Ausgabe 
30.11.1934
 
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pfiffig, daß wiederholte.

Einmal dankend ab Wirklichkeit

bot mir der Hilfslehrer Noten art. Aber ich lehnte sie mit dem Bemerken, daß ich viel lieber auswendig spiele. In hatte ich die Noten gerne genommen, jedoch ich konnte nicht

was Synkopen sind. . , ,

Na, tun Sie nicht so, Mann! Ihr Notenumblattler hat es ia laut genug hinausgeschrien. Aber ich hätte es auch so gewußt, Berber, denn ich bin ja vom Fach. Und wenn Sie wollen, können Sie am nächsten Ersten in meinem Tanzcafe als Klavierspieler antreten!"

, Nix da", protestierte der Weidinger- Wirt,der bleibt!

Am anderen Tage, als ich vom Holzfällen heimkehrte, ließ ich mH vom Hilfslehrer die Synkopen erklären. Und feit damals habe ich leben Respekt vor den Synkopen verloren.

Derantwortttch: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'jche Untvers itätö»Duch» und Steindruckeret. 2L Lange. Gieße».

Zigaretten.

Der Borsührer, ein in die Gegend verschlagener Elektrotechniker, den ein Münchener Kinooperateur in einem halben Tage am Apparat aus­bildete, kam unter ähnlichen Bedingungen zur Anstellung.

Freitag-, Samstag- und Sonntagabend liefen die Filme. Das Pro­gramm wechselte jede Woche. Die Leute kamen zwei Stunden weit von den umliegenden Dörfern. Biele sahen zum ersten Male einen lebenden Film. Wenn die Abendsonne ins Meer versank und die Wellen über­glitzerte, liefen Laute des Staunens durch die Zuschauerreihen. Ein­mal, als ein Schnellzug heranjagte, und die Lokomotive immer größer und größer wurde, und gradlinig ins Publikum hineinraste, drang aus vielen Kehlen ein Schrei.

Ich hatte mich schnell in das Begleiten der Filme hineingefunden. Jeweils nach dem Tempo der Handlung handhabte ich die Taften. Ein Auto in toller Fahrt illustrierte ich am Klavier mit einem ebenso tollen Allegro aus derHerzogin von Gerolstein". Die Abschiedsszene zweier Liebenden ölte ich mit demVerlorenen Glück" von Eilenburg. Für Be­gräbnisse und untergehende Schisse hatte ich ein getragenes Sechsachtel aus demBlumenlied" zur Verfügung. Szenen aus der guten Gesell­schaft begleitete ich dezent mitBallgeflüster", das mir in seiner Des- Dur-Torart besonders vornehm im Klang erschien.

Bei der Wochenschau und bei Lustspielen tat ich mich leicht. Da spielte ich meinen Vorrat an Märschen und Walzern herunter, und zwar so lange von vorn, bis das Stück aus war. Schließlich wurde ich in der Verwendung und Verwandlung meines geringen Repertoirs derart ..... ' das Publikum gar nicht mehr merkte, wie oft ich mich

Vereinsamt.

Don F r i e d r i ch N i e tz s ch e.

Die Krähen schrei'n

und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: bald wird es fchnei'n

wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!

Nun stehst du starr, schaust rückwärts, ach, wie lange schon! Was bist du, Narr, vor winters in die Welt entflohn?

Die Welt ein Tor

zu taufend Wüsten stumm und kaltl

Wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich, zur Winterwanderfchaft verflucht, dem Rauche gleich, der stets nach käliern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr dein Lied im Wüstenvogeltonl Versteck, du Narr, dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei'n

und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: bald wird es schnei'n, weh dem, der keine Heimat hat!

Erinnerungen eines Kinoklavierspieters.

Von Gert Lynch.

Zur Zeit des stummen Films, und das ist noch gar nicht solange her, lebte ich, Gottfried Berber, als Holzfäller in Dingskirchen an der bayerisch-böhmischen Grenze. .

