SietzenerZanMenblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1934
Montag, den 2. Juli
Nummer 50
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Wandrers Nachtlied.
Von I. W. von Goethe, lieber allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch;
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Die Ankündigung der Flundern am lebendigsten auf seine Anpreisung hin die frischen Butten müssen. Jeder Pommer kennt ihren wuüder- iten ihrer platten Bäuche und Rücken aus der e aufsteigt und der noch um uns war, hatten > auf unseren täglichen Streifzügen erreicht, die Pflüge über die buckligen Aecker, oder der itternb die Schollen auf und stieß mit seinem in die zahllosen Granitsteine, von denen man weil Jahr für Jahr immer wieder neue, große e aufgewühlt werden. Neigte das Korn seine Granen sanft den blauen Korb der Kornblume n Mähmaschinen und staunten dem Wunder lief;, die die geschnittenen Halme rafften und sie elige Erde fallen ließen; legte sich das Gras
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wendische Jäger vor Zeiten einem weißen Hirsch ablauschten; sie gelangten zu einem von allen Seiten unerreichbaren Platz und bauten eine Wallburg, auf dessen Wällen nun Haselnußsträucher blühen und Wildschweine wühlen, wenn der Herbstwind die dreieckigen stachelichen Früchte der Buchen pflückt.
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„„ wejiuue uer U|i|ee, wo Ute wcvve im INIMYMUS per Welle sich wiegt, die den gelben versteinten Harz, blanke Muscheln und in stürmischen Stunden auch langes Seegras ans Ufer spült. Die See schenkt und raubt, in Wolgast wirft sie Sand aus: „Wolgaster Sandsäcke" sagt der Volksmund; an der ostpommerschen Steilküste, bei Horst und Hoff, nagt das Wasser, und in Jahrhunderten fällt Meter für Meter Land ihm zum Opfer. Ein kleines Kirchlein stand dort einst auf der Höhe, heute ist es zerstört, die verbliebenen Mauern hängen am Abgrund und warten, bis die Wellen in einer Sturmnacht den letzten Halt zerfressen.
Am Strand der Ostsee leben Pommerns schönste Sagen fort. Jeder Felsen, jedes Gewässer Rügens erinnert an alle Heiligtümer der Wenden, Störtebecker fand hier Unterschlupf auf seinen Raubzügen, Zwerge sollen unter duftenden Holunderbäumen fitzen und warten, daß man sie ruft, in einem heiligen Haine feierte die germanische Göttin Herta das Frühlingsfest, auf Usedom läuten an stillen Abenden noch immer b;e Glocken bes versunkenen Vinetas unb aus Wollin heißt noch heute die höchstgelegene Stelle „Stinas Utkiek", weil hier die schöne Seeräuberkönigin Stina nach vorübersegelnden Schiffen beutegierig Ausschau hielt An der See, besonders wo sie Buchten und Boden bildet, sind auch die Städte gewachsen mit den alten Schifferbornen, bereu Glocken dunkel und schwer über die Wasserfläche tönen. Greifswald beherbergt eine alte Universität, hoch recken sich die gotischen Backsteinbauten der Hansestadt Stralsund über den Pfeilsund empor, Swinemünbe greift mit seinen Hafenmolen weit in bie See hinein, verträumt schaut der C am m in er Dom, um dessen schweigsames Gewölbe bte sagenhafte Büßertreppe läuft, auf bie kleine ehemalige Bischofsstadt, tn der der heilige Otto der Pommernapostel, predigte, und seltsam vermahlt sich die
, hauch auf den Wiesen am Fluß auf bie Seite, ________ ... KM oiitzenben Sensen, unb wir halfen ihnen beim Tragen ber Bahren, auf benen bas saftige Gras aus ber nassen Niebe- rung zu trockenen Plätzen geschafft würbe, unb sprengten bie Kohlrüben mit ihren bicken Bäuchen bie Erbfläche, verschwanben wir wie bie Hasen unter ihrem Blattwerk, aber flüchteten sofort roieber in bas nahe Gehölz, kugelige Knollen im Arm. Wo bie jungen Kiefern roitb ihr Gezweig ineinanber verhaspeln unb bie Steinpilze im Moose ganze Kolonien bilden, schnurpsten wir, wie es die Pferde mit Möhren tun, bie weihen Felbfrüchte.
