Ausgabe 
31.8.1934
 
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das Geschäft". Der Sortimenter hak zu Weihnachten vielleicht; wie wird es morgen fein? allerhand gefällige und billige Bücher zu Hunderten verkauft, aber wertvollere, teuere Werke, Gesamtausgaben, der ewige Vorrat deutschen Geistes und deutscher Dichtung, große Neu­erscheinungen, an denen Verlag und Sortiment wirklich etwas verdienten und die zugleich dem Buchhandel eines Jahres das Gesicht gäben, wer­den wenn man diese Zeit mit anderen vergleicht weder verlangt noch werden sie auch nur sichtbar.

Dies ist die Lage desBuchhändlers von heute". Er wird zwar nicht der Buchhändler von gestern fein mögen; aber er wäre vielleicht lieber der Buchhändler von morgen. Man hat wegen des Wellenhaften den Eindruck, als traue er auf feinem Gebiete dem Heute nicht. Obwohl er guten Mutes ist und nicht einmal über feine Kaffe zu klagen hat, fcheint es fast, als blicke der Buchhändler fehnsüchtig in die noch immer halbdunkle Zukunft.

Nach was blickt er aus?

Sicher blickt der ernsthafte Verlag wie der ernsthafte Sortimenter am sehnsüchtigsten und erwartungsvollsten nach dem Autor der Zu­kunft aus, der ihm das zukünftige Buch liefert. Er muß ja die Ware verkaufen, die ihm geliefert wird. Es ist daher ungerecht, dem Buchhandel insbesondere dem Sortiment den Vorwurf zu machen, er habe das Volk mit falschen Büchern gefüttert. Der Buchhändler hat das Buch feiner Zeit verkauft: er wird morgen wieder das Buch [einer Zeit unserer Zeit verkaufen. Wenn eine Zeit wie die unsere Bücher einer besonderen Haltung fordert und hervorbringt, so wird der Buch­händler diese ebensowohl als die ihm verkäusliche Ware ansehen müssen, wie Bücher anderer Haltung zu anderen Zeiten.

Wenn auch das Buch in unserer Anschauung ein Kulturgut ist und somit der Buchhändler der Vermittler eines Kulturgutes so ist das Buch dennoch zugleich und vorwiegend im buchhändlerischen Betrieb (ebensowohl des Verlegers wie des Sortimenters) Ware. Von dieser Be­lastung wirtschaftlicher Momente, die sich an jede Ware heftet, kommt der Buchhändler als Geschäftsmann, der er fein soll, nicht weg. Wo dieser Gesichtspunkt verlassen werden soll, wo zugunsten hoher kultureller Werte schwer verkäufliches nationales Gut hergestellt wird, kann dies kaum anders als in der selten anwendbaren Weise geschehen, daß Bücherfreunde, Stiftungen, Gesellschaften und in manchen Fällen der Staat durch die Hinreichung von Mitteln die Herstellung solcher Er­zeugnisse ermögliche. (Ich führe diese seltenen Fälle aus dem Grunde an, weil sie gleichwohl im Leben des Buchhandels als eines Vermitt­lers kultureller Güter niemals fehlen dürften, augenblicklich jedoch völlig verschwunden sind.)

interessante Stosst

In erster Linie also hat der Buchhändler das Recht, nach dem Schriftsteller auszuschauen nach uns (sagen wir es nur), die wir ihm das gute, das bleibende, bas langläufige, vielleicht das ewige Buch liefern. Wir dürfen ihn nicht enttäuschen. Denn in solchem Buche liefern wir ihm zugleich auch das Buch, an dem er am meisten ver- verdient: nicht heute aber heute und morgen. Derbesf seller" eines Jahres erschöpft sich wir haben hundert Beispiele in der Welt dafür häufig schon in dem nämlichen Jahre; und nicht nur sein Er­folg verpufft wie eine Seifenblase, daß (eine Wirkung auf die Men­schen, sein Wert für den Leser (im Bücherschrank), fein kultureller Wert unvergleichlich ärmer sind: den Buchhändler, der, sich auf den best seller stürzt, läßt die Ware oder der Käufer bald im Stich.

Erst die langlebigen Bücher machen den Verlag, machen den Buch­laden. Es ist verkehrt für beide Teile, riskant und lotteriehaft, Schlager herausbringen zu wollen. Viele taufend Nieten kommen auf dieses Bestreben, und selbst ein Treffer fchützt im nächsten Jahre nicht vor leeren Kassen.

