Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
zahrgang Freitag, den5tAugust Nummerbr
Nachts.
Von Josef Frsiherr von Eichendorff. Ich stehe im Waldesschatten Wie an des Lebens Rand, Die Länder wie dämmernde Matten, Der Strom wie ein silbern Band.
Von fern nur schlagen die Glocken lieber die Wälder herein, Ein Reh hebt den Kopf erschrocken Und schlummert gleich wieder ein.
Der Wald aber rühret die Wipfel Im Traum von der Felsenwand. Denn der Herr geht über die Gipfel Und segnet das stille Land.
Ein Gespenst.
Von Knut Hamsun.
Mehrere Jahre meiner Kindheit verbrachte ich bei meinem Onkel auf hin Pfarrhof im Nordland Es war eine harte Zeit für mich, viel Arbeit viele Prügel und selten oder niemals eine Stunde zu Spiel und Vergnügen. Da mein Onkel mich so streng hielt, bestand allmählich meine unzige Freude darin, mich zu verstecken und allein zu sein; hatte ich ausnahmsweise einmal eine freie Stunde, so begab ich mich in den jLald, oder ich ging auf den Kirchhof und wanderte zwischen Kreuzen sinb Grabsteinen herum, träumte, dachte und unterhielt mich laut mit mir selber.
Der Pfarrhof lag ungewönlich schön, dicht beim Meeresstrom Glimma, -inem breiten Strom mit vielen großen Steinen, dessen Brausen Tag enb Nacht, Nacht und Tag ertönte. Die Strömung ging einen Teil des Lcmes südwärts, den übrigen Teil nordwärts, je nachdem Flut oder Sbbe war, — immer aber brauste ihr ewiger Gesang, und ihr Wasser ■ann mit gleicher Eile im Sommer wie im Winter dahin, welche Rich- iung es auch nahm.
Oben aus einem Hügel lagen die Kirche und der Kirchhof. Die Kirche oar eine alte Kreuzkirche aus Holz, und der Kirchhof war ohne Pflanzen <mb die Gräber ohne Blumen; hart an der steinernen Mauer aber pflegten die üppigsten Himbeeren zu wachsen, eine große und fafige frucht, die Nahrung aus der fetten Erde der Toten sog. Ich kannte -des Grab und jede Inschrift, und ich erlebte, daß Kreuze, die ganz reu aufgestellt wurden, im Laufe der Zeit sich zu neigen begannen u chließlich in einer Sturmnacht umstürzten.
Waren da aber keine Blumen auf den Gräbern so wuchs 'M Sommer j ohes Gras auf dem ganzen Kirchhof. Es war so hoch und s h - fi d) ost da sah und dem Winde lauschte, der in die em sonderbar harten Srase sauste das mir bis an die Hüsten ging. Und dann wüten in tiefes Gesäuse hinein konnte die Wetterfahne auf dem Kirchturm sich hrumdrehen, und dieser rostige eiserne Ton klang jammernd “ . .
Sanken Pfarrhof hin. Es war, als ob dies Stuck Eisen gegen irgendein i nberes Eisen die Zähne knirschte.
Wenn der Totengräber bei der Arbeit war, hatte ich gar manches- nal eine Unterhaltung mit ihm. Er war ein erster Mann er lache^ leiten, aber er war sehr freundlich gegen mich, und wenn s mb (Erbe aus dem Grabe aufschaufelte, kam es wohl vor, daß er m> wrief, ein wenig aus dem Wege zu gehen denn I h Toten twßes Stück Hüftknochen ober den grinsenden Schade! eines Toten "^laA o^Knochen und Haarbüschel von Leichen mif den. Gräben, l ie ich dann wieder in die Erde eingrub, w.e es der Totengräber m q elebrt hatte. Ich war so hieran gewohnt daß ich kern Grausen ernp bnb, wenn ich auf diese Menschenreste stieß. Unter dem ew-n Ende der Lüche befand sich ein Leichenkeller wo Unmengen von Knochen lagen i mb sich umhertrieben, und in diesem Keller $ 9 ®ebein Fi- I Vielte mit den Knochen und bildete aus dem zerbröckelten Gebem tft
mren auf dem Boden. eirrhhnf
Eines Tages aber fand ich einen Zahn auf dem Kirchhof.
Es war ein Vorderzahn, schimmernd weiß und ftar^^ we jf)n Rechenschaft davon abzulegen, steckte ich den Zah ä ’unb ii)n in ■®* etwas gebrauchen, irnendeine Figur daraus z ä, schnitzte,
■nen der wunderlichen Gegenstände einfugen, die ich au ) Z ! )
Ich nahm den Zahn mit nach Hause.
Es war Herbst, und die Dunkelheit brach früh herein. Ich hatte noch allerlei anderes zu besorgen, und es vergingen wohl ein paar Stunden, bis ich mich in die Gesindestube hinüber begab, um an meinem Zahn zu arbeiten. Indessen war der Mond aufgegangen; es war Halbmond.
In der Gesindestube war kein Licht, und ich war ganz allein. Ich wagte nicht, ohne "weiteres die Lampe anzuzünden, ehe die Knechte herein kamen; aber mir genügte das Licht, das durch die Ofenklappe fiel, wenn ich tüchtig Feuer anmachte. Ich ging deshalb in den Schuppen hinaus, um Holz zu holen.
