Ausgabe 
30.11.1934
 
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NordmSnnerlied.

Von I. V. von Scheffel.

Der Abend kommt, und die Herbstlust weht, Reifkälte spinnt um di« Tannen, o Kreuz und Buch und Mönchsgebet wir müssen alle von dannen.

Die Heimat wird dämmernd und dunkel und alt, trüb rinnen die heiligen Quellen: du götterumschwebter, du grünender Wald, schon blitzt die Axt, dich zu fällen!

Und wir ziehn stumm, ein geschlagen Heer, erloschen sind unsere Sterne o Island, du eisiger Fels im Meer, steig auf aus nächtiger Ferne.

Steig auf und empfah unser reisig Geschlecht auf geschnäbelten Schiffen kommen die alten Götter, das alte Recht, die alten Nordmänner geschwommen.

Wo der Feuerberg loht, Glutasche fällt, Sturmwogen die Ufer umschäumen, auf dir, du trotziges Ende der Welt, die Winternacht woll'n wir verträumen.

Bärenjagd auf Skiern.

Ein Erlebnis im allen Rußland.

Von Egon von Kapherr.

Sie haben schon mehrere Bären geschossen. Was ist das aber gegen eine alte Jagdart, die Sie morgen oder übermorgen kennen lernen werden? Sie haben hochmoderne Gewehre, Sie schießen sicher wie­viel Aussichten hat da der Bär? In neun von zehn Fällen werden Sie den armen Kerl, ohne weitere Abenteuer zu bestehen, einfach über den Haufen schießen. Morgen aber sehen Sie etwas anderes, etwas viel Schöneres... So sprach mein Freund Garezki, als unser Schlitten das kleine Walddorf Gawrilowa erreichte.

Ich muß sagen, daß ich zu keiner Jagd mit so großen Erwartungen gefahren bin wie damals. Nicht Bären- oder Elchjagd machten mich so fiebern wie die Aussicht, der urigsten Hetze auf das wahrhafteste Wild des Nordens beiwohnen zu dürfen, einen Anblick zu haben, der nur ganz wenigen Jägern heutzutage geboten werden kann: die Jagd mit der kalten Waffe. Nur ganz selten noch, eine aussterbende Zunft wie die berühmten ,^Lukaschi", die Wolfkreiser, sind dieseRogatniki , die Männer, die es wagen, ohne Schießgewehr dem Bären zu Leibe zu gehen. In wenigen Dörfchen des Nordens, im Gouvernement Olonez, ißertn und Archangelsk wohnen diese harten, furchtlosen Männer, säst durchweg Altgläubige, riesenhafte, echt nordisch aussehende Bauern, selten unter sechseinhalb bis sieben Schuh hoch.

Peter Michailow und Wassili Petrow Vater und Sohn, waren die berühmtenRogatniki", bei denen wir einkehrten. Der Vater, ein rotbärtiger Hüne, war etwa fünfzig Jahre alt, der Sohn mochte etwa ünfundzwanzig zählen. Auch er ein Riese, goldblond, mit großen, reundlichen, graublauen Augen. - Blond, schlank und b auaug.g auch die beiden Töchter des Hauses, die dem Witwer und dem altersgebeugten Großvater die Wirtschaft führten.

Beim summenden Samowar und unseren mitgebrachten Dorraten veraina der Abend schnell. Es wurde natürlich von der Jagd ge­sprochen nur von der Jagd. Der ältereRogatnik hatte m früheren Jahren oft mit dem verstorbenen Dberjagermeifter des Zaren, Andrei- jewski, gejagt, er erzählte von diesem kühnen und barenstarken Mann und von seinem traurigen Ende in den Muten des Ladogasee Dann zeigten die Beiden ihre Waffen: haarscharfe doppelschnechige KI'^ aen von etwa 25 Zentimeter Lange und drei Finger -Breite. Mit Drei schrauben und Pechguß waren die Tüllen der Messer in

vst SHMi

f-VrSSsSft 55 w'ar"n kreuzweise mit weißgegerbten Lederriemen beMckelt d'cht hucker der Klinge, an der Manschette befand sich ->vi feksiefchm.^eter s cy Ring, an dem ein kurzer Riemen hing. An diesem Riemen °ver ssrstÄ -

wieder in die Lederfutterale gesteckt. Dann ave -eg Schaben

Ruhe, die leider, wie meist in russischen Bauernyauiern, umu, Und Wanzen gestört wurde. hrmiben tücktia.Cs ist

