Ausgabe 
31.3.1934
 
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selbst Anton Cranz noch Platz hat, und das will etwas heißen, wer! Anton Cranz nicht nur der größte Mann im Dorf ist, sondern obendrein noch erster Bürgermeister. Aber man kann Meuslein Kilian das Schönste auf Erden versprechen, wenn er Anton Cranz nur einmal in seiner Jacke Platz nehmen ließe, und er wird dieses Schönste ohne Bedenken ausschlagen und es nicht tun, weil Anton Cranz die kleine Kapelle, das-winzige Käppelle auf dem Weinberg, einem Engländer vermietet hat und trotz vieler Stimmen gegen sich behauptet, man könnte bei den vielen Erwerbslosen im Dorf nicht auf diese Miete verzichten.

So steht es also mit dem großen Anton Cranz und mit dem kleinen Meuslein Kilian, und genau so steht es zwischen den Leuten im Dorf, von denen der eine Teil dafür und der andere * dagegen redet, und das erst recht, seit man dem Engländer ver­boten hat, eine Wohnung aus der Kapelle zu machen, und er sich nun nicht mehr um sie und erst recht nicht um den schönen Wein­berg kümmert.

Ihr sollt sehen: es gibt noch ein Unglück, wenn kein Wunder geschieht, Streit ist schon genug da", sagt Meuslein Kilian über diese Sache immer wieder und macht sich auf seinen Holzklötzchen groß, daß Anton Cranz ihn auch sehen kann, und man gibt ihm recht, soweit man nicht auf Anton Cranzens Seite steht, und nickt ihm zu, obwohl man weiß, daß Meuslein Kilian am wenigsten der Kirche und des Weinbergs wegen so wettert, sondern vielmehr der kleinen Orgel in der Kapelle wegen, die er nun nicht mehr an den Sonntagen spielen kann, wie es in all den Jahren und besonders zu Ostern immer üblich war.

Dieses Unglück tritt auch wirklich zu Palmarum ein. Schon als sich die Gemeinde unten in der großen Dorfkirche versammelt, ist es zu spüren, denn jedermann setzt sich mit einem traurigen Gesicht auf seinen Platz, und auch als der Pfarrer redet, kommt keine Feierlichkeit auf, weil sich ja nun dieser Sonntag von keinem anderen unterscheidet, wo man in der großen Kirche sitzen muß, statt zum erstenmal im Jahr wieder in Käppelle, von wo man das junge Grün am Wein sieht und die Kätzchen unten am Fluß und den großen, hellen Himmel über dem ganzen Land.

Und ist dies schon traurig, so ist es noch viel trauriger, als Meuslein Kilian anfängt, auf der Orgel zu spielen. Ach Gott, sie war ja schon an den Sonntagen vorher nicht mehr ganz in Ord­nung gewesen, und sie hatte von Gottesdienst zu Gottesdienst mehr - Nebenluft gehabt, aber da hatte man nicht fo darauf geachtet, weil es nur an einfachen Sonntagen gewesen war, doch dieses Orgel­spiel zu Palmarum jetzt, das ist das Traurigste, was man sich denken kann. Nicht, daß Meuslein Kilian schlecht spielt, o nein, man kann sehen, wie er sich Mühe gibt, und man kann sogar be­merken, daß ihn selbst die Traurigkeit so entsetzlich gepackt hat, daß ibm von Zeit zu Zeit die Tränen über die Backen laufen und er sich den Anschein geben mutz, als lachte er, aber er ?ann ja nichts machen mit dieser elenden Orgel in der großen Kirche, denn sie faucht, sie jammert mitten im Choral aus, daß die Ge­meinde unten die Melodie verliert, und zu guterletzt hat sie nur noch einen einzigen Ton, der so lange anhält, daß der Pfarrer unten mit seiner Predigt nicht anfangcn kann, sondern aufgeregt zu Meuslein Kilian hinaufsieht, der dasteht und traurig mit den Achseln zuckt.

Weitz Gott es ist der traurigste Sonntag Palmarum, den es je gegeben hat, und wer nicht gerade von der Schandmiete die Wohlfahrtsunterstützung beziehen mnh, ist auf Anton Cranz jetzt nicht mehr gut zu sprechen. Unfriede, nichts als Unfriede ist im Dorf, und am Nachmittag steht der Pfarrer fast allein in der Kirche, und Meuslein Kilian spielt nur auf einer Geige, und das ist doch wahrhaftig noch nicht dagewesen.

