genug hatte sie. WaS ginge ihn an, wenn sie mit dem Atem nicht mehr wie früher zurechtkam? Er brauchte Platz für sein Geschäft!
So besaß Rikelchen, die an Greifbarem nur mitgebracht hatte, was sie sich auf den Leib hängen konnte, innerhalb dreier Jahre an der Hohen Straße einen nach vorn gelegenen zweifenstrigen Wohnraum, einen halbdunklen Schlafraum und, was sie am meisten erfreute, eine hoswärts schauende Küche mit eignem Herd. Denn bet dem Essen aus einem Topf mit der Schwiegermutter hatte sie nach Gusts nur zu sehr wahren Worten oftmals Bitterkeit in sich löffeln müssen. Aber ebensowenig wie Rikelchen duldete, daß dieses Gefühl sich festsetzte, ließ sie Fiek Micheelsen die unnötigen Demütigungen entgelten. Des öfteren schickte sie der Mutter warmes Essen in die Baracken. Nicht etwa durch den Lehrling, sondern durch ihr Dienstmädchen. Denn sie wurde im Laden so viele Stunden durch Kundenbedienen festgehalten, daß sie trotz unermüdlichen Fleißes allein unmöglich durch ihren Tag kommen konnte.
Nach drei Jahren erwiesen sich sowohl der Laden des Schuhwarenhändlers wie die Werkstatt des Schuhmachermeisters August Micheelsen als zu klein.
Denn zum Laden gaben die Käufer aus Stadt und Land einander die Türklinke in die Hand. Die Werkstatt sah neben dem Meister bereits zwei Lehrlinge und zwei Gesellen an der Arbeit.
Gust ließ also zur Rechten und zur Linken der Hausdiele die trennenden Wände niederreißen. Die ganze linke Seite des Untergeschosses wurde zum Verkaufsraum, die rechte Seite zur Werkstatt ausgebaut. Von dieser blieb allerdings die Küche auch weiterhin abgetrennt. Aus ihr machte Gust ein bescheidenes Schreibzimmer. Das hatte in der Zwischentür ein kreisrundes Guckloch, durch welches er selber nicht gesehen werden konnte, wohl aber Lehrlingen und Gesellen jederzeit auf die Finger zu blicken vermochte. Denn es kam immer häufiger vor, daß er seinen Schuster- hüker zwischen den beiden Fenstern an der Hohen Straße notgedrungen verlassen und statt nach alter Weise zu hämmern, zu nähen und zuzuschneiden, Verkaufsverhandlungen, Schreibereien und Rechnereien ausführen mußte.
Damit ihr allmächtig gewordener Mieter in dem alten Patrizierhaus eine Wohnung fand, mußte die Senatorswitwe einer siebzigjährigen Schulfreundin, die eine der beiden Wohnungen im obern Stockwerk innehatte, kündigen. Sie wehrte sich lange dagegen. Denn sie hatte der kränklichen alten Dame, die fast ein Menschenalter bei ihr zur Miete wohnte, viele Dutzend Male Unterkunft bis an ihr Lebensende zugesichert. Erst als Gust mit Umzug in ein anderes Haus an der Hohen Straße drohte, entschloß die Senatorswttwe sich schweren Herzens zum Bruch ihres Wortes. Auch da fand sie die Kraft nicht, der Lebensfreundin von dem Unglück, das über sie hereingebrochen sei, mündliche Mitteilung zu machen. Sie reiste zu ihren Kindern auf das Land und schickte von dort in letzter Stunde die Kündigung durch einen eingeschriebenen Brief. Den hatte sie nicht selber geschrieben. Allerdings ihren Namen hatte sie mit zitternder Hand unter das von ihrer Tochter verfaßte Schriftstück setzen müssen.
Gust zog, als die Wohnung wiederum während der Abwesenheit der Senatorswitwe unter Tränen geräumt war, mit Rikelchen und Jupp in das obere Stockwerk. Die Altjungfernwohnung war eng, viel zu eng. Aber über die eigne Bequemlichkeit ging das Gedeihen des Geschäfts!
Das nahm denn auch von Jahr zu Jahr schnelleren Aufschwung.
