramwortlich: vr. HanöThyr io u — Druck undBerlag:Brühl'icheUniveriitäts-Buch- undSleindrucleie i. 2i.Lange, Giebea-
Seit vier Tagen waren die Mammutwagen des deutschen antarktischen Institutes unterwegs. Unaufhaltsam mahlten ihre mächtigen Raupenketten sich den Weg durch ein Gelände, in dem jeder gewöhnliche Kraftwagen rettungslos stecken geblieben wäre. Man näherte sich dem Markham-Gebirge, das sich säst 5000 Meter über die See erhebt.
Die Spitze des Zuges hatte der Wagen mit den magnetischen Meßinstrumenten, den Schmidt seit der Abfahrt der Station nicht mehr verließ. In einem Sessel gönnte er sich hier bisweilen einen kargen Schlaf. Aus dem Wohnwagen ließ er sich während der kurzen Rasten die Mahlzeiten bringen und hockte die ganze übrige Zeit bei den Meßinstrumenten.
Ein schriller rauher Ton heulte auf. Es war die Sirene des Wohnwagens, die zu kurzer Rast rief. Unwillig verzog Schmidt die Lippen, als fein Wagenführer den Motor stillsetzte. .Essen und Trinken, was anderes versteht das Volk nicht', knurrte er bissig vor sich hin, als er ihn im Lichte des fast vollen Mondes über den Schnee dahineilen und im Wohnraum verschwinden sah. — Aergerlich stampfte er in dem Raum hin und her, bis Hagemann herankam und «chm sein Essen brachte.
Roch ein anderes Mitglied der Station nahm während dieser Fahrt nicht an der gemeinsainen Tafel im Wohnwagen teil. Das war Rudi Wille, der die kurzen Aufenthalte jedesmal dazu benutzte, um die Funkstation in Betrieb zu nehmen. Die Kopfhörer an den Ohren faß er vor seinem Apparat. Gewohnheitsgemäß nahm er zuerst die Verbindung mit der festen Station auf und hatte das Glück, Lorenzen am Empfänger zu erwischen.
Ob es irgend etwas Neues gäbe, wollte Rudi wissen.
„Neues? Ja!" Vor etwa sechs Stunden hatte Lorenzen eine ganze Reihe von Funksprüchen aufgefangen. So stark seien die Funksprüche angekommcn, als ob sich der Sender in nächster Nähe befände.
„Fast noch lauter", endete Lorenzens Mitteilung, „als wie wenn unsere Stratosphürenschisfe ihre Ankunft funken."
Rudi ließ sich von Lorenzen die Wellenlänge der aufgefangenen Depeschen geben. Als er sie eben notierte, kam Hagemann und stellte ein Tablett mit dem Mittagessen vor ihn hin.
„Na, heute so brummig, Hagemann?" fragte Rudi und klopfte ihm den Schnee aus dem Pelz.
„Grund genug dazu, Rudi, wenn man hier in Eis und Nacht den Servierkellner machen muß. Bei Ihnen hat's ja einen Sinn. Sie müssen während der Rastzeiten immer am Funk hängen, armer Junge. Aber der lange Schmidt hat doch weiß Gott nichts in seinem Wagen verloren. Der könnte ruhig zu Tische kommen."
In der nächsten Viertelstunde war Rudis Aufmerksamkeit zwischen den Schüsseln und seinen Apparaten geteilt. Die Gabel in der Linken, fingerte er mit der Rechten an den Abstimmknöpfen der Anlage herum. Jetzt hatte er die Welle. Eilig schrieb er mit, was im Geheim-Kode der Eggerth Werke aus den Hörern klang.
„St 11 f, Pilot Hein Eggerth unter 83 Grad 14 Minuten-Süd, 158 Grad 12 Minuten Ost am magnetischen Südpol. Erwarten Ihre Ankunft. Bitten dringend, nichts über unser Hiersein an andere Stationen zu funken."
Rudi bestätigte das Radiogramm. Ein Sirensnschrei vom Wohnwagen her mahnte zum Aufbruch. Schleunigst kurbelte er den Antennenmast wieder ein und lief zu dem mittleren Wagen hinüber.
Er griff nach Echrekbblock und Bleistift. Der Minister sah, wie es ht seinen Zügen arbeitete, während er Worte und ganze Satze auf das Papier warf. „ ... ,, .,
„Einen Augenblick, Heini ... Verzeihung, Herr Minister , wandte er sich an Minister Schröter. „Eine Sache von größter Bedeutung. Das Wunder, von dem wir eben sprachen, scheint sich ereignet zu haben...
