Ausgabe 
31.12.1934
 
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Gießener Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |93<

Montag, den Zl- Dezember

Nummer 102

Jahreswende.

Von Karl Bröger, GDS.

Ein Jahr ist hingeschwunden in rascher Flucht der Stunden, im Tanz von Grau und Gold. Was hat es dir gelassen vom Lieben und vom Hassen? War es dem Herzen grämlich oder hold?

Vergangen ist vergangen.

Dein Wünschen und Verlangen kommt einmal auch zur Ruh. Doch um uns ist noch Helle, und unsres Blutes Welle rauscht heiter einem neuen Bette zu.

Du Ursprung unsrer Leiden und Mündung unsrer Freuden, du, Erde, bist uns Pflicht. Wir sind auf dich geboren, wir sind dir zugeschworen und drehen uns mit dir in junges Licht.

ich mit den Narben von hundert verheilten Lebenswunden aus meiner Einsamkeit das Lied der Schicksalsfreudigkelt und

der im den

3u Neujahr an eine Freundin.

Von Fritz Reck-Malleczewen.

Dir aber schreibe ich aus meinem vom Winter belagerten Hof, der einsamste und herrlichste Hof Deutschlands ist, und wahrend brüllenden Ost die Schneeböen gegen die Mauern schmettern und an eis.starrenden Morgen hungriges bettelnd im Garten erscheint, Ziemt es sich wohl, diesen Jahreswechsel zu bedenken: Du, mitten m der Welt und umgeben von all den herrlichen funktionierenden Mechanismen der großen Stadt. Du stehst zweifelnd vor dem Schicksalsspiel des neuen Jährens ich mit den Narben von hundert verheilten Lebenswunden singe dir aus meiner Einsamkeit das Lied der Schicksalsfreudigkelt und des Wagnisses, die Hymne des Abenteuers und die des Glaubens an den Schicksalftern. Ja, so ist es wirklich mit uns beiden: Du, für die mannigfachen Sicherheitsapparate deines Lebens bangend, bist Zwelster und verlangst vom neuen Jahr« sozusagen ein festes Programm, bei dessen Nichteinhalten das Schicksal gewissermaßen hohe Konvent onal- strafen zu zahlen hätte und ich, betrogen um so viel ^on greifbare Gewißheiten, ich preise dir den Mann, der n.e verzweifelte wellI er n.e ans Hoffen sich verlor, und ich muß wohl an den großen gefd)icl)t[i$en Beispielen des Wagnisses dir zeigen, daß noch ,eder uber den großen Bodensee reiten mußte, wer ein fröhliches und lachendes Ufer wollte

erreichen ...

Sieh, es gibt wohl in der preußischen Armeegeschichte jenen stoischen alten Römer, der Helmuth von Moltke hieß und dem Unkundigen immer erscheint als der Mann der tausendfachen Sicherheiten und bere$att vor ausberechneten Pläne und der doch lies es nur einmal nach ein Werk über den Krieg von 1871 einleitete mit einer Betrachtung über bie Hinfälligkeit aller Kriegspläne! Ja, so und nicht anders, und du mache dir nur klar, daß auch dieser große Mathematiker des Krieges seine Augenblicke hatte, wo er Hasardeur war und es auch sein mußte, und du denke gefälligst an jene Schicksalsschlacht, ^ren fernen Kanonen­bonner bu einst selbst hörtest unb bie bann bas Los ber ostpreutzüchen H.-imat entschied: an Tannenberg, an den letzten Steg Persönlichkeit und des gläubigen starken Herzens. Sieh, es war doch damals, in beine Begriffe und Vorstellungen übersetzt, genau so, als wenn du nachts an- gefallen von zwei Weglagerern, dich entschließen wurdest, erst mit bem einen abzurechnen

und während du den ersten erledigt, muht du hoffen und nicht daran zweifeln, daß der andere sich ruhig verhalt und gebannt von: beinern Mute unb beinern Zugreifen, wartet, bis bie Reihe an ihn kommt ...