In dieser Zeit liebte Gust es, Rikelchen des öfteren einmal bei Tisch, am Feierabend, mährend des Aufstehens, beim Zubettgehen zu fragen: „Wie geht's uns?"
„Gut!" hatte Rikelchen alsdann zu antworten.
Sie tat es gern. Ihr Herz schlug dabei höher. Ihre Augen lachten. Recht hatte Gust: es ging ihnen gut, über Erwarten gut, unverdient gut. Denn so tüchtig ihr Mann auch war, so sehr sie sich von früh bis spät mühte, ihn bei der Arbeit im Geschäft, im Laden, in der Schreibstube zu unterstützen, das Gutqeben war doch ein Geschenk des Himmels, eine Gnade Gottes. Wieviel tüchtige, fleißige Eheleute gab es in Deutschland, denen es erbärmlich ging, an deren Tisch der Hunger saß, aus deren Schlafstuben die Krankheit nicht zu verscheuchen war! Also dankerfüllt antworten: Gut!
Mit der fortwährenden Besserung seiner Lage wurde die Lebensleitfraae nach ihrem Ergehen für Gust zur Gewohnheit. Ohne seine Worte noch recht zu bedenken, fragte er bei Tag und bei Nacht, fragte er mit und ohne Anlaß, fragte er. wenn sie allein waren und in Gegenwart fremder Menschen: „Wie geht's uns?"
„Gut!" antwortete Rikelchen. Aber ihr Herz konnte nicht jedesmal bei diesem Wort höher schlagen. Ihre Augen jedoch lachten bei jedem „Gut!" Freilich, dieses Lachen hatte je länger desto mehr etwas Erquältes, besonders dann, wenn sie es vor andern Menschen sagen mußte. Rikelcheu beschloß, Gust zu bitten, sie doch nicht vor Fremden nach ihrem Ergehen zu fragen und, wenn es ihm möglich wäre, überhaupt mit dieser Frage sparsamer zu sein. Sie müßten ja, daß eZ ihnen gut gehe. Warum es immerfort sagen?
Aber Rikelchen brachte die Kraft zu diesem Einspruch nicht auf. Er würde Gust weh tun. Dazu hatte sie weder Recht noch Anlaß.
Eines ^gqes war Gust mH der Antwort „Gut" nicht mehr zufrieden. Er verlangte, daß Rikelchen auf seine Frage: „Nun, wie geht s uns?" jedesmal „Sehr gut" antworten solle. Da der gmiebtc Mann eS so wollte, antwortete Rikelchen jedesmal: ./sehr gut!"
verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl
Dann genügte Gust auch diese Antwort nicht mehr. „Restlos gut!" sollte Rikelchen ihm zur Antwort geben.
Da weigerte Friederike Micheelsen sich, Gust zu Willen zu fein Warum? wollte der wissen.
Nikelchen wußte es nicht. Es ging ihnen so gut, wie sie es sie nur wünschen konnten. Es ging ihr besser, als sie es jemals z, erhoffen gewagt hatte. Aber „Restlos gut!" vermochte sie nicht zi antworten. Warum nicht? Sie konnte das geforderte Wort nicht über ihre Lippen, kriegen. War bas nicht Grund genug?
„Wie geht's uns?" fragte Gust, um festzustellen, ob seine Fra: sich eines Besseren besonnen hatte und nun bereit war, seine: Wunsch zu erfüllen.
„Gut!" antwortete Rikelchen.
Auch weiterhin sagte sie „Gut!", nicht mehr: „Sehr gut". ge> schweige denn, wie Gust nach wie vor verlangte: „Restlos gut!"
Eines Tages bedrängte Gust wieder einmal seine Frau um di, erwünschte Antwort. Er bat, sie möge ihm doch den geringfügige Gefallen tun, einmal, ein einziges Mal zu antworten: „Restlos gut!" zumal es jetzt doch niemand als er höre, und ohne ihi Zett zu einer Antwort zu lassen, schloß er sogleich die Probefrag« an: „Nun, wie geht's uns?"