Er sprach wieder in das Mikrophon. „Bitte Hein, lies den ganzen Funkspruch noch einmal langsam vor." Auf einem Blatt Papier schrieb er während der nächsten Minuten eifrig mit.
„Ich danke dir, Hein, das genügt. Ich rufe dich in einer Stunde wieder an." „ ,
Er griff nach dem Taschentuch, wischte sich die Stirn und holte ein paarmal tief Atem.
„Nun, Herr Profesior? Sie sprachen von einem Wunder? Was hat s denn gegeben?" „
„Die Herren Schmidt und Wille brechen heute zu einer neuen Expedition nach dem Süden auf..." .
„Sehr gut, Herr Professor, das freut mich, ich sagte Ihnen ja, der Appetit kommt mit dem Essen."
„Etwas zu viel Appetit, Herr Minister. Das Wunder ist etwas zu kräftig geraten. Die Herren wollen graben Wegs zu einer Stelle unter 83 Grad 14 Minuten Süd, 158 Grad 12 Minuten Oft Der biedere Schmidt glaubt herausgefunden zu haben, daß jetzt dort der magnetische Südpol liegt."
,Zst ja ganz vorzüglich, Herr Professor. Was gefallt Ihnen an dem Plane nicht?"
„Es ist der genaue Ort des Kraters, Herr Minister. Erst begriff ich's nicht, jetzt fange ich an, zu verstehen. Die ungeheuren Eisenmassen des Boliden — viele Millionen Tonnen sind es ja — es wäre schon möglich, daß dieser Eisenberg die erdmagnetischen Linien zu sich hinzieht, daß Dr. Schmidt guten Grund hat, an dieser Stelle den magnetischen Südpol zu vermuten, aber — in unsere Pläne paßt es nicht ganz."
Minister Schröter sah nachdenklich vor sich hin. „Sie haben recht. Direkt bis an den Krater sollten die Herren nicht kommen."
„In spätestens acht Tagen werden sie da sein. Wenn wir nicht rechtzeitig etwas dagegen tun, werden diese weltfremden Gelehrten die Entdeckung eines Bolidenkraters in alle Welt hinausfunken, und bann können wir unfern ganzen Plan begraben."
„In spätestens acht Tagen — bann heißt es, sofort hanbeln."
Kopfschüttelnd las Wille den Funkspruch, den sein Sohn ihm in di« Hand drückte. ,, v „
„Sonderbar, Rudi! Ein Eggerthschiff liegt schon an der Stelle, zu der wir hinwollen? ... Wir sollen nichts darüber funken ... Was ist in Professor Eggerth gefahren? Solche Geheimniskrämerei bin ich von ihm nicht gewohnt. Bin neugierig, was Schmidt dazu sagen wird."--
Dr. Schmidt stand in seinem Wagen und starrte, die Uhr in der Hand, auf seine Instrumente.
Ein Blick auf die Magnetnadel zeigte ihm, daß der Fahrer um 10 Grad nach Westen vom Kurse abgekommen war. Vor sich hinbrummend griff er nach einem tragbaren Kompaß und eilte damit in den Führerstand, um dem Mann die genaue Richtung zu weisen. Dicht vor bas Gesicht hielt er ihm bie Bussole. „So müssen Sie fahren. Männl Immer ber Nase nach, immer ber Nabel nach."
Der Fahrer brehte bas Lenkrab, in weitem Bogen schwenkte ber Wagen nach Osten, bis bie feine Magnetnabel genau in der Richtung einer Längsachse zitterte.
„So ift’s richtig. Behalten Sie den Kurs bei", sagte Schmidt, während er einen Augenblick durch die Glasscheiben hinaus nach vorn schaute.
Wohl an die hundert Meter weit lag das Schneefeld vor dem Wagen im glänzenden Licht der Scheinwerfer. Aber außerhalb seines Glanzes hatte der Doktor noch etwas gesehen, das ihn veranlaßte, länger untz schärfer hinzublicken.
„Schalten Sie die Scheinwerfer aus!" rief der dem Führer zu.
Ein Schaltergriff, das Licht erlosch. Nur noch im Mondenlicht schimmerte die weite Schneefläche vor dem Wagen. Aber stärker sichtbar wurde jetzt das, was dem Dr. Schmidt vorher aufgefallen war.
In weiter Ferne am Horizont genau geradeaus vor ihnen in der Richtung, in der sie fuhren, glänzte ein Heller Schein auf. Ein leuchtender Dunst lag dort über dem Land, wie man ihn in dunklen Nächten wohl aus der Ferne über einer Stadt bemerken kann.