Aber da kommt nun noch die düstere Woche und man kann jetzt überhaupt nicht mehr an Ostern denken, und schon erst recht nicht, wo der Ostersamstag so warm und hell ist. daß ein wunderbarer Duft von den Weintzergen ausgeht und alles so ungeheuer schön anzusehen ist und zugleich doch auch so furchtbar traurig, wenn nan bedenkt, daß man noch nicht einmal in der Kirche singen kann, nein, 5a mutz man zu Hause bleiben und am Ostermoraen macht man gar nicht erst die Vorhänge aus und sieht hinaus. Aber ♦a geschieht es nun, gerade am frühen Morgen geschieht es, und es ist ein Wunder, weil die Musik geradewegs aus dem Himmel tu kommen scheint, ganz leise, ja, ganz dünn und dazwischen vom Wind verwebt, aber so schön doch, so unendlich fein, daß man ein­fach vor die Tür treten mutz und zuhören, und datz man auch ein wenig weiter auf die Strotze gehen muh und den Kopf in den Nacken legen und ganz still steben.

Nnd so ist es nun: von allen Seiten treten Leute aus den Häusern und hören auf dieses wunderbare Spiel, bis auf einmal einer die Hand hebt und in den Weinberg überm Dorf zeigt nnd bis alle sehen, datz die Fenster der Kapelle weit geöffnet sind nnd daß gerade von dort her das Spiel kommt. Aber da ist es schon fo weit, daß sich ein paar Leute in Beweaung gesetzt haben und langsam aus den Weinberg zngeben, die Augen auf die Fenster der Kapelle gerichtet, und da ist es auch schon so weit, datz es alle begriffen haben und diesen Leuten folgen, so datz die ganze Ge­meinde durch den Weinberg zu der Kapelle ztebt, auch der Pfar­rer, ia, auch Anton Cranz, denn man meint nicht anders, als datz ein Wunder geschehen ist, und zeigt sich auch gar nicht erstaunt, als man oben ankommt und bemerkt, datz die Tür der Kapelle verschlossen ist.

Zuerst wagt niemand in die Kapelle hineinzugehen, und alle stehen ein wenig fremd herum und horcbcn nur auf das Spiel, jeder ergriffen, weil alles so wunderbar ist: diese offenen Fenster der Kapelle, das junge Grün in den Weinbergen, dieser große Helle Himmel und unten der stille Fluß um baS Dorfi aber dann

macht doch der Pfarrer eine Bewegung, ihm kommt es ia auch am ehesten zu, und er tritt an ein Fenster und tritt zurück und sagt dann ganz erschrocken:O du mein Gott nun ist er ein­gebrochen, dieser Meuslein Kilianl" Ja, genau das sagt der Pfar­rer, und Anton Cranz will als erster Bürgermeister auch schon, seine Meinung dazugeben, aber da ist nun das Spiel, das immer schöner wird, und da ist auch eine Leiter an einem der Fenster, und am Ende steigt einer von den Leuten, der es schon immer mit Meuslein Kilian hielt, dort ein und dann ein zweiter, ein dritter, einer nach dem anderen, jetzt sind es schon viele, und der Pfarrer, der mit Anton Cranz noch draußen steht, hört nicht einen Laut von drinnen kommen außer dem Orgel^viel, obwohl jetzt schon der größte Teil der Gemeinde eingestiegen ist, und er sagt zu Anton Cranz:Da muß ich jetzt wohl auch einbreche^ um zu predigen, aber ich glaube, daß es schon am besten ist, rpenn du dem Engländer gleich morgen kündigst".JaI" antwortet An­ton Cranz da und ist sehr froh, und gleich danach steigt er dann hinter dem Pfarrer auch durchs Fenster.

