punschled.

Von Friedrich von Schiller.

Vier Elemente, Innig gesellt, Bilden das Leben, Bauen die Welt.

Preßt der Zitrone Saftigen SternI Herb ist des Lebens Innerster Kern.

Jetzt mit des Zuckers Linderndem Saft Zähmet die herbe, Brennende KraftI

Gießet des Wassers Sprudelnden Schwall! Wasser umfanget Ruhig das All.

Tropfen des Geistes Gießet hinein!

Leben dem Leben Gibt er allein.

Eh' es verdiiftet, Schöpfet es schnell!

Rur wenn er glühet, Labet der Quell.

Traum in der Silvesternachr.

Bon Wilhelm Scharrelmann.

Die Gegend ist mir merkwürdig fremd, aber es beunruhigt mich nicht, wenn es auch tief in der Nacht ist und ich nicht weih, wohin der Weg mich sührt, den ich gehe. Nur eine leise Empfindung der Unsicher­heit ist da, aber nun ich aus den Dünen heraus an den Strand hin­unterkomme und der Sand unter meinen Füßen härter wird, gehe ich gelassener als vorhin und kann zugleich besser ausschreiten.

An den Dünen liegt das Gras sahl und windzerzaust, und grollend bricht sich zu meinen Füßen die Flut, als wäre die nachtdunkle Weite, aus der sie kommt, zu unermeßlich, um hier schon einem Halt zu be- gegnen.

Macht es die Unruhe des Meeres, daß ich anfange, schneller zu gehen, als gelte es die Zeit zu nützen und mein Ziel zu erreichen? Aber wenn ich mich frage, wohin ich eigentlich will, weiß ich es nicht. Es ist wohl die Unruhe des Blutes in mir.

Da glänzt plötzlich in den Dünen ein Licht vor mir auf Erst im Näherkommen erkenne ich, daß es ein Haus ist, das da hingeduckt in dem weißen Dünensande liegt. Die Fenster sind niedrig, und das Dach gehl bis aus die Tür herab.

Vielleicht eine Fischerhütte oder ein gemeinsames Gasthaus, ich weiß es nicht.

Lautlos öffnet sich vor mir die Tür, kaum, daß ich den Drücker be­rührte. Schwere, rohbehauene Balken tragen drinnen eine niedrige, verräucherte Decke und ebenso rauchgeschwärzt und düster starren die Wände. 3n der Ecke steht eine Theke, vor ihr Tische und hölzerne Bänke, schwer und massig, wie für die Ewigkeit gemacht. Aber kein Mensch ist zu sehen. Als wäre selbst der Wirt schon vor langer Zeit aufgestanden und davongegangen.

Nur die Hängelampe unter der Decke schwankt noch leise hm und her, als wäre sie erst vor kurzem angezündet worden. Vielleicht ist er hinausgegangen und sieht unten am Strande nach seinem Boot.

Nein, doch nicht. Der Wirt ist da. Er steht an einem der niedrigen Fenster und fpäht hinter den ans Gesicht gehobenen Händen aufs Meer hinaus. Ich hatte ihn nur nicht gleich bemerkt.

Guten Abend! rufe ich ihm zu, aber er antwortet nicht, und nur ein Blick trifft mich, daß ich darunter erfchaure. Er hat nämlich nur ein Auge, und es ist das Auge eines Geiers, vorweltlich, finster und drohend.

Sie fchauen wohl ins Wetter, wie? frage ich, um etwas zu fagen. Vorhin schauerte es noch, aber jetzt ist es wunderbar sternklar ge­worden.

Er tut noch immer, als wäre er versteinert. Schwer und massig sitzt der viel zu große Kops auf den herkulischen Schultern.

Was wollen Sie hier? fragt er endlich in einem maßlosen Er­staunen.

O, antworte ich verwirrt, ist dies kein Gasthaus hier?

Doch, es ist ein Gasthaus. Was sollte es sonst sein? Aber wer hat Ihnen den Weg gewiesen hierher?

Niemand, sage ich. Warum fragen Sie darnach? Ich kam durch die Dünen und da bin ich.

Das seh' ich, aber es bleibt seltsam, höchst seltsam.

Wieder blickt er mich an, erstaunt und feindselig.

Das Haus liegt sehr einsam hier. Sie haben auch wohl nur selten 'mal Gäste?

Nur einmal im Jahre!

Das ist selten genug sage ich und lächle.

Es genügt, antwortet er finster.

Ich weiß nicht, was ich von dem Menschen halten soll. Wäre ich doch nur vorbeigegangen! Es war so herrlich unten am Strande.

Aber damit scheint für ihn die Unterhaltung nun auch beendet zu ein Auch eine Bestellung scheint er nicht zu erwarten, wenigstens wen- >et er sich ohne ein Wort wieder dem Fenster zu und beginnt von neuem hinauszustarren. , _ _.

Es ist nämlich die Zeit, und gleich muß es kommen. Das Schiff, meine ich! sagt er nach längerem Schweigen.

Welches Schiff? frage ich verwundert.

Sehen Sie, da kommt es schon!, ruft er im selben Augenblick. Ich wußte ja, daß es an der Zeit war.