„Gut!" antwortete Rikelchen. „Aber ich war heute nachmittag mit Jupp im Schützenhausgarten. Er hatte durch das Gitter Kia der auf der Wippe gesehen und ließ mir keine Ruhe, bis auch ei mit einem kleinen Kerl am andern Ende des Querbalkens aui und ab durch die Luft sauste. Er konnte es ausgezeichnet, dar Wippen. Mit beiden Händchen hielt er sich tapfer fest, jauchzte, wenn er in die Höhe flog — du hättest es hören müssen —, verzog keine Miene, wenn er nach unten mußte. Denn es ging ja gleich wieder nach oben.
„Warum erzählst du mir das in diesem Augenblick, wo du mich wieder mit meiner Bitte abgewiesen hast?" wollte Gust wissen.
„Als Jupp ganz, ganz oben war auf der Wippe", fuhr die Gesragte unbeirrt fort, „sagte ich plötzlich vor mich hin: .Restlos glücklich?' und mußte an unfern Streit denken."
„Es ist kein Streit zwischen uns gewesen."
„An unsre verschiedene Meinung über das Glück."
„Sind wir etwa nicht glücklich?"
„Gewiß, Gust, es geht uns gut, sehr gut sogar. Aber siehst du, wenn Jupp ganz oben war, bann mußte er wieder hinab. Mit dem Obensein durch das Obensein fing das Hinab an. Restlos glücklich — das wäre doch das Ganzobensein. Ich habe Angst vor dem Hinab, bas bann kommen mutz. Nicht um meinetwillen!"
„Das Leben ist kein Kinöerspielkram mit der Wippwapp!" „Sondern?"
„Eine Wanderung auf einem Berg, einem sehr hohen Berg." „Und wenn du oben bist, muht auch du wieder hinab. Wie Jupp. Nicht so schnell. Nicht ganz so unfreiwillig."
„Wenn ich's geschafft habe, wenn ich ganz oben bin, soll mick keine Macht auf Erden zum Hinab zwingen!"
„Wenn — sagst du, Gust. Dann bist du auch nach deiner Meinung noch nicht auf dem Gipfel des Glücks und verlangst —*
„Ich verlange nicht. Ich bitte!"
„Und bittest, ich soll dir antworten: .Restlos gut!'"
„Also, wenn dir das Wort — was ich nicht wissen konnte — so sehr gegen das Herz geht, dann laß es meinetwegen versacken. Aber .Sehr gut!' wie bu's schon eine Zeitlang tatest, sagst du nun wieder?"
„Ja, Gust."
Und der Schuhmachermeister August Micheelsen, der in dem ehemaligen Senatorshause auf der Hohen Straße linker Hand der Diele des Untergeschosses einen riesigen Verkaufsladen, rechter Hand eine Schreibstube und eine Werkstatt besaß, der das obere Stockwerk mit der Senatorswitwe teilte, fragte weiterhin viele Male am Tag seine Frau: „Wie geht's uns?"
„Sehr gut!" antwortete Rikelchen, viele Male am Tage: „Sehr gut!"
III.
Die Altjungfernwohnung im ersten Stock des Patrizierhauses auf der Hohen Straße wurde für den Pantoffelmacherssohn ans den Baracken von Monat zu Monat enger. Nicht daß die Zahl der Familienmitglieder zugenommen hätte, daß aus drei mit der Zett vier oder gar ein halbes Dutzend geworden wäre. Behüte Gott!
Einmal bat Rikelchen um ein zweites Kind.
Nein, antwortete Gust, es sei kein Platz da.
Das würde sich finden. Im übrigen wolle sie ja auch gar keine sechs, sondern nur zwei.
Damit das Geld, welches sie mühsam zusammengebracht hätten, nachher in zwei Teile auseinandergerissen würde?
Ob es etwa nicht zur Verteilung auf zwei Kinder reiche?
Wenn Jupp in ihrem Stande bleibe und Handwerker werbe — j-r
„Soll er denn nicht Schuhmachermeister werden und später das Geschäft übernehmen", fragte Rikelchen verwundert.
„Nein!" gab Gust mit einer Bestimmtheit zur Antwort, die erkennen ließ, wie oft er die Sache schon bedacht hatte.
„Sondern?"
„Er soll über mich mindestens ebensoweit hinanskommen, wie ich über meinen Vater mich hinausgearbeitet habe."
„Was heißt das?"
„Studieren soll er."
(Fortsetzung folgt.j
sche Universitäts-Buch» und Stein drucken ei, R. Sange, Gießen.