Ach so einen Ostermorgen hat es wohl niemals gegeben. Meuslein Kilian spielt so wunderbar in dieser schönen alten Kapelle, daß sich auch die härtesten Männer mit dem Steimel über bas Gesicht fahren müssen, und dann predigt der Pfarrer, und von dem vielen Hellen Sonnenlicht in der Kapelle werden seine Worte ganz warm, und seine Augen leuchten wie die all der Leute, als er mit den Händen zu den offenen Fenstern weist und von dem Auferstehen und dem Leben spricht, das nun auch hier ange­brochen ist, in diesem schönen Land, in diesen Weinbergen, in denen schon die Pfähle wieder stehen, daß die Reben hoch an ihnen wüchsen, in dem Dorf unten mit feinen Türmen und Mauern und mit seinem Fluß, in dessen sanften Bogen es sich schmiegt. Nein, einen solchen Ostermorgen hat es noch nie gegeben, und es ist ganz selbstverständlich, datz Anton Cranz nachher dem Engländer gleich die Kapelle kündigt ... und datz Meuslein Kilian seine alten Strümpfe aus den Pfeifen der Orgel in der großen Dorfkirche zieht.

Ostern im deutschen Schrifttum.

Zusammengestellt von Erwin Wegener.

Götti« Ostara.

Den April benennen wir noch heute Ostermouat, und schon bei Eginhart findet sichOstarmnnoth". Das heilige Fest der Christen, dessen Tag gewöhnlich in den April oder den Schluß des Mürz fällt, trägt in den frühesten althochdeutschen Sprachdenkmälern den Namen Ostara, meistenteils steht die Pluralform, weil zwei Ostertage gefeiert werden. Dieses Ostara muß ein höheres Wesen des Heidentums bezeichnet haben, dessen Dienst so feste Wurzeln ge­schlagen hatte, datz die Bekehrer den Namen duldeten und aus eins der höchsten christlichen Jahresfcste anwandten ...

Ostara mag also Gottheit des strahlenden Morgens, des auf­steigenden Lichts gewesen sein, eine freudige, heilbringende Erschei­nung, deren Begriff leicht für das Auferstehungsfest des christlichen Gottes verwandt werden konnte. Freudenfeuer wurden zu Ostern angezündet, und, nach dem lange fortdauernden Volksglauben, tut die Sonne in des ersten Ostertages Frühe, sowie sie aufgeht, drei Freudensprünge, sie hält einen Freudentanz. Wasser, das am Oster­morgen geschöpft wird, ist gleich dem weihnächtlichen, heilig und heilkräftig: auch hier scheinen heidnische Vorstellungen auf christliche Hauptfeste übergegangen. Weißgekleidete Jungfrauen, die sich zu Ostern, zur Zeit des einkehrenden Frühlings, in Felsklüften oder auf Bergen sehen taffen, gemahnen an die alte Göttin.

fAus Jaeob Grimm, Deutsche Mythologie.)

Oster« imHeliand" (830).

... Vorwärts schritt schon

Das klingende Sonnenlicht, da kamen die Frauen Zum Grabe gegangen, die guten Weiber, Lsie minnigen Marien. Sie hatten manche Mark Für Salben nicht geschont, Gold und Silber gespendet Für die wonnigsten Würzen, die sie gewinnen mochten, Daß sie den Leichnam des lieben Herrn Dem Sohne Gottes salben möchten, Den wundgerissenen. Die Weiber standen In ängstlichen Sorgen: die eine fragte, Wer ihnen den starren Stein vom Grabe Wälzen würde, den sie über den werten Leib Die Leute legen sahn, als der Leichnam ward Dem Felsen befohlen. Die Frauen waren kaum In den Garten gegangen, nach dem Grabe dort Selber zu sehen, im Sause kam da

Des Allwaltenden Engel oben aus der Heitre Im Federkleid gefahren, daß das Feld erklang, Die Erde dröhnte, und die dreisten Knechte Schwachmütig wurden, der Juden Scharwächter: Sie fielen hin vor Furcht: nicht ferner wähnten sie Am Leben zu bleiben. Da lagen die Wächter, Die Gesellen scheintot: sieh, da hob sich Der große Stein vom Grabe, wie ihn der Gottesengel Auf die Seite drehte. Stuf die Decke setzte sich Der hehre Bote Gottes. Von Gebärden war er, Von Antlitz, möcht ihm einer unter die Slugen schauen So blinkend und blendend wie des Blitzes Licht: Sein Gewand war am gleichsten winterkaltem Schnee.