Franz Xaver Weidinger, der Wirt derLaterne", hatte feinen Tanz­saal mit Genehmigung des Bezirksamtes zum Kinematographentheater ernannt. Die Saalschenke wurde zur feuersicheren Vorführerkabme ver­mauert, die Saalfenster wurden mit Pferdedecken verhängt. Der Vor­hang der Burschenvereinsbühne, mit Leinwand überspannt, reflektierte die Bilder. Rechts von der Bühne, mit dem Blick zur Leinwand, stand das Tafelklavier, mit bunten Theaterkulissen, die einen Urwald darstellten, verbaut, damit die Zuschauer nicht vom Klavierlicht irritiert wurden. Der Urwald war mit einer Türe versehen, auf der giftgrüne Lianen wuchsen.

Zuerst hatte der Weidinger-Wirt versucht, den Hilfslehrer zum Klavierspielen im Kino zu bewegen. Der aber hatte entrüstet abgelehnt.

Ich wohnte als Schlafbursche in einer Dachkammer derLaterne und pflegte feierabends gerne Klavier zu fpieten. Gegen zwei Dutzend Stücke. Militärmärsche, Walzer und Salonweisen, die ich als Pennäler beim Klavierunterricht gelernt hatte und noch auswendig konnte, ver­schafften mir dortzulande den Ruf eines flotten Klavierspielers.

Wennst magst, kannst spuilln", sagte der Weidinger-Wirt zu mir, und damit war ich engagiert. Als Entgelt vereinbarten wir: Wegfall der Wochenmiete, und für jede Vorführung eine Maß Bier und zehn

wehr vom Blatte fpklen, und auf eine Blamage wollte ich es nicht an- tOm©orooSnber Weidinger-Wirt als auch das Publikum waren durch- aus zufrieden mit mir, und ich wurde öfters gelobt.

Zuweilen ließ mir ein Zuschauer eine Extramaß "ufs Klavier stellen, dannt ich mich stärke und bis zum Schluß kräftig im AnschlagJkibe!

21m kräftigen Anschlag, glaube ich, hat es niemals gehapert! Meine Hände waren von der Holzhauerarbeit so hart.verhornt, daß ich mit der blanken Faust neugebrannte Ziegelsteine zerschlagen konnte. Und ich hatte immer das sichere Gesiihl, daß ich, wenn ich wollte, auch tue vergilbten

«ist. b« d-.

drehen und eine Pause einlegen, damit die Leute essen und trinken konnten. Während der ganzen Vorstellung durste geraucht werden. Bis­weilen war der Raum dermaßen vernebelt, daß der Lichtkegel kaum mehr die Leinwand erreichte. Dann wurden alle Fenster geöffnet und schnell durchgelüftet. Wegen des Tabakqualms waren die vordersten Plätze in der Nähe der Leinwand die teuersten und die begehrtesten.

In den Pausen begab ich mich gern in die feuersichere Dorführer- tabine um mit dem Vorführer eine Plauderzigarette zu rauchen. Dabei wurden die Filme abgespult und die Rißstellen geklebt. Es ist niemals etwas passiert, niemals ein Glutfünkchen ins Zelluloid geflogen.

An einem Freitage, es ging schon tief in den Herbst hinein, mußte der große Ofen im Saal geheizt werden. Es hatte lange geregnet, und eine ^talte Feuchtigkeit faß an den Wänden. Drei Mekr vom Klaviere entfernt bullerte und glühte der Ofen. Ich begab mich schon lang vor der Zeit hinter meine Urwaldkulisse und wärmte m'-h ausgiebig durch

Es war ein richtiges Kinowetter. Der Saal füllte sich bis aus den letzten Platz. Bauern und Gütler, Steinarbeiter und Holzknechte, Gen­darmen, Lehrer und Apotheker, alle waren sie gekommen um die Tra­gödie einer Liebe zu sehen. Ich wußte von den Reklamebildern daß der Film im Rahmen der oberen Zehntausend spielte und daß ich dasBall geflüster" tüchtig beanspruchen würde!

