Nummer 25
Samstag, den 3(. Marz
Jahrgang I93H
Naturganzen wußte, so gibt es auch heute aus dem eigenen Innern und aus dem Wesen der Gesamtnatur heraus ein Ostern zu erleben und einen Frühling zu gewinnen, daß wir wieder stolz und hoffnungsfroh in eine Zukunft blicken, die wir selber zu schaffen gewillt sind. , c.
In trüber Verzweiflung ictnc Tage hinzubruten, hat noch keinem geholfen, aber das Schicksal ist noch immer von denen überwunden worden, die mit zielbewußter Tätigkeit die Gegenwart ausnutzten, damit ihnen die Zukunft neuen Frühling bedeute. Dann wird das Sprießen und Wachsen der Natur zum Symbol für die innere Welt des Herzens, aus der alles nach außen Wirkende hervorgehen mutz: und die Befreiung aus der Gewalt der Frostriesen in Feld und Wald führt zur Erlösung aus den Fesseln der Angst und des trüben Entsagens.
Seit Wolfram von Eschenbachs „Parzival" Erlösung von seinen Zweifeln mit der zauberhaften Karfreitagsstimmung in Wald und Aaag begann, tönt das Lied der Hoffnung, der Umkehr auf bistem Weg und der Genesung frohlockend durch die Osterfreude der Jahrhunderte. Dichtung und Naturmärchen umspielen symbolisch ihren tieferen Gehalt. Bald klingen Erinnerungen hinein an den Schwcrttanz, den nackte germanische Jünglinge in der Frühlingsnacht zum Preis der Göttin Ostara übten oder an die Osterfeuer, durch die behend die männliche Jugend sprang, bald überwiegen die christlichen Motive, die den höchsten Ausdruck in Goethes „Faust" fanden, wenn man ihn als ein einheitliches Ganzes betrachtet und den Schluß des arbeitsreichen Lebens neben den Beginn stellt, in dem der alternde Faust nach seiner österlichen Bekehrung neuem Frühling entgegengeht und über Irrtum mancher Art die Weisheit erreicht, daß nur mit nützlicher Arbeit irdische Erlösung gesunden werden kann. Das ist aber die Zukunft, die man nicht anders gewinnt, als daß man schafft.
Wie die Kirchenglocken weithin frohe Mär des Heils verkündend über das frühlingsschwangere Land schallen, so geht um diese Zeit ein kräftiger Hauch des Werdens von allen grünen Dingen der Natur aus und erinnert an den ewig geheimnisvollen Bund, der zwischen Entstehen und Vergehen herrscht. Diese Erkenntnis ist Osterweisheit, und der schönste festliche Gedanke keimt daraus, wenn wir fühlen, daß uns die Erde mit ihrer Schönheit und immer wieder kräftig keimenden Jugend von neuem erobert. Der moderne Mensch genießt die Feiertage anders, als es die Vorfahren taten und für recht hielten Er eilt hinaus, um im Freien bewußt jene Stimmung zu finden, die den primitiven Völkern unbewußt zufloß als Geschenk ihrer Götter. Die Natur macht fromm, und das Osterspiel des Frühlings begleitet unser Innenleben wie ein gewaltiger Chor. Es ist ein Chor der Sehnsucht, denn die Erlösung, die Ostern und Frühjahr der Menschheit versprechen, liegt im Werden und noch nicht im Reifen der Dinge. Aber nimm dem Herzen die Sehnsucht, und du nimmst der Erbe die Luft! Wer sie versteht, trägt Osterweisheit im Herzen und ein würdiges Ideal im Geiste.
Orgelspiel am Ostermorgen.
Erzählung von A. A r t u r Kuhnert.
Man kann es nicht glauben, wenn man das Dorf so liegen sicht, denn da sind nun die Weinberge rechts und links und dahinter, und da ist auf der anderen Seite der Fluß, der hier einen sanften Bogen macht, gerade so groß, daß sich das Dors in die Krümmung schmiegen kann und es so wunderbar gut hat zwischen dem Fluß und dem Wein: nein, glauben kann man es wahrhaftig nicht, daß in einem so schön gelegenen Dorf nicht Frieden zwischen allen Menschen herrschen soll.
Wenn man allerdings genauer zusieht, dann muß man bemerken, daß mit dem Weinberg gerade über dem Dorf etwas aus der sauberen Ordnung gekommen ist, die alles so friedlich macht. Durch diesen Weinberg nämlich zieht sich senkrecht den Berg hinab ein schmaler Streifen Brachland, der oben vor einer kleinen Kapelle endet, die ebenso jämmerlich aussieht wie der brache Streifen mit seinem Unkraut. Es ist, als wenn jemand einen Eimer voll Dreck den Berg hinuntergeschüttet hätte, so jedenfalls pflegt Meuslein Kilian, der Organist, zu sagen, und so ganz unrecht hat er ja damit auch nicht.
