Ausgabe 
31.8.1934
 
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ein Menschenherz aus tiefer

Heute war Aenne gewiß längst eine glückliche Frau, hatte Kinder, Ende schon große Buben. Gott mochte wissen, wie sich ihr Leben ge>

am Ende schon große

Singender Abschied.

Von Ruth Schaumann.

Aber dir dieses zu sagen: Laß mich nun scheiden, ist weh. Einst in den sinkenden Tagen Sah ich zwei Turteln im Schnee, Eine vom Winter erschlagen, Eine in Klagen vor Weh.

Aber dir dies zu verraten. Dies zu verraten: ich geh. Ist mir von all meinen Taten Härter als Eis überm See, Rauher als Hagel in Saaten, Dies zu verraten: ich geh.

Aber es kommt ein Verkünden, Dieses: du folgst mir ja bald, Tritt aus verdunkelten Gründen Weiß wie ein Reh aus dem Wald. Liebe löscht Heimsucht und Sünden, Lächelnd erlaubt mir zu künden Dieses: Wir folgen uns bald.

Ein weißer Schleier verhüllte die Orgel in leisen Akkorden

wendet hatte.

Die Feier war zu Ende. Das Brautpaar schritt zum Ausgang. Die Hochzeitsgäste folgten mit Räuspern und Hüsteln ...

Ich trat durch die Turmtür ins Freie, schritt durch die engen Gassen, die sich hinter der Kirche zusammendrängen, und bog in die Burg- gaffe ein.

Da stand das Hous. Alles schien unverändert.

Auch das kleine Schild mit dem Familiennamen neben der Tür war noch da, der Klopfer, die Gartenmauer ...

i Ich wollte doch einmal den Bärenwirt fragen, was denn aus der i Aenne Forstner geworden fei. In einer Kleinstadt weiß ja jeder von den i Schicksalen des anderen. .,

I Aber ich gab es wieder auf. Lieber nicht fragen Wozu? Für mich sollte sie die Kenne Forstner bleiben, mochte sie meinetwegen längst Frau Kalkulator ober Frau Apotheker geworden fein.

Eine Stunde später ging ich zum Kirchhof hinaus, Tante Emmas Grab zu besuchen. Ich konnte es zuerst nicht finden, obwohl man es mir genau beschrieben hatte. ,

Zufällig, in planlosen Umhergehen leuchtete mir eine Grabschrift ms Auge, daß ich stehen blieb, wie gebannt.

Aenne Forstner" stand daraus

Aber ich habe mich völlig vergessen. Ich wollte ja von Poppenburg erzählen. Und Poppenburg ist schön. Trotz alledem. Es träumt sich nirgends so wie dort.

Was denn? Das ganze Leben ist ein Grüßen und Abschiednebmen. Beides gehört zusammen. Es ist seine Melodie, sein ewiges, unaus» gesungenes Lied. Und wenn ich auch, als ich heimging, mit einem Mm? die Empfindung hatte: Eigentlich hast du hier in Poppenburg nun nichts mehr zu suchen! so alle paar Jahre einmal einen Tag dort fein, fe'bt wenn man weiter nichts mitnähme, als das Lied des Brunnens in em er stillen, klaren Mondnacht oder einen Gruß flammend roter Dahlien in den Gärten an einem sonnigen Septembertage.

lierantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Der lag: Brühl'fche Uni verfitäts-Buch- und Steindru ckeiei, R. Lange. Diebe».

Zn Poppenburg.

Von Wilhelm Scharrelmann.

Also, und damit beginnt meine Geschichte, ich fuhr nach zwanzig Jahren abermals nach Poppenburg. Freilich, die gute Tante Emma war seit Jahren tot, und ich hatte eigentlich gar keinen Anlaß, nach Poppen­burg zu fahren. Eine unbestimmte Sehnsucht, ein Mudeseln von diesem und jenem, ein Verlangen, einmal hinauszukommen, eine ^ukwstgkeit. Wohin denn aber nur? und ein plötzliches: Mein Gott, ja, natürlich nach Poppenburg! Daß ich nicht gleich auf Poppenburg kam!

Rach zwei Stunden war ich dort.

In den Gaffen war es still und einsam. Em paar strickende Frauen in den Haustüren, Kinder, die am Straßenrand spielten, hier und da em Hund, breit auf dem Pflaster mit einem deutlichen: Du hast mehr Zeit als ich, und die Straße ist breit genug.

Ich lief ein paar Stunden herum, beguckte die alten Hausgiedel, ent­zifferte die Hausinfchristen, die in Poppenburg noch in Ansehen stehen und machte schließlich eine Wanderung, dicht um die alte Stadt herum. Man geht da durch schmale, zuweilen etwas verwachsene Wege und allent­halben begleiten einen die Hausdächer mit ihren schwarzroten Ziegeln und die Dahlien, die in allen GäAen nicken.

Ein wenig emüdet tarn ich nach einer guten halben Stunde zum Marktplatz zurück, schwankte, ob ich einstweilen wieder in denBaren gehen solle, trat aber bann, einer plötzlichen Eingebung folgenb, tn die alte Marktkirche, beren Türen sperrangelweit offen ftanben, als hätten sie schon auf mich gewartet. _ .. .

Vor Jahren war ich an jebem Sonntagmorgen hier zur Prebigt gegangen. Darin war Tante Emma unerbittlich gewesen. Sechs ver­bummelte Wochentage waren gerabe genug.

Drinnen war es bämmerig unb kühl. Aufatmenb setzte ich mich auf eine ber Bänke im Mittelschiff unb überließ mich für eine Weile ber Ruhe unb ber stillen Gewalt bes alten, ehrwürbigen Raumes.

Nach einer Weile stand ich leise wieder auf und begann einen Rund­gang durch die Kirche. __

Ein alter Taufkessel und einige Bilder alter Meister sind da. Im übrigen bietet die Kirche nicht gerade viel, wenn man auf Sehens­würdigkeiten aus ist. Aber die alten Glasfenster sind schön.

Plötzlich fiel mir ein, einmal in die halb unterirdisch gelegene Kapelle hinunterzusteigen, die hinter dem Altar entdeckt wurde und in der einige alte Steinsarkophage stehen. Ich empfand mich ein wenig als Ein­dringling, als die Tür der Kapelle beim ersten Druck nachgab und ich in den stillen Raum hinunterstieg, in den ich vor Jahren zuweilen von der Gasse aus durch die niedrigen vergitterten Scheiben hinab­geblickt hatte, wenn die Sonne mit schrägem Strahl aus den Särgen stand. Eine kühle, modrige Luft wie aus einem ungelüfteten Keller schlug mir entgegen. Ein geschnitztes Chorgestühl, halb vom Wurm zerfressen, und eine in Stein gehauene, in die Wand gelassene Kreuzigung liehen die Totenstille, die über den Dingen lag, noch tiefer empfinden.

In der Kirche empfing mich leises Orgelspiel. Auf den vordersten Lankreihen vor dem Altar hatten sonntäglich gekleidete Menschen Platz genommen, und der alte Kirchendiener stand mit wichtiger Miene in ber Nähe ber Eingangstür unb musterte mich mit erstaunten Blicken unter hochgezogenen Brauen.

Es schien eine Trauung ftattfinben zu sollen, unb ich trat unter dem Chor in eine der Hinteren Bankreihen. Nach dem Dämmerlicht der Kapelle wirkte die farbige Schönheit der alten, bemalten (Blasfenfter jetzt wie eine Offenbarung. Hoch über dem Altar erglühte bas Licht in bem Rubinrot unb bem Drange ber Scheiben unb leuchtete kühl in dem blauen Mantel ber heiligen Ursula bes Mittelfensters. Neben mir erhoben sich bie Säulen leicht unb wie beschwingt zu ber gewölbten Decke, unb in ihrem Anblick verloren war mir, als stürzten sich bie Töne der Orgel, die jetzt mit vollen Registern spielte, wie freigelassene große Vögel mit m'item Flügelschlag über mich hinweg unb füllten bie Wöl­bungen ber Spitzbögen mit geheimnisvoll rauschenbem Gesang. Das plötz­lich matter roerbenbe Licht ber Sonne, bie hinter eine Wolke getreten fein machte, ließ im nächsten Augenblick bie Fenster fast büfter er­scheinen Das stark nachgebunkelte Bilbnis bes heiligen Aegibius brüben im Seitenschiff ertrank fast in ber Dämmerung.

Aber da - Bilbnis bes Kinbleins über bem Altar, von bem matten Glanz ber Kerzen bestrahlt, leuchtete befto einbringlidjer aus den Hefen

*n Der Gesang auf dem Chore verstummte. Nun schwieg auch die Orgel, und der Raum versank in die erwartungsvolle Stille, die den ersten Worten des Geistlichen voranzugehen pflegt.

Ich folgte mehr dem Klange als dem Inhalte der Worte, die in ben weiten Wölbungen ber Kirche ben Nachhall weckten, als wachten langst verklungene Laute in ben Winkeln auf, ftammelnb unb verworren, wie Sdjlofenbe im ersten Erwachen.

Unb von neuem erhoben sich Erinnerungen tn mir.

Dunkle, schattige Walbwege tauchten vor meinem Auge auf, heim- liehe Begegnungen mit ihr, ber bie Braut dort am Altäre glich, N auf­fällig glich, daß ich einen Augenblick gemeint hatte, Aenne selbst zu eben. Flüchtige Händedrücke, verstohlenes Grüßen, saumselige Sommer- tage, planloses Herumlaufen in Gärten und Feldern, stundenlanges Träumen drüben am Rande bes Poppenburger Walbes, stammelnde Verse, und endlich das unvermeidliche Äbschiednehmen und erstes zucken­des Weh.

Ein Konzert des Kirchenchores am Abend des letzten Ferientages fiel mir ein. Die Kirche im abendlichen Lichterglanz und Aenne in blütenweißem Kleide zwischen anderen Mädchen auf dem Chore. Gesang und heimliches Entzücken, als sänge nur sie, und nur für den einen, ber hier unten mit klopfenbem Herzen saß unb zu ihr hmaufschaute, unoermanbt

Jahre waren barüber hin. . ,

Sonberbar, baß ich mich erst jetzt roieber an sie erinnerte, bah ich nicht vorhin schon einmal roieber burch bie Gasse gegangen war, in bet bas kleine Haus geftanben, mit seinen Fensterläben, ben Blumen- stocken hinter ben kleinen Scheiben unb bem altertümlichen Messing- ((opfer an ber schwerfälligen Tür, ben Apfelbaumzweigen unb Brombeer­ranken, bie über bie niebrige Gartenmauer gehangen.

Unb nun fiel mir auch ber eselhaft bumme Bries roieber em, ben ich an sie geschrieben in eifersüchtiger, knabenhafter Liebe, auf ben ich niemals eine Antwort bekommen, die ich doch wochenlang mit bangen­der Seele erwartet hatte. Niemals hatte ich das zu verwinden ge­glaubt, und hatte doch heute nur ein Lächeln dafür, ein leises, weh­mütiges Lächeln.

Von Aenne hatte ich nie wieder ein Wort gehört, und sie zuletzt ver­gessen. Und heute hob nun eine zufällige Stunde mit lächelnder Ge­lassenheit das Langvergessene wieder ans Licht, und alle Wunder jungen Erlebens blühten noch einmal wieder daraus empor.

Schatten, bte wie eine dunkle Flui aus allen Winkeln fliegen.

Im nächsten Augenblick kehrte die Sonne zuruck, und die Düsterheit des Raumes erhob sich mit sieghaftem Lächeln wieder zu der lichtburch- wedten Schönheit von vorhin, wie sich em Menschenherz aus tiefer

»»Ä .Ä'Ä'üt, °i-s» w» beinahe vergessen, als die Braut erschien. Ein weißer Schleier veryullte die Gestalt. Langsam schritt sie, während die Orgel in leisen Akkorden fast erstarb, von dem Bräutigam, einem Offizier m Feldgrau, geehrt, zum Altar und nun fetzte plötzlich, von der Orgel begleitet eine Helle Sopranftimme auf dem Chore ein:

Wo du hingehst, da will auch ich hmgehenl ...

Ich wollte mich eben erheben und die Kirche leise verlassen, als ich durch einen Blick auf die Braut von neuem gehalten wurde. 3Z konnte die zarten Umriffe der Unbekannten nur undeutlich erkennen. Aber der Fall der Schultern, durch den fließenden Schleier deutlich erkennbar, das im Nacken aufgesteckte Haar, ihre Größe und ganze Erscheinung weckten Erinnerungen in mir, bie mich plötzlich mit eigensinniger Gewalt er- griffen Eine Mäbchendilb erschien vor mir, ein Name klang in mir auf, unb mir war, als löse er Melobien in mir, bie wie vergessene Traume