gegangen war,
Krau Rebekka.
Von Matthias Claudius.
Wo war ich doch vor dreißig Jahi!, Als deine Mutter dich gebar? Wär' ich doch dagewejen! — Gelauert hott' ich an der Tür Auf dein Geschrei und für und für Gebetet und gelesen.
Und kam's Geschrei — nun marsch, hinein: „Du kleines, liebes Mägdelein, Mein Reif'gesährt', willkommenI" Und hätte dich denn weich und warm Zum erstenmal auf meinen Arm Mit Leib und Seel' genommen.
Und hätte dich denn weich und warm Mit Leib und Seel' aus meinen Arm Zum erstenmal genommen ... „Du frommes, liebes Mägdelein, Ich hab' dich sonst noch nicht gefehn, Willkommen, bist willkommen!"
„Wie bist du, lieber Reis'gefährt',. In deinen Windeln mir so wert! D werde nicht geringer!
Du, Mutter, lehr' das Mägdlein wohl! Und wenn ich wiederkommen soll. So pfeif nur aus dem Finger."
Der Mann schloß seinen Mund wieder, während ich noch in der Tür stand, wandte sich um und ging die Treppe hinab, wo er tief unten verschwand.
Seither habe ich ihn nie wieder gesehen. Und es sind viele Jahre vergangen ...
Dieser Mann, dieser rotbärtige Bote aus dem Lande des Todes, hat mir durch das unbeschreibliche Grausen, das er in mein Kmderleben gebracht, viel Böses getan. Ich habe seither mehr als eine Vision gehabt, mehr als einen seltsamen Zusammenstoß mit Unerklarbarem — nichts aber hat mich so tief ergriffen wie dies.
Und doch hat er mir vielleicht nicht ausschließlich Schaden zugefügt, dieser Gedanke ist mir oft gekommen. Ich konnte nur vorstellen, daß er eine der ersten Ursachen gewesen ist, durch tue ich lernte, tue Zahne zusammenzubeihen und mich hart zu machen. In meinem spateren Leben habe ich hin und wieder Verwendung dafür gehabt.
Der Buchhandel im neuen Staat.
Von Rudolf G. Binding.
Der Buchhändler von heute — über den vom Schriftsteller ober gm vom Dichter etwas gesagt werden soll — ist sicher nicht mehr als dm Buchhändler von gestern. Man kann sich nicht einmal vorstellen, daß m gerne von gestern wäre; eher könnte ich mir denken, daß er schon dm Buchhändler von morgen sein möchte. Denn große Unsicherheiten, wir!, liche Verwirrungen, gewaltiges Hinwegschwemmen alter, scheinbar gn sicherter Werte das Hinsinken manchen Namens, das Vordrängen neuen aber sehr gleichförmiger Gedanken im Leben der Nation haben ebenm den Derkaussstand und Laden wie die umgezogenen ober die umhegtem mit gewohnter Arbeit noch erfüllten Räume und Hirne der Verleger dm einflußt und bedrängt. All das war so überwältigend, allerschuttem» brausend und stürmisch, daß von Wahrnehmung einer eigentlich ausbeu» baren „Konjunktur", deren sich der Buchhandel — Verlag und ©ortimem — hätte bemächtigen können, im Grunde keine Rede sein kann. Die läge, die durch schnell hergestellte patriotische Ware zu glänzen und j« einen Vorsprung zu erringen glaubten, nahmen sich im Gegenteil ge radezu hilflos aus und haben mit einer Geschwindigkeit dieses Beginnm aufgeben müssen, die allen gezeigt haben wird, daß gerade diese PM duktion und diese „Ware Buch" schon von gestern sind. Wenn trotzdem Bücher, die unsere Schicksale und Helden, Vorkämpfer und Führer cc greifen und darstellen, rasch ausgenommen werden und in Riesenauslagen zum Verkauf gelangen, so ist doch das Wellenhafte der Erscheinung beim lich wahrzunehmen und eine bleibende Wirkung solcher Bücher M- eines dauernden nun für die Nation neugewonnenen Gutes weder m den Lesern zu erwarten noch bei dem Buchhändler zu erhoffen, gängige Ware hat viele in den Buchladen gelockt, die ihn früher ri. betreten haben: gut! es ist nur erwünscht, daß es geschah. Wenn »vs solche Buchware ein Heute hatte, so braucht man noch lange nicht «« ihre Zukunst zu glauben und schon das Morgen wird von vielen ErzE Nissen dieser raschen Art kaum noch etwas wissen. Das eigentliche Meme werk — das Werk, bas diese Dinge meistert — das eigentliche 3EltD'*' und Bild unseres Innern wird, in vielfacher Darstellung und m herrschender Wirkung, erst später im Buch erscheinen — vielleicht n« Jahren, wenn es aus einer höheren Schau und einem größeren Avira gewonnen ist.