Ueberhaupt: Meuslein Kilian, der Organist! Schon wenn man seinen Namen hört, muß man sich sagen, daß er nur ein ungewöhnlicher Mensch sein kann, und so sieht er auch aus, wenn er mit seinem breitkrempigen Hut baherkommt, die übermäßig kurzen Beine in mächtige Stiefel gesteckt, unter die er Hölzchen genagelt hat, um größer zu erscheinen, und mit einer Jacke angetan, in der
Vor Ostern.
Von Hans Leishelm.
Kornelkirschen blühn, und es klingt aus den Hecken Der Pfiff der Meisen, der Tauwind weht. Die Wasser erglänzen im schimmernden Becken, Und über die braunen Wiesen geht
Ein blasser Falter — o frühes Wagen,
Wie wirst du den Reifhauch der Nacht ertragen?
Des Haselstrauchs Narben erglühen purpuren
Und harren, daß goldener Staub sie betaut, Die Rinnsale gehen wie tickende Uhren Und künden lallend des Frühlings Laut, < O zages Gurren der wilden Taube,
Begrabene Stimme im modernden Laube.
Im falben Gesträuche geistern die jungen Feuchtglänzenden Amseln mit hüpfendem Husch, Wie Boten, der dunkelsten Tiefe entsprungen, Blankäugige Wesen im raschelnden Busch, Zugvögel nahen mit schwirren Akkorden Und ziehen in rauschenden Wolken nach Norden.
Der Abend kommt mit berückender Kühle, Betörender duftet der Seidelbast, Es spielen goldene Strahlen am Bühle, Es glüht des Faulbaums bleifarbener Ast, In Nacht versinken azurene Hügel, Die Eulen gespenstern mit lautlosem Flügel. Der Waldkauz ruft aus dem nächtlichen Schweigen Wie Stimme, die tief in Grüften wohnt, Dann siehst du am Horizonte steigen
Im gelben Glaste den Frühlingsmond,
Gleich goldener Biene, vom Bernstein umründet, Magisches Zeichen, das Ostern verkündet.
Osterweisheit.
Von Alexander von Gleichen-Rußwurm.
Um die Osterzeit liebt der gebildete Deutsche Goethes „Faust" zu lesen oder auf der Bühne zu sehen. In dieser Dichtung ist das doppelte Erlösungsmotiv so klar ausgesprochen, daß es einem jeden zu Herzen dringt und jene innere Befreiung zurücklätzt, deren wir alle bedürfen.
Wo ist Frühling, wo ist Erlösung, wo öffnet sich ein Fenster, die wärmende Sonne einzulassen? Bang lautete die Frage und ängstlich lauscht der Sehnsuchtsvolle, ob ihm Antwort zuteil wird.
Die Natur gibt sie und aus der Dichtung spricht sie mit ewiger Jugend. Natur und Dichtung trügen nicht, ihre Stimme ist aufrichtig, die Stimme des echten Propheten. Deshalb geben sie auch das Gefühl der Erlösung, ob wir wandern oder lesen, und aus der Feierstunde gewinnen wir das Bewußtsein der gefesteten Persönlichkeit.
In diesem Bewußtsein liegt nach jeder Richtung hin ein Gefühl her Kraft und nur aus diesem heraus ringt sich die Seele zur Erlösung empor. Nicht aus Schwäche und Zerknirschung, sondern auS der Kraft gewinnen wir jene innere Befreiung, die den Tatsachen ihre Schrecken, der Last ihre Schwere und der Not ihre Aussichtslosigkeit nimmt. Ostern ist ein Fest junger vorwärts- strebender Kraft. Siegfried, Parsival und Faust sind seine symbolischen Gestalten, die das Sonnemärchen und seine Verjüngung verkörpern. Weiß und lila lockt die Blnmenwelt, vorsichtig sprießt das Blatt unter der schützenden Hülle und die Brust des Menschen weitet sich, wenn er die Luft einatmet, die mit würziger Fülle das Land durchwellt. Und mit Stolz wird er sich der Wahrheit eines Philosvphenwortes bewußt: „Es gibt keine Zukunft, wir schaffen sie denn". t , c
In der Osterzeit wächst die Krast zur Erkenntnis, daß der schaffende Frühling i n u n s arbeiten mutz, wie er in der Natur arbeitet, das holde Lenzwunder alljährlich zu erfüllen. Nur wer in seiner Seele eine Kraft entfaltet, sich über sich selbst und die aemeine Notwendigkeit zu erheben, wird jene Befreiung erringen, die das Leben lebenswert, den Tag köstlich macht. Dieses Wollen entspricht durchaus dem tiefsten deutschen Wesen. Unsere Innerlichkeit war stets ein Ringen der Seele, die Natur zu erfassen und aus der Natur zum höheren Menschentum vorzudrinaen. Wie Goethe die Menschheit als ein beseeltes, bewegtes, unerschöpfliches Ganzes anerkannte, wie er sic in innigem Verbnndensein mit dem
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