Am.toten Arm bes Flusses saßen wir auf Erlenftümpfen, hielten bie Angelschnur in bie für bas Auge unburchbringliche Tiefe ober schnitzten bie Borke ber Föhren zu Kähnen. Immer mußten wir babei ber Borcke- schen Grasen benken, beren Stammschloß unter ben alten Eichen sichtbar würbe, wenn wir auf sonnigem Bergrücken Brombeeren suchten. Die Borckes sinb bas älteste unb ansehnlichste aus wenbischem Vlut hervor- gegangene Geschlecht. Pommers. Ihr Ahne soll, so-weiß es bie Sage, von wandernben Wenben im Walbe als Finbling gefunben worben fein und von der Borke, in die man das Kind hüllte, den Namen erhalten haben. Eine späte Nachfahrin, Sidonie von Borck, hat man innerhalb der Mauern meines Heimatstädtchens als Hexe verbrannt.
Immer mehr alte schöne Erinnerungen tauchen auf. Viel wäre zu erzählen von den Landstädtchen und ihrer Vergangenheit, von den Burgbergen in der Runde, vom Galgenberg und dem mutigen Mann, der zur Mitternacht am Galgen einen Nagel einschlagen wollte, aber seine Rockschöße anheftete, sich von dem Erhängten ergriffen glaubte und vor Furcht starb, von den Treibjagden und den Erntefesten mit dem Tanz auf dem Kornspeicher, von den winterlichen „Entdeckungsfahrten" mit ben ftunbenlana lick hingehenden mit Eis bedeckten Wiesen und von
Der Klang bes Erzes war noch vor wenigen Jahren, vielleicht ist es auch noch heute so, in meinem Heimatstäbtchen bie schnellste Nachrichtenvermittlung. Wie oft schritt ein Mann burch bie Straßen, bimmelte mit einer Hanbglocke „bim bim! bim bim!" unb tünbete bas Neueste: „Frische Flunbern sinb auf bem Markt!" Unb wußte er auch manchmal Wich- er boch auch Gesetze unb amtliche Bekannt-
Die Vögelein schweigen im Walb»
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engeren Heimat, bes pommerschen Hinterlandes gedenken. Dort verstecken sich noch unbekannte Schönheiten, dort wohnt der „grobe Pommer und bebaut das Land, trotzig' und verschlossen. Tiefer Wald bedeckt den pommerschen Höhenrücken, dicht stehen die Buchen um bie Saljllofen Seen, Torfmoor unb Sumpf löst sich ab mit Kartoffel-, Korn-und Weizenacker. Immer meine ich den weithin hallenden Klang der Pflugschar zu hören, die an iroenbeinen Baum geheftet, von einem Schnitter geschlagen, früh ben Gutsarbeitern ben Tagesanfang tunbet, sie mittags zum Essen auffordert und abends, wenn auf bie Weibe schon der Tau fallt und bie Pferde mit benetzten Hufen heimtraben, wie em wehmütiges, unerlöstes Aveläuten klingt. Ihr Ton bringt burch ben verwachsenen Walb, barin ber See sich von einem schnappenden Hecht Zitternde Wellen zirkeln läßt; dieser Laut ist bei mir gewesen, wenn ich behutsam dem trockenen Pfad durch ben Sumpf nachspürte, ben Zwei
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Unter uns eine uieue wiuiuc, uuuu uw u*“D
spielte unb einem großen silberschuppigen Fische glich, sobalb seine Wasserfläche von den schimmernden Strahlen getroffen wurde; auf ber anberen Seite bes Tales bie bunkle Kuppe bes schwarzen Berges. Wir kannten alle längst seine Geheimnisse, achteten baher nicht auf feine ginsterbe- ftanbenen Hänge, bis ber Lehrer von ber Johannisnacht sprach, bie biefem sonnigen Tag folgen würde. Da horchten wir auf und ließen uns willig bie oft gehörten Mären von ber Waschfrau, bie bort auf bem busteren Hügel durch Aufhängen und Abnehmen der Wäsche das Wetter anzeigt, von dem Schloß, das auf ber Höhe geftanben habe unb in bie liefe sank als ber schwarze erlegte Bär über bie Zugbrücke getragen wurde, erzählen. Die Natur beschwingt die Worte des Erzählers, der leise Wind schien ihm Gedanken zuzutragen, denn immer reicher wurden seine Bilder immer farbiger malte er das Leben und den Reichtum des alten