Eine neue Käuferschicht (vielfach) macht sich zwar — nicht oyr Hunger das neue Buch suchend — auf diese Weise geltend und „bei
mols mit den Augen ...
Einige Monate später, als es Winter geworden und ich wieder von zu House gereift war, hielt ich mich eine Zeitlang bei einem Kaufmann W. auf, dem ich im Laden und auf dem Kontor half. Hier sollte ich meinem Mann zum letztenmal begegnen.
Ich gehe eines Abends aus mein Zimmer hinauf, zünde die Lampe an und entkleide mich. Ich will wie gewöhnlich meine Schuhe für das Mädchen hinausstellen, ich nehme die Schuhe auch in die Hand und öffne die Tür.
Da steht er auf dem Gang, dicht vor mir, der rotbärtige Mann.
Ich weiß, daß Leute im Nebenzimmer sind, daher bin ich nicht bange. Ich murmele: Bist bu nun schon wieder da. Gleich daraus öffnet der Mann feinen großen Mund wieder und fängt an zu lachen. Dies machte keinen erschreckenden Eindruck mehr auf mich; aber diesmal wurde ich aufmerksamer: der sehlende Zahn war wieder da!
Er war vielleicht vor irgendjemand in die Erbe hineingesteckt worden. Ober er war in biefen Jahren zerbröckelt, hatte sich in Staub aufgelöst und mit dem übrigen Staub vereint, von dem er getrennt gewesen war. Gott allein weiß bas!
So ging ich denn allein den Hügel hinan.
Den Zahn trug ich in meinem Taschentuch. , „ ,
Oben an der Kirchhofspforte blieb ich stehen — mein Mut versagte mir seinen ferneren Beistand. Ich höre das ewige Brausen des Sttomes, Bist alles still. Der Kirchhofseingang war keine Tur, nur cmJBogen,
) den man hindurch ging; ich stelle mich voller A"Sst ?uf die «ne Seite dieses Bogens und stecke den Kopf vorsichtig durch ine Deffnung, um zu sehen, ob ich es wagen könne, weiter zu gehen.
Da sinke ich plötzlich platt auf die Knie.
Ein Stück jenseits der Pforte, da bnnnen zwischen den Grabern, stand mein Mann mit dem Südwester. Er hatte wieder das weihe Gesicht, und er wandte es mir zu, gleichzeitig aber zeigte er vorwärts, nach dem Kirchhof hinauf.
Ich sah dies als Befehl an, wagte aber nicht zu gehen. Ich lag sehr lange da und sah den Mann an, ich flehte ihn an und er stand unbeweglich und still da.
Da geschah etwas, was mir wieder ein wenig Mut machte: ich horte einen der Knechte unten am Stallgebäude geschäftig umhergehen und pfeifen. Dieses Lebenszeichen um mich her bewirkte, baß ich mich erhob. Da entfernte sich der Mann ganz allmählich, er ging nicht, er glitt über die Gräber dahin, immer vorwärts zeigend. Ich trat durch Die Pforte. Der Mann lockte mich weiter. Ich tat einige Schritte und blieb Dann stehen; ich konnte nicht mehr Mit zitternder Hand nahm ich den weißen Zahn aus dem Tafchentuch und warf ihn mit aller Macht auf den Kirchhof. In diesem Augenblick drehte sich die eiserne Stange auf dem Kirchturm herum und der schrille Schrei ging mir durch Mark und Bem. Ich stürzte zur Pforte hinaus, den Hügel hinab und nach Hause. Als ich in die Küche kam, sagten sie mir, mein Gesicht fei weiß wie Schnee ...