Im Schuppen war es dunkel.
Als ich mich nach dem Holz vorwärtstaftete, fühle ich einen leichten Schlag wie von einem einzelnen Finger auf meinem Kopfe.
Ich wandte mich hastig um, sah aber niemand.
Ich schlug mit den Armen um mich, fühlte aber niemand.
Ich fragte, ob jemand da sei, erhielt aber keine Antwort.
Ich war barhäuptig, ich griff nach der berührten Stelle meines Kopfes und fühlte etwas Eiskaltes in meiner Hand, daß ich sofort wieder los- ließ. Das ist doch sonderbarl, dachte ich bei mir. Ich griff wieder nach dem Haar hinauf — da war das Kalte weg.
Ich dachte:
Was mag das wohl Kaltes gewesen sein, das von der Decke her- unterftel und mich auf den Kopf traf?
Ich nahm einen Arm voll Holz und ging wieder in die Gesindestube, heizte ein und wartete, bis ein Lichtschein durch die Ofenklappe fiel.
Dann holte ich den Zahn und die Feile hervor.
■ Da klopfte es an das Fenster.
Ich sah auf. Vor dem Fenster, das Gesicht fest an die Scheibe gedrückt, stand ein Mann. Er war mir ein Fremder, ich kannte ihn nicht, und ich kannte doch das ganze Kirchspiel. Er hatte einen roten Vollbart, eine rote wollene Binde um den Hals und einen Südwester auf dem Kopfe. Worüber ich damals nicht nachdachte, was mir aber später ein» fiel: wie konnte sich mir dieser Kopf so deutlich in der Dunkelheit zeigen, namentlich an einer Seite des Hauses, wo nicht einmal der Halbmond fchien? Ich sah das Gesicht mit erschreckender Deutlichkeit, es war bleich, beinahe weih, und seine Augen starten mich gerade an.
Es vergeht eine Minute.
Da fängt der Mann an zu lachen.
Es war kein hörbares, schüttelndes Lachen, sondern der Mund öffnete sich weit und die Augen starrten wie vorhin, der Mann aber lachte.
Ich ließ fallen, was ich in der Hand hatte, und ein eisiger Schauer durchriefelte mich vom Scheitel bis zur Sohle. In der ungeheuren Mundhöhle des lachenden Gesichts vor dem Fenster entdeckte ich plötzlich ein fchwarzes Loch in der Zahnreihe — es fehlte ein Zahn.
Ich faß da und starrte in meiner Angst geradeaus. Es verging noch eine Minute. Das Gesicht fing an, Farbe anzunehmen, es wurde stark grün, dann wurde es stark rot; das Lachen aber blieb. Ich verlor die Besinnung nicht, ich bemerkte alles um mich herum; das Feuer leuchtete ziemlich hell durch die Ofenklappe und warf einen kleinen Schein bis auf die andere Wand hinüber, wo eine Leiter stand. Ich hörte auch aus der Kammer nebenan, daß eine Uhr an der Wand tickte. So deutlich sah ich alles, daß ich sogar bemerkte, wie der Südwester, den der Mann vor dem Fenster auf hatte, oben im Kopfstück von schwarzer, abgenützter Farbe war, aber einen grüngemalten Rand hatte.
Da senkte der Mann den Kopf an der Fensterscheibe herab, ganz langsam herab, immer weiter, so daß er sich schließlich unterhalb des Fensters befand. Es war, als gleite er in die Erde hinein. Ich sah ihn nicht
Meine Angst war entsetzlich, ich fing an zu zittern. Ich suchte auf dem Fußboden nach dem Zahn, wagte aber nicht, die Blicke vom Fenster zu wenden — vielleicht konnte das Gesicht ja wiederkehren.
Als ich den Zahn gefunden hatte, wollte ich ihn gleich wieder nach dem Kirchhof bringen, hatte aber nicht den Mut dazu. Ich saß noch immer allein und konnte mich nicht rühren. Ich hörte Schritte draußen au dem Hof und meine, daß es eine der Mägde ist, die auf ihren Holzpantoffeln geklappert kommt; ich wage aber nicht, sie anzurufen, und die Schritte gehen vorüber. Eine Ewigkeit vergeht. Das Feuer im Ofen fängt an auszubrennen, und keine Rettung zeigt sich mir.
Da beiße ich die Zähne zusammen und stehe auf. Ich öffne die Tur und gehe rückwärts zur Gesindestube hinaus, unverwandt nach dem Fenster sehend, an dem der Mann gestanden hatte Als ich auf den Hof binausgetommen bin. renne ich nach dem Stall hinüber, um einen der Knechte zu bitten, mich nach dem Kirchhof hinüberzubegleiten.
Die Knechte befanden sich aber nicht im Stalle.
Jetzt unter freiem Himmel war ich indes kühner geworden, und ich beschloß, allein nach dem Friedhof hinauf zu gehen; dadurch würde ich es auch vermeiden, mich jemandem anzuvertrauen und dann später in des Onkels Klauen zu geraten.