- ohne Geist, ohne schöpferische Kraft, ohne d,e wahre Der;uyrung ,m Stil und in jeglichem Wort. Das Volk jedoch sei anspruchsvoll, Das wird dem Buchhandel gut bekommen und ihn vor manchem faulen Laden­hüter schützen. Warum soll das Volk, das der Buchhandel doch in den Laden locken will sich langweilen? Warum soll es auf übliche Anpreisun­gen und wohlmeinende Kritiken hereinfallen? Gestehen wir nur:wi, die Schriftsteller, sind die Verantwortlichen. Dies fei unser Verhältnis

zum Buchhändler. *

Daraus freilich leiten wir das Recht ab. daß der Sortimenter die Autoren kennt und über ihre Werke Bescheid weiß, um die es geht. Erst bann wirb er das fein können, was seine Ehre ausmacht, der Ver­mittler geistigen Gutes einer Nation an die Nation und an ine Welt Ich kann nicht behaupten, daß der junge Buchhändler vori heute -ff «eit ich ihn kenne, dieser feiner Pflicht mcht nachkommi, Er kumm rt sich um die Autoren, deren Bücher er vorwiegend verkauft. Er geht ihnen mel_ leicht mit einer etwas zu bereitwilligen Liebe oder Vorliebe nach. Iber der Buchhandel weiß im allgemeinen noch nicht, b'- ZU welche hohen Grade und hohen Nutzen eine wahre Kenntnis d" schöpfen chen Kräfte der stell für fein Geschäft gesteigert werden kann. Erst bet dieser Kennt­nis wirb es bem Sortiment gelingen, zu einem ewigen "ub-nnner mit neuem Zufluß gespeistenVorrat" besten zu gelangen, was er sucht, nämlich die gängige Ware.

Die Verantwortlichkeit des Buchhändlers ist höchste Verantwortlichkeit. Sie ist fast die eines Seelsorgers DesJBoItes '^ ^lturellen emer Hera ^ Siebung des Volkes zum Guten. Und bies "'^durch -Belehrung b Predigt, ober Rede und Ueberrebung obgleich auch <Were® wäre fonbern einfach burch Darbietung des Guten und durch Cm

Seien Verleger kühn, wo das Genie, der Geist, der wahre Dichter, der echte Denker sich zeigen; aber ängstlich, wo Sensationslust, der . . L . -. 'b()5 Qngeb(id) Phantastische allein daher kommen

re schöpferische Kraft, ohne die wahre Verführung im

treten für bas Gute. Je höher der Buchhändler von diesem seinem Amk und seinem Beruf durchdrungen ist, desto mehr wird er der Buchhändler von heute, desto sicherer wird er der von morgen (ein. Ich <enne Städte, in denen bas geistige Bild ber Stabt von ber Persönlichkeit bes Buch- hänblers geprägt wirb, der sie betreut. Ist ber Buchhänbler rüdftänbig, verzopft unb verschlossen, so ist die ganze Stadt rückständig, verzopft und verschlossen. Wir wissen davon zu reden und der Buchhändler soll sich nicht einbilden, er werde nicht als der Verantwortliche erkannt.

Erkenne auch er diese gegenseitige Verantwortlichkeit an, daß er den Autor unterstütze, der ihm Gutes liefert, und das Volk unterstütze, indem er ihm das Gute vermittelt.

Indem sich der Schriftsteller, der Dichter, der Denker feiner Nation verantwortlich fühlt, sieht er den Buchhändler als verantwortlichen Hel­fer an: als Vermittler bes geistigen Gutes an die Nation. In biefer Verantwortlichkeit vermag er Verlag und Sortiment nur als ein San» z e s zu sehen. Der Buchhandel ist eine Einheit. Es muß endlich einmal ausgesprochen werden, daß der Verleger und der Sortimenter zwar zwei Glieder eines Ganzen sind, aber nicht zwei getrennte, am wenigsten zwei einander bekämpfende. Liefe Anschauung wird in weiten Kreisen des Buchhandels noch nicht gefunden. Vielleicht war sie bisher unmöglich. Sie ist im neuen Deutschland nicht nur möglich, sondern muß selbst­verständlich fein. Es ist ausgeschlossen, daß der Buchhandel gedeiht, wenn auch nur unbewußt der eine der genannten Teile dieser Leib- einheit den andern Teil hindert oder auch nur beschneidet. Oder ist es nicht eine Schädigung des Ganzen wenn auch nur eine unbewußte daß im Grunde der Sortimenter an den hohen Preisen des Buchhandels schuld ist, indem er vom Verleger die hohen Rabatte fordert? Ist es nicht eine ebensolche Schädigung des Ganzen, wenn Verleger, wie es geschehen sein soll, um andere Verleger auszustechen, an den Sortimenter Rabatte geben, die im soliden Buchhandel gar nicht tragbar sind? Solche Verlage nähren die falsche Vorstellung bei den Sortimentern, daß der­artige überhohen Rabatte angemessen feien, und die Folge ist, bah sie sie zum Schaben des Ganzen von allen Verlagen verlangen. Es ist im allgemeinen zu übersehen, wie hoch sich der Rabatt eines gut hergestellten Buches bei angemessener Honorierung bes Autors unb angemessenem Verdienst des Verlags belaufen kann. Es ist ein ungerechtes Privileg bes weniger gut hergestellten Buches unb bes billiger herstellbaren (inso­fern ber Autor schlecht bezahlt wirb), baß es durch einen Rabatt, ber für bas gute Buch nicht tragbar ist, bem guten Buch den Rang ab­laufen darf.