Der Morgen kam langsam herauf. Es frjntc ®Qmn.Das gut, daß gestern und vorgestern Tauwetter , . £ trägt wäh-

gibt jetzt eine scharfe, harte Kruste, die uns u $ Sohlen

rend der Bär einsinkt und sich allmählich auf der tfiuqji uie « j wundmacht."

Wir fuhren In Schlitten tief ins Revier. Dori, auf einet Heide» insel im Moor sollte das Bäreniager sein.

Wir schnallten die Skier an, schickten den Nachbarjungen, der unsere Schlitten zurückführen sollte, heim und glitten langsam über das ver­schneite Moor der kleinen Heide zu. An der Heide angelangt, hetzte Peter Michailow seine großen, wolfsähnlichen Hunde an. Die drei Köter rannten los.

Bald hörten wir lautes Verbellen und das zornige Brüllen des Bären. Der Bär war einSchatun", ein Herumtreiber, der fein erstes Winterlager verlassen hatte, da ihn Pelzjäger gestört hatten. Unstet war er wochenlang herumgestreunt, um sich hier endlich in ein Not­lager in der Heide einzujchlagen. Die Jäger hatten seine Fährte ent­deckt und das Wild eingekreist.

Wir waren noch etwa hundert Schritt von der Heideinsel entfernt, als der Bär auch schon in großen Fluchten das Lager verließ. Er lief, mitunter tief einsinkend, umbellt von den Hunden, quer über das Moor, einer fernen Heide zu. Wir liefen jetzt hintereinander: Vorn der junge Bauer, dann der alte, hinter ihm kam mein Freund Gorezki, und ich machte den Schluß. Meine norwegischen Skier waren wesentlich schmäler als die Schneeschuhe der Russen und eigneten sich schlecht zum Bahnmachen".

Anfangs ging alles gut. Wir liefen nicht eilig, wir nahmen uns Zeit. Erst, als der Bär drüben die Heide erreicht hatte, wurde das Tempo stärker, denn hier sank das Wild nicht so oft und tief ein.

Aus der Heide ging es in einen schütteren Wald von Birken und Fichten. Hier stellte sich der Bär den Hunden zum ersten Male. Es war fast Mittagszeit. Die Hunde umspielten, umkläfsten den Bären. Der aber suchte an einer großen Fichte Rückendeckung und wehrte die An­greifer schnaubend und brummend ab. Ich hätte längst schießen können da ich aber Gorezki und den Bauernjägern versprochen hatte, nur im Notfälle von der Kugel Gebrauch zu machen, unterließ ich den Schuß auf den schwarzbraunen, ziemlich starken Bären, der sich bei unserer Annäherung wieder eilig zur Flucht wandte.

Hier sahen wir deutlich die ersten blaßroten Tropfen in der Fährte. Die Prankensohlen begannen also wund zu werden...

Nun ging ein Höllentempo los. Wir waren alle nur ganz leicht an­gezogen: nur mit leichten Strickjacken. Alles Pelzwerk hatten wir auf den Schlitten zurückgelafsen. Trotzdem lief uns der Schweiß in Strömen von Stirn und Brust. Peter Michailow lief jetzt als erster, als zweiter fein Sohn. Beide hatten die Lederfcheiden von den Klingen genommen: die Sache wurde also ernst...

Immer mehr rote Tropfen in der Spur, immer häufiger die wütende Abwehr des Bären, immer wilder der Jagdlaut der mutigen, starken Hunde.