„Kann ich die Scheinwerfer wieder einschalten?" fragte der Fahrer. Er mußte zum zweiten und dritten Male fragen, bevor er Antwort erhielt. Wie hypnotisiert starrte Schmidt auf den fernen Lichtschein.
„Darf ich wieder einschalten, Herr Geheimrat?"
„Noch nicht, fahren Sie ohne Licht weiter. Sehen Sie den Schein da hinten! Darauf müssen Sie zuhalten."
Schweigend fuhr der Chauffeur weiter, schweigend stand Schmidt hinter ihm ... hundert Gedanken kreuzten sich in seinem Kopse ... Was für ein Licht war das da vorn? ... Ein Südlicht vielleicht? Nein, mit den flatternden, lodernden Feuerbändern der Südlichter war dieser ferne, ruhige Schein nicht zu verwechseln ... eine andere Naturerscheinung vielleicht? ... es gab Vulkane in der Antarktis, die Lava und Feuer spien ... auch das konnte es nicht fein. Ein Vulkan hätte einen röteren, unruhigeren Schimmer geben müssen ...
Sirenenklang vom Mittelwagen her riß ihn aus feinen Gedanken. Es war das Signal zum Halten. Verwundert sah er auf die Uhr. Kaum drei Stunden waren feit der letzten Rast verstrichen. Warum sollte jetzt schon wieder haltgemacht werden?" Zu längerem Ueberlegen ließ ihm Hagemann keine Zeit, der herankam, um ihn zu Dr. Wille in den Wohnwagen zu bitten, Kopfschüttelnd warf er sich seinen Pelz über und folgte dem Boten. —
„Haben Sie bie absonderliche Lichterscheinung grabe voraus auch beobachtet?" fragte er beim Eintreten.
Wille nickte. „Grabe besmegen ließ ich halten unb Sie zu mir bitten. Irgendwas muß dort im Gange fein, über das ich mir Klarheit ver- fchafsen möchte, bevor wir weiter fahren."
Schmidt zuckte die Achseln. „Ich habe mir vergeblich den Kops darüber zerbrochen. Mit irgendeiner Naturerscheinung hat es jedenfalls keine Aehnlichkeit."
Wille schob ihm den Funkspruch von .Stllf' hin. Schmidt las ihn, kniff dabei nach alter Gewohnheit die Lippen zusammen.
„Ein Stratosphärenschiff ist dort? — Eigentümlich — Was haben die Herren von den Eggerih-Werken da zu suchen? — Merkwürdig, Herr Wille, wir sollen an niemand über ihr Dortsein funken — Das sieht ja fast so aus, als ob bie Herren eine Funksperre über uns verhängen wollten —"
Er ließ bas Blatt sinken. „Ein Stratosphärenschisf ist bort — gut, mag sein — aber bas erklärt immer noch nicht bie Lichterscheinung. Ich habe vorher burch mein Glas etwa breißig Lichtpunkte gezählt. Möglicherweise könnten es Lampen an hohen Masten sein — aber was für eine Veranlassung sollte bas Stratosphärenschisf haben, mitten in ber Antarktis eine berartige Festbeleuchtung zu veranstalten. Einen vernünftigen Grund dafür kann ich nicht entdecken."
„Ich auch nicht, Herr Schmidt. Aber ich bitte Sie, jetzt hierzubleiben. Wir wollen uns die Sache zusammen ansehen, während wir weiterfahren.
Ein kurzes Sirenensignal, und der Wagenzug setzte sich wieder in Bewegung. Schmidt und Wille standen im Führerraum. Jetzt konnten sie bereits mit bloßem Auge einzelne starke Lichter in dem leuchtenden Schein sehen. Das Gelände begann wieder zu steigen. Mit verminderter Geschwindigkeit rollten die schweren Raupenwagen einen langen Hang hinaus. _
.Sonderbar, sonderbar', murmelte der lange Schmidt vor sich h>n. .Gerade hier an diesem Punkt ein Berg — ziemlich hoch sogar —'
Kopfschüttelnd versank er wieder in Schweigen und kniff die Lippen noch fester zusammen, als plötzlich dicht voraus ein Rotfeuer aufflammte und eine Gestalt daneben den Fahrzeugen Halt winkte.
Die Motoren standen still. Dr. Wille stieg aus dem Wagen und lies Hein Eggerth in die Arme, der ihn mit kräftigem Händedruck begrüßte und sofort in ein Gespräch verwickelte. Schmidt blieb ein wenig zurück und schaute sich um.
ItVorffcbuna folgt.)