Siehst bu genau so war bas in jenen Schicksalstagen deiner Heimat, ÄÄ'S

bes Staatsmanns oder die des schaffenden Künstlers hat ihre seelische Krisen, die bann nur mit leidenschaftlichem Willen kann besiegt werben, jebe große Tat ist immer eine Frage ber starken Herzen unb Frage ber Persönlichkeit ... ja, um gib bich nur mit noch so viel Versicherungen gegen biejes unb jenes große und kleine Wehweh, gegen Migräne unb verregnete Weckenbtage unb immer roieber wirst bu, wie bu bich auch drehst unb wenbest, auf biefen ehernen Lehrsatz und auf diesen Appell an dein im Grunde doch tapferes und vielleicht eben nur ein wenig müdes Frauenherz stoßen. Kolumbus, der ja auszog, um einen Weg nach Indien zu finden und tragikomischerweise dann gewissermaßen den nach Chikago entdeckte: Kolumbus also wußte ja auch nicht, wohin er fuhr und wußte es sogar so wenig, daß er die verzagte Mannschaft durch falsche Eintragungen im Schiffsjournal beruhigen mußte. Wußte um jene von dir so heiß ersehnten Sicherheiten eigentlich jener Petten- tofer, als vor ihm neue Wege der Erkenntnis sich auftaten und er mit feinen Assistenten sich zu einem mit Cholerakulturen gewürzten Frühstück setzte ... war es anders mit Cortez, mit Friedrich bei Leuthen, mit Napoleon am achtzehnten Brurnaire, mit Bismarck in den Jahren der Konfliktszeit, unb hatte nicht jeber von ihnen angesichts bes Wagnisses nicht auch irgenb eine rühmlose Rückzugsstraße offen, unb ging nicht jeber von ihnen jenen anbern, steil hinausführenben Weg, ber bich am Abgrund vorüberführte? In dieser Neujahrsnacht, fern von meiner ein­samen winterlichen Burg, denke du der menschenarmen und dämonen- reichen Ebenen des Ostens, denen doch wir beide entstamen und denke auch jenes kleinen stillen Hochmutes, mit bem gerabe ber Ostpreuße auf denWestler", auf den Mann verhundertfachen Sicherheiten, insgeheim geheim zu blicken pflegt. Es war vor einhundertundeinundzwanzig Jahren in unserer Heimat bei ber poscheruhner Mühle eine Schicksals­nacht, unb in jener Schicksalsnacht hatte ein alter Mann zu wählen zwischen Korrbektheit, bie de facto Verrrat gewesen wäre und einem formalen Verrat, ber de facto herrlichste und sauberste und blitzende Tat war. Und du, an unfern gemeinsamen Landsmann Hans Ludwig David von Yorck denkend ... Du bilde dir doch ja nicht ein, daß diese berühmte Konvention eine einfache und ungefährliche Angelegenheit und daß es fo leicht war, diese kühne Tat, an der immerhin bas Obium formalen Ungehorsames und formalen Wortbruches hing, zwanzigtausend jungen Kriegshetzen mundgerecht zu machen. Rechts unb links vom Wege aber lauerten auch damals Mißlingen, Schande unb Schaffott und Henkerbeil, und nur vorne lag, wofern jener Alte weder rechts noch links sah, ber Ruhm bes großen Wagnisses. Und bavon hing alles ab, baß sein umbüftertes unb mit tausendfältiger ostpreußischer Schwermut verhangenes Herz sich zwang, zu glauben, zu glauben unb nochmals zu glauben an ben Erfolg. So in ber Geschichte. So in beinern kleinen Weieberleben.

Denke bu nur der Jahre vor bem Kriege, wo bas Leben in ber Tat umhegt war mit taufenb scheinbaren Sicherheiten... bente bu zurück an Tage, wo bas Menschendasein zerlegt war in hundert sichere Etappen und wo mans sich ziemlich ausrechnen konnte, wann bie unb bie Beförberung kam und wann die reiche Heirat unb wann, ber Rote Adlerorden und wann der hohe Blutdruck und wann ber Tob an Magen­krebs: locken sie bich nach den herrlichen Jahren unseres Wagens und Abenteuerns denn wirklich so sehr, jene Sicherheiten und fragten wir damals nicht oft genug, wozu unser junges Leben uns damals wohl nütze war bei solcher Regulierung? Und roars hinterher nicht ein un­gleich höherer Genuß, jeden Tag dem Leben ins Gesicht zu pfeifen und jeden Morgen und jeden Abend zu beschließen mit bem fanatischen Glauben an Willen, Wagen und Schicksal unb Stern? Und sollten jetzt versagen ... heute, wo bas Schicksal hoppelten Einsatz verlangt?

Fähnriche mögen an ben absoluten Wert von .tßlänen' unb .Sicher­heiten' glauben, Intellektuelle sich einbilben, daß Napoleon bei Austerlitz an bie Kolleghefte ber Kriegsschule in Brienne bachte unb Hornbrillen unb literarische Spirituspräparate mögen sich barauf versteifen, daß jener berühmte Reiter erst mal einen ordentlichen Kursus im Tattersall nahm, ehe er bann wirklich über ben großen großen Bobensee ritt. Von bem großen Entschluß aber wirst bu immer spüren, baß von ihm bie Funken des Genius auf dein armes Herz und von jeder Tat des Schlachtenlenkers, bes Künstlers und selbst der des Abenteurers gilt jenes Wort, daß nie ein Mann höher steigt, als wenn er nicht weiß, wohin er geht.

Heute fo unb morgen fo an einer Jahreswenbe unb so immer dort, wo es gilt, fein Herz fest in seine Hanb zu nehmen.

Ja, immer so.

Bis die Holle gefriert.

Der beine.