Wieder und immer wieder stellte sich das mächtige Wild, floh aber stets bei unserem Anblick. Wir rückten langsam auf.

Ich war damals es sind jetzt 25 Jahre her ein guter Skiläufer. Aber trotzdem die Vordermänner mir die Furche machten und ich das bequemste Laufen hatte ich hatte Mühe, das Tempo zu halten. Die Sonne stand schon hinter den Wipfeln der Heide, als sich der Bär wieder stellte. Wir fahen deutlich, daß er nach uns fchielte, und die Hunde nur lässig abwehrte. Der entscheidende Augenblick war gekommen, das Gelände war ziemlich frei, also günstig zum Kampf.

Der junge Bauer, der jetzt wieder vorn lief, spielte den Acngst- lichen, stutzte. Nie darf der Jäger den Bären selbst angreifen, stets muß er den Angriff abwarten das ist die alte Regel auf der Jagd mit derRogatina". Die beiden Bauern hatten die Schneeschuhe jetzt nur lose am Fuß, um jederzeit abspringen zu können, hielten die Speere bereit. Gorezki und ich liefen ein wenig zur Seite, unsere Gewehre schußfertig für alle Fälle. Der Bär war nur noch etwa vierzig Schritt entfernt.

Deutlich sah man sein schielendes Blinzeln. Ein herrliches Bild: die Hunde, die das Wild wie springende Bälle umspielten, der Bär mit gesträubtem Rückenhaar, mit gesenktem Kops, die Unterlippe spitz vor­geschoben und ein wenig nach unten, vorgestreckt die eine Pranke, die wie spielend zuckte ... Merkwürdig lang, gebogen der Hals, die Gehöre fest nach hinten angelegt, das ganze Gesicht des Tieres zur Fratze oer- ^Plötzlich flog der Bär herum mit markerschütterndem Brüllen und hustendem Grunzen stürzte er sich auf Wassili. Der sprang von den Schneeschuhen, nahm die Bärenfeder kur§ vor den Leib, machte eine kleine Wendung nach rechts ... In wenigen Sekunden war der Bär heran in mächtigen Sätzen. Er brüllte fürchterlich, der eine Hund flog aufjaulend beiseite.

Da schnellte die Rogatina Wassilis vor und die Klinge fuhr dem Bären in die Brust, dicht vor das linke Blatt. Peter Michailow fprang jetzt an die Seite des Bären feine Klinge blitzte, faß dicht hinter dem Blatt Der Bär brüllte keuchend roter Schaum kam aus feinem Fang. Er preßte vorwärts, um Wafsili zu erreichen, er hieb mit ben Tatzen, biß in den Schaft. Zum zweiten Male stieß Peter zu. Da- senkte sich der Kopf des Bären, feine ganze Gestalt überflog ein Zittern er fiel röchelnd auf die Seite, die Hunde packten zu ...

Gotowo" (fertig") sagte Peter Michailow ruhig und zog die Roga­tina zurück. Dann trocknete er sich den Schweiß von der Stirn. Als wäre nichts Besonderes geschehen, wischten die beiden Jäger ihre Klingen ab bargen sie in den Futteralen. Es dämmerte schon em wenig, als wir uns auf den Rückmarsch machten. Bei herrlichem Mondschein er­reichten wir nach zwei Stunden das Dorf. Nachdem Wassili em paar Bissen gegessen hatte, spannte er einen Schlitten an und fuhr in Be­gleitung des Halbwüchslings, um die Beute abzuholen. Etwa um Mitternacht kam er mit dem Bären ins Dorf. Bei Laternen- und Fackel­schein stand die halbe Bevölkerung um den gefälltenMichail Iwano­witsch", den toten Beherrscher der nordischen Wälder.

Leider blieb dies das einzigemal, daß ich einer solchen Jagd bei­wohnen konnte. Nie werde ich die schönen, wilden Bilder vergessen.