Erstaunt versuche ich nun selber hinauszublicken, aber die Scheiben im Fenster blenden mich und ich trete in die Tür. Da sehe ich es nun: ein Dreimaster, der mit vollen Segeln auf die Küste zuhält

Sind die verrückt? denke ich. Denn bei dem Kurs müssen sie ja in edem Augenblick auflaufen und scheitern. Aber in derselben Sekunde dreht der Kasten auch schon bei, und noch wie die Anker raffeln, wird ein Boot herabgelasfen und nähert sich dem Strande! Aber ich kann nicht mehr beobachten, wie sie mit der Brandung fertig werden, denn tm eiben Augenblick drängt von der Landseite her wie aus der Erde ge- tampft, ein Hause von Männern in die Tür, lärmend und ausgelcr:cn, rufen und winken dem Wirte zu, den sie wie einen alten Bekannten begrüßen, und flauen sich mit Gelächter vor der Theke. Zehn, elf Mann zähle ich, untersetzte stämmige Kerle wie der Wirt, verwegen und wetter­gebräunt. , .,

Schmuggler natürlich, denke ich, die mit denen da draußen gewiß gemeinsame Sache machen. Da bist du ja in eine nette Gesellschaft ® Da wären wir wieder!, lachen sie. Nur einer fehlt noch. Aber auch

die

er.

ge-

sie

beugten Schultern.

Verwundert frage ich den Wirt, wer sie sind, und woher kommen? , , ,

Genau daher, wohin die anderen nun wieder gehen, antwortet

Aus der Ewigkeit, wenn ich das noch fagen muß.

er muß gleich kommen.

Mich beachten sie gar nicht, leeren gierig die Kruge, die der Wirt ihnen kredenzt, und stampfen schon im nächsten Augenblick wieder hin- aus den anderen entgegen, die eben aus ihrem Boot gestiegen sind, be­grüßen lachend den Nachzügler, der von den Dünen aus nun zu ihnen stößt, und schwenken die Hüte, den anderen zum Gruß, die jetzt, ge­lassener und stiller als sie, den Strand heraus zu uns kommen, s- Südwester in die Stirnen gedrückt, ihre Seemannssäcke auf den

Nun, daher kommen und dahin gehen wir wohl zuletzt alle, ent­gegne ich und zwinge mich zu einem Lächeln.

Dann werden Sie auch die elf, die hier waren und die zwölf, die jetzt zu uns kommen, kennen? Hoffentlich haben sie etwas Gutes für Sie in den Säcken... Sollten Sie aber immer noch nicht recht sicher fein, wen Sie hier in den zwölfen vor sich haben, fo gucken Sie zu Haufe nur in Ihren Kalender, da stehen sie alle einzeln und fett gedruckt mit ihren Namen drin...

Mit einem Ruck fuhr ich aus dem Schlafe auf und rieb mir die Augen. Dröhnend fielen die Glocken der Neujahrsnacht in mein Ohr.

Wie war das? fragte ich mich und mußte über mich selber lächeln. War das Meer die Ewigkeit, der Dreimaster an der Küste der Zeit das neue Jahr und die zwölf Matrosen, die ihm entfliegen, die zwölf Mo­nate? Fing ich an, in Allegorien zu träumen?

Beschämt stand ich von meinem Stuhle am Schreibtisch auf und schüttelte den Kopf über mich selbst, als es leise und bescheiden an meine Tür pochte.

Es war der kleine Schreiber, der neben mir wohnte.

Aus ein glückliches neues Jahr! Hoffentlich bringt es uns allen Gutes! fügte er und lächelte, und seht, das war schlicht und gerade heraus gesprochen.

Neujahrstag des Lebens.

Von Per Schwenzen.

Prost, meine Freunde! Ich wünsche euch ein gesegnetes Neues Jahr! Wir konnten uns unter der glockenhallenden Himmelskuppel hier, zu dem Jubeln der wogenden Straßen und dem Knallen der Frösche ewige Freundschaft schwören, aber was man nicht geschworen hat, bricht man viel seltener als was man geschworen hat. Lassen wir das. Schließen wir die Balkontür und fallen wir in unsere Fauteuils zurück. Wir werden noch einen zweiten Punsch bereiten, und ich werde Ihnen er­zählen, wie ich Neujahr in der Unterwelt feierte. Bitte? Nein, durch­aus kein Nachtlokal, durchaus keine feurige, sondern im Gegenteil eine sehr kalte Geschichte!

Ich habe in Oslo studiert. Als ich mit den Kronen meines Vaters und mit dem Pflichtteil männlichen Ernstes promoviert hatte, beschloß ich, mirdie Welt anzusehen" undden Wind um die Nase wehen" zu lassen, unter welchen Formeln der junge Mann ein Leben ohne Ver- antwortungspflicht und ohne Arbeit versteht. Ich fuhr wie alle jungen Norweger, die etwas für ihre Bildung tun wollen, nach Berlin, Lon­don und Paris. In Berlin war ich immer verliebt, in Paris trank ich Ale und Porter, in London verkehrte ich in einem französischem Hause, las die deutschen Klassiker und gewöhnte mir das Weintrinken an. Nach­dem ich also sestgestellt hatte, daß man zu dem Wesen eines Landes nicht mit der Eisenbahn fahren kann, wurde ich etwas bescheidener und beschloß, mir erst einmal meine schone Heimat anzusehen. Ich wanderte viel in Hardanger, Rondane und Jotun. Ich studierte den Wunderdom zu Trondhsem, der wie ein Symbol der Wikingsraublust alle Stile der abendländischen Architekturen in sich vereinigt. Ich erinnere mich, daß er mir sehr lieb war, weil ich die Rasssucht meines Herzens, ins Monu­mentale geschleudert, in diesem stolzen Dom wieder erkannte. Denn das war mir von meinen drei Auslandreisen geblieben: Die sorglose Hand, nach allem zu greifen, was fremde Volker an Gutem und Schönem