Kurz vor Beginn der Vorführung tarn der Weidinger-Wirt ans Kla­vier und machte mich darauf aufmerksam, daß heute sein Bruder aus Traubing im Saal säße, der Besitzer vom Tanzcafe Prinzeß , der vom Klavierspielen etwas verstände. Ich möchte mich also zusammennehmen und Ehre einlegen. Ich versprach es.

Es klingelte. Ich rieb die Klavierlampe an und ruckte den Stuhl zu­recht. Zuerst lief die Wochenschau ab. Kräftig intomerte ich emen Mar ch Beim dritten Takte merkte ich, daß etwas nicht stimmte Verdutzt stellte ich fest, daß einige Tasten, die ich angeschlagen hatte, nicht mehr herauf­schnellten Sie waren also von der warmen Feuchtigkeit aufgedunsen und klemmten. Ich unterbrach mich einen Moment und zog die Tasten hoch. Dann spielte ich weiter, aber die Tasten, Stucker acht mochten es gewesen sein, blieben von neuem kleben. Ich begann nervös zu werden. So schnell ich nur konnte, riß ich immer wieder die Tasten empor, wo­bei der Fluh des Spieles beeinträchtigt wurde und abgehackte, nach­zuckende Töne entstanden, die mir sehr gegen den Strich gingen. Ich war heilfroh, als die Wochenschau endete.

Während der Hauptfilm eingelegt wurde, war eine kurze Pause. Ich benutzte sie, um die klemmenden Tasten seitwärts mit einer angebissenen Mettwurst, die ich in der Tasche hatte, einzuschmieren, damit die ver­quollenen Flächen leichter aneinander vorbeirutschen mochten.

Es zeiqte sich, daß meine Einfettungsidee gar nicht so übel war! Der Film rollte, ich begleitete in getragenen Weisen. Die geschmierten Tasten ließen sich jetzt leichter heraufwippen, aber ich kannte es beim besten Willen nicht vermeiden, daß nach jedem Takte einige Tone nach- hinkten. Die melodietragende Stimme fiel meistens aus, und dafür hörte man so etwas wie ein Echo. In den ersten beiden 2Uten schwitzte ich, wie man zu sagen pflegt, Blut. Während der Pause lies ich schnell in die Gaststube und suchte mir Hilfe. Ich sand einen Bekannten un» bat ihn, mir unter dem Spiel die verklemmten Tasten zu lupfen, er «igte sich auch bereitwillig, und kaum waren wir hinter der Urwaw- türe verschwunden, begann schon der dritte Akt. Jetzt wechselte die Szenerie. Eine Autofahrt wurde fällig, und ich belästigte wieder die .Herzogin von Gerolstein". Mein Tastenreißer war aufgeregter als ich selbst; er machte es recht ungeschickt und kam mir dauernd mit feinen Pratzen in das Gehege, fo daß ich schlimmer als vorher über die Takte hinausklimperte. Schließlich wurde ich wütend und zischle ihn an:Xos, los, mach voran!" . . , . , .

Da verlor mein Gehilfe die Fassung und schrie so laut, daß es im ganzen Saale zu hören war:Sin oben! Sin oben! Die Taften meinte er, die oben sind, weil er sie doch emporgerissen hatte.Scher dich zum Geier", wetterte ich ihn an. Er lief beleidigt davon, und ich machte meine Sache wieder allein. Mühselig hackte ich mich bis zum letzten Akt durch und wartete bann, bis sich der Saal geleert hatte. IN) genierte mich vor den Leuten wegen meines seltsamen Spiels.

Berber", rief da plötzlich eine fremde Stimme,kommen Sie mal hervor!" Es war der vornehme Gast aus Traubing. Der Weidinger-x Wirt, die Kinokaffe unter dem Arm, stand neben ihm und grinste.

Weidingers Bruder klopfte mir wohlwollend auf die Schulter unö sagte anerkennend: Sie sind ja ein famoser Synkopen-Spieler, Berber. Hätte nie gedacht, daß so was hier möglich wäre!"

Wie? 'Was bin ich?" erkundigte ich mich; ich hatte keine Ahnung,