Es sind jetzt viele Jahre seitdem vergangen, aber ich entsinne mich jeder Einzelheit. Ich sehe mich noch auf den Knien vor der Kirchhofstur liegen, und ich fehe den rotbärtigen Mann.
Sein Alter kann ich nicht einmal ungefähr angeben. Er konnte zwanzig Jahre alt fein, er konnte auch vierzig sein. Da es nicht das letzte Mal fein sollte, daß ich ihn sah, habe ich auch spater noch über diese Frage nachgedacht; aber noch immer weih ich nicht, was ich über fein Alter sagen soll ... „ . .
Manchen Abend und manche Nacht kam der Mann wieder. Er Zeigte sich, lachte mit feinem weitgeöffneten Munde, in dem em Zahn fehlte, und verschwand. Es war Schnee gefallen, und ich konnte nicht mehr auf den Kirchhof gehen und den Zahn in die Erde stecken. Und der Mann kam wieder und wieder, aber mit immer längeren Zwischenräumen, den ganzen Winter hindurch. Meine haarsträubende Angst vor ihm nahm ab; aber er machte mein Leben sehr unglücklich, ja unglücklich bis zum Uebermah. In jenen Tagen war es mir oft eine gewisse Freude, wenn Ich daran dachte, daß ich meiner Qual ein Ende machen konnte, indem ich mich bei Flut in den Strom Glimma stürzte.
Dann kam der Frühling und der Mann verschwand gänzlich.
Gänzlich? Nein, nicht gänzlich, aber für den ganzen Sommer. Den nächsten Winter stellte er sich wieder ein. Nur einmal zeigte er sich, bann blieb er lange Zeit fern. Drei Jahre nach meiner ersten Begegnung mit itjm verlieh ich das Nordland und blieb ein Jahr fort. 2lls ich Zuruck- kehrte, war ich konfirmiert unb wie ich selber meinte, ein großer, erwachsener Mann. Ich wohnte nun nicht mehr bei meinem Onkel auf dem Pfarrhof, sondern daheim bei Vater und Mutter.
Eines Abends zur Herbstzeit, als ich gerade schlafen gegangen war, legte sich eine kalte Hand auf meine Stirn. Ich schlug die Augen auf und erblickte den Mann vor mir. Er saß auf meinem Bett unb sah mich an. Ich lag nicht allein im Zimmer, sondern mit zweien von meinen Geschwistern zusammen; aber ich rief trotzdem keines von ihnen. Als ich den kalten Druck gegen meine Stirn fühlte, schlug ich mit der Hand um mich unb sagte: Nein, geh weg! Meine Geschwister fragten aus ihren Betten, mit wem ich spräche.
Als ber Mann eine Weile still gesessen hatte, sing er an, sich mit dem Oberkörper hin und her zu wiegen. Dabei nahm er mehr und mehr an Große zu, schließlich stieß er beinahe an die Decke, und da er offenbar nicht viel weiter kommen konnte, erhob er sich, entfernte sich mit lautlosen Schritten von meinem Bett, durch bas Zimmer, nach dem Ofen, wo er verschwand. Ich folgte ihm bie ganze Zeit mit den Augen.
Er war mir noch nie so nahe gewesen wie diesmal; ich sah ihm gerade Ins Gesicht. Sein Blick war leer und erloschen, er sah zu mir hin, aber gleichsam an mir vorüber, quer durch mich hindurch, weit in eine andere Welt hinein. Ich bemerkte, baß er graue Augen hatte. Er bewegte sein Gesicht nicht unb er lachte nicht. Als ich feine Hand von meiner Stirn wegschlug und sagte: Nein, geh yeg! zog er seine Hand langsam zuruck. Während all der Minuten, die er auf meinem Bett faß, blinzelte er nie-