Wer schützt den Buchhandel vor bem Buchhanbel? Wo ist bie Be­stimmung, bie bieses Segeneinanber fti ein Miteinander verwandelt? Wo ist die Stelle, die, mit Autorität und Weitblick ausgestattet, beide Glieder der Leibeinheit in gleicher Richtung zum Guten bewegt? Wäre dies Sache der Zunft?, des Buchhändler-Börfenvereins?, ber Reichsschrift­tumskammer? Ist hier Zwang nötig, (o soll er angeroanbt werben. Wir glauben, baß unter ber Leitung einer autoritativen Stelle gegenseitiges Vertrauen ben gegenseitigen Nutzen schaffen könnte.

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Jnbem wir Verlag unb Sortiment nur als eine Einheit anzusehen vermögen, ist auch bie Ueberprobuftion ber Verlage ein beinah selbst- mörberisches Beginnen. Man kann bas unselige ©egeneinanberarbeiten an einer solchen Erscheinung sie mag ebensowohl unbewußt als gebantenlos fein aufs deutlichste erkennen. Wenn der Verleger alles selber zu verkaufen hätte, was er dem unglücklichen Sortimenter anzu- bieten für gut befindet, hätte er nicht fo viel produziert. Mit lang­weiligen oder auch nur mäßigen Büchern treibt man die Leute aus dem Buchladen wie mit faulen Fischen aus dem Fischladen.

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Der Buchhändler von heute hat sich politisch entschieden Seine poli­tische Entscheidung ist außer Zweifel. Aber diese Entscheidung bedeutet nicht eine Jn-Dienst-Stellung des Buchhandels in eine vorstellbare Aus­schließlichkeit politischer Buchproduktion wie manche Kreise zu glauben ! scheinen. Die Entscheidung des Buchhändlers im Verhältnis zum Schrift- ; steiler unb Dichter von bem hier bie Rebe ist ist eine geistig- künstlerische, was sicher nicht ausschlieht, baß sie eine charakterliche ist. Dilettantismus mit ber alleinigen Legitimation politischer Gesinnung unb wenn sie die beste wäre soll der Buchhändler ruhig aus feinem Leben verbannen. Er darf sich aus G o e b b e l s großes Wort beziehen, daß wir nichttendenziöser Propaganda das Recht einräumen, jenem Dilettantismus bas Felb freizugeben, der noch immer die wahre edle Kunst zu Tobe geritten hat". (Rede zur Eröffnung der Reichskultur- fammer, 15. November 1933.) Und daß wir auf das Genie warten dürfen,das dieser Zeit den mitreißenden künstlerischen Ausdruck verleiht. Bis dahin", sährt er fort,steht es uns nicht zu, ben großen Wurf bes Genies ersetzen zu lassen durch den Herz- und blutlosen Dilet­tantismus eines Heeres von Nichtskönnern, die ber Herr in (einem Zorn erschossen hat" Wir brauchen beibe also den Zorn Gottes nicht über uns ergehen zu lasten weder wir Schriftsteller noch unsere Helfer, mit denen wir gerne gemeinsame Sache machen.

Erklären wir, daß nur die Lösung großer und hoher Aufgaben durch den Schriftsteller ihn zu dem Buchhänbler in bas richtige Verhältnis setzt unb biefem selber hohe Aufgaben stellt. Wir vergessen babei nicht, daß bas Buch eine Ware ist; aber unsere Ehre muß es sein, bem Buch­hänbler keine schlechte Ware zu liefern. Wenn er bie gute liebt, sinb wir mit ihm einig. Sie umfaßt, enthält und vermittelt den ganzen wahrhaften geistigen Besitz der Nation, bie Leuchtkraft unserer Seele vor